Donnerstag, 4. Mai 2017

Wolfgang Streeck, Niemand wird freiwillig Arbeiter, in: Mathias Greffrath (Hg.), Re: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert, München 2017, S.111-128

(Antje Kunstmann, gebunden, 240 S., 22,-- € )

Wolfgang Streecks Beitrag, „Niemand wird freiwillig Arbeiter“ (2017), richtet sich explizit gegen das weit verbreitete Narrativ, beim Kapitalismus handele sich um eine freiwillige vertragliche Vereinbarung zwischen ‚Arbeitgeber‘ (Arbeitskraftnehmer) und ‚Arbeitnehmer‘ (Arbeitskraftgeber), also um eine Vereinbarung unter „(f)reie(n) Individuen mit freiem Willen und klarem Verstand“. (Vgl. Streeck 2017, S.113) Streeck stellt klar, daß eine solche Darstellung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse völlig an der Anthropologie des Menschen vorbeigeht, da dieser zu „einem subsistenzwirtschaftlichen Traditionalismus“ neige (vgl. Streeck 2017, S.126), wie etwa in der „mittelalterlichen Subsistenzwirtschaft“ (vgl. Streeck 2017, S.119):
„Niemand wird freiwillig Arbeiter, damit jemand anders Kapitalist werden kann – einen ‚Selbstexpropriatonstrieb der arbeitenden Menschen zu Ehren des Kapitals‘, wie Marx es ausdrückt, gibt es nur bei liberalen Ökonomen ...“ (Streeck 2017, S.123f.)
Um also den Menschen zum Lohnarbeiter zu machen, mußte der „mittelalterlichen Subsistenzwirtschaft“ mit umfassenden staatlichen Gewaltmaßnahmen in einem Prozeß, den Marx als „ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnet, der Garaus gemacht werden. Zu diesem Zweck wurden die ‚Armen‘, die gemäß des christlichen Gebots der Nächstenliebe auf die Hilfe der Gemeinden und Kirchen im „mittelalterlichen Wohlfahrtsstaat“ rechnen durften, zu rechtlosen Vagabunden umdeklariert, die zur Zwangsarbeit verpflichtet werden durften:
„Zu den zahlreichen von Marx zitierten Beispielen gehört ein englisches Gesetz aus dem Jahr 1547, demzufolge jemand, der sich weigert, für Lohn zu arbeiten, ‚als Sklave der Person zugeteilt werden‘ soll, ‚die ihn als Müßiggänger denunziert hat ...‘“ (Streeck 2017, S.118)
Das Heer dieser ‚Vagabunden‘ wurde durch die Privatisierung des bzw. den Raub am Gemeineigentum(s) vergrößert. (Vgl. Streeck 2017, S.116f.) Aus dieser ‚ursprünglichen‘ Akkumulation ging eine permanente ‚Akkumulation‘, sprich Expansion des Kapitalismus auf globaler wie gesellschaftlicher Ebene hervor:
„Schon bei Rosa Luxemburg, der großen marxistischen Gesellschaftstheoretikerin an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, findet sich der Gedanke, dass die ursprüngliche Akkumulation mehr war als ein einmaliger Gründungsakt, als ein fernes Ereignis in einer für immer abgeschlossenen Vergangenheit. Kapitalistischer Fortschritt, was später Wirtschaftswachstum genannt werden sollte, war für Luxemburg gleichbedeutend mit immer weiter politisch vorangetriebener Öffnung noch nicht kapitalistischer Länder, Lebensweisen und Lebensverhältnisse für Markt und Wettbewerb, mit fortschreitender Kolonisierung und Assimilierung von vorkapitalistischen Außen- wie Innenwelten ...“ (Streeck 2017, S.124)
Jürgen Habermas entwickelte aus diesem Gedanken einer „permanenten ursprünglichen Akkumulation“ (Streeck 2017, S.125) seine Theorie der Kolonialisierung der Lebenswelt. (Vgl. meine Posts vom 13.01. bis 20.01.2013)

Wie sehr die ursprüngliche Neigung des Menschen ausschließlich auf die Selbsterhaltung geht, was – nebenbei gesagt – die Unmenschlichkeit der unbezahlten Mehrarbeit als Basis des Mehrwerts verdeutlicht, zeigt ein Beispiel, das Marx aufführt: als ein Kapitalist Material und Arbeiter (3000 Personen) nach Neuholland (Australien) verfrachtete, um dort kapitalistische Produktionsstätten einzurichten, machten sich seine Arbeiter angesichts der Überfülle an zur Verfügung stehendem Land als Bauern selbständig, und dem Kapitalisten blieb nicht einmal ein Diener, der ihm sein Bett machte. (Vgl. Streeck 2017, S.123)

Der Kapitalist hatte nicht berücksichtigt, daß er die englischen ‚Produktionsverhältnisse‘, also die englischen Gesetze und das knappe Land, zuhause gelassen hatte. In Australien gab es nichts, was seine Arbeiter zwingen konnte, zwölf Stunden für ihn zu arbeiten:
„Niemand stellt sich aus eigenem Antrieb, tagein, tagaus zwölf, acht oder wie viele Stunden auch immer zur Verfügung, damit jemand anders sein privateigenes Kapital vermehren kann.“ (Streeck 2017, S.118)
Es ist also ausschließlich die brutale Gewalt und später die Schulerziehung, die die Menschen dazu bringen, sich ‚freiwillig‘ in Lohnarbeit zu begeben. Streecks Darstellung ist überzeugend und klar, und sie räumt auch gleich mit einem weiteren Mythos bzw. Narrativ auf: daß nämlich der Kapitalismus damals die den gesellschaftlichen Verhältnissen entsprechende fortschrittlichste Produktionsweise gewesen sei (was sie heute definitiv nicht mehr ist!). Die gesellschaftlichen Verhältnisse mußten durch die diversen Maßnahmen der ursprünglichen Akkumulation allererst dazu gebracht werden, um eine kapitalistische Produktionsweise zu ermöglichen. Die mittelalterlichen Produktionsverhältnisse mußten zerstört werden, die Menschen mußten enteignet und entrechtet werden, und sie mußten in Form „bewusstseinspflegerischer Gewaltanwendung“ (Streeck 2017, S.126) umerzogen werden. Erst nach diesen Gewaltakten konnte der Kapitalismus möglich werden.

Ein gern benutztes Narrativ der Wirtschaftsliberalen besteht in der größeren Effektivität der kapitalistischen Produktionsweise:
„Grundsätzlicher wird die Kritik, wenn die private Aneignung der dörflichen Allmenden effizienztheoretisch statt als Raub als gemeinnützige Rationalisierungsmaßnahme erklärt wird. Letztendlich geht es dabei um die Rehabilitierung der liberalen Freiwilligkeitstheorie des Kapitalismus: Wenn Gemeineigentum weniger produktiv ist als Privateigentum,() ist der Weg vom einen zum anderen gleichbedeutend mit allgemein wünschenswertem gesellschaftlichem Fortschritt.“ (Streeck 2017, S.121)
Dieses Fortschrittsargument stimmt aus zwei Gründen nicht: zum einen geht es im Kapitalismus eben nicht um Fortschritt, sondern in erster Linie um Profit. Schon „seit langem“, so Streeck, wachsen nur noch „die Gewinne“, „während ‚die Wirtschaft‘ trotz zunehmender Zerstörung von Gesellschaft und Natur stagniert“. (Vgl. Streeck 2017, S.126)

Zum anderen kann der einzelne Mensch mit ständig wachsendem Wohlstand überhaupt nichts anfangen. Er braucht einfach nicht mehr, als er braucht, und er neigt insofern dazu, mit dem zufrieden zu sein, was er hat. Stattdessen wird von den Menschen aber im Dienste des wirtschaftlichen und technologischen Fortschritts beständige „gehorsame Anpassung“ an Innovationen verlangt, „wo es, wenn es nach ihnen ginge, gut so weitergehen könnte wie bisher“. (Vgl. Streeck 2017, S.126)

Damit wird auch noch das letzte Narrativ in Frage gestellt: daß technische Innovation an sich etwas Gutes sei. – Das ist ganz nach dem Geschmack des Rezensenten. Danke!

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