Dienstag, 13. Oktober 2015

Frans de Waal, Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote, Stuttgart 2015 (2013)

(Klett-Cotta, 365 S., gebunden, 24,95 €)

1. Methode I
2. Methode II
3. Monopole
4. Emotion und Kognition
5. Empathie und Altruismus
6. Gut, Böse und die Natur des Menschen
7. Moralität
8. Sex (und Liebe)

De Waals Bemerkungen zu der Funktion, die der Sex in der Bonobo-Gesellschaft innehat, haben mich besonders interessiert. Sie haben mich veranlaßt, über den Sex in unserer eigenen Kultur nachzudenken. Aber zunächst zum Text von de Waal: Da gibt es zunächst den Unterschied der Geschlechter. Anders als bei den Schimpansen bleiben die jungen Männer in der Bonobo-Gesellschaft bei ihrer Gruppe, wohingegen die jungen Frauen ihre Gruppe verlassen und sich einer anderen Bonobogruppe anschließen. (Vgl.de Waal 2015, S.23)

Die Bindung der jungen Männer an die Gruppe, in die sie hineingeboren wurden, ist über ihre Mütter vermittelt. Sie sind, getrennt von ihren Müttern, völlig desorientiert und überlebensunfähig. In Zoos wurde aber früher mit Bonobos ähnlich verfahren wie mit Schimpansen: wenn Individuen zwischen den Zoos ausgetauscht wurden, dann immer die männlichen. Das hat sich inzwischen geändert: „Da die Trennung von Müttern und Söhnen eine schützende Bindung zerstörte, werden sie (die Bonobomänner und ihre Mütter) nun meist zusammen gehalten.“ (De Waal 2015, S.91) – Auch zwischen den Zoos werden jetzt vor allem die Bonobofrauen ausgetauscht.

Wenn junge Bonobofrauen sich einer fremden Gruppe anschließen, werden sofort enge Kontakte zu den anderen Frauen in der Gruppe geschlossen. De Waal spricht in diesem Fall von „sekundärer Schwesternschaft“, weil wir es hier mit keinem Verwandtschaftsverhältnis zu tun haben: „Ich nenne sie (die Schwesternschaft – DZ) ‚sekundär‘, weil die Bindung der Frauen nicht auf Verwandtschaft beruht. Da sie diejenigen sind, die in andere Gruppen imigrieren, sind Verwandtschaftverhältnisse unter weiblichen Gruppenmitgliedern sehr selten.“ (De Waal 2015, S.111)

De Waal hat ein interessantes Wort für diese Form der weiblichen Dominanz in der Bonobo-Gesellschaft: „Gynaikokratie“. (Vgl. de Waal 2015, S.111) Mit diesem Wort differenziert er zwischen zwei Formen der weiblichen Dominanz: einer auf Verwandtschaftsverhältnissen beruhenden Herrschaft der Mütter, dem Matriarchat, und einer auf Freundschaftsbeziehungen beruhenden Herrschaft der Frauen, eben der Gynaikokratie.

Der erste Kontakt zwischen den Frauen einer Gruppe und der Neuen verläuft, wie üblich bei Bonobos, über Sex, denn gleichgeschlechtlicher Sex wird bei ihnen genauso häufig und gern praktiziert wie zwischen den Geschlechtern: „Es geht nicht in erster Linie um Befriedigung, und auch die Fortpflanzung ist nur eine von vielen Funktionen. Das erklärt auch, warum Bonobos in den verschiedensten Partnerkombinationen Sex haben.“ (De Waal 2015, S.100)

Dabei haben Bonobo-Frauen auch mit ihren Müttern Sex. Der einzige Sex, der nicht praktiziert wird, besteht im Sex zwischen den Söhnen und ihren Müttern:
„Bei Bonobos wird Sex zwischen Vätern und Töchtern dadurch verhindert, dass die Frauen mit dem Erreichen der Geschlechtsreife die Geburtsgruppe verlassen und sich benachbarten Gemeinschaften anschließen. Zwischen Müttern und Söhnen gibt es überhaupt keinen Sex, obwohl der männliche Nachwuchs bei der Mutter bleibt und mit ihr umherzieht. In der Bonobo-Gesellschaft bilden Mütter und Söhne die einzige Partnerkombination, in der es zu keinen sexuellen Kontakten kommt, und das ganz ohne kulturelle Tabus.“ (De Waal 2015, S.101)
Sex wird in der Bonobo-Gesellschaft bei so vielen verschiedenen Gelegenheiten praktiziert, daß er etwas völlig Alltägliches ist: „... je länger man Bonobos beim Sex beobachtet, umso mehr erinnert er an Alltagsaktivitäten wie E-Mails lesen, Naseputzen oder ‚Hallo‘ sagen.“ (De Waal 2015, S.99f.)

Es hat für meine Ohren etwas Genantes, wenn de Waal von seinen ‚Beobachtungen‘ spricht: Anderen beim Sex zuschauen, sowas tut man nicht! – Das ist wohl auch ein Grund – neben der offensichtlichen Promiskuität der Bonobos –, warum andere Forscher den Bonobo-Sex als etwas Verächtliches empfinden: „Bei Diskussionen über diese Multifunktionalität sexueller Handlungen wird immer wieder deutlich, dass Bonobos die Menschen in zwei Lager spalten: Manche verachten sie regelrecht, andere lieben sie. Die Abneigung hat etwas mit althergebrachten Ansichten über männliche Hierarchien, Territorialverhalten und Gewalt in der menschlichen Evolution zu tun.“ (De Waal 2015, S.100)

Aufgrund dieser „althergebrachten Ansichten“ haben viele männliche Forscher mehr für den Sex übrig, den Schimpansen praktizieren, der insgesamt viel hierarchischer organisiert und territorialer, also besitzergreifender ist als der Bonobosex. (Vgl. de Waal 2015, S.112f.) Auch de Waal selbst „glaubt“, wie er schreibt, nicht an die „freie Liebe“; zumindestens nicht, was den männlichen Teil der menschlichen Gesellschaft betrifft:
„Was die Gemeinsamkeiten mit unseren haarigen Vettern betrifft, so lassen sich am ehesten Parallelen zwischen Männern und Schimpansen ziehen. ... Diese Spannung zwischen Zusammenhalt und Rivalität ähnelt der von Männern in Sportmannschaften oder Unternehmen. Das Konkurrenzverhalten unter Männern ist sehr stark ausgeprägt ...“ (De Waal 2015, S.112f.)
Andererseits verweist de Waal selbst auf menschliche Kulturen, in denen der Sex anders praktiziert wurde, mehr wie bei den Bonobos. Als Captain Cook mit seinen Männern im 18. Jhdt. auf Hawaii landete, trafen sie „auf die ‚verderbten‘ und ‚zügellosen‘ Ureinwohner ..., die angeblich keine sexuellen Tabus kannten“:
„Ob diese verächtliche Beschreibung den Tatsachen entsprach, sei dahingestellt, aber offenbar nahmen weder die Ureinwohner selbst noch die britischen Landungstrupps Schaden daran – in meinen Augen der einzige Grund, um einen bestimmten Lebensstil abzulehnen. Was wir wissen, ist, dass hawaiischen Kindern damals durch Massagen und orale Stimulation die Lust an ihren Genitalien beigebracht wurde. Nach Milton Diamond, Sexualforscher an der Universität von Hawaii, wurde zwischen elterlichem und vorehelichem Sex kein Unterschied gemacht ...“ (De Waal 2015, S.242f.)
Spätestens an dieser Stelle, wo von der sexuellen Stimulation von Kindern durch Erwachsene die Rede ist, beginnt ein heutiger Durchschnittsmitteleuropäer wie ich hellhörig zu werden: von Kindesmißbrauch war schließlich in den letzten Jahren oft genug die Rede gewesen, und wenn es um die Eliminierung von kinderpornographischen Erzeugnissen in den sozialen Netzwerken geht, erweisen sich die vorhandenen Strukturen als sehr effektiv, wohingegen die Eliminierung von Haß- und Schmutzkampagnen weit weniger erfolgreich ist.

Hier stellen sich mir einige Fragen, die mich ganz persönlich betreffen. Ist unser Sex so sehr mit Machtausübung und mit Territorialverhalten (Inbesitznahme) verbunden, daß wir nicht mehr in der Lage sind, zwischen Sex und Macht zu unterscheiden? Erleben vielleicht Kinder den Sex vor allem deshalb als Mißbrauch, weil die Erwachsenen sie auf diese Weise in Besitz nehmen, also mit Kant gesprochen, zu bloßen Mitteln der eigenen Selbstbefriedigung herabsetzen, anstatt sie in ihrer Selbstzweckhaftigkeit zu respektieren?

Ich möchte diesen Post mit drei Fragen zum Zusammenhang von Sex, Macht und Liebe beenden, von denen ich nicht weiß, ob sie mir irgendjemand wird beantworten können:
  • Wie kann man verliebt sein, ohne die/den Geliebte(n) für sich allein haben zu wollen?
  • Wie kann man verliebt sein, ohne zurückgeliebt werden zu wollen?
  • Wie kann man Sex haben, ohne verliebt zu sein?

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