Dienstag, 27. Oktober 2015

Axel Meyer, Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer, München 2015

(C.Bertelsmann, 416 S., gebunden, 19,99 €)

2. Methode I: Genauigkeit
3. Methode II: Polemik
4. Methode III: Korrelation
5. Geschlecht (Sex)
6. Intelligenz
7. Sinn des Lebens
8. Genom und Gehirn

Ich habe nichts gegen Polemik. Sie ist ein legitimes rhetorisches Mittel, um Standpunkte zu pointieren. Natürlich ist die Grenze zur Diffamierung des Gegners fliessend. Zur Polemik gehört deshalb immer auch ein guter Schuß an Selbstironie und vor allem Selbstkritik. Daran fehlt es aber bei Axel Meyer. Auf die Integrität und Objektivität des Wissenschaftsbetriebs läßt er nichts kommen: „Wir in Deutschland reagieren bei vielen Themen zu emotional, irrational und wissenschaftsfeindlich. Die Folge ist, dass zum Beispiel Biotechnologie, gentechnisch veränderte Pflanzen oder Kernkraft hierzulande negativ belegt sind.“ (Meyer 2015, S.260)

Für das beste Mittel gegen eine Ideologisierung der Wissenschaft hält Meyer nicht etwa Kritik und Selbstkritik, sondern im Gegenteil die völlig uneingeschränkte Forschungsfreiheit. Jede wissenschaftskritische Rückfrage ist nicht nur innovationsfeindliche „Bedenkenträgerei“ (Meyer 2015, S.260), sondern sogar – sollten sich auch Wissenschaftler als von solchen Bedenken infiziert erweisen – „Selbstzensur“ (Meyer 2015, S.17).

Selbstkritik ist also nicht Meyers Ding. Sein Versuch, sogar die Kritik an der Kernkraft der Wissenschaftsfeindlichkeit zu denunzieren, zeigt, wie wenig ihn die Korrumpierbarkeit der wissenschaftlichen Forschung durch die Verbindung mit Technologie und Wirtschaftsinteressen interessiert. Für ihn ist der Fortschritt des wissenschaftlichen Wissens, mit dessen Hilfe wir die „Welt um uns herum mit jedem Tag, an dem geforscht wird, ein bisschen besser verstehen“ (vgl. Meyer 2015, S.16), eine so unbestreitbare Tatsache, daß ihn der „Eindruck“ geradezu fassungslos macht, daß es da möglicherweise „einige Kulturwissenschaftler“ geben könnte, die „nicht an Fortschritt in der Wissenschaft glauben“ (vgl. Meyer 2015, S.359).

Von Unvoreingenommenheit und Ideologiefreiheit (vgl. Meyer 2015, S.16) kann bei Axel Meyer also keine Rede sein. In diesem Zusammenhang ist die Polemik, die Meyers Buch durchzieht, nicht etwa Ausdruck seiner Expertise als sachlicher Politikberater (vgl. Meyer 2015, S.364), sondern seiner eigenen ideologischen Voreingenommenheit. Denn was er den Genderstudies vorwirft – daß sie ihre wissenschaftliche Forschung mit der Durchsetzung einer „politische(n) Agenda“, nämlich der Abschaffung der Geschlechterdiskriminierung, verquicken (vgl. Meyer 2015, 351f.) –, trifft genauso auch auf ihn selbst zu, wenn er z.B. schreibt:  „Und ich finde, dass Kinder auch Väter brauchen, nicht nur Mütter – da sollte ein politischer Wandel ansetzen.“ (Meyer 2015, S.370) – Die Gleichwertigkeit von Vaterschaft und Mutterschaft: für diese ganz persönliche Agenda beruft er sich – ungeachtet der Größenunterschiede der Keimzellen, der Schwangerschaft und der frühkindlichen Ernährung (Stillen) – genauso auf seine wissenschaftliche Expertise wie die Genderstudies für die ihre.

Immer wieder spitzt Meyer einzelne Sachverhalte in polemischer Weise zu, so als ginge es dabei um unbezweifelbare Tatsachen, nur um diese Aussagen dann an anderer Stelle wieder zu relativieren. So hebt er z.B. die Schicksalshaftigkeit des genetischen Erbes hervor, das dem Menschen keine Freiheit läßt: „Die Genvarianten werden in jeder Generation neu gemischt. Die Natur hat es so eingerichtet, dass diese Mischung auf verschiedene Arten und Weisen stattfinden kann. Es gibt da keinen tieferen Sinn, es ist ein Faktum der Natur wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche.“ (Meyer 2015, S.14)

Meyer suggeriert in diesem wie auch im folgenden Zitat, daß die Kultur und das individuelle Verhalten des Menschen sich nicht auf seine biologische Verfaßtheit auswirken können: „Aber auch ein noch so gesunder Lebenswandel wird uns nicht retten können, wenn unsere Gene uns für eine Krankheit prädisponieren.“ (Meyer 2015, S.19)

Insbesondere unser Glaube an eine „gesunde() Ernährung“, so Meyer, sei angesichts der Bedeutung der Gene gegenstandslos. (Vgl. Meyer 2015, S.19) Dann aber heißt es an anderer Stelle dazu im Widerspruch, daß Jodmangel „sich sehr negativ auf die Intelligenz von Kindern“ auswirken könne: „... er kann den gemessenen Intelligenzquotienten um 10 oder sogar 15 Punkte senken.“ (Meyer 2015, S.69) – Wenn sich also einfacher Jodmangel sogar auf die Intelligenz, der Meyer bis zu 80 Prozent Erblichkeit bescheinigt, auswirkt, dann doch sicher auch gesunde Ernährung auf die genetische Disposition von Krankheiten!

An wieder anderer Stelle kommt Meyer dann auch auf den Einfluß der Epigenetik zu sprechen, die bedeute, „dass das Verhalten selbst die Genfunktion modifiziert.“ (Vgl. Meyer 2015, S.229) – Meyer weiß also sehr wohl, daß die Gene keineswegs ein „Faktum der Natur wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche“ bilden. Dennoch behauptet er es einfach mal so.

Seine Polemik läßt sich an folgender Textstelle sehr schön veranschaulichen: „[1] Intelligenztests wird immer wieder vorgeworfen, dass sie einen Bias, also Ungleichheiten oder Verzerrungen in sprachlicher, ethnischer, kultureller oder geschlechtsspezifischer Hinsicht enthielten. [2] Sicherlich ist es schwierig, einen Test zu entwickeln, der in allen diesen Aspekten vollkommen neutral und problemlos ist. [3] Aber man versucht es. ... [4] Die Literatur zum Thema Bias ist kaum überschaubar und kann hier nicht einmal nur annähernd komplett besprochen werden.“ (Meyer 2015, S.261; Numerierung von [1] bis [4] von mir)

Die Rhetorik in den ersten drei Sätzen in diesem Zitat ist bemerkenswert: anstatt einfach zuzugeben, daß Intelligenztests „Verzerrungen in sprachlicher, ethnischer, kultureller oder geschlechtsspezifischer Hinsicht“ enthalten, wird daraus zunächst [1] ein der Ideologie verdächtiger „Vorwurf“ gemacht. Dann [2] wird zugegeben, daß an diesem Vorwurf durchaus etwas dran ist. Und schließlich [3] wird betont, daß man immerhin versucht, diese Verzerrungen zu vermeiden. Damit ist das Problem zwar nicht gelöst, aber abgewiesen. Schlußendlich [4] wird das Problem vollends auf die ‚Literatur‘ verlagert, was einerseits noch einmal die zahlreichen Versuche bestätigt, das Problem zu begrenzen, und andererseits signalisiert, daß der Autor damit das Problem für erledigt hält.

Irgendwie nett gemacht ist es auch, wie Axel Meyer sich und die Naturwissenschaften gegenüber den Geisteswissenschaften positioniert. In einer eleganten sprachlichen Wendung trennt er den ‚Denker‘ vom ‚Dichter‘ und ordnet den ‚Denker‘ den Ingenieuren zu, wenn er von diesem „Lande“ spricht, und zwar eben nicht dem Land der Dichter und Denker, sondern „dem Land der Dichter und hoffentlich auch immer noch der Denker und Ingenieure“. (Vgl. Meyer 2015, S.17f.) Auf subtile Weise bringt Meyer damit zum Ausdruck, daß er den deutschen Dichtern kein ernstzunehmendes Denken zutraut, und irgendwie scheint er auch der Meinung zu sein, daß damit auch der wissenschaftliche Anspruch der Geistes-‚Wissenschaften‘ fragwürdig ist, wie er an anderer Stelle dezent andeutet: „Deshalb halte ich auch den Begriff ‚Humanities‘, wie er im angelsächsischen Raum verwendet wird, für viel passender als das im deutschsprachigen Raum verwendete Wort ‚Geisteswissenschaft‘.“ (Meyer 2015, S.359)

Da wundert es einen schon nicht mehr, wenn Axel Meyer die wissenschaftliche Rationalität vor allem bei den „autobauenden Ingenieure(n)“ verortet. (Vgl. Meyer 2015, S.364) Denken und Auto fahren haben – ganz ideologiefrei selbstverständlich – ja schon immer so viel gemeinsam.

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Kommentare:

  1. Und Andererseits hat Dietrich Schwanitz auch behauptet, Naturwissenschaft wäre keine Bildung...
    Das Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft eigentlich zusammen gehören und schon im Ursprung ja verknüpft sind, wird immer noch oft übergangen, von beiden Seiten.

    Selbst wenn Mütter ihre Kinder stillen, finde ich es trotzdem wichtig, dass Väter zumindest erziehungstechnisch bei Kindern involviert sein sollten. Nicht unbedingt der biologische Vater, aber wenigstens eine Vaterfigur sollte da sein. Meinetwegen hat eine Mutter einen größeren Anteil an mir. Ich finde, Mütter sind meistens sowieso schon sehr besitzergreifend, was ihre Kinder angeht. Also, für mich als Jugendliche ist das schon so anstrengend, da sollte man sie nicht noch bestärken :D und ohne meinen Vater wäre ich nicht die Person, die ich bin.

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  2. Natürlich denke ich auch, daß Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft zusammengehören. sonst würde ich mich nicht ständig mit den Naturwissenschaftlern rumärgern.

    Da wir beim Menschen nunmal grundsätzlich zwei Geschlechter haben – zumindestens auf der phänomenalen Ebene; und diesen offensichtlichen Unterschied lasse ich mir auch nicht ausreden –, bin ich auch der Meinung, daß Kinder, die zweigeschlechtlich aufwachsen (Kinder unterscheiden immer grundsätzlich zwischen Mädchen und Jungs und zwischen Frauen und Männern), auch Väter brauchen, um ihre eigene Identität ausbilden zu können. Auf der Ebene der ‚Brutpflege‘ haben die Frauen einfach die größere Last zu tragen, und der Vater steht da doch eher am Rande. Deshalb sollte er sich – zumindestens biologisch – nicht so wichtig nehmen.

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