Sonntag, 21. Juni 2015

Papst Franziskus, Die Enzyklika „LAUDATO SI’“ von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus, Freiburg/Basel/Wien 2015

(Herder, karton. 14,99 €, 268 S.)

1. Adresse: Wer gemeint ist
2. Technokratisches Paradigma
3. Transdisziplinarität
4. Körperleib und Positionalität
5. Wortfeld der Gabe

Wenn ich mich als an kein spezifisches Glaubensbekenntnis gebundener Mensch zu einem Text von einem Autor äußere, der (was sowohl für die Textform wie für den Autor gilt) wie kein zweiter eine spezifische religiöse Autorität für sich in Anspruch nimmt, so mache ich das, weil sich dieser Text u.a. auch an Menschen wie mich richtet: „Angesichts der weltweiten Umweltschäden möchte ich mich jetzt an jeden Menschen wenden, der auf diesem Planeten wohnt.“ (Vgl. Laudato si’, S.16)

Allerdings enthält dieser Text umfängliche Textpassagen, wie z.B. das zweite Kapitel (vgl. Laudato si’, S.73-110), die sich ausschließlich an Menschen katholischen Glaubens richten und in denen sich Franziskus auf Päpste und andere religiöse Autoritäten beruft, sorgsam sortiert nach ‚heiligen‘ – wie z.B. Johannes XXIII, Johannes Paul II., Bonaventura usw. – und vorerst bloß ‚seligen‘, der Heiligsprechung noch entbehrenden Persönlichkeiten – wie z.B. Paul VI., Charles de Foucauld –, so daß man sich letztlich doch wieder nach dem Status und dem Adressaten dieser Enzyklika fragt.

Auf begrifflicher Ebene ist die Enzyklika insgesamt unzulänglich. Es gibt mehrere Stellen, die von zentraler Bedeutung für die Gesamtaussage des Textes sind, an denen die begriffliche Analyse aber nur an der Oberfläche bleibt. So wendet sich Franziskus mehrfach dagegen, „die Wirklichkeit in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln“. (Vgl. Laudato si’, S.26) Der Gebrauch und Verbrauch von Dingen scheinen also eher negativ konnotiert und mit einer instrumentellen Zweckrationalität und einer Konsumorientierung der Menschen verbunden zu werden. An anderen Stellen wird aber deutlich, daß Franziskus sich vor allem gegen einen ‚unmittelbaren‘, unachtsamen Gebrauch richtet, der den Eigenwert der Dinge und der Welt nicht zur Kenntnis nimmt. (Vgl. Laudato si’, S.17f. u.ö.) Insgesamt fehlt aber eine tiefergehende Analyse einer Ökonomie des Geldes, für die die Zeit des Ge- und Verbrauchs, die Eigenzeit der Dinge, keine Rolle spielt.

Damit bleibt aber die verheerende Auswirkung der Geldwirtschaft ungeklärt. Auch wenn sich gelegentlich bemerkenswerte Sätze finden, die dieses Thema aufgreifen – „Die Finanzen ersticken die Realwirtschaft“ (Laudato si’, S.119) –, bilden sie doch im Gesamtzusammenhang der Enzyklika bloß folgenlose Floskeln. So begnügt sich Franziskus immer wieder mit letztlich harmlosen Relativierungen, daß etwa eine „mit dem Finanzwesen verknüpfte Technologie“ „oft nicht fähig“ sei, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und deshalb „manchmal“ mehr Probleme schaffe, als sie löse. (Vgl. Laudato si’, S.34) Das klingt so, als wolle Franziskus es seinen Lesern überlassen, ob sie sich eher beruhigt oder eher beunruhigt fühlen möchten.

Auch die Kritik am Wachstums- und Forschrittsdenken leidet unter solchen begrifflichen Unschärfen. So heißt es z.B. an einer Stelle, „dass das Wachstum der letzten beiden Jahrhunderte nicht in allen seinen Aspekten einen wahren ganzheitlichen Fortschritt und eine Besserung der Lebensqualität bedeutet“ habe. (Vgl. Laudato si’, S.55) – Textstellen wie diese könnten einen Leser wie mich in Verzweiflung stürzen, weil hier die Wurzel des ökonomischen Übels nicht nur nicht benannt, sondern durch Wischi-Waschi-Formulierungen regelrecht verdeckt wird, wären da nicht noch andere Passagen, die den tatsächlichen Sachverhalt in erfreulich wünschenswerter Klarheit zum Ausdruck bringen, wie etwa die folgende: „Es genügt nicht, die Pflege der Natur mit dem finanziellen Ertrag oder die Bewahrung der Umwelt mit dem Fortschritt in einem Mittelweg zu vereinbaren.“ (Laudato si’, S.198)

Wo es keinen „Mittelweg“ zwischen der Ökologie und einer auf profitorientierter Geldwirtschaft basierenden Ökonomie gibt, muß die Ökonomie logischerweise grundlegend geändert und nach völlig neuen Prinzipien ausgerichtet werden. Denn die vergangenen Jahrhunderte der Plünderung des Planeten und der Ausbeutung des Menschen waren nicht etwa nur teilweise falsch, sondern schlicht ein bedauernswerter Irrweg. Dessen ist sich Franziskus durchaus bewußt, wenn er von der mangelnden „Genügsamkeit und Demut“ früherer Generationen spricht (vgl. Laudato si’, S.226), die als die „verantwortungslosesten der Geschichte“ in Erinnerung bleiben werden (vgl. Laudato si’, S.173). Aber mangels tieferreichender begrifflicher Analyse bleibt er doch immer wieder nur an der Oberfläche des Problems.

Das zeigt sich gerade auch dort, wo die Kritik am technokratischen Paradigma an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. (Vgl. Laudato si’, S.116-125) Die ganze Radikalität der fortschrittskritischen Intervention dieser Enzyklika, die Franziskus geradezu als von jenem Virus der ‚German Angst‘ infiziert erscheinen läßt – einem Virus, vor dem noch vor kurzem auf einem FDP-Parteitag so eindringlich gewarnt worden war –, geht durch die Fehldiagnose, daß wir es hier mit einem „modernen Anthropozentrismus“ (Vgl. Laudato si’, S.125) zu tun hätten, ins Leere. Das von Franziskus kritisierte Paradigma mag alles mögliche sein; auf keinen Fall ist es anthropozentrisch! Ganz im Gegenteil läuft die ganze bisherige, unheilvolle Allianz aus Wissenschaft und Technik in Theorie und Praxis auf eine Abschaffung des Menschen hinaus.

Deshalb handelt es sich auch keineswegs um eine „Schizophrenie“, wie Franziskus meint, wenn die „Verherrlichung der Technokratie“ dazu führt, „dem Menschen jeglichen besonderen Wert abzusprechen“. (Laudato si’, S.128) Das ist vielmehr genau in der anthropophoben Grundeinstellung des technokratischen Paradigmas begründet. Zumindestens was den naturwissenschaftlichen Mainstream betrifft sind unsere Wissenschaftler auf nichts stolzer als auf ihrer Ignoranz gegenüber allem Menschlichen.

Die fehlende begriffliche Analyse zeigt sich auch bei Franziskus’ Stellungnahmen zur Geburtenkontrolle und zur Reproduktionstechnologie. Vehement richtet sich Franziskus gegen die Vorstellung, die Überbevölkerung könnte ein Problem darstellen: „Anstatt die Probleme der Armen zu lösen und an eine andere Welt zu denken, haben einige nichts anderes vorzuschlagen als eine Reduzierung der Geburtenrate.“ (Laudato si’, S.59)

Diese Stellungnahme ist von einem Papst durchaus erwartbar und nicht weiter verwunderlich. Allerdings hindert das katholische Dogma Franziskus daran, zu erkennen, daß das technokratische Paradigma und der unbedingte Kinderwille mancher Eltern genau zu dem Skandalon führen, das Franziskus an anderer Stelle als „‚Wegwerfen‘ von Kindern“ anprangert. (Vgl. Laudato si’, S.123) Eltern, die sich weder von biologischen noch von gesellschaftlichen Beschränkungen davon abhalten lassen wollen, Kinder zu kriegen, und Eltern, die darüberhinaus vorweg darüber entscheiden wollen, was für Kinder sie bekommen wollen, ‚werfen‘ in gleicher Weise ‚Kinder‘ weg, die bei der technologischen Prozedur durch das Raster fallen. Es kann also aus ethischer Sicht nicht alles gut an der Vorstellung sein, daß jedes Kind gewollt sein muß. Kein Kind ist mehr gewollt und erwünscht, als das technologisch ermöglichte. Letztlich setzen sich aber auch in diesem heiklen Bereich menschlichen Wollens und Handelns die Allmachtsphantasmen der Ingenieure und der Konsumismus von ‚Märkten‘ und ‚Verbrauchern‘ ungehemmt und skrupellos durch.

Der Status dieser Enzyklika liegt also nicht so sehr auf wissenschaftlicher und begriffsanalytischer Ebene. Sie hat ihre eigentliche Bedeutung im Bereich der Pragmatik. Damit meine ich, daß eine gleichermaßen religiöse und moralische Autorität wie die des Papstes Franziskus in der Welt gehört wird. Jetzt wird es nicht mehr so leicht sein, den grünen ‚Spinnern‘ überall auf der Welt „mit Geringschätzung und Ironie“ (Laudato si’, S.169) zu begegnen. Die katholische Kirche steht nicht mehr automatisch auf Seiten des Kapitals als Ausdruck einer gottgewollten Naturordnung, und Kapitalisten sind auch nicht mehr automatisch gute Christen. Das war zwar noch nie der Fall gewesen; aber es ist auch noch nie so deutlich gesagt worden wie in dieser Enzyklika.

Diese Wirkung der Enzyklika zeigt sich schon jetzt an den diversen Aufgeregtheiten beiderseits des Atlantiks. Das notorisch gute Gewissen des ‚Weiter so‘ und ‚Nach uns die Sintflut‘ ist wohl endgültig vorbei. Der Begriff der Sünde hat einen neuen Inhalt: Technokratie. Und dieser Papst erteilt keine Absolution.

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