Mittwoch, 3. Mai 2017

Sahra Wagenknecht, Eine geniale Prognose, in: Mathias Greffrath (Hg.), Re: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert, München 2017, S.93-107

(Antje Kunstmann, gebunden, 240 S., 22,-- € )

Besonders neugierig war ich auf den Beitrag von Sahra Wagenknecht gewesen, „Eine geniale Prognose“ (2017), den ich schon als Vortrag im Deutschlandfunk gehört hatte. Schon dort war mir die Klarheit und die Dichte der Darstellung positiv aufgefallen. Auch der geschriebene Text kann vor dem kritischen Blick des Rezensenten bestehen.

Zunächst macht sich Wagenknecht an eine grundsätzliche Begriffsklärung: Sie differenziert zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft und zwischen Unternehmer und Kapitalist. Auch im Kapitalismus, so die Autorin, ist nicht alles kapitalistisch:
„Natürlich weiß auch Marx, dass er mit seiner Analyse nicht die gesamte Wirtschaft seiner Zeit beschreibt, sondern nur einen Teil von ihr. ... Damals wie heute gab und gibt es zahllose selbstständige Einzelkämpfer, wohlhabende und arme, die ihr Einkommen ausschließlich eigener Anstrengung verdanken. Es gibt hunderttausende Kleinunternehmen, die kaum Angestellte haben und im Wesentlichen von der Arbeit der Eigentümer und ihrer Familien leben. Und es gibt die vielen mittelgroßen Unternehmen, die vom Inhaber aufgebaut und geführt werden, und in denen es selten nur um nackte Finanzkennziffern geht.“ (Wagenknecht 2017, S.98)
Es ist, wie ich finde, ein ermutigender Gedanke, daß es innerhalb des Kapitalismus Bewegungsspielräume gibt, die sich allererst dem individuellen Engagement von nicht lohnabhängigen Menschen verdanken. Damit will ich mich nicht etwa einer naiven Sozialromantik hingeben, denn die Lebensumstände dieser Menschen sind oft genug prekär. Aber allein der Gedanke an den Anachronismus nicht-kapitalistischer Existenzformen ist doch erfreulich.

Damit hängt auch unmittelbar der Unterschied zwischen ‚Unternehmer‘ und ‚Kapitalist‘ zusammen. Kapitalisten sind Wagenknecht zufolge keine Unternehmer, weil sie sich nicht für die Produkte interessieren, die sie produzieren. (Vgl. Wagenknecht 2017, S.98) Der Kapitalist interessiert sich nur für den Profit, der mit der Produktion verbunden ist:
„Charakteristisch für die Wirtschaftsordnung, die Marx im Kapital beschreibt, ist vielmehr, dass in ihr nicht allein mit Kapital produziert wird, sondern um des Kapitals willen.“ (Wagenknecht 2017, S.97)
Für den Unternehmer gilt die Formel W-G-W: mit Hilfe von Geld werden Waren produziert. Für den Kapitalisten gilt die Formel G-W-G': mit Hilfe von Waren wird mehr Geld produziert. Insofern ist der oft zitierte, von Marx angesprochene Fabrikbesitzer, der einen Arbeiter einstellt und lächelnd hinter ihm die Fabriktür schließt, kein Unternehmer, sondern ein Kapitalist.

Deshalb interessiert sich der Kapitalist auch nicht für die Bedürfnisse von Kunden bzw. Verbrauchern. Er befriedigt keine Nachfrage, was ja das Kennzeichen einer Marktwirtschaft ist. Und deshalb wiederum, so Wagenknecht, ist die Marktwirtschaft auch kein Synonym für Kapitalismus. (Vgl. Wagenknecht 2017, S.97) Der Kapitalismus geht im Gegenteil tendenziell immer auf Kosten der Marktwirtschaft.

Das eigentliche Prinzip des Kapitalismus besteht darin, anderen Geld zu geben, damit sie für ihn Profite erwirtschaften. Das gilt gleichermaßen für den lohnabhängigen Arbeiter (vgl. Wagenknecht 2017, S.97) wie auch für den Unternehmer, der Kredit braucht, um seine Unternehmensidee umsetzen zu können:
„Der Unternehmer, der mit eigenem Engagement und Power ein Unternehmen aufbaut oder als Ingenieur Innovationen einführt, ist in diesem Verständnis kein Kapitalist, wohl aber der Anleger, den ein Unternehmen nur als Renditeobjekt interessiert, oder der Aktionär, den nichts mehr mit der Welt der Produktion verbindet. Auf diese Unterscheidung zwischen eine Unternehmer und einem Kapitalisten hat später auch der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter hingewiesen.“ (Wagenknecht 2017, S.98)
Solange Kapitalisten mit ihrem Geld dafür sorgen, daß Arbeiter Arbeit haben und Unternehmer Unternehmen gründen können, ist der Kapitalismus produktiv und sorgt für die technologische Entwicklung der industriellen Produktion. Leider gibt es aber eine kapitalistische Tendenz zur Monopolbildung, die wiederum auf Kosten der Marktwirtschaft und der Konkurrenz geht. (Vgl. Wagenknecht 2017, S.99) Wie Wagenknecht diese Entwicklungstendenz beschreibt, erinnert mich das sehr an das Prinzip der ursprünglichen Akkumulation, die Marx zufolge am Anfang der Kapitalbildung gestanden hatte, also an die räuberische Aneignung des Gemeinbesitzes bzw. der Allmende durch die ersten Kapitalisten. Marx zufolge ging nämlich die kapitalistische Produktionsweise, also die Produktion um des Kapitals willen, aus der gesellschaftlichen Konzentration der bis dahin individuell „zersplitterten Produktionsmittel“ hervor. (Vgl. Wagenknecht 2017, S.96)

Diese Tendenz zur Konzentration setzte sich dann im Kapitalismus fort. Wagenknecht zeichnet die verschiedenen Stationen der Monopolbildung im 19. Jhdt. am Beispiel der Eisenbahngesellschaften, im 20. Jhdt. am Beispiel der Automobilfirmen und im 21. Jhdt am Beispiel der Digitalisierung nach. Immer weniger und immer größere Unternehmen, die als „Kapitalsammelstellen“ fungieren (vgl. Wagenknecht 2017, S.99), verdrängen kleinere und mittelständische Unternehmen vom Markt oder kaufen sie auf oder machen sie als Zulieferer von sich abhängig. Marx faßt das in dem makabren Bild vom Kapitalisten, der viele andere Kapitalisten totschlägt. (Vgl. ebenda) Eben diese Brutalität erinnert mich an die ursprüngliche Akkumulation, die ja ebenfalls ein räuberischer Akt ist.

Das Größenwachstum der Unternehmen, die auch längst keine „Inhaber“ mehr haben (vgl. Wagenknecht 2017, S.99) – also Unternehmen ohne Unternehmer sind –,  sondern von Aktiengesellschaften getragen werden, erinnert irgendwie an eine Perversion des Wirtschaftswachstums: statt daß die Wirtschaft insgesamt wächst, wächst vor allem die Größe von immer weniger Unternehmen, bis irgendwann die Gesamtwirtschaftsleistung der Gesamtleistung einiger weniger Unternehmensgiganten entspricht. Und das ist inzwischen keine Prognose mehr, sondern beschreibt den derzeitigen Entwicklungsstand. (Vgl. Wagenknecht 2017, S.101)

Marx hatte vorausgesagt, daß der Kapitalismus auf diesem Entwicklungsstand nicht mehr technologisch produktiv sein kann, da der Konkurrenzdruck verschwindet, „der die Anbieter zu Innovation und Produktivität zwingt“:
„Der Kapitalismus, so Marx’ Prognose, wird ideenlos und träge.“ (Wagenknecht 2017, S.102)
Wagenknecht verweist auf den VW-Konzern: anstatt die Abgasreinigung gemäß den geltenden Normen zu optimieren, „investieren VW und Co. lieber in ausgeklügelte Software, um die Tester in die Irre zu führen“. (Vgl. Wagenknecht 2017, S.103f.) Die Ingenieure in den Forschungsabteilungen der Konzerne werden ausdrücklich dazu angehalten, nicht optimale Produkte zu entwickeln, sondern bei der Produktentwickelung vor allem auf die Rendite zu achten. Gute Arbeit zu leisten, gilt als „Over-Engineering“. Worauf es stattdessen ankommt, ist „Value-Engineering“. (Vgl. Wagenknecht 2017, S.104)

Letztlich zeigt sich daran, daß der Kapitalismus nicht mehr geeignet ist, die jetzt anstehenden großen Menschheitsprobleme von der Überbevölkerung bis zum Klimawandel zu lösen, so daß er jetzt selbst zu einem Anachronismus geworden ist. Die „Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Verfügung und einer politischen Regulierung der Lebensgrundlagen“ liegt, so Wagenknecht, „auf der Hand“. (Vgl. Wagenknecht 2017, S.106) Immerhin – und deshalb war ich, wie eingangs erwähnt, so neugierig auf diesen Text gewesen – ist Wagenknecht nicht nur Autorin, sondern auch Politikerin.

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