Donnerstag, 9. Juni 2016

Adam Czirak/Gerko Egert (Hg.), Dramaturgien des Anfangens, Berlin 2016

(Neofelis Verlag, 26.00 €, Softcover, 276 S.)

(Adam Czirak / Gerko Egert, Dramaturgien des Anfangens. Einleitung, S.7-22; Gerald Raunig, Aller Anfang ist dividuell, S.23; Jörn Etzold, Rousseau und der Anfang des Theaters, S.35; Karin Harrasser, Fall in den Zeitkristall. Choreographien des Anfangens und Weitermachens, S.59; Julia Bee, Dramatisierungen des Anfangens. Die Intros von Homeland, True Blood und True Detective, S.75; Christoph Brunner, Relationaler Realismus? Zur politischen Ästhetik der Dramatisierung, S.107; Heike Winkel, Jenseits von Tragödie und Farce. Neues politisches Kino in Russland und seine Popularisierung: Chto delat und Svetlana Baskova, S.131; Leena Crasemann, Leere Leinwand, weißes Blatt. Der Anfangsmoment künstlerischen Schaffens als topisches Bildmotiv, S.161; Matthias Warstat, Wie man Revolutionen anfängt. Lenin und das Agitproptheater, S.185-201; Krassimira Kruschkova, Performance für Anfänger. Nicht(s)tun, S.203; José Gil Tanz – Prolog, S.219; Erin Manning, Den nächsten Schritt beginnen, S.235; Sibylle Peters, Starting over. Der Unwahrscheinlichkeitsdrive. Ein Forschungsbericht, S.253)

Der Beitrag von Matthias Warstat, „Wie man Revolutionen anfängt“ (S.185-201), ist der dritte Beitrag des Herausgeberbandes, der politisches Theater im engeren Sinne thematisiert. Dabei befaßt sich Warstat mit dem Agitproptheater aus den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jhdts. und mit Lenins Konzept vom Berufsrevolutionär. Im Unterschied zu Heike Winkel, in derem Beitrag (S.131-159) es um eine kritische Auseinandersetzung mit dem historischen Avantgardeanspruch geht, affirmiert Warstat Lenins Avantgardebegriff uneingeschränkt. Zwar weist Warstat an einer Stelle darauf hin, daß man mit Alain Badiou zwischen einem individuellen und einem kollektiven Subjekt unterscheiden könne (vgl. Warstat 2016, S.194), aber anstatt in eine entsprechend differenzierende Erörterung einzusteigen, beläßt er es bei diesem kurzen Hinweis. Stattdessen ist durchgehend nur vom kollektiven Subjekt die Rede, mal als politisches Subjekt, das „mit Lenins Modell der Partei als einer revolutionären Avantgarde korrespondiert“ (vgl. Warstat 2016, S.186), mal einfach als reflexionslose Massenspontaneität (vgl. Warstat 2016, S.192).

Da stellt sich natürlich sofort die Frage nach dem Schwarmcharakter dieser Masse, wie ich ihn schon anhand des Beitrags von Christoph Brunner (S.107-129) diskutiert habe. Zwar fehlt es nicht an entsprechenden Attributionen in Warstats Beitrag; so ist z.B. von der „Emergenz“ klassenbewußten Handelns „im Sinne eines spontanen Entstehens revolutionärer politischer Effekte“ die Rede (vgl. Warstat 2016, S.192). Außerdem wendet sich Warstat zu Beginn und am Ende seines Beitrags gegen einen von ihm ausgemachten theaterwissenschaftlichen Mainstream, der Begriffen wie „Öffnung“ und „Unterbrechung“ als einer Hauptfunktion des Theaters das Wort redet (vgl. Warstat 2016, S.185 und S.199), Begriffe die auf die Reflexivität des Publikums setzen und ein Theater meinen, das zum Denken anregen will. Solcher subjektiven Reflexivität setzt Warstat mit Lenin das autoritäre Denken des Parteikaders entgegen: „Hinter der suggestiven Form der Agitproprevuen steht der Wunsch nach einem Theaterpublikum, das bereit ist, sich in eine Bewegung ‚einzureihen‘ wie in eine straff organisierte Kaderpartei.“ (Warstat 2016, S.200)

Aber genau diese kollektiv-zentralistische Organisationsform von Reflexivität, der das Handeln der politischen Masse nur noch zu folgen braucht – „Der Anfang ist gemacht – das Handeln kann sofort beginnen.“ (Warstat 2016, S.200) – unterscheidet dieses politische Subjekt von der affektiven „Resonanz“ der pluralen Singularitäten, von denen Brunner spricht. Auch wenn Warstats Massensubjekt idealerweise nur tut, was das Agitproptheater ihm ‚sagt‘ (vgl. Warstat 2016, S.200), so ist dieses ‚Handeln‘ doch gerade deswegen keineswegs reflexionslos. Die Reflexion wird lediglich zentralisiert und stellvertretend von anderen erledigt.

Warstat wendet sich deshalb auch gegen den „Vorwurf des ‚naiven Optimismus‘“, der gegen das Agitproptheater gerichtet wird. (Warstat 2016. S.196) Das Agitproptheater, argumentiert Warstat, beruht auf einer „antagonistischen Sicht der Gesellschaft“ und kann deshalb nicht als naiv bezeichnet werden. (Vgl. Warstat 2016.  S.197) Das ist natürlich richtig. Das Agitproptheater ist keineswegs naiv. Dafür ist es das politische Kollektivsubjekt, „das bereit ist, sich in eine Bewegung ‚einzureihen‘“, um so mehr. Denn dieser Bereitschaft geht keine eigene Reflexionsleistung voraus.

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