Dienstag, 18. November 2014

Peter Spork, Wake up!. Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft, München 2014

(Hanser, 18,99 €, 248 S.)

Im Unterschied zum zuletzt besprochenen Buch von Stefan Klein ist Peter Sporks Buch „Wake up!“ (2014) eher ein Ratgeberbuch, in dem es um ein gesünderes, natürlicheres Leben im Rhythmus der jedem individuellen biologischen Organismus eigenen Lebensprozesse geht. Und der grundlegende Rhythmus ist eben der Hell-Dunkel-Rhythmus: „Hell und Dunkel: Das ist der bestimmende Rhythmus unseres Lebens.“ (Spork 2014, S.56)

Um so schlimmer wirkt sich die sich immer weiter ausbreitende Lichtverschmutzung auf unserem Planeten auf unseren natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus aus.
Nebenbei angemerkt: auf meinen abendlichen Heimfahrten von der Arbeit – insbesondere im Winter – komme ich immer an den Fußballplätzen von zwei Gemeinden vorbei, die dann ihre Flutlichtanlagen zum nächtlichen Fußballtraining eingeschaltet haben. Schon etliche Kilometer vorher blenden mich diese Scheinwerfer derart, daß ich mit der Funzelbeleuchtung meines Fahrrades in völliger Dunkelheit versinke und nichts mehr sehe! Zum allgemeinen Wohl der einsamen Radfahrer und der Amseln, die mit ihren „Zwitscherzeiten“ (Spork 2014, S.62) völlig durcheinander kommen: Erfinde doch bitte endlich einer mal Scheinwerfer, die ihr Licht nicht in die nachtschlafende Welt hinausstreuen, sondern präzise den Sportplatz ausleuchten!
Hinzu kommen dem Biorhythmus von zwei Dritteln der Bevölkerung widersprechende Arbeitszeiten, die uns frühmorgens viel zu früh aus dem Schlaf wecken, und eine immer weiter nach ‚hinten‘, also in die Nacht hinein verschobene Freizeit, die uns viel zu spät ins Bett kommen läßt. Was übrigens altersbedingt vor allem die Erwachsenen betrifft, weil die Jüngeren, also die Kids und die jungen Erwachsenen natürlicherweise Nachteulen sind. Umso mehr betrifft sie der frühe Beginn des Schulunterrichts. Spork beschreibt, wie er einmal in Heilbronn zwischen 7 und 8 Uhr morgens auf dem Weg zum Bahnhof auf Scharen kindlicher und jugendlicher Zombies trifft: „Je mehr ich mich dem Bahnhof näherte, desto häufiger kamen mir Kinder entgegen. Doch kaum eines lachte oder redete. Den Gesichtern fehlte vor lauter Schlaftrunkenheit fast jede Mimik. Es handelte sich um Schüler, die aus der Umgebung mit der Bahn angereist waren und nun flugs zur Schule mussten. Es wurden immer mehr, und die Szenerie wurde immer gruseliger. Wie ‚Untote‘ wirkten die Kinder, die langsamen Schrittes in kleinen Grüppchen gingen. Die schlurfende Stille war unerträglich.“ (Spork 2014, S.174)

Sporks Buch ist deshalb nicht nur ein individuelles Ratgeberbuch, sondern fordert auch zu gesellschaftlichen Reformen auf, die es dem Menschen wieder ermöglichen sollen, seinen individuellen Chronotyp auszuleben. Der für ein Schlafbuch paradox klingende Titel – „Wake up!“ – ist vor allem als gesellschaftspolitischer Weckruf zu verstehen. Seine diesbezüglichen Vorschläge faßt Spork in einem Acht-Punkte-Plan zusammen. (Vgl. Spork 2014, S.232ff.)

Mit freundlicher Genehmung des Hanser-Verlags

Die Folgen des Schlafmangels spitzt Spork auf vier Punkte zu: Schlafmangel macht „dick, alt, dumm und krank“. (Vgl. Spork 2014, S.115) Ein schönes Beispiel für durch Schlafmangel verursachte ‚Dummheit‘ liefert ein von Spork beschriebenes Experiment: 48 junge Leute wurden in einem Schlaflabor in drei Gruppen unterteilt, die in den folgenden zwei Wochen jeweils vier, sechs oder acht Stunden pro Nacht schlafen durften: „Am Tage mussten sie Tests absolvieren. Nur bei den Ausgeschlafenen blieben die Ergebnisse im Laufe der zwei Wochen auf hohem Niveau.“ (Sporkt 2014, S.108) – Bei den Probanden, die nur vier und sechs Stunden Schlaf pro Nacht bekamen, diagnostizierten die Forscher „fortschreitende neurokognitive Dysfunktion im Aufmerksamkeitssystem und im Arbeitsgedächtnis“. (Vgl. ebenda)

Das Interessante war nun, daß die Probanden der Gruppe, die nur vier Stunden Schlaf abbekommen hatte, nach dem Experiment meinten, sie wollten jetzt, da sie festgestellt hätten, daß sie auch gut mit nur vier Stunden Schlaf auskämen, es auch künftig so halten und nur noch vier Stunden schlafen. Spork fügt zu diesem unerwarteten Effekt des Experimentes trocken an: „Was mittlerweise auch in anderen Untersuchungen bestätigt wurde: Anhaltender Schlafmangel macht uns dumm und dümmer – wir merken es nur nach kurzer Zeit nicht mehr.“ (Spork 2014, S.108)

Sporks ganz besonderer Zorn gilt der Sommerzeit, die uns alljährlich über einige Monate hinweg durch Vorverlegung der Uhrzeit unseren Schlaf raubt. Inzwischen geht der Trend immer mehr in die Richtung, den Wechsel von der Winterzeit zur Sommerzeit abzuschaffen. Aber auch hier zeigt sich, daß man unausgeschlafenen Politikern (und übrigens auch einem Großteil der ebenso unausgeschlafenen Wahlbevölkerung) mit ihrer Schlafentzugsdummheit nicht über den Weg trauen darf: „(Ilse) Aigner und die CSU votieren ... eindeutig für eine ganzjährige Sommerzeit. Damit dokumentieren sie eindrucksvoll, wie wenig sie von Chronobiologie und der Steuerung des intuitiven menschlichen Zeitgefühls verstanden haben.“ (Spork 2014, S.129)

Anstatt also zur dem durchschnittlichen menschlichen Biorhythmus eher entsprechenden Winterzeit, die ursprüngliche Normalzeit, zurückzukehren, will man die schlafraubende Sommerzeit auf das ganze Jahr ausdehnen! Vielleicht sollte man ähnlich wie im oben erwähnten Experiment unsere Politiker regelmäßigen Leistungstests unterziehen und sie dann bei entsprechend miesen Ergebnissen zu früherem Ins-Bett-gehen zwingen.

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