Sonntag, 4. Januar 2015

Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M. 1986

1. Politik und Subpolitik
2. Polarisierungen

Am 1. Januar starb der Soziologe Ulrich Beck an den Folgen eines Herzinfarkts. Ich habe sein Buch „Risikogesellschaft“ (1986) erst mit großer zwanzigjähriger Verspätung gelesen, obwohl mir dieser Begriff die ganze Zeit über geläufig gewesen war, wie ‚Kindergarten‘ oder ‚Altersvorsorge‘. Kaum ein von einem einzelnen Autor geprägter Begriff ist so sehr zu einem Teil der Alltagssprache geworden wie die untrennbar mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verbundene „Risikogesellschaft“.

Meine verspätete Lektüre hatte immerhin den Vorteil gehabt, daß ich die letzten zwanzig Jahre seit dem Erscheinen von Becks Buch bei meiner Erstlektüre unmittelbar präsent hatte und nun mit großem Staunen zur Kenntnis nehmen konnte, wie präzise Beck 1986 gesellschaftliche Entwicklungen bis ins Detail vorweg genommen hatte. Mir erschien es so, als hätte Beck sein Buch gerade erst geschrieben, in voller Kenntnis der politischen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre.

Ich machte mich sogleich daran, Seminare zu Becks „Risikogesellschaft“ vorzubereiten, und ich konfrontierte die Studenten mit der Notwendigkeit, ihr eigenes Studium als Teil einer Lebensplanung, die berufliche Karrieren umfaßt, grundlegend in Frage zu stellen. ‚Bildung‘, so meine Schlußfolgerung aus Becks Analysen zur Risikogesellschaft, kann nicht länger als Garant für eine berufliche Karriereplanung gelten. Jeder Einzelne von uns nimmt an einem Lotteriespiel teil, in dem die Erfolgschancen nach dem Zufallsprinzip verteilt werden. Schule und Universität versuchen nur, mehr schlecht als recht, die Teilnahmebedingungen an diesem Lotteriespiel möglichst gerecht zu gestalten. Am Ende entscheidet aber nicht die Bildung, sondern der Zufall.

Mitten in der durch „Bologna“ bewirkten Umbauphase der klassischen deutschen Bildungsuniversität zu einem stromlinienförmigen Ausbildungsbetrieb, der die Studenten mit dem Versprechen in seine Einrichtungen lockt, sie möglichst schnell und effektiv auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, kamen meine Seminare bei den Studenten  – insbesondere an einem Standort, der frühzeitig alle klassischen Studiengänge der Lehrerausbildung und des Diplom radikal abgeschafft hatte – allerdings nicht so gut an. BA und MA standen für eine gesellschaftliche Aufbruchsstimmung, und ich war der Miesmacher.

Ulrich Beck verband die Wissenschaftskritik mit Gesellschaftskritik. Die Wissenschaft war für ihn nicht einfach nur eine Forschungseinrichtung, die Grundlagenforschung betreibt oder die Wirtschaft mit technologischen Innovationen versorgt. Tatsächlich stellte er den bisherigen Wissenschaftsbetrieb grundsätzlich dadurch in Frage, daß er den Autoritätsanspruch der Wissenschaft kritisierte. Diese ‚autoritäre‘ Wissenschaft war unfähig, ihren eigenen Erkenntnisanspruch zu reflektieren und zu begrenzen. Sie korrespondierte mit einer Phase der gesellschaftlichen Modernisierung (einfache Modernisierung), die alle traditionellen Werte unter Ideologieverdacht stellte und die Natur vor allem als ein Mittel und als eine Ressource verstand, den Wohlstand der menschlichen Gesellschaft zu ermöglichen und sicherzustellen.



Diese der einfachen Modernisierung entsprechende Wissenschaft bezeichnete Beck als ‚halbierte‘ Wissenschaft. Sie nahm für sich das Recht und die Autorität in Anspruch, alles zum Gegenstand der Forschung zu machen, und erhob damit einen umfassenden Erkenntnisanspruch. Zugleich aber vermied sie es, sich selbst zu thematisieren. Die wissenschaftliche Forschung konnte selbst nicht angezweifelt werden. Und darin bestand Beck zufolge die Halbierung der Wissenschaft: der umfassende Erkenntnisanspruch gegenüber der Welt war verbunden mit der Verweigerung, sich selbst zu hinterfragen.

In der „Risikogesellschaft“ wird die einfache Moderne aber nun reflexiv. Sie wird sich der ökologischen Folgeprobleme einer unbegrenzten Industrialisierung bewußt. An die Stelle eines utopischen Wohlstandsoptimismusses, demzufolge es mit dem industriellen Wachstum immer nur aufwärts geht, tritt ein Bewußtsein für die bedrohte Menschlichkeit und für die Notwendigkeit, auch in der Zukunft einen humanen Minimalbestand gegenüber dem marktwirtschaftlichen Zugriff sicherzustellen.

Zur Reflexivität dieser Moderne gehört auch, daß die Risiken, die den humanen Minimalbestand bedrohen, nicht für alle Augen sichtbar sind. Die Folgen unseres Handelns, etwa Radioaktivität oder andere Umweltgifte, werden nur sehr indirekt und zeitlich verschoben sichtbar. Es bedarf wiederum wissenschaftlicher Forschung, die über diese Gefahren aufklärt. Um diese Forschung zu verstehen, bedarf es deshalb eines hohen Bildungsgrades auf Seiten der Gesellschaft. ‚Bildung‘ ist also nicht in erster Linie ein Karrieremittel, sondern eine Grundvoraussetzung für verantwortungsvolle gesellschaftliche und politische Teilhabe.

Mit der reflexiven Moderne wird also auch die Wissenschaft reflexiv. Damit stellt sie auch ihre eigene Autorität in Frage. Sie bleibt zwar in einer aufgeklärten Gesellschaft die einzige Erkenntnisautorität, aber ihre Verantwortung begrenzt sich gegenüber dem Anspruch des ‚Laien‘, ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Der im Zuge der einfachen Modernisierung und Verwissenschaftlichung zunehmend aus der Forschung ausgegrenzte Mensch wird bei Ulrich Beck wieder zum Zentrum und Zweck einer nunmehr sich selbst reflexiv begrenzenden wissenschaftlichen Forschung.

In der reflexiven Gesellschaft verändert sich auch das Verhältnis der Politik zur Gesellschaft. Politik wird zu einem großen Teil Subpolitik. Sie kann nicht mehr auf staatliches Handeln, auf gewählte Repräsentanten beschränkt werden. Es stellt sich also die Frage nach dem neuen politischen Subjekt. In der Phase der einfachen Modernisierung war es der Arbeiter bzw. marxistisch: das Proletariat. In der „Risikogesellschaft“ ist das politische Subjekt durch die Bedrohung definiert: durch das Risiko, dem es ausgesetzt ist. Da das Risiko aber gleichermaßen unsichtbar wie global ist, hängt das politische Bewußtsein, wie schon erwähnt, im hohen Maße von der Bildung und vom Wissen der Menschen ab. Die Ausbeutungsverhältnisse sind nicht so einfach und klar wie zu Zeiten der einfachen Modernisierung: dort der Kapitalist, hier der Arbeiter.

Auch dies ist ein Grund dafür, daß die Wissenschaft reflexiv werden muß. Sie wird zu einem Mittel der Ideologie: die von den Konzernen gesponserte Wissenschaft sammelt und fälscht Belege, die wie früher bei den Tabakkonzernen die Unbedenklichkeit des Zigarettenrauchens ‚beweisen‘. Oder wie in den letzten Jahren: im Dienste der Konzerne stehende Netzwerke von Wissenschaftlern ‚bezweifeln‘ – angeblich in bester wissenschaftlicher Tradition – die Beweise der kritischen Klimaforscher und torpedieren so die verschiedenen internationalen Klimakonferenzen, auf denen es um die Begrenzung der Folgen des Klimawandels geht. Denn nichts ist schließlich wissenschaftlicher als der Zweifel, vor allem wenn er mit der Autorität wissenschaftlicher Kompetenz gesät wird.

Reflexivität tut also not, gerade auch dort, wo mit dieser ‚Reflexivität‘ Mißbrauch getrieben wird. Und der Laie ist es, der entscheiden muß, welchen Daten er Glauben schenkt. Analog zur Sub-Politik könnte man hier deshalb auch von Sub-Science sprechen. In der Anfangszeit der neuzeitlichen Wissenschaft gab es so etwas wie eine Bürgerwissenschaft, und es scheint so, als wäre so eine Laienbewegung wieder im Entstehen begriffen.

Ulrich Beck hat mit seinen Analysen die Wissenschaft wieder ins Zentrum der gesellschaftlichen Entwicklung gestellt. Das ist sein Verdienst. Im nächsten Post werde ich zeigen, daß er damit in einer guten Tradition steht.

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen