Montag, 1. September 2014

Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne, Berlin 2014

(Vorbemerkung: Von Erbe, Sünde und Moderne (S.9-29) / Kapitel 1: Die permanente Flut. Über ein Bonmot der Madame de Pompadour (S.31-53) / Kapitel 2: Dasein im Hiatus oder: Das moderne Fragen-Dreieck De Maistre – Tschernyschweski – Nietzsche (S.54-74) / Kapitel 3: Dieser beunruhigende Überschuß an Wirklichkeit. Vorausgreifende Bemerkungen zum Zivilisationsprozeß nach dem Bruch (S.75-94) / Kapitel 4: Leçons d’histoire. Sieben Episoden aus der Geschichte der Drift ins Bodenlose: 1793 bis 1944/1971 (S.95-221) / Kapitel 5: Das Über-Es: Vom Stoff, aus dem die Sukzessionen sind (S.222-311) / Kapitel 6: Die große Freisetzung (S.312-481) / Ausblick: Im Delta (S.483-489))

In diesem Kapitel thematisiert Sloterdijk die prekäre Individuation des Menschen vor dem Hintergrund kultureller Reproduktionsnotwendigkeiten, in denen es vor allem darauf ankommt, „daß hinreichend ähnliche Kopien der Älteren in den Jungen entstehen“. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.222) Dabei liegt der Schwerpunkt nicht so sehr auf dem Prozeß der Individuation selbst, wie ich ihn in diesem Blog als Brechung biologischer und kultureller Entwicklungslinien thematisiere, sondern auf der Funktionalisierung der Individuen als Medien bzw. als „Transmissions“-Riemen (vgl. Sloterdijk 2014, S.242ff.) zwischen Großvätern und Enkeln (vgl. Sloterdijk, S.248). Der Vater-Sohn in der mittleren Position zwischen Großvater und Enkel ist ein gleichermaßen empfangs- wie sendebereiter „Medien-Mensch()“ (vgl. Sloterdijk 2014, S.254), ‚besessen‘ von „Elternschaft“ (vgl. Sloterdijk 2014, S.222): „Man wird Vater im anspruchsvollen Sinn nicht durch das Zeugen von Nachkommen, sondern als Träger des ethischen Mehrwerts, der an dieser Rolle haftet.“ (Sloterdijk 2014, S.243)

Die Individuation geschieht also in einer Zwischenwelt, im Hiatus zwischen den Generationen. Der Vater bewährt sich nicht in der bloßen Weitergabe seines Samens, sondern erst durch gelungene Angleichung seiner Söhne an die Vorfahren. Die Töchter haben eine anders geartete, mütterlich vermittelte Genealogie, entkommen aber letztlich auch nicht der kulturstiftenden Funktion des Vaters. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.78, 307). Sloterdijk unterscheidet zwischen einer „List der kulturellen Evolution“, die den Vater zum „machthabende(n) Sklave(n)“ ihrer Reproduktionsinteressen macht, und einer „List der biologisch-präkulturellen Evolution“, die die „weibliche() Seite bei der Betreuung der Nachkommenschaft unter den Lebendgebärenden“ bevorzugt. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.244f.)

Sloterdijk stellt eine interessante Verbindung zwischen Opfer-Sein und Medium-Sein her. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.266) Das Medium ist nicht Herr seiner selbst bzw. kein zunehmend selbstbestimmtes Subjekt seiner Entwicklung, wie ich es mit meiner Verhältnisbestimmung von biologischen, kulturellen und individuellen Entwicklungslinien konzipiere, sondern es wird von einem „Über-Es“ (Sloterdijk 2014, S.309) ‚beseelt‘. Dazu haben sich in der Kulturentwicklung verschiedene Methoden der „Umbeseelung“ bzw. des „Subjektwechsel(s)“ entwickelt. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.289) Diese Methoden unterscheiden sich seit der sogenannten ‚Achsenzeit‘ um 500 vor Christus, die insbesondere an Namen wie Buddha und Sokrates festgemacht werden kann, grundsätzlich dadurch, daß sie sich entweder generativer Gesten der förmlichen Übergabe eines Erbes vom Vater auf den Sohn (vgl. Sloterdijk S.245ff.) oder iterativer Mechanismen der demonstrativen Verweigerung und Abwendung von solchen Herkünften bedienen (vgl. Sloterdijk 2014, 290). Bei der Iteration werden nur noch Verweigerungsgesten vererbt, aber keine konkrete Sitte.

Als ein Beispiel für solche „iterative Anknüpfungen“ an Rebellen und Aussteigern aus der Genealogie verweist Sloterdijk auf die „apostolische Sukzession“ (Sloterdijk 2014, S.290), in der die Apostel das Werk des vaterlosen, familienfeindlichen Sohnes Jesus von Nazareth fortführen. Auch hier finden „Umbeseelungen“ statt, wie etwa bei Paulus, dem ehemaligen Saulus. Diese Umbeseelungen müssen nun nicht mehr förmlich legitimiert werden, wie bei der Taufe, sondern können auch einfach auf formlose Bekehrungserlebnisse zurückgeführt werden.

Speziell im Christentum entsteht nun ein dauernder Konflikt zwischen dem Patriarchat und dem, was Sloterdijk als „Filiarchat“ (Sloterdijk 2014, S.292) bezeichnet. Die katholische Kirche wird sich als ein umfassendes Projekt der „Re-Genealogisierung der anti-genealogischen Revolte“ ihres Religionsstifters verstehen. In der katholischen Kirche wimmelt es nur so von Vätern, Patern, Päpsten etc., die den außer Kontrolle geratenen Söhnen Einhalt zu gebieten versuchen. Sloterdijk spricht von einer „Konterrevolution der Bischöfe‘“ und von „einer klerikokratischen Restauration“. (Vgl. Slotedijk 2014, S.303) Dabei kann die katholische Kirche aber nie ganz vergessen machen, daß an der Wurzel des Christentums ein herkunftsloser Bastard steht, der sich selbst auf Augenhöhe mit dem Vater gestellt hatte: „Ich und der Vater sind eins‘ (Johannes 10,30)“. (Zitiert nach Sloterdijk 2014, S.287) – Wie skandalös das in jüdischen Ohren geklungen haben mußte, kann man nur ermessen, wenn man berücksichtigt, daß „das bisherige Judentum stets auf das Exerzitium des Diskretionsabstands zwischen Gott und Mensch gegründet“ hatte (vgl. Sloterdijk 2014, S.287) und es noch nicht einmal wagte, diesen Gott mit seinem Namen anzusprechen, und nun kommt da so ein herkunftsloser Bastard daher, der zu ihm ‚Pappa‘ sagt und sich mit ihm auf eine Stufe stellt.

Mit Jesus stellte sich der Sohn abseits der genealogischen Linie und wurde so zum Vorbild des „okzidentalen Individualismus“ (Sloterdijk 2014, S.307), und die katholische Kirche wurde so, trotz aller restaurativen Bemühungen, zur „Übermittlerin eines Menschenrechts auf Nicht-Zugehörigkeit zu einem unterjochenden Kollektiv, es heiße Familie, Sippe oder Volk“ (Sloterdijk 2014, S.309). Sloterdijk bezeichnet Jesus deshalb auch als den „exzentrischen Sohn()“. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.283) Das erinnert zwar an die exzentrische Positionalität von Helmuth Plessner, bezieht sich aber nicht auf die individuell begründete Doppelaspektivität des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses, sondern auf die im intergenerationellen Hiatus begründete Verweigerung der mittleren Position zwischen Herkunft und Zukunft: „Indem sich der Sohn“ – nämlich jeder Sohn nach Jesus – „auf der einen Seite in Beziehung setzt zu einem bescheidenen irdischen Quasi-Vater, sich aber zugleich mit einem glorreichen göttlichen Übervater identifiziert, weiß er sich virtuell aus der Ordnung des familiären Herkommens herausgesetzt.“ (Sloterdijk 2014, S.305)

Aus der Perspektive der „Kollektivsorge“ um sich selbst (vgl. Sloterdijk 2014, S.240), also der möglichst störungsfreien kulturellen Vererbung, erscheinen solche Söhne natürlich als aus der ‚Art‘ gefallene Monstren. Aus dieser Perspektive ist das Individuum vor allem dadurch gekennzeichnet, „als wohlgeratenes und klar ausgeprägtes Exemplar einer Spezies zu existieren“. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.256) Sloterdijk gelingt es aber, diese Perspektive umzukehren, indem er noch einmal an den Begriff der „Erbsünde“ anknüpft. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.14ff.) Diese „Erbsünde“ begehen nämlich nicht die Söhne, sondern die Eltern, insbesondere die Väter, die ihre Kinder verraten, wie es im Ödipus-Mythos erzählt wird. Indem Ödipus von seinen Eltern ausgesetzt wird, beginnt das Unheil, das sich letztlich wieder auf die Eltern zurückwendet, wenn Ödipus den ihm unbekannten Vater tötet und die ihm unbekannte Mutter heiratet: „Was entdeckt man also, sobald man sich – abseits der augustinischen Suggestionen – auf die Suche nach den ersten Quellen der Korruption begibt? Man wird auf eine Form des pathologischen Voraus-Wissens bei geängstigten Eltern aufmerksam, das sie dazu antreibt, sich von ihren Nachkommen loszusagen.“ (Sloterdijk 2014, S.275)

Die alten Griechen hatten nämlich, so Sloterdijk, eine hochausgeprägte „Chaos-Sensibilität“ und wußten um die Gefahren der Monstrenbildung (vgl. Sloterdijk 2014, S.255), um die immerwährende Drohung nur „halb gestalthafter Wesen in einem weit aufgerissenen Raum, in dem kein Prinzip hinreichender Ähnlichkeit die Möglichkeit von Sukzession und Erbe zwischen den Generationen sicherstellt“ (vgl. Sloterdijk 2014, S.260). Diese Gefahr drohte ihnen von ihren eigenen Kindern, die mit jeder neuen Generation die Weitergabe des Erbes der vorangegangenen Generationen in Frage stellten. In dieser Gefährdungslage liegt die Versuchung des Vaters von Ödipus, sich seines Sohnes lieber rechtzeitig zu entledigen.

Sloterdijk gelingt es an dieser Stelle, die strukturalistischen Lesarten des Ödipus-Mythos bis hin zu den psychoanalytischen Deutungen durch Freud durch eine eigene Lesart zu widerlegen. Strukturalistische Lesarten nehmen die Texte nie nach ihrem phänomenalen Gehalt, also als das, was sie beschreiben. Sie lesen sie immer zwischen den Zeilen und gerne auch gegen den Strich. (Vgl. meinen Post vom 23.05.2014) So wird Ödipus als der eigentliche ‚Übeltäter‘ verstanden, der einen Vaterkomplex ausagiert und den Konkurrenten um das gemeinsame Liebesobjekt, die Mutter, beseitigt. Wir haben es also nicht mit einem verratenen Kind zu tun, sondern mit einem Monstrum:
„Hierdurch verletzte er, ohne es zu wollen und zu wissen, die sakrale Asymmetrie zwischen den Generationen, die eine rückwärtsgewandte Paarung als Rückfall in den Abgrund der Animalität untersagt, mehr noch: Er ließ die Diskretion vermissen, die praktisch jede Zeugung zwischen den Verwandten ersten Grades als Sturz in den Höllenschlund einer titanischen Chaotik verbannt. Wo man die konstitutive Asymmetrie des Generationsgeschehens mißachtet, werden die zur falschen Fortpflanzung verführten Individuen in die Position von letzten Menschen katapultiert, die sich in perverser Gleichzeitigkeit nebeneinander positionieren und miteinander paaren, statt nach den heilsamen Gesetzen der Filiation aufeinanderzufolgen.“ (Sloterdijk 2014, S.273f.)
Sloterdijk liest jetzt aber diesen Mythos aus der Perspektive des Ödipus selbst und rehabilitiert ihn so als ein Opfer verängstigten Elternhandelns:
„Ödipus hatte aus seiner Sicht nicht seinen ‚Vater‘ ermordet, er hatte einen anmaßenden Verkehrsteilnehmer, der die Vorfahrt mißachtet, aus dem Weg geräumt. Er hatte nie seine ‚Mutter‘ geheiratet, er hatte eine politisch attraktive Witwe zur Frau genommen und an ihrer Seite den vakanten Platz in einer Dynastie eingenommen. Längst waren seine Zieheltern die wahren Eltern geworden, und die leiblichen Erzeuger substanzlose Schatten. Zu keiner Zeit hatte er in Betracht gezogen, den eigenen Vater zu liquidieren oder mit der eigenen Gebärerin Nachkommen zu zeugen, die nicht nur seine Kinder, sondern auch seine Geschwister wären. Ödipus selbst, bei Licht betrachtet, war schon der vollendete Anti-Ödipus: Eine jahrtausendelange Verschwörung des Falschlesens hatte seine Fixierung in der Falle bewirkt, die im 20. Jahrhundert als Ödipuskomplex klassisch wurde.“ (Sloterdijk 2014, S.276f.)
Sloterdijks Umkehrung der Perspektive von den Monsterkindern auf die Monstereltern zeigt die ganze Dramatik des zwischen den Generationen aufklaffenden Hiatus. Die Konfliktlinie ist aber immer eine primär kulturelle. Die individuelle Ontogenese kann vor diesem Hintergrund nur eine mediale sein, ein Prozeß ständiger Umbeseelung, des Subjektwechsels von einer Generation zur nächsten. Die Perspektive auf das Individuum selbst kommt dabei immer wieder zu kurz. Das äußerste, was diesem Individuum gelingt, ist, sich der Positionierung in der Mitte zwischen den Generationen zu verweigern. Zu einem eigenständigen Selbst- und Weltverhältnis, wie es in Plessners exzentrischer Positionalität zum Ausdruck kommt, reicht es aber nicht.

Möglicherweise gibt das letzte Kapitel hierauf Antworten. Dazu in den folgenden Posts mehr.

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