„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Lebenswelt und unsichtbare Hand

(Christina von Braun, Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte, Berlin 2/2012)

Bei den aus verschiedenen Wissensbereichen stammenden Texten, mit denen ich mich in diesem Blog befasse, ist es für mich immer wieder besonders interessant,  wenn ich unerwartet auf parallele Denkfiguren und Beschreibungsformen stoße. Solche Parallelen finde ich jetzt zwischen Phänomenologie, Religionsphilosophie, Komplexitätsforschung und Ökonomie.

So spricht z.B. Blumenberg von der Notwendigkeit einer „Autodestruktion der Lebenswelt“ und von der Lebenswelt als einem „System der Selbstzerstörung“. (Vgl. meinen Post vom 08.08.2010). Ganz ähnlich spricht von Braun mit Schumpeter (1928) von der „kreativen“ bzw. „schöpferischen Zerstörung“ des Kapitalismus (vgl. Braun 2/2012, S.200ff., 204f., 213, 216-220): „Er (Joseph A. Schumpeter – DZ) hielt dies (die Menschenleben zerstörende Macht des Kapitalismus – DZ) jedoch für eine notwendige Begleiterscheinung, die eines Tages auch den Kapitalismus selbst treffen würde: Schon in einem Aufsatz von 1928 hatte er im Kapitalismus ‚eine Tendenz zur Selbstzerstörung aus inneren ökonomischen Gründen‘ konstatiert ...“ (Braun 2/2012, S.201)

So wie die sich selbst zerstörende Dynamik der Lebenswelt Blumenberg zufolge die Freiheit des Individuums ermöglicht, das von sich aus der Lebenswelt gegenüber ohnmächtig ist, überführt dieselbe Dynamik Schumpeter zufolge, einem nach eigenem Urteil konservativen Ökonomen, den Kapitalismus unweigerlich in einen Sozialismus, über dessen ethische Qualität mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch nicht das letzte Wort gesprochen worden ist. Schumpeter geht vielmehr von einer „kulturellen Indeterminiertheit des Sozialismus“ aus, die auch die Möglichkeit einer demokratischen Verfassung zuläßt. Am Ende der kreativen Selbstzerstörung des Kapitalismus steht also ähnlich wie bei Blumenbergs Autodestruktion der Lebenswelt der Ausblick auf humanisierende Effekte auf die Gesellschaftsentwicklung.

Von der Parallele zwischen der Lebenswelt und der unsichtbaren Religion hatte ich schon in meinen Posts vom 05.02.2011 und vom 28.11.2012 geschrieben. Diese Parallele liegt vor allem in der Unsichtbarkeit, die wir auch in der von Adam Smith stammenden Theorie der „unsichtbaren Hand“ (vgl. Braun 2/2012, S.161, 185ff., 190f., 211, 213f., 220 u.ö.) vorfinden, bei der es um vor den Individuen verborgene Marktmechanismen geht, die dafür sorgen, daß das individuelle (egoistische) Handeln immer zum gemeinsamen Wohl beiträgt. Wir haben es also auch hier mit einem lebensweltlichen Mechanismus zu tun, der die Souveränität menschlicher Subjekte untergräbt. Von Braun präzisiert den lebensweltlichen Mechanismus der unsichtbaren Hand, indem sie ihn auf den „Schleier des Geldes“ zurückführt. (Vgl. Braun 2/2012, S.185, 224ff.)

Allerdings problematisiert von Braun diesen Bezug auf die unsichtbare Hand – unnötigerweise, wie ich finde –, wenn sie die „Eigendynamik des Geldes“ (Braun 2/2012, S.302) als vom Frauenkörper zur Börse übergewechselte „Hysteria“ (vgl. Braun 2/2012, S.307) beschreibt: „Hier ist gerade nicht die ‚unsichtbare Hand‘ am Werke, die die Vielzahl individueller Handlungen zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt.“ (Braun 2/2012, S.307) – Wenn wir es bei der Hysteria mit einer „Macht“ zu tun haben, „die die Emotionen steuert, sich selbst aber jeglicher Steuerung entzieht“ (vgl. Braun 2/2012, S.307), und die den „Kollektivkörper eines globalen Nervensystems“ bildet (vgl. Braun 2/2012, S.308), bleibt diese von von Braun nicht weiter ausgeführte Differenzierung zwischen unsichtbarer Hand und Hysterie unverständlich.

Möglicherweise geht es von Braun dabei um eine Unterscheidung zwischen Industriekapitalismus (unsichtbare Hand) und Finanzkapitalismus (Hysteria). Ich selbst werde aber in meinen folgenden Ausführungen nicht davor zurückschrecken, aufgrund der Parallelen in den lebensweltlichen Funktionsmechanismen und massenpsychologischen Effekten die unsichtbare Hand und die Hysteria auf der gleichen begrifflichen Ebene anzusiedeln.

Der lebensweltliche „Schleier des Geldes“ verbirgt also vor allem eines: daß das Geld im modernen Finanzkapitalismus zum eigentlichen „Subjekt der Geschichte“ geworden ist, das das menschliche (männliche) Subjekt längst ersetzt hat, – ohne allerdings vollständig auf dieses menschliche Subjekt verzichten zu können. Denn das von allen materiellen Werten losgelöste Geld des Finanzkapitals bedarf (Vgl. Braun 2/2012, S.338) – wie die Vampire des Blutes – des „Vermehrungstrieb(es)“ individueller „Kapitaleigner()“: „Um zum ‚Subjekt der Geschichte‘ zu werden, muss das Geld Subjekte dazu anregen, sich in seinen Dienst zu stellen und diesen Dienst als Freiheit, Autonomie und als Erfüllung des ‚Ich‘ zu erleben.“ (Braun 2/2012, S.185)

Von Braun denkt bei den dem Finanzkapital dienenden Funktionären nur an die Trader. Mir aber drängen sich noch andere dienstbare Geister auf: die Konsumenten. Wenn wir es beim Finanzkapital nicht mehr mit einem Marktkapitalismus zu tun haben, so haben wir es hier sicher auch mit einer neuen Form des Konsums zu tun, der von jeder Bedürfnisbefriedigung losgelöst ist. Bildet die von Schumpeter beschriebene kreative Zerstörung den inneren Motor des „kapitalistischen Prozesses“ aus „Vernichtung und Innovation“ und besteht hier tatsächlich ein Zusammenhang mit „dem christlichen ‚Kreuzes-Paradox‘, bei dem ein und dasselbe Zeichen Untergang und Auferstehung symbolisiert“ (vgl. Braun 2/2012, S.216), so liegt hierin auch eine mögliche Erklärung für das Phänomen des „Shoppings“, das nicht mehr einfach nur als eine beliebige Form der Freizeitbeschäftigung zu verstehen wäre, sondern als ein religiöser Kult: wir gehen nicht shoppen, um zu konsumieren, sondern um wegzuwerfen, d.h. zu opfern. Wenn etwa in der Damenwelt bei offiziellen Anlässen ein Kleid zweimal getragen wird, gilt das schon als peinlich (sündhaft).

So wie man früher Opfertiere kaufte, um sie dem Gott zu opfern, so kaufen wir Konsumprodukte, um sie wegzuwerfen. Jenseits von „Transzendenz“ und „mystischem Glanz“ bildet also die Müllhalde den Altar des Finanzkapitalismus und bringt auf augenfällige Weise seinen autodestruktiven Nihilismus zum Ausdruck. Auch die Handlungen während des Shoppings, das An- und Ausziehen von Kleidungsstücken, die prüfenden Blicke in den Spiegel, symbolisieren dann  – ähnlich wie Brot und Wein – eine Form der Verwandlung. Wenn sich dann der Kapitalismus tatsächlich irgendwann ‚kreativ‘ in einen Sozialismus verwandeln sollte, wäre das abermals eine – subjektlose – creatio ex nihilo.

Um die menschlichen Subjekte dem finanzkapitalistischen Vermehrungsinteresse restlos unterwerfen zu können, müssen diese Individuen sich also als frei und als autonom erleben können. Genau dieses Gefühl scheinbarer Selbstverwirklichung bezeichnet von Braun als „Schleier des Geldes“. Ähnlich wie bei der „unsichtbaren Hand“ sorgt also der „Schleier des Geldes“ dafür, daß sich egoistische Individuen für das ‚Gemeinwohl‘ des Finanzkapitals einsetzen bzw. ‚opfern‘. Der einzige Ausweg aus diesem Verhängniszusammenhang besteht wie bei Blumenberg in einer Autodestruktion: der kreativen Selbstzerstörung und dem letztlich unvermeidbaren Übergang des Finanzkapitalismus in einen wie auch immer gearteten Sozialismus.

Die Wirkungsweise der ‚unsichtbaren Hand‘ wird von von Braun dabei mit Formulierungen beschrieben, die an die Komplexitätsforschung erinnern, so daß man den Eindruck erhält, daß wir es beim nominalistischen Geld mit einer Schwarmintelligenz zu tun haben. (Vgl. Braun 2/2012, (Vgl. Braun 2/2012, S.302f., 307f. 323-326, 336ff.) Gerade die elektronische Form des Geldes scheint eine Art von „Boids“ (vgl. meinen Post vom 02.08.2011) zu bilden, die die verborgenen Evolutionsprozesse (Finanzströme) des nunmehr unsichtbaren Geldes visualisieren: „Diese Finanzströme kann man nicht mehr sehen. Aber es gibt Chartanalysen, die den Kursverlauf von Aktien, Zinsen und Währungen visuell darzustellen versuchen und einen berechenbaren Verlauf vortäuschen.“ (Braun 2/2012, S.257)

Diese Formulierung kommt schon nahe an das heran, was ich in einem Post vom 31.08.2011 als „narrative Mathematik“ bezeichnet habe. Von Braun spricht tatsächlich auch von „Visualisierungstechniken“ und „bildgebenden Verfahren“, als ginge es um die computergraphische Darstellung von Schwarmverhalten: „An sich lassen sich Derivatkonstruktionen und Transaktionen in Sekundenbruchteilen empirisch kaum beobachten; um so mehr sind sie auf ‚mediale Repräsentationen‘ angewiesen.“ (Braun 2/2012, S.257) – Kurz gesagt: was für die Komplexitätsforschung gilt, die es ohne die Computertechnologie gar nicht gäbe, gilt so auch für das Finanzkapital.

An dieser Stelle wird eine weitere Parallele sichtbar: die Parallele zwischen Schwarmintelligenz und Derridas „différance“. Wenn von Braun mit Manuel Castells im Anschluß von „integrierten globale(n) kapitalistische(n) Neztwerk(en)“ und einem „gesichtslosen kollektiven Kapitalismus, der aus Finanzströmen besteht, die durch das elektronische Netzwerk in Gang gehalten werden“, von der „Möglichkeit“ spricht, „dass die Zeichen untereinander kommunizieren“ (vgl. Braun 2/2012, S.222), und wenn sie danach weitere Seiten den „sich selbst reproduzierenden Zeichen“ (vgl. Braun 2/2012, S.223-237) widmet, dann gewinnt man den Eindruck, daß sich Differenz in „différance“ verwandelt, als einem Synonym für Digitalisierung. (Vgl. zur Differenz und zur différance meinen Post vom 07.07.2011)

Hinsichtlich dieser sich selbst reproduzierenden Zeichen bedarf es des „Bindeglied(s) Mensch“ (Braun 2/2012, S.222) nicht mehr.  Ob wir also nun von ‚Lebenswelt‘ oder von ‚Schwarmintelligenz‘ sprechen, macht hinsichtlich der Entthronung des Menschen als Subjekt der Geschichte keinen Unterschied: „Das Geld ist Subjekt, weil es eine Eigendynamik hat, die kein Subjekt durchschaut, geschweige denn beherrscht. Das gilt auch für die, die bei diesem Prozess Geld machen.“ (Braun 2/2012, S.263)

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Kommentare:

  1. „...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22) ... Er hatt vollkommen recht, denn wir sind alle eigentlich ein Unedliches Bewustsein, und wenn wir diesem ganzen Konsum und unsere auferlegten Gegsätze ablegen würden, würde wir auch wieder das sein was die Menschheit mal war. Dann können wir wieder unsere wirkliche Lebenswelt schaffen!!! Ich empfehle, sich david ickes vortrag in der schweiz anzuhören. Mfg. Jemand

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