Dienstag, 4. April 2017

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Broschur, 227 S., 16,-- € )

1. Vorab: Kritik
2. Zusammenfassung
3. Methode
4. Begriffe und Logik
5. Gruppen
6. Exzentrizität

Indem Fritz Breithaupt seinem Begriff der Empathie eine dreistufige Architektur zugrundelegt, zu der auch vielfältige Blockademechanismen samt Umgehungs- und Aufhebungsmöglichkeiten gehören, faßt er den psychischen Mechanismus der Empathie so weit, daß diese Empathie im Grunde das ganze Bewußtsein umfaßt. Viele notwendige Differenzierungen innerhalb dieses Bewußtseins gehen dadurch verloren: z.B. der Unterschied zwischen Gefühlsansteckung bzw. „emotionaler Ansteckung“ (Breithaupt 2017, S.35) und Massenansteckung (vgl. Breithaupt 2017, S.84). Statt eine differenzierte Verhältnisbestimmung zwischen diesen beiden Affekten vorzunehmen, bezeichnet Breithaupt sie zusammenfassend lediglich als problematisch:
„Umgekehrt müssen aber manche Fälle, die eher problematisch sind, durchaus der Empathie zugerechnet werden. Dazu gehören die emotionale Ansteckung, das Schwarmverhalten und ähnliche nicht willentliche Reaktionen.“ (Breithaupt 2017, S.35)
Der Unterschied zwischen der Gefühlsansteckung, zu der auch das Mitleid gehört, und dem Schwarmverhalten ist aber so gravierend, daß man Breithaupt deren pauschale Zuordnung zur Empathie nicht durchgehen lassen kann. Es gibt nichts empathieloseres als menschliches Schwarmverhalten. Die Menschen werden in der Masse von Affekten angesteckt, die sich nicht auf ein individuelles Du richten bzw. die nicht von einem individuellen Du ausgelöst werden. Sie werden vielmehr im Gegenteil von einer Masse entindividualisiert, die „in sich selbst verliebt“ ist. (Vgl. meinen Post vom 23.08.2011)

Mit der Nivellierung der Differenz von Mitleid und Schwarmverhalten als gleichermaßen problematisch geht aber noch mehr verloren: die Differenz zwischen kleinen und großen Gruppen (Gemeinschaft/Gesellschaft) und damit zusammenhängend die Differenz zwischen Zweitpersonalität und Drittpersonalität. Breithaupt zieht eine zweitpersonale Beziehung überhaupt nicht in Betracht. Allerdings ist interessant, was er zur Identifikation mit symbolisch überhöhten Führungspersönlichkeiten schreibt:
„In dem Moment, wo Empathie einem institutionell überhöhten Individuum gilt, kann die menschliche Gruppengröße immens wachsen, und politische Institutionen entstehen.“ (Breithaupt 2017, S.73f.)
Breithaupt gibt hier einen Hinweis darauf, wie die zweitpersonalen Verbindlichkeiten zwischen Ich und Du in kleinen Gruppen durch Identifikation mit einer Führungspersönlichkeit in Form von symbolischer Loyalität auf die drittpersonale Ebene übertragen werden könnten. Dennoch, grundsätzlich geht Breithaupt von einem „Drei-Personen-Modell der Empathie“ aus. (Vgl. Breithaupt 2017, S.105) Dieses Drei-Personen-Modell faßt er als Parteinahme, also als eine dritte Instanz, die über die gemeinsamen Bedürfnisse von zwei Personen hinausgeht:
„Der Beobachter erlebt die emotionale Situation von A mit, entwickelt Empathie. Empathie ist hier aber nicht der Endpunkt, sondern zugleich Ausgangspunkt von erneuter Parteinahme und damit also wiederholter und verstärkter Entscheidung für diese Partei. Es ist dabei sehr wahrscheinlich, dass der Beobachter-Empathiker nun erneut die Partei der bereits gewählten Partei ergreift und sein erstes schnelles Urteil solcherart erhärtet.“ (Breithaupt 2017, S.107)
Das gilt so nicht nur für politische Situationen, wie etwa beim Präsidentschaftswahlkampf in den USA, auf den sich Breithaupt in diesem Zitat bezieht. Von der Beobachterperspektive ausgehend stellt Breithaupt auch im Zusammenhang von basalen Hilfeleistungen die Frage nach der Notwendigkeit einer „Helfer-Identifikation“ (Breithaupt 2017, S.129), die dazu beiträgt, daß der Helfer „das ihm zustehende Lob“ erhält. (Vgl. Breithaupt 2017, S.131) Auch hier also wieder drei Personen: Beobachter, Helfer, Opfer; wobei das Opfer hier nur am Rande ‚eine Rolle‘ spielt. Auch hier transformiert sich Breithaupt zufolge wieder das aktuelle Mitfühlen mit einer Person, in diesem Fall eines Beobachters mit dem Helfer, zu einer Parteinahme für diese Person.

In Breithaupts Empathiebegriff gibt es keine Zweitpersonalität. Wenn man berücksichtigt, daß die Drittpersonalität in der Philosophie immer gerne mit normativen Moralvorstellungen verknüpft wird, erstaunt es schon sehr, wenn Breithaupt trotzdem darauf beharrt, daß „Empathie weder eine Morallehre ersetzen kann noch der beste Anstoß moralischen Handelns ist“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.205) Mit der automatischen Parteinahme schon im einfachsten Fall der Gefühlsansteckung ist die normative Aufladung zur Drittpersonalität unvermeidbar. Zugleich wird auf diese Weise die spezifische moralische Qualität der Zweitpersonalität verdeckt.

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Kommentare:

  1. Ich verstehe es so, dass Breithaupt meint, die Empathie hätte in sich selbst schon ihre eigenen Blockade- und Abwehrmechanismen, was darauf schliessen lässt, dass sich die Empathie nur innerhalb sehr enger Grenzen bewegt und somit kein elementarer "Mechanismus" innerhalb der menschlichen Entwicklung darstellt, so man die Empathie im allgemeinen als Positivum formuliert. Breithaupt erkennt die Verletzlichkeit der Emphatie so sehr, dass er sie der Emphatie selber anlastet. Sonst käme er nicht zum Begriff "empathischer Sadist". Ein regelrechter Sadist ist viel eher ein Mensch, der nur noch im sadistischem Verhalten empathisch sein kann und insofern einem Suchtverhalten entspricht. Die Empathie ist derartig elementar, dass sie sich in allen Formen durchsetzt.

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    1. Das ist eine gute Beschreibung von Breithaupts Motivation. Dabei entgeht Breithaupt aber, daß das Elementare in der Beziehung zwischen Ich undDu besteht, die die Empathie stiftet. Seine Motivation führt ihn in die Irre.

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