Mittwoch, 5. November 2014

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, Berlin 2014

1. Zusammenfassung
2. Vom kreativen Sprung zum abduktiven Sprung
3. Algorithmen und Metaphern
4. Subjekt-Prädikat-Strukturen
5. Brechung des Intentionsstrahls
6. Ontogenese und Phylogenese
7. Externe Kommunikationsvehikel
8. Von individueller Kooperation zur Konkurrenz der Gruppen
9. Modularisierung der menschlichen Intelligenz

Ich habe schon in einem früheren Post (vom 01.01.2011) meine erheblichen Bauchschmerzen beim Begriff der Intelligenz zum Ausdruck gebracht. In diesem Post habe ich einen Satz von Jacotot zitiert: „Der Mensch ist ein Wille, dem eine Intelligenz dient.“ (Zitiert nach Ranciere, „Der unwissende Lehrmeister“ (2007), S.66) – Jacotots Feststellung beinhaltet, daß es keine Intelligenz ‚an sich‘ gibt, etwa im Sinne einer allgemeinen Problemlösungsfähigkeit, die man mittels eines IQ quantifizieren könnte. ‚Intelligenz‘ ist vor allem ein Merkmal der individuellen Lebensführung. Wer auf adäquate Weise tut, was er will, erweist sich als intelligent. Tomasello kommt zu derselben Einschätzung, wenn er schreibt: „In der Evolution gilt das Klugsein nichts, wenn es nicht zu klugem Handeln führt.“ (Tomasello 2013, S.21)

Ungeachtet dessen, daß er selbst die Primatenkognition algorithmisiert (vgl. meinen Post vom 30.10.2014) und in diesem Zusammenhang auch die menschliche Kognition in „Komponentenprozesse“ zerlegt (vgl.u.a. Tomasello 2014, S.17), wendet sich Tomasello doch entschieden gegen eine Modularisierung der menschlichen Intelligenz: „Wir würden es daher vorziehen, nicht das Wort Modul zu verwenden, das eine statische architektonische oder Ingenieursperspektive nahelegt. Vielmehr würden wir das Wort Anpassung bevorzugen, das auf dynamische Evolutionsprozesse hindeutet.“ (Tomasello 2014, S.195)

Tomasello bezweifelt grundsätzlich, daß es sich bei der „allgemeine(n) Intelligenz“ überhaupt um ein „nützliches Konstrukt“ handelt, und er bezeichnet die gängigen Definitionsversuche als „Märchengeschichte der unerhörtesten Art“. (Vgl. Tomasello 2014, S.187) Das ist eine bemerkenswerte Stellungnahme, die vor allem nochmal ein bezeichnendes Schlaglicht auf die seit „Bologna“ und „PISA“ in Gang gesetzten Bildungsreformen mit ihren Bildungsstandards, Kompetenzmodellen und Modulen wirft, in derem Zentrum auch immer wieder der Begriff einer ominösen allgemeinen „Problemlösungsfähigkeit“ steht. (Vgl. meine Posts vom 11.02. und vom 27.09.2014) Befürworter einer solchen Modularisierung vergleichen die menschliche Intelligenz auch schon mal mit einem „Schweizer Taschenmesser“. (Vgl. Tomasello 2014, S.191) Dazu nochmal Tomasello: „In diesem Zusammenhang läßt sich die Frage noch allgemeiner stellen, ob es überhaupt irgendwelche wirklich bereichsneutralen horizontalen Fähigkeiten gibt.“ (Tomasello 2014, S.196)

Tomasello belegt seine Zweifel mit Befunden aus der Primatenforschung, in der Experimente mit Schimpansen, Orang Utans und kleinen Kindern zeigen, daß deren Kognitionsleistungen bezüglich der physischen Welt gleichauf liegen, aber hinsichtlich der sozialen Welt zugunsten der kleinen Kinder weit auseinandergehen. Der These einer allgemeinen Intelligenz bzw. Problemlösungsfähigkeit zufolge aber müßten kleine Kinder in allen Bereichen besser sein als Schimpansen: „Das Ergebnis war, daß die Kinder und die Menschenaffen sehr ähnliche kognitive Kompetenzen für den Umgang mit der physischen Welt hatten, daß aber die Kinder, die zwar alt genug waren, um ein bißchen zu sprechen, aber immer noch Jahre entfernt vom Lesen, Zählen oder Schulbesuch waren – bereits raffiniertere kognitive Fertigkeiten für den Umgang mit der sozialen Welt hatten als beide Menschenaffenarten.“ (Tomasello 2014, S.187f.)

Obwohl Tomasello also selbst von Komponentenprozessen spricht, läuft seine Beschreibung der menschlichen Kognition ähnlich wie in meinem in diesem Blog vertretenen Konzept auf einen aus drei Entwicklungslinien zusammengesetzten Anachronismus hinaus. Tomasello spricht von einem in der „Dynamik der Evolution“ begründeten „Zusammenschustern komplexer Verhaltensfunktionen aus bereits vorhandenen Komponentenprozessen“. (Vgl. (Tomasello 2014, S.195 und S.197) Und dieses „Zusammenschustern“ findet in der individuellen Ontogenese statt (vgl. meinen Post vom 02.11.2014). Das Ergebnis ist dann in etwa das, was man gemeinhin ‚Intelligenz‘ nennt. Auf diesen hochkomplexen, prinzipiell individuellen Bildungsprozeß eine „Ingenieursperspektive“ einnehmen zu wollen, wie es die gegenwärtige Bildungsforschung und Bildungspolitik in Deutschland unternimmt, kann man mit Tomasello tatsächlich nur als eine „Märchengeschichte der unerhörtesten Art“ klassifizieren.

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