Sonntag, 9. November 2014

Stefan Klein, Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit, Frankfurt a.M. 2014

S. Fischer Verlag, 19,99 €, 283 S.

1. Prolog zur Hirnforschung
2. Definitionen und Methoden
3. Denken in Bildern
4. Sinneswahrnehmungen im Traum
5. Grenze zwischen Innen und Außen
6. Bewußtseinszustände der mystischen und der meditativen Art
7. Zeitreisen
8. Gedächtnis und Semantik
9. Narrativität

In meinen folgenden Posts zu Stefan Kleins „Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit“ (2014) wird es immer wieder auch um Ergebnisse der Hirnforschung gehen. Wie sich in meinen früheren Auseinandersetzungen zur Hirnforschung gezeigt hat, neigen die Neurowissenschaftler mit ihrer Hinwendung zum Gehirn zur Abwendung von der Welt. Insofern gehört ein gewisser Grad an Realitätsverleugnung zum Beruf. Das potenziert sich noch, wenn es um die Erforschung unserer Träume geht, die offensichtlich insbesondere dank der technologischen Fortschritte in den Neurowissenschaften gerade Konjunktur hat. Nicht nur daß das Gehirn abgekapselt von der Welt im Knochenbett vor sich hin funktioniert; nun erschafft es sich auch noch seine eigene innere Wirklichkeit, die völlig ohne Außenweltkontakt zurecht kommt: „Bewusstsein bedarf keiner Sinneswahrnehmung; es benötigt keinen ständigen Input von außen. Es kann sich allein durch die Verarbeitung gespeicherter Information einstellen.“ (Klein 2014, S.130)

Um solchen der Hirnforschung inhärenten Halbwahrheiten von vornherein einen Riegel vorzuschieben, erlaube ich mir, vorweg in Form dieses Prologs zu klären, in welcher Weise in den folgenden Posts die ‚Ergebnisse‘ der Hirnforschung zur Kenntnis genommen werden sollen. Ich gehe mit der Hirnforschung davon aus, daß die wesentliche Eigenschaft des Gehirns seine Plastizität ist. ‚Plastizität‘ meint nichts anderes, als daß das Gehirn seine Funktionen den Aufgaben anpaßt, die sich uns im Rahmen unserer Lebensführung stellen. Bevor es die Schrift gab, hatte die Menschheit über Jahrhunderttausende hinweg ein ‚mündliches‘ Gehirn, ohne spezifische ‚Schaltkreise‘ für das Entziffern von Texten. Seit es Schrift gibt, haben wir ein ‚schriftliches‘ Gehirn, das insbesondere im europäisch-abendländischen Kulturkreis an lineare Alphabetschriften angepaßt ist.

Nichts von dem, was wir täglich tun, ist für das Gehirn belanglos. Taxifahrer in London haben für die Orientierung in der Stadt besonders ausgeprägte Gehirnareale. Wer daran gewöhnt ist, seinen Navigator zu verwenden, dessen diesbezüglichen Gehirnareale sind eher nicht so ausgeprägt. Schon vor langer Zeit habe ich gelernt, daß der Gebrauch unserer Hände und Finger das Gehirnwachstum anregt. Irgendwo habe ich dann mal gelesen, daß Kaugummikauen das Gehirnwachstum anregt. Dann wieder erzählte man mir, daß das Hören von Musik unser Gehirnwachstum anregt. Als ich dann erfuhr, daß ausgiebiges Gehen das Gehirnwachstum anregt, wunderte mich das schon nicht mehr. Doch gebe ich zu, daß ich ziemlich erstaunt war, als ein Experte konstatierte, daß Riechen und Schmecken das Gehirnwachstum anregt. Da Martin Luther zufolge Rülpsen und Furzen zum Einnehmen von Mahlzeiten dazu gehören – „Hat es euch nicht geschmecket?“ –, regen auch sie wahrscheinlich das Gehirnwachstum an. Denn offensichtlich gibt es einfach nichts, was das Wachstum des Gehirns nicht anregt, mit der einzigen Ausnahme, daß wir es nicht nutzen.

Es gibt also Neuronen und neuronale Netzwerke für alles und jedes, was uns in unserem Leben irgendwie in Anspruch nimmt. So ist es kein Wunder, daß es auch Neuronen gibt, die das Erkennen eines Gesichts signalisieren, wie etwa das inzwischen auch schon allseits bekannte Jennifer-Aniston-Neuron. (Vgl. Klein 2014, S.101; vgl. auch meinen Post vom 06.03.2011) Was bedeutet das? Steckt etwa Jennifer in diesem Neuron oder hat es vielleicht eine Jennifer-förmige Gestalt? Haben wir es hier mit einem Jennifer-Homunkulus bzw. korrekter einer ‚Homunkula‘ zu tun? (Und gibt es vielleicht auch ein Furz-Neuron?)

Genauso wenig, wie irgendein lokalisierbares Etwas im Gehirn unser Handeln steuert, steuert irgendein lokalisierbares Etwas unsere Gestaltwahrnehmung. „Konzeptneuronen“ wie das Jennifer-Aniston-Neuron (vgl. Klein 2014, S.102) bilden keineswegs einsame, isolierte Kybernatoren im Ozean der Hirnaktivitäten. Sie sind vielmehr Anpassungen an das individuelle Erkennen von Bedeutsamkeiten vor dem Hintergrund der Außenwelt und bilden nur die alleroberste Spitze einer Vielzahl von anderen Funktionen, ohne die wir keine Jennifer oder irgendwas anderes wiedererkennen würden. Verlieren sich diese Bedeutsamkeiten im Laufe eines Lebens, verlieren sich auch diese Neuronen. Entstehen neue Bedeutsamkeiten, bilden sich auch neue Neuronen. Das ist eine korrekte Beschreibung, und diese erklärt nichts!

Autoren, die sich mit diesen Themen befassen, neigen dazu, über die bloße Beschreibung hinauszugehen. Sie neigen zu Deutungen, die das alltägliche Erleben des Menschen nivellieren oder verleugnen. Dabei sind alle wissenschaftlichen Fakten – selbst die der Neurowissenschaften – immer auch mit unserem alltäglichen Erleben verträglich. Es ist zum einen völlig unnötig, zum anderen aber auch gefährlich, dieses alltägliche Erleben, wie z.B. das der Willensfreiheit oder den naiven Realismus, daß es eine Außenwelt gibt, in Frage zu stellen.

Es ist sicher eine wertvolle persönliche Erfahrung, mit hoher spiritueller Qualität, wenn jemanden nach langer meditativer Übung und Suche die Zweifelhaftigkeit alles Seins durchzuckt. Trotz dieser Erkenntnis wird er vermutlich trotzdem am nächsten Morgen wieder aus seinem Bett aufstehen, sich die Zähne putzen und Brötchen kaufen gehen. Das ist alles durchaus ehrenwert und ich habe Respekt davor. Aber was die Wissenschaft betrifft: Es ist nicht ihre Aufgabe, am Menschen und seiner Welt zu zweifeln! Nihilismus ist keine wissenschaftliche Option.

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