Mittwoch, 3. Februar 2016

Henning Mankell, Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein, Wien 2015 (2014)

1. Treibsand im Stundenglas
2. Testamente
3. Kinder
4. Frauen
5. Wahlfreiheit
6. Technik

Mit sechzehn Jahren entscheidet sich Mankell für die Schriftstellerei – und daß er nicht mehr in die Schule zu gehen braucht. Außerdem will er für einige Zeit in Paris leben. Als er seinem Vater seine Pläne mitteilt und sich auch nicht von ihm von seinen Plänen abbringen läßt, hört er, wie sein Vater nachts in seinem Zimmer unruhig hin und her wandert und keinen Schlaf findet. Da wird ihm bewußt, was er ihm antut und wie sehr sich sein Vater um ihn sorgt: „Ich fragte mich, wie ein Mensch sich freiwillig dafür entscheiden konnte, Kinder zu haben.“ (Mankell 2015, S.125)

Der sechzehnjährige Mankell wird sich zu diesem Zeitpunkt des Bruchs zwischen den Generationen bewußt. Die Eltern tun alles, um ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Es soll ihnen besser gehen, d.h. sie sollen eine Überlebenstradition fortsetzen, deren Subjekt die Familiengemeinschaft bildet. Die Eltern projizieren all ihre Liebe und Sorge um ein gutes, glückliches Leben auf ihre Kinder und sind dabei zu allen möglichen Opfern bereit. – Und dann entscheiden sich die Kinder einfach, einen anderen Weg zu gehen.

Mankells Vater ist tief getroffen. Aber er liebt seinen Sohn mehr als seine Wünsche und Hoffnungen und läßt ihn gehen. Sein Sohn wiederum hat von nun an ein gebrochenes Verhältnis zu Kindern.

Henning Mankell berichtet in aller Offenheit, wie er bei zwei Gelegenheiten, selbst die Verantwortung für ein eigenes Kind zu übernehmen, seine Freundinnen dazu drängt, abzutreiben: „Die schwersten Wahlsituationen, vor die ich in meinem Leben gestellt wurde, waren zwei Abtreibungen. Beide Male übte ich Druck aus, damit die Frauen sich für den Schwangerschaftsabbruch entschieden. Selbstverständlich war es am Ende ihre Wahl, ihr Entschluss. Aber heute denke ich zuweilen, dass meine Einflussnahme zu weit ging. Ich machte es auf unterschiedliche Weise zu meiner Entscheidung, obwohl es immer die Frau sein sollte, die über ihrem Körper bestimmt.“ (Mankell 2015, S.130)

So gesellen sich die beiden ungeborenen Kinder zu den anderen toten Kindern, von denen Mankell berichtet, die keine Chance bekamen, ihr Leben zu leben. Auf einem Familienporträt aus dem 17. Jhdt. wird eine Familie mit fünfzehn Kindern abgebildet, von denen einige bereits verstorben sind. Die toten Kinder werden im Hintergrund, halb verdeckt von den lebenden Kindern, dargestellt. (Vgl. Mankell 2015, S.20ff.) Für Mankell vereinigt dieses Bild den Doppelaspekt der menschlichen Existenz, die Hoffnung auf Leben und Zukunft und das Scheitern an den tragischen Lebensbedingungen. (Vgl. Mankell 2015, S.22)

Diese Ambivalenz prägt auch Mankells eigenes Verhältnis zu Kindern. Ungeachtet der beiden Abtreibungen sucht er bei seinen verschiedenen Afrikaaufenthalten immer wieder den Kontakt zu Straßenkindern und versucht ihr Leben zu verstehen und ihnen zu helfen. (Vgl. Mankell 2015, S.217) Möglicherweise ist das der Grund, daß sich sein Verständnis vom Kindsein radikal verändert. Bei all seinen Beobachtungen von Menschenschicksalen fällt ihm vor allem immer wieder die tiefe Tragik der menschlichen Existenz auf, als deren wesentliches Moment er die Todesangst ausmacht: „Die Katzen, die ich in meinem Leben gehabt habe, wussten nichts von ihrem Tod. Sie wussten nicht einmal, dass sie lebten. Sie waren einfach da, Tag um Tag, jagend, faulenzend, miauend. Unser menschliches Ich ist nichts anderes als das Wissen um unsere Sterblichkeit. Wer sich seine Angst vor dem Unbekannten eingesteht, begreift, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Im Grunde ist unser Dasein eine Tragödie. Ein Leben lang trachten wir danach, unsere Kenntnisse, unser Wissen und unsere Erfahrungen zu vermehren. Doch letzten Endes wird sich alles in Nichts auflösen.“ (Mankell 2015, S.120)

Doch Mankell ist sich sicher, daß die reine Sorge ums Überleben nicht der eigentliche Grund für den unbedingten Lebenswillen sein kann, den er überall findet, gleichgültig wie sehr die Menschen leiden. Es muß etwas Positives sein, ein Glücksverlangen, eine Hoffnung auf Lebensfreude, die uns am Leben erhält: „Wir können so viele Überlebensstrategien entwickelt haben, wie wir wollen, aber die elementare Kraftquelle, die uns erfolgreich macht, sind unsere Lebenlust und Lebensfreude. Wenn man diese mit einer ständig lebendigen Neugier und Wissbegierde paart, erhält man ein Bild der vollkommen einzigartigen Fähigkeit des Menschen.“ (Mankell 2015, S.210)

Den reinsten Ausdruck dieser Lebensfreude findet Mankell im spielenden Kind. Das spielende Kind – nicht der Familienegoismus – ist der wahre Grund dafür, sich für Kinder zu entscheiden: „Das Kind ist wie eine Insel in einem Meer, in dem die Dünung an den Strand rollt. Es existieren keine dunklen Wolkenfelder, keine Bedrohungen, keine Angst und kein Schmerz. Das Leben ist nur ein einziges angenehmes Erlebnis von Spiel und Summen. ... Das summende Kind sitzt immer da, am Strand oder im Garten oder auf dem Bürgersteig, spielend und wortlos singend. Es gibt keine Menschlichkeit oder irgendeine Zivilisation ohne dieses summende Kind.“ (Mankell 2015, S.212f.)

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen