Samstag, 1. April 2017

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Broschur, 227 S., 16,-- € )

1. Vorab: Kritik
2. Zusammenfassung
3. Methode
4. Begriffe und Logik
5. Gruppen
6. Exzentrizität

Fritz Breithaupt beginnt sein Buch „Die dunklen Seiten der Empathie“ (2017) mit einer Diskussion des „objektiven Menschen“ von Friedrich Nietzsche (1844-1900) in „Jenseits von Gut und Böse“ (1886). Als Textbasis bezieht sich Breithaupt dabei auf den § 207, den er ausführlich zitiert. (Vgl. Breithaupt 2017, S.45-47) Zwar distanziert sich Breithaupt von „Nietzsches pathologische(r) Aufwertung des Ich“ (Anm.5, S.50), die in einem dualistischen Drama zwischen Selbstbehauptung und Selbstverlust gipfelt. Breithaupt konstatiert, daß Nietzsche „nur bedingt als Gewährsmann für die in diesem Buch vorgestellten Thesen in Frage“ komme. (Vgl. Breithaupt 2017, S.67) Tatsächlich aber übernimmt er Nietzsches Gleichsetzung von Wahrnehmung und Empathie und macht sie zum grundlegenden Argument für einen Ästhetizismus, in dem sich der die Qualen seiner Opfer genießende Folterknecht als empathischer Sadist erweist. (Vgl. Breithaupt 2017, S.203)

Mit dem Kapitel zu Nietzsche legt Breithaupt die Grundlage zu einem Empathiebegriff, der auf der ästhetischen Differenz zwischen einem „empathischen Beobachter“ und dem leidenden Anderen beruht:
„Wir können nun unsere Definition von Empathie genauer fassen: Empathie besteht im Mit-Erleben mit einem anderen, wobei sich der empathische Beobachter in die Situation des anderen versetzt sieht und diese Situation zumindest mit einem minimalen Aspekt von Selbst-Interesse aus der Perspektive des anderen betrachtet sowie emotional erlebt. Eine direkte Simulation von Gefühlen und Empfindungen ist nicht notwendig Voraussetzung oder Resultat dieses Prozesses. Empathie führt zudem nicht notwendig zu einem Einsetzen für den anderen.“ (Breithaupt 2017, S.22)
Der empathische Beobachter ist meilenweit entfernt von einer emotionalen Ansteckung. Er befindet sich in einer Zuschauerposition, die den Akt der ‚Einfühlung‘ ästhetisiert. Er ist nicht direkt involviert in eine Situation, sondern beobachtet Szenen der Empathie, der Strafe, der Scham etc. (Vgl. Breithaupt 2017, S.127f., 184f., 175) Diese Szenen sind wie eine Tragödie inszeniert, mit „Anfang, Mitte und Ende“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.96) Solche ‚Szenen‘ sind für den empathischen Beobachter besonders attraktiv, weil sie ihm mit dem antizipierten Ende eine Rückzugsoption bieten und ihn so vor empathischer Überforderung schützen:
„Die Tragödie verspricht dem Zuschauer, dass er sich empathisch oder identifikatorisch einfühlen kann, ohne dass er sich dauerhaft verloren geht, denn das Objekt seiner Einfühlung, der Held der Tragödie, wird ja sein Ende finden, so dass der Zuschauer ‚sich zu sich‘ zurückziehen kann.“ (Breithaupt 2017, S.155)
Von der Tragödie führt Breithaupt zufolge der direkte Weg zu den verschiedenen dunklen Seiten der Empathie; denn das empathische Mitleiden bzw. Mit-‚Erleben‘ des Zuschauers findet sich in den verschiedensten alltäglichen und weniger alltäglichen Situationen wieder: im drohenden „Selbstverlust“, weshalb Helfer wie Chirurgen, Sanitäter und Pfleger „Techniken zur Unterbindung von Empathie“ entwickeln müssen, um einen Burnout zu vermeiden (vgl. Breithaupt 2017, S.85); im „Schwarz-Weiß- bzw. Freund-Feind-Denken“, wie man es ebenfalls als narratives Element in der Literatur findet (vgl. Beithaupt 2017, S.119); in der falschen Empathie, wenn man sich statt mit dem Opfer mit dem Helfer identifiziert, insbesondere wenn man es aus den falschen Gründen tut (vgl. Breithaupt 2017, S.140ff.); im empathischen Genießen des Schmerzes von anderen; und in Formen des Vampirismus. (Vgl. Breithaupt 2017, S.22f.) Alle diese dunklen Seiten der Empathie haben ihren Ursprung in der ästhetischen Grundhaltung von Zuschauern in einer Tragödie oder zumindestens eine gewisse Nähe zu ihr.

Breithaupt schlägt eine dreistufige Architektur der Empathie vor (vgl. Breithaupt 2017, S.79ff.): Die erste Stufe besteht in der anthropologisch fundierten „Übermacht der Einfühlung“. Menschen sind immer schon empathisch und deshalb ständig vom Selbstverlust bedroht. An dieser Stelle müßte man eigentlich von Gefühlsansteckung sprechen, was Breithaupt aber vermeidet. Er hält die Gefühlsansteckung als „nicht willentliche Reaktion“ für „eher problematisch“ (vgl. Breithaupt 2017, S.35) Tatsächlich aber bildet sie die erste Stufe der von ihm vorgeschlagenen Empathie-Architektur.

Von der „Über-Empathisierung“ (Breithaupt 2017, S.83) führt der Weg direkt zur zweiten Stufe:
„Wenn Menschen hyperempathisch sind, müssen wir fragen, mit welchen Mechanismen oder Techniken sie den Selbstverlust verhindern oder limitieren. Einfach gefragt: Wie gelingt es ihnen, ihre Empathie zu kontrollieren, zu fokussieren und zu blockieren?“ (Breithaupt 2017, S.85)
Die zweite Stufe der Empathie besteht in einer Vielfalt von Blockademechanismen, die die Empathie (also in diesem Fall die Gefühlsansteckung) unter Kontrolle halten. (Vgl. Breithaupt 2017, S.85ff.) Zu diesen Blockademechanismen gehören alle möglichen Formen der „Attribution“, mit denen wir Menschen in Schubladen einordnen. (Vgl. Breithaupt 2017, S.87) Am beliebtesten ist die Zuordnung zu einer Fremdgruppe. Wer zu einer Fremdgruppe gehört, löst weniger schnell (oder gar nicht) Empathie aus als jemand, der zur eigenen Gruppe gehört:
„Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Menschen im Durchschnitt weniger Empathie mit Menschen haben, die nicht Teil ihrer Gruppe sind. ... allerdings ist hier nicht klar, ob wir eher von Empathie-Blockade oder umgekehrt von einer Empathie-Bevorzugung sprechen sollten.“ (Breithaupt 2017, S.89)
Eine andere Möglichkeit, Empathie zu reduzieren, besteht darin, Menschen als schuldig zu attribuieren, weswegen auch immer, so daß man sie empathiefrei ‚bestrafen‘ kann. (Vgl. Breithaupt 2017, S.88f.)

Die dritte Stufe der Empathie-Architektur besteht in der Auflösung bzw. in der Umgehung der Blockademechanismen, die die Empathie gewohnheitsmäßig und dauerhaft unter Kontrolle halten, so daß Empathie wieder zugelassen wird. (Vgl. Breithaupt 2017, S.92ff.) Zu solchen Auslösern zählt Breithaupt wieder die schon erwähnte Gefühlsansteckung: „Körperliche Reaktionen gehören hierher, denn Beobachtungen eines anderen werden vielfach leiblich wahrgenommen.“ (Breithaupt 2017, S.93) Außerdem können ‚starke‘ Empathie-Auslöser das „Abwehrsystem“ durchbrechen. (Vgl. Breithaupt S.94) Ein anderer interessanter Empathie-Auslöser, den Breithaupt erwähnt, besteht in der heftigen Abneigung gegen einen anderen Menschen, die unmittelbar in Empathie umschlagen kann. (Vgl. Breithaupt 2017, S.98f.) Als Beispiel nennt Breithaupt die romantische Liebe in Film und Literatur, die oft mit diesem Klischee arbeiten.

Breithaupt erklärt dieses Paradox damit, daß die dreistufige Architektur der Empathie eine „Systemeinheit“ bildet, in der „die Aktivierung eines einzelnen Elements der Architektur bereits das ganze System und die Empathie-Routinen aktiviert“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.99) Da reicht es schon aus, daß überhaupt starke Emotionen erregt werden, durch die dann Empathie gewissermaßen ‚miterregt‘ wird. Eine solche Empathie stiftende „Dynamik der Parteinahme“ – gleichgültig ob für oder gegen jemanden – hat Breithaupt auch im Wahlkampf von Donald Trump beobachtet. (Vgl. Breithaupt 2017, S.101ff.) Trump hat Emotionen erregt und ebendeshalb auch Empathie.

Aber auch wenn dieser Mechanismus zutrifft, ist es doch sehr gewagt, Trump zu einem „Meister der Empathie“ zu erklären, wie Breithaupt es tut. (Vgl. Breithaupt 2017, S.211) Mag er auch ein Meister der Emotionalisierung anderer Menschen sein, so ist es doch sehr die Frage, inwieweit er auch nur die eigenen Emotionen im Griff hat. Und Mitgefühl für andere Menschen legt er, falls er es überhaupt hat, schon gar nicht an den Tag. Zu einer Klärung des Empathiebegriffs tragen solche Vergleiche jedenfalls nicht bei.

Indem Breithaupt die „ Blockade-Mechanismen als Teil der Empathie-Architektur“ versteht, verbindet er Empathie und Kognition zu einer untrennbaren begrifflichen Einheit. Schon die Kognition, also die Instanz, die die Empathie kontrolliert und reguliert, ist selbst ein immanenter Bestandteil dieser Empathie. Das ist logisch inkonsistent. Außerdem lassen sich fundamentale Dilemmata des Helfen-Wollens nicht mehr adäquat beschreiben. Frans de Waal beschreibt eine Situation, die er bei Orang-Utans (vgl. „Das Prinzip Empathie“ (2011), S.136, und meinen Post vom 16.05.2011) und bei Schimpansen (vgl. ebenda, S.137, und meinen Post vom 19.05.2011) beobachtet hat. Eine verzweifelte Orang-Utan-Mutter versucht ihre Tochter aus einer Seilschlinge, in der sie sich gefangen hat, zu befreien und erwürgt sie dabei. In der gleichen Situation, in der sich ein junger Schimpanse in einer Seilschlinge verfangen hat, geht ein älterer Schimpanse umsichtig und bedacht vor, befreit schließlich den Jüngeren und rettet ihm so das Leben.

Die Orang-Utan-Mutter war offensichtlich so ‚hyperempathisch‘ von der Not ihrer Tochter in Anspruch genommen, daß sie ihr nicht helfen konnte. War sie nun aber weniger empathisch als der ältere Schimpanse in der anderen Situation, weil sie in diesem verzweifelten Moment nicht über dessen kognitive Kompetenz verfügte? Nach Breithaupts Modell wäre das nämlich der Fall: die Kognition, also die Blockademechanismen, gehört untrennbar zur Empathie dazu. Wer nicht über sie verfügt, hat eine reduzierte Empathie.

Frans de Waal sieht das anders: Empathie und Kognition sind zwei verschiedene Bewußtseinsprozesse, die aber insofern zusammengehören, als wir ohne Empathie nicht helfen würden und ohne Kognition nicht helfen könnten.

Letztlich erhebt Breithaupt die Empathie mit ihrer dreistufigen Architektur als Systemeinheit auf die Ebene eines vollständigen Bewußtseins. Alles ist Empathie, und so wird sie zu dem Hammer, von dem Breithaupt selbstironisch festhält, daß für ihn alles wie ein Nagel aussieht. (Vgl. Breithaupt 2017, S.188)

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