Montag, 13. Oktober 2014

Lee Smolin, Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Kosmos, München 2014 (2013)

1. Kosmologische natürliche Selektion
2. Des Kaisers neue Kleider
3. Sich zeigen und sich verbergen
4. Effektive Theorien
5. Mathematik als Platonismus
6. Das Universum als Totalität
7. Informationstheorie statt Physik
8. Ethik

Wenn es also keine fundamentalen Theorien gibt, sondern nur effektive Theorien (vgl. meinen Post vom 11.10.2014), dann bedeutet das, daß diese Theorien, deren Gültigkeitsbereich auf Subsysteme innerhalb des Universums beschränkt ist, nicht auf das ganze Universum ausgedehnt werden können. Das Universum wird üblicherweise als eine Entität beschrieben, die es nur einmal gibt. Das bedeutet, daß das Universum ein Objekt ist, mit dem nicht experimentiert werden kann. Es kann weder unter Laborbedingungen präpariert werden, noch können Experimente mit anderen Objekten seiner Art wiederholt werden. (Vgl. Smolin 2014, S.25)

Die Einzigkeit des Universums beinhaltet desweiteren, daß es zu diesem Universum auch kein Außen gibt (vgl. Smolin 2014, S.330), was ebenfalls ein Hindernis für Experimente mit diesem ‚Objekt‘ darstellt: „Wenn wir einen Teil des Universums beschreiben, lassen wir uns selbst und unsere Messwerkzeuge außerhalb des Systems. Wir lassen unsere Rolle bei der Auswahl oder Präparation des Systems aus, das wir untersuchen. Wir lassen die Bezugspunkte aus, die dazu dienen, festzustellen, wo sich das System befindet. Am entscheidendsten für unser Anliegen im Hinblick auf das Wesen der Zeit ist jedoch die Tatsache, dass wir die Uhren auslassen, mit denen wir Veränderungen im System messen.“ (Smolin 2014, S.25)

Man kann bei potentiellen Experimenten mit dem Universum also keine externen Lineale und Uhren verwenden (vgl. Smolin 2014, S.25 und S.129), Meßinstrumente, die sich notwendigerweise außerhalb des Experiments befinden müssen: „Wenn wir Kosmologie betreiben, haben wir es mit einem neuen Umstand zu tun: Es ist unmöglich, aus dem System herauszutreten, wenn das System das gesamte Universum ist.“ (Smolin 2014, S.25)

Wenn sich aber zu etwas, das es nur einmal gibt, kein externer Standpunkt gewinnen läßt (vgl. Smolin 2014, S.152) und wenn etwas aus einer Menge von Beziehungen bzw. ‚Teilen‘ besteht, ohne selbst ein ‚Teil‘ von etwas anderem zu sein (vgl. Smolin 2014, S.330), dann bildet es selbst ein nicht reduzierbares Ganzes bzw., philosophisch ausgedrückt, eine ‚Totalität‘: „Das Universum ist eine andere Art von Entität als irgendeines seiner Teile. Auch ist es nicht einfach die Summe seiner Teile. In der Physik werden alle Eigenschaften von Objekten des Universums im Sinne von Beziehungen oder Interaktionen mit anderen Objekten verstanden. Aber das Universum ist die Summe all dieser Beziehungen und kann als solche keine Eigenschaften haben, die durch Beziehungen zu einer anderen ähnlichen Entität definiert werden.“ (Smolin 2014, S.149)

An dieser Stelle können die Physiker tatsächlich mal etwas von den Philosophen lernen, z.B. von Hans Blumenberg. Für genau solche, phänomenologisch gesehen, ‚Monströsitäten‘, von denen man keine direkte Anschauung (intentio directa) haben kann, sondern nur indirekte Anschauungen (intentio indirecta), hat er seine „Theorie der Unbegrifflichkeit“ entwickelt. (Vgl. meine Posts vom 06.09. bis zum 10.09.2011) Zu diesen ‚Phänomenen‘ zählt Blumenberg ‚Begriffe‘ wie Sein, Welt und Geschichte. Über diese ‚Phänomene‘ läßt sich deshalb so schwer etwas begrifflich Präzises aussagen, weil man sich immer nur in ihnen befindet und niemals außerhalb ihnen gegenüber. Diese ‚Phänomene‘ bilden also Totalitäten. Und nach allem, was Smolin über das Universum zu sagen weiß, bildet auch das Universum so eine geschichtliche und weltliche Totalität.

Über Totalitäten kann man sich Blumenberg zufolge nur indirekt verständigen (intentio indirecta). Alles was wir über sie aussagen können, hat immer nur den Status von Metaphern, die uns eine indirekte, ‚intuitive‘ Anschauung vermitteln. So ist z.B. der Vergleich der Welt mit einem umgestürzten Nachttopf, vor dem ein Kind sitzt und weint, so eine Metapher. (Vgl. Büchner, Woyzeck) Allerdings handelt es sich dabei um eine besondere Art von Metapher: um eine absolute Metapher. Normale Metaphern kann man nämlich präzisieren und nach und nach in eindeutige Begriffe umwandeln. Bei absoluten Metaphern, die eine prekäre Anschauung von Totalitäten vermitteln, geht das aber prinzipiell nicht. Absolute Metaphern lassen sich niemals in Begriffe umwandeln!

Es ist also tatsächlich unwahrscheinlich, daß es für das Universum jemals eine universell gültige Weltformel geben wird. Wir haben es hier mit einer Totalität zu tun, und wir werden uns damit bescheiden müssen, uns darüber nur mit Hilfe von Metaphern verständigen zu können.

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