Samstag, 10. Oktober 2015

Frans de Waal, Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote, Stuttgart 2015 (2013)

(Klett-Cotta, 365 S., gebunden, 24,95 €)

1. Methode I
2. Methode II
3. Monopole
4. Emotion und Kognition
5. Empathie und Altruismus
6. Gut, Böse und die Natur des Menschen
7. Moralität
8. Sex

Es ist fast schon zu einer gewissen Tradition geworden, wenn man über Altruismus diskutiert, auf Spitzfindigkeiten zurückzugreifen. So wird immer wieder gerne darauf hingewiesen, daß auch Altruisten letztlich doch Egoisten seien, denn sie tun schließlich auch nichts anderes, als ein Bedürfnis zu befriedigen, nämlich: zu helfen. De Waal hält dagegen: „Obwohl diese Sichtweise nicht ganz falsch ist, weicht sie die Unterscheidung von Egoismus und Altruismus völlig auf. Wenn es gleichermaßen egoistisch ist, alles, was auf dem Tisch steht, selbst zu essen, oder es mit einem hungrigen Fremden zu teilen, ist auch die Sprache hinfällig.“ (De Waal 2015, S.78) – Anders ausgedrückt: Wenn jeder Altruismus auf einen Egoismus hinausläuft, macht nicht nur das Wort ‚Altruismus‘, sondern auch das Wort ‚Egoismus‘ keinen Sinn mehr.

Zu der Vorstellung, daß man sich nicht gut dabei fühlen dürfe, moralisch zu handeln, hat auch Immanuel Kants Moralphilosophie beigetragen: Wer seinem Freund hilft, tut es nur aus Neigung, und er darf seine Handlungsweise deshalb nicht als moralisch bezeichnen. Schon Schiller, ansonsten ein überzeugter Kantianer, hat gegen diese Vorstellung polemisiert. Ich werde in einem späteren Post nochmal darauf zurückkommen. Für Evolutionsbiologen scheint die Sachlage jedenfalls klar zu sein: Altruismus kommt in der Natur nicht vor. Er vermindert die Überlebenschancen der Individuen, und altruistisches Verhalten wird deshalb normalerweise ausselektiert. De Waal nennt das die „Altruismus-schadet-Hypothese“. (Vgl. de Waal 2015, S.73)

De Waal selbst hält dieser Hypothese die „Altruismus-fühlt-sich-gut-an-Hypothese“ entgegen. (Vgl. de Waal 2015, S.75) Altruismus schadet den Individuen nicht nur nicht, sondern sie gehört zu den Dingen, „die wir tun müssen“, wie Essen, Trinken und Sex, und die deshalb „Freude bereiten“. (Vgl. ebenda)

Sich um den anderen kümmern bildet letztlich nur eine Form des sich um sich selbst Kümmerns: Patricia Churchland, eine kanadische Philosophin, „hat zu Recht eine Kontinuität gesehen zwischen der Art und Weise, wie wir uns um unseren eigenen Körper, um unsere Kinder und um nahestehende Personen kümmern.“ (Vgl. de Waal 2015, S.76)

So hat Churchland, die außerdem auch Neurowissenschaftlerin ist, herausgefunden, daß Eltern ihre Kinder als „zusätzliche Gliedmaßen“ ihres eigenen Körpers wahrnehmen. Alles was den Kindern widerfährt, widerfährt den Eltern selbst: „Der neuronale Schaltkreis, der die eigenen Körperfunktionen des Organismus reguliert, wurde so umorganisiert, dass er die Bedürfnisse der Sprösslinge mit einschließt, als wären sie zusätzliche Gliedmaßen.“ (De Waal 2015, S.74) – Das erinnert mich an andere neurowissenschaftliche Experimente, in denen demonstriert wird, wie die Probanden subjektive Empfindungen auf künstliche Gliedmaßen projizieren und sich angenehm berührt fühlen, wenn diese Gliedmaßen gestreichelt werden, und Schmerz empfinden, wenn sie mit Nadeln gestochen werden. Im Grunde kann das jeder Handwerker bestätigen, der seine Werkzeuge ebenfalls als Verlängerungen seiner Arme und Hände empfindet.

De Waal schlußfolgert daraus, daß „(u)nser Gehirn ... so angelegt (ist), dass die Grenze zwischen uns selbst und anderen verschwimmt.“ (Vgl. de Waal 2015, S.77) – Wenn ich auch sonst immer gerne gegen die Neurowissenschaften polemisiere: gegen diese Formulierung habe ich nichts einzuwenden. Erfreulicherweise wird das Gehirn hier mal nicht als Handlungssubjekt inszeniert.

Grundsätzlich hält de Waal jedenfalls fest, daß wir es beim Altruismus nicht mit einem genetischen Programm zu tun haben, sondern mit Psychologie: „Der Weg von den Genen zum Verhalten verläuft alles andere als geradlinig, und die Psychologie, die Altruismus hervorbringt, verdient ebenso viel Aufmerksamkeit, wie die Gene.“ (De Waal 2015, S.51) – Das darf man sicher auch so verstehen, daß die Verhaltensebene nicht nur über Gene, sondern auch über neurophysiologische Daten hinausgeht und die Gehirnfunktionen diese Verhaltensebene auf plastische Weise unterstützen.

De Waal unterscheidet verschiedene Formen des Altruismus. An einer Stelle ist auch vom „reziproken Altruismus“ (de Waal 2015, S.49) die Rede, was an den Mutualismus von Michael Tomasello erinnert (vgl. meinen Post vom 08.06.2012). Damit ist eine Gegenseitigkeit des Helfens gemeint, ein Austausch von wechselseitigen Hilfeleistungen, bei dem wir immer schon in Betracht ziehen, daß wir für unsere Hilfsbereitschaft etwas zurückbekommen. Ansonsten aber unterscheidet de Waal vor allem zwischen verschiedenen vormenschlichen Formen des Altruismus, die mit dem Altruismus, wie ihn Primaten und Menschen praktizieren, nicht vermischt werden sollten:
„Empathie ist hauptsächlich ein Merkmal von Säugetieren, und der eigentliche Fehler war, dass die großen Denker alle möglichen Arten von Altruismus in einen Topf warfen. Da gibt es die Bienen, die für ihren Stock sterben, und die Millionen von Schleimpilzen, die einen einzelnen, kugelförmigen Organismus bilden, damit sich ein paar von ihnen fortpflanzen können. Diese Art von ‚Selbstlosigkeit‘ wurde mit der des Mannes gleichgesetzt, der sich in einen eisigen Fluss stürzt, um einen Fremden zu retten, oder mit der von Schimpansen, die mit einem jammernden, verwaisten Schimpansenkind das Futter teilen.“ (De Waal 2015, S.51)
Tatsächlich wird in der Altruismus-Debatte das ‚Verhalten‘ von Schleimpilzen, Ameisen und Bienen mit dem Verhalten von Menschen verglichen und auf eine Stufe gestellt. So sehr de Waal sich auch sonst immer für die Kontinuität in der Evolutionsgeschichte des Menschen einsetzt, wendet er sich an dieser Stelle doch dezidiert gegen solcherlei Kontinuitätsbehauptungen.

Trotz dieser Differenzierungen entgeht de Waal dabei aber die entscheidende Differenzierung, die sich eigentlich schon mit dem reziproken Altruismus angedeutet hätte. Es gibt einen Unterschied zwischen der individuellen und der Gruppenebene der Kooperation und damit auch des Altruismus. (Vgl. meine Posts vom 04.11.2014 und vom 24.08.2015) Altruismus auf der individuellen Ebene basiert auf dem von-Angesicht-zu-Angesicht, auf Blickkontakt. De Waal bringt hierzu ein Beispiel aus der Geschichte der ersten Begegnung einer Europäerin, von Königin Victoria, mit Menschenaffen im Zoo: „Königin Victoria empfand die Affen ‚auf schmerzliche und abstoßende Weise menschlich.‘()“ (De Waal 2015, S.141)

Warum diese Abscheu? Weil Victoria sich in diesen Menschenaffen wiedererkannte. Sie schaute sie an und sie schauten zurück: „Was einen da anschaut, ist weniger ein Tier als eine Persönlichkeit, die ebenso willensstark und eigensinnig ist wie man selbst.“ (De Waal 2015, S.149)

De Waal spricht diese individuelle Ebene noch an einer anderen Stelle an, wo er von der „‚One-to-one‘-Moralität“ spricht und sie von der Ebene der „soziale(n) Beziehungen“, der „Gemeinschaft“ unterscheidet. (Vgl. de Waal 2015, S.233) Hier macht er auch die bemerkenswerte Feststellung,  daß auf dieser Ebene das „Räsonnieren“ keine Rolle mehr spielt. (Vgl. ebenda) Steht mir der andere Mensch als ‚Du‘ gegenüber – ein ‚Du‘, das ich vor allem als ein mir selbst gleichendes ‚Ich‘ wahrnehme –, ist mein erster Impuls, mich mit ihm zu verständigen und ihm zu vertrauen, und wenn er Hilfe braucht, ihm zu helfen. Erst mein Versuch, mich von ihm abzuwenden und ihm Hilfe zu verweigern, erfordert von mir einen Begründungsakt. Erst jetzt beginne ich zu ‚räsonnieren‘.

Das ist auf der Gruppenebene ganz anders. Da herrschen „soziale Hierarchien“, die festlegen, was die einzelnen Gruppenmitglieder zu tun und zu lassen haben: „Eine soziale Hierarchie ist ein System, das nur mit der Unterdrückung von Impulsen funktioniert, und genau das hat den Weg für die menschliche Moralität geebnet, die nichts anderes ist als ein solches System. Impulskontrolle ist der Schlüssel zur Moral.“ (De Waal 2015, S.204) – Unsere ersten Impulse im Umgang mit unserem ‚Nächsten‘ werden also auf Gruppenebene unterdrückt. Hier zählt nicht das ‚Du‘ mir gegenüber, sondern das ‚Wir‘. Hier herrscht der reziproke Altruismus, der Mutualismus, vor.

Genau das wird aber von de Waal nicht weiter reflektiert. Obwohl er zwischen diesen beiden Ebenen unterscheidet, spricht er bezüglich dieser beiden Ebenen immer nur von ein und demselben Altruismus. Dabei entgeht ihm ein entscheidender Aspekt der Gruppenbildung. Gruppen konstituieren sich immer gegeneinander. Das ‚Wir‘ erkennt sich im ‚Ihr‘ der anderen nicht wieder, anders als das ‚Ich‘ im ‚Du‘. Im Verhalten anderen Gruppen gegenüber sind alle friedlichen Anlagen des Menschen, die ihn zu einem kooperativen Verhalten veranlassen, außer Kraft gesetzt. Kooperativ verhält er sich nur noch innerhalb der Gruppe, aber nicht mehr Mitgliedern der anderen Gruppe gegenüber. Es bedarf vielmehr einer Trennung von der Gruppe, einer Begegnung in einem neutralen Raum, um zwei gruppenfremden Individuen wieder einen unbefangenen Blickkontakt zu ermöglichen.

Es gibt eine weitere Stelle, an der de Waal dieser Einsicht durchaus nahe kommt. Da stellt er fest, daß empathisches Verhalten nicht immer nur ‚guten‘, also altruistischen Zwecken dient: „Ironischerweise erfordert selbst Folter Empathie, denn das gezielte Zufügen von Schmerzen setzt voraus, dass man weiß, was schmerzhaft ist.“ (De Waal 2015, S.184) – Folter aber, das sollte man eben auch wissen, findet seinen besten Nährboden auf Gruppenebene. Inklusion und Exklusion bestimmen darüber, ob Folter als legitimes Mittel der Auseinandersetzung mit abweichendem Verhalten gelten darf oder nicht.

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