Dienstag, 6. Oktober 2015

Frans de Waal, Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote, Stuttgart 2015 (2013)

(Klett-Cotta, 365 S., gebunden, 24,95 €)

1. Methode I: Menschenaffen
2. Methode II
3. Monopole
4. Emotion und Kognition
5. Empathie und Altruismus
6. Gut, Böse und die Natur des Menschen
7. Moralität
8. Sex

Ich habe mich in diesem Blog schon früher mit Frans de Waal und seinem Buch „Das Prinzip Empathie“ (2011/2009) auseinandergesetzt, und ich habe seinen methodischen Ansatz in der Primatenforschung mit dem Ansatz von Michael Tomasello verglichen. (Vgl. meine Posts vom 15.05. und vom 24.05.2011) Das aktuelle Buch „Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote“ (2015/2013) schließt thematisch eng an das frühere Buch an und bringt insofern inhaltlich tatsächlich nicht viel Neues. Es sind weniger die neuen Erkenntnisse und Einsichten, die das aktuelle Buch kennzeichnen. Es bildet vielmehr eine Art Summe von de Waals Forscherleben, in der er, darauf zurückblickend, sich und seinen Lesern Aufschluß und Rechenschaft gibt über seinen Umgang mit seinem hauptsächlichen Forschungsgegenstand: dem Schimpansen.

Es ist bezeichnend für seinen Umgang mit unseren Verwandten, daß er niemals von Männchen, Weibchen oder Jungtieren spricht, sondern von Männern, Frauen und Kindern, und daß er auch die Übersetzer seiner Bücher dazu anhält, so zu verfahren. (Vgl. de Waal 2015, S.22, Anm.d.Übers.) Es geht de Waal dabei weniger darum, diese Primaten zu vermenschlichen, als vielmehr darum, den Menschen selbst an seine tierische Abstammung zu erinnern und die Kontinuität dieses Erbes bis in unsere höchsten Bewußtseinsleistungen hinein hervorzuheben: „Moralische Empfindungen und Intuitionen gehören zu unserer Grundausstattung und genau an diesem Punkt ist die Kontinuität mit anderen Primaten am größten.“ (De Waal 2015, S.31)

Das große Thema des aktuellen Buches bildet deshalb vor allem die enge Verbindung zwischen der Empathie, die wir Menschen mit allen Säugetieren gemeinsam haben – „Empathie ist hauptsächlich ein Merkmal von Säugetieren ...“ (De Waal 2015, S.51) – und der Moralität, die, wie de Waal schreibt, so sehr durch diese Empathie ermöglicht wird wie sie evolutionsgeschichtlich aus ihr hervorgegangen ist. (Vgl. de Waal 2014, S.38f.)

Die vielen Geschichten, die de Waal erzählt, und die Studien und Experimente, die er zum Beleg seiner These aufführt, haben ihm den Vorwurf des Gutmenschentums eingebracht, und ein Rezensent war so ironisch, es vor allem jenen Lesern als Lektüre zu empfehlen, die sich selbst als ‚Gutmenschen‘ verstehen. Diese Rede vom Gutmenschentum ist in letzter Zeit ziemlich gebräuchlich geworden. Dazu gehört ein leicht verächtlicher Unterton. Diese Einordnung wird dem Ertrag von de Waals Buch aber keineswegs gerecht. Vielmehr haben wir es hier mit einem transdisziplinären Ansatz zu tun. Es geht de Waal um die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis und um deren Verantwortung für die Zukunft des Menschen. Darauf werde ich im nächsten Post noch einmal zu sprechen kommen.

Für jetzt will ich noch einmal auf einen Vergleich zwischen de Waal und Tomasello zurückkommen. In meinen früheren Posts hatte ich schon einmal darauf hingewiesen, daß sich Tomasello vor allem für die Unterschiede zwischen Menschenaffen und Menschen interessiert, also für die Diskontinuität in der Evolution des Menschen, während es de Waal vor allem um die Ähnlichkeiten zwischen Menschenaffen und dem Menschen geht, also um die Kontinuität in der Evolution des Menschen. Dazu gehört, daß der Mensch biologisch gesehen ebenfalls ein Menschenaffe ist.

Schon im Ansatz ihrer Forschungsmethodiken unterscheiden sich de Waal und Tomasello fundamental. Und es ist, wie de Waal hervorhebt, genau dieser Ansatz, der den Blick des Forschers für bestimmte Phänomene schärft und für andere Phänomene blind macht: „Wenn sich Theorien verändern, verändern sich auch die Beobachtungen.“ (De Waal 2015, S.139)

Verführt Tomasellos Ansatz dazu, bestimmte ‚Monopole‘, also singuläre, allein den Menschen auszeichnende Errungenschaften zu fokussieren, so verführt de Waals Ansatz dazu, der genetischen Ausstattung des Säugetiers eine zu große Bedeutung zuzusprechen. So führt er die seiner Ansicht nach primär friedliche menschliche Moralität neben dem Säugetiererbe des Menschen darauf zurück, daß in Wildbeutergesellschaften über viele Jahrzehntausende hinweg die „Zahl der Hitzköpfe, Psychopathen, Betrüger und Vergewaltiger“ durch Vertreibung und Ausmerzung reduziert wurde, so daß auch die Gene, „die für ihr Verhalten verantwortlich sind, abgenommen haben“. (Vgl. de Waal 2015, S.240) – Diese Rückführung des Verhaltens auf die Gene ist zudem inkonsistent mit der von de Waal an anderer Stelle vertretenen Einsicht, daß hinsichtlich des Verhaltens die „Psychologie“ mindestens „ebenso viel Aufmerksamkeit (verdient) wie die Gene“. (Vgl. de Waal 2015, S.51)

Da es de Waal also vor allem darum geht, die Menschenaffen gegenüber dem Menschen nicht zu diskriminieren, richtet er seine Forschung an vier Prinzipien aus. Das wichtigste Prinzip besteht wahrscheinlich darin, nur positive Beobachtungen zuzulassen. Das Forschungsdesign besteht oft darin, Experimente so zu gestalten, daß sie für uns Menschen einfach und selbstverständlich zu bewältigen sind. Wenn Menschenaffen in diesen Experimenten ‚versagen‘, wird das Fehlen, also das Nicht-Beobachten einer Fähigkeit, so ausgelegt, daß diese Menschenaffen nicht über diese Fähigkeit verfügen. Daraus wird dann geschlußfolgert, daß es sich um ein menschliches Monopol handelt. De Waal merkt hierzu kritisch an, daß negative Beweise immer problematisch sind. (Vgl. de Waal 2015, S.162) Nur weil ein bestimmtes Verhalten unter bestimmten Bedingungen nicht beobachtet werden kann, heißt das noch lange nicht, daß es auch unter anderen Bedingungen nicht auftreten kann. Nur positive Beweise, also tatsächlich beobachtetes Verhalten, können als ein Beweis gelten.

Menschen zeigen bestimmtes menschliches Verhalten nur in Gesellschaft mit anderen Menschen. Genauso ist es auch mit Menschenaffen. Menschenaffen werden bei Experimenten viel zu oft von ihren Artgenossen isoliert. Stattdessen müssen sie dann in Gesellschaft mit Menschen, den Experimentatoren oder mit Kindern, bestimmte soziale Aufgaben lösen. Aber Menschenaffen ‚äffen‘ lieber andere Menschenaffen nach als Menschen. Sie sind also gut darin, sich anderen Menschenaffen gegenüber sozial zu verhalten, aber nicht Menschen gegenüber. (Vgl. de Waal 2015, S.162)

Daraus ergibt sich ein weiteres Prinzip: Experimente mit Menschenaffen sollten, so de Waal „so einfach und intuitiv wie möglich“ gestaltet werden. (Vgl. de Waal 2015, S.162) Oft sind solche Experimente so kompliziert, daß sie oft nicht mal von Menschen verstanden werden. Es ist dann kein Wunder, wenn das gesuchte Verhalten von den Menschenaffen nicht an den Tag gelegt wird. De Waal berichtet von Versuchsanordnungen, die so kompliziert waren, daß er und seine Mitarbeiter „nicht verstanden, wie das Ganze funktionierte, wie sollten dann die Schimpansen den Durchblick haben?“ (Vgl. de Waal 2015, S.163)

Das letzte Prinzip besteht in der Aufwertung singulärer Beobachtungen, die sich nicht experimentell wiederholen lassen. Beobachtungsprotokolle erhalten so den Charakter von Anekdoten, von denen sich Feldforscher untereinander berichten. Auch de Waal hat seine ganze Arbeitsweise auf die Ermöglichung solcher singulären Beobachtungen ausgerichtet. Das Fenster seines Büros öffnet sich zu einem Schimpansengehege: „Ich sitze an meinem Schreibtisch, von wo aus ich die Feldstation des Yerkes National Primate Research Center bei Atlanta überblicken kann. Die Schimpansen leben also direkt vor meinem Fenster. Ich arbeite seit zwei Jahrzehnten in diesem Büro, das heißt, die Schimpansen, die jetzt um die zwanzig sind, kannte ich schon als Babys.“ (De Waal 2015, S.161)

Man kann sich gut vorstellen, wie de Waals Blick bei der Arbeit am Schreibtisch immer wieder zu seinen Schimpansen abschweift und wie ihm dabei zufällig Beobachtungen zuteil werden, die ihm kein Experiment hätte ermöglichen können und die wahrscheinlich auch kein Experiment reproduzieren könnte wie etwa die Sache mit der Seilschlinge. Es scheint öfter vorzukommen, daß sich Menschenaffen in ihren Gehegen in Seilschlingen so unglücklich verfangen, so daß sie ersticken müßten, würden ihnen keine Artgenossen zu Hilfe kommen: „Natürlich geriet Sembe in Panik und fing fürchterlich zu schreien an, woraufhin ihre Mutter Shiba herbeieilte, um ihr zu helfen. Shiba gelang es, Sembe aus der Schlinge zu befreien. Sie brachte ihre Tochter zurück auf den Boden, hielt sie im Arm und tröstete sie. Als Sembe sich beruhigt hatte, kletterte Shiba zurück zu dem Seil und riss die Schlinge, die Sembe beinahe zum Verhängnis geworden wäre, kurzerhand ab. Jetzt ging von dem Seil keine Gefahr mehr aus.“ (De Waal 2015, S.307)

Über zwei solcher Vorfälle hatte de Waal auch schon in seinem Buch über die Empathie berichtet. (Vgl. meinen Post vom 19.05.2011) Immer kamen den Unglücklichen Artgenossen zu Hilfe. Es verbietet sich schon aus ethischen Gründen, solche Vorkommnisse experimentell zu überprüfen, weil man die betreffenden ‚Probanden‘ absichtlich in Todesangst versetzen müßte.

Um den Vergleich mit Tomasello abzuschließen, möchte ich noch auf verschiedene Stellen, an denen de Waal gleichsam im Vorübergehen, ohne viel Aufhebens damit zu betreiben, zentralen Thesen von Tomasello widerspricht. Tomasellos Behauptung, daß Menschenaffen andere Menschenaffen nicht imitieren, wird von de Waal durch die Gegenbehauptung relativiert, daß sie zwar „nicht besonders gut darin“ sind, „Menschen nachzuahmen“, daß sie es aber „lieben ... sich gegenseitig ‚nachzuäffen‘, was viel wichtiger ist.“ (Vgl. de Waal 2015, S.162) Der Behauptung von Tomasello, daß sich Menschenaffen nicht für das Wissen ihrer Artgenossen interessieren, hält de Waal entgegen, daß Menschenaffen sehr darauf achten, „was ihre Artgenossen wissen beziehungsweise nicht wissen“. (Vgl. de Waal 2015, S.43) Tomasellos Behauptung, daß Menschenaffen nicht über Zeigegesten verfügen, widerlegt de Waal mit der Beobachtung, wie eine alte Schimpansin „mit der Hand immer wieder auf einen Tisch, auf dem außer einem Handspiegel nichts lag“, zeigte, mit dessen Hilfe sie dann zielsicher einen Strohhalm in ihr Ohr stecken konnte, um es zu reinigen: „Aufmerksam beobachtete sie die Reinigung des Ohrs im Spiegel und wusste offenbar genau, was sie tat.“ (De Waal 2015, S.275)

An anderen Stellen wiederum bestätigen de Waals Beobachtungen grundlegende Thesen von Tomasello. In einer Versuchsanordnung, in der Kinder und Schimpansen einen Versuchsleiter dabei beobachteten, wie er mit einem Stock Leckerbissen aus einer mit unterschiedlich großen Löchern ausgestatteten Box herausangelte, erwiesen sich die Schimpansen als intelligenter als die Kinder. Die Kinder ahmten nämlich den Versuchsleiter nach und steckten den Stock genau wie er in die ungeeigneten Löcher, während die Schimpansen den Stock gleich in das richtige Loch steckten: „Bei der durchsichtigen Box wussten die aufmerksamen Tiere sofort, in welches Loch sie den Stab stecken mussten, um an die Belohnung zu kommen; sie probierten die nutzlosen Löcher gar nicht erst aus. Anders die Kinder: Sie hatten die Wissenschaftler dabei beobachtet, wie sie Stäbe in mehrere Löcher gesteckt hatten, und taten es ihnen gleich.“ (De Waal 2015, S.270)

Diese Studie bestätigt Tomasellos These, daß Schimpansen sich mehr auf ihre individuelle Intelligenz verlassen und weniger abhängig sind von der Intelligenz anderer. Auch die Konkurrenzorientierung der Schimpansen bestätigt de Waal. In Kooperationsexperimenten schnitten Bonobos besser ab als Schimpansen. Bonobos, die keine Unterart der Schimpansen bilden, sondern eine eigene Art, halfen einander: „Die Schimpansen hingegen konnten ihr Konkurrenzdenken nicht ablegen.“ (De Waal 2015, S.97)

Bleibt abschließend nur noch hinzuzufügen, daß sich De Waal nirgends explizit auf Tomasello bezieht. Und im Literaturverzeichnis taucht er auch nicht auf.

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