„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 15. Januar 2018

Sozialperspektiven II

Ich unterscheide mit Michael Tomasello zwischen zwei Formen der Sozialität: dem Umgang zwischen zwei Menschen, die zueinander ‚Du‘ sagen (Zweitpersonalität), und dem Umgang von Menschen in Gruppen, die zueinander ‚Wir‘ sagen (Drittpersonalität).

Natürlich sagen auch die Menschen in der Gruppe ‚ich‘ und ‚du‘, aber das sagen sie immer vor dem Hintergrund eines ‚Wir‘, und sie schließen damit andere, die nicht zu dem ‚Wir‘ gehören, aus. Und umgekehrt sagen auch zwei Menschen, die sich als ‚Ich‘ und ‚Du‘ begegnen, ‚wir‘. Aber dieses ‚wir‘ wird vom ‚Du‘ getragen, wo immer sich zwei Menschen begegnen, und hätte ohne es keine Bedeutung. Vielleicht ist sogar das Wort ‚Mensch‘noch zu eng, denn Martin Buber wollte auch seine Katze nicht aus dem ‚Du‘ ausgeschlossen wissen, und Hanns Henny Jahnn sprach von der Schöpfung als einem Fluß ohne Ufer.

Deshalb ist die einzig wirklich universelle Umgangsform, die niemanden ausschließt, die Zweitpersonalität, denn sie konstituiert sich in jeder Begegnung zwischen Zweien. Das drittpersonale ‚Wir‘ hingegen konstituiert sich nur unter Menschen, die zu einer bestimmten Gruppe gehören. Wer einer anderen Gruppe zugeordnet wird, ist nicht mitgemeint. Ich möchte sogar so weit gehen und behaupten, daß das Menscheits-‚Wir‘ keine einfache Erweiterung des Gruppen-‚Wirs‘ bildet, sondern aus dem ‚Du‘ der Begegnung hervorgeht.


Bezogen auf die Drittpersonalität unterscheide ich in der Graphik versuchsweise zwischen einem Stammesgruppen-‚Wir‘ und einem zivilgesellschaftlichen ‚Wir‘. Das Stammesgruppen-‚Wir‘ ist noch weitgehend gemeinschaftlich geprägt. In der Zivilgesellschaft ist das ‚Wir‘ auf Interessengruppen bezogen, die sich innerhalb der Gesellschaft organisieren und zu behaupten versuchen. Dieses Interessen-‚Wir‘ muß sich vor der Zivilgesellschaft immer rechtfertigen. Bestimmte Formen von Interessengruppen haben sich speziell in Deutschland geschichtlich diskreditiert. Dazu gehört das ‚Volk‘. Außer im Gericht oder bei der Konstitution einer Regierung wird es tunlichst vermieden, vom deutschen ‚Volk‘ zu sprechen. Wer es dennoch tut, steht vor den Augen einer demokratischen Öffentlichkeit ganz besonders unter Rechtfertigungsdruck.

Wenn sich das ‚Wir‘ in der Gesellschaft also immer hinsichtlich seiner Legitimität rechtfertigen muß, gilt das für die Zweitpersonalität nicht. ‚Ich‘ und ‚Du‘ sind in ihrer Begegnung von jeder Rechtfertigung befreit. ‚Ich‘ und ‚Du‘ sind wir kraft unserer Existenz. Diese zweitpersonale Gemeinschaft löst sich in dem Moment auf, wo zwei sich gegenüber ein drittes hinzukommendes ‚Du‘ abzugrenzen versuchen und ein ‚Wir‘ bilden, das den Hinzukommenden ausschließt. Letztlich kommt es aber nicht auf die Zahl der einander begegnenden Menschen an, nur darauf, daß sie ‚Du‘ zueinander sagen, ohne im Hintergrund an ein ‚Wir‘ zu denken.

Sozialperspektiven (24.08.2015)
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