„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 26. November 2012

Christina von Braun, Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte, Berlin 2/2012

(Siehe auch Geld und Sinn“, „Kulturelle ‚Explosion‘“, Geld gegen Gemeinschaft, Lebenswelt und unsichtbare Hand, Zur Materialität der Schrift“, Der Glaube an nichts, Gemeinsame und konkurrierende Aufmerksamkeit I, Gemeinsame und konkurrierende Aufmerksamkeit II, Entwicklung als Bedeutungslinie und Das Ich im Sumpf)

1. Kastration, Sublimation, Transsubstantiation
2. Schuld, Unschuld und zweite Unschuld
3. Alphabet und Bildung
4. Das Fremde in der Gemeinschaft

Von Braun zitiert Walter Benjamin: „Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldeten Kultus.“ (Von Braun 2/2012, S.108)

Diese Verknüpfung von Kapital und Kult verweist nicht von ungefähr auf die christliche Erlösungslehre, eine Er-Lösung, die niemals bis zur Ein-Lösung eines Schuldbetrags gelangt, sondern auf ewig vom Gnadenakt des himmlischen Gläubigers abhängig bleibt: „In der christlichen Religion, die in der Tradition des Opfers steht, ist es nicht der Mensch, der Gott ein Opfer darbringt, sondern andersherum: Gott opfert sich – in seinem Sohn – für den Menschen. Auf eine solche göttliche Gabe kann der Gläubige mit keiner Gegengabe antworten.“ (Braun 2/2012, S.117)

Von Braun sieht angesichts einer solchen unauflösbaren „Schuld-Struktur“ nur drei Möglichkeiten (vgl. Braun 2/2012, S.117f.): a) Schuldminderung durch Kapitalvermehrung: „Ähnlich richtete sich das Leben des Puritaners, der zu einer innerweltlichen Askese gefunden hat, auf die Mehrung des Kapitals aus. Ob im Kloster oder außerhalb, das Prinzip bleibt das gleiche: Askese und ‚industria‘ verstärken sich gegenseitig. Der Puritaner darf das Kapital vermehren, sich aber nicht am Vermögen erfreuen.“ (Braun 2/2012, S.146)

Hier halte ich eine Zwischenbemerkung für angebracht: daß diese Wachstumsorientierung, mit der aktuell wieder die professionellen Krisenmanager in der Politik ihren ewigen Wahlkampf betreiben, einen ganzen Planeten möglicherweise grundlegend aus dem Gleichgewicht gebracht hat, gehört inzwischen fast schon zum Allgemeinwissen. Hier eröffnet sich aber nun ein neuer Schuldzusammenhang, der darin besteht, zu versuchen, die Schuldenlast im eigenen persönlichen Leben weitgehend zu minimieren. Das nennt sich dann „ökologischer Fußabdruck“. Wer allerdings mal auszurechnen versucht, wie die eigene Bilanz aussieht, wird schnell feststellen, daß es einem bei allen Bemühungen, seine Lebensunkosten zu reduzieren, nicht gelingt, in den ‚grünen‘, nachhaltigen Bereich zu gelangen. Der Lebenskontext – eben die bestehende Wirtschaftswachstumsordnung – zwingt einen, für die bloße Lebenserhaltung am allgemeinen Raubbau an den Ressourcen teilzunehmen. An dieser Stelle scheint sich Adornos Spruch, daß es kein richtiges Leben im falschen geben könne, zu bewahrheiten.

Außerdem gibt es (b) die Möglichkeit der Selbstaufklärung, also Kants „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (vgl. Braun 2/2012, S.117), die von Braun zufolge, mit Blick auf Nietzsche, auf die Möglichkeit einer „Art zweiter Unschuld“ (Braun 2/2012, S.118) hinausläuft. Von Braun zeigt sich dieser Möglichkeit gegenüber skeptisch, weil sie bezweifelt, daß die von Kant angesprochene ‚selbstverschuldete‘ Unmündigkeit wirklich selbst verschuldet ist. Es bedarf vielmehr eines Gewaltaktes, um sich aus dieser Unmündigkeit zu befreien, wie ihn Nietzsche vorschlug: die Tötung Gottes. Dieser Gewaltakt ruft aber von Braun zufolge neue Schuldgefühle hervor, so daß es auf dieser Grundlage zu keiner zweiten Unschuld kommen könne.

Es liegt mir fern, die mit der Befreiung aus religiösen Schuldverstrickungen einhergehenden Psychodynamiken geringzuschätzen. Dennoch möchte ich einwenden, daß die zweite Unschuld – ich selbst spreche immer von einer zweiten Naivität (vgl.u.a. meine Posts vom 07.12.2010 und vom 24.01.2011) – weniger in einer neuen Schuldlosigkeit besteht, sondern vielmehr in einer neuen Bewegungsfreiheit bzw. in einer neuen Lebensmöglichkeit. Sie eröffnet, um nochmal auf Adorno zurückzuverweisen, innerhalb des ‚falschen‘ Lebens einen Bewegungsraum, den es vorher nicht gegeben hatte. Denken und Handeln haben jetzt eine andere Qualität, die nicht mehr durch die erdrückende Schuldenlast determiniert wird. Auf diese neue Qualität zielen die Beiträge von Kant und Nietzsche.

Schließlich gibt es, oder besser: gab es (c) die Möglichkeit der „Schuldübertragung“, für die sich im christlichen Gründungsmythos vor allem die Juden als die ‚eigentlichen‘ Jesus-Mörder anboten. (Vgl. Braun 2/2012, S.118) Diese Schuldübertragung, von der man nur hoffen kann, daß sie historisch endgültig überholt ist, beinhaltete eine Umdeutung des unmöglichen Gottesopfers, da ja nun der ‚Sohn‘ nicht nur freiwillig wegen der ‚Erbsünde‘, sondern unfreiwillig durch eine ‚Mordtat‘ ums Leben kam.

Auch diese Möglichkeit zeigt noch einmal die enge Verknüpfung von christlichem Glauben und Geld. Viele mittelalterliche Pogrome waren mit dem Vorwurf der Geldfälschung verbunden. (Vgl. Braun 2/2012, S.118ff.) Da sich aber das Geld und die Hostie mit ihrer geldähnlichen Form (vgl. Braun 2/2012, S.122ff.) gegenseitige „Glaubenshilfe“ leisteten, kam der Vorwurf der „Manipulation der königlichen Münze“ einer „Hostienschändungsbeschuldigung“ gleich (vgl. Braun 2/2012, S.126).

Der Weg vom Christentum zum Kapitalismus ist also in einer Psychodynamik  vorgezeichnet, die den gläubigen Christen für die kapitalistischen Optionen des nominalistischen Geldes empfänglich machten: „Aus der Perspektive des Geldes gesehen, hat das Christentum ‚seine Pflicht erfüllt‘: Es hat dem Zeichensystem einen Machtanspruch verschafft (über die physische Welt), es hat das Prinzip der Askese in ‚die‘ Welt getragen, es hat den menschlichen Körper diszipliniert und reif für das Prinzip der ‚geistigen Potenz‘ gemacht.“ (Braun 2/2012, S.155)

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