Samstag, 6. Mai 2017

Paul Mason, Befreit die Maschinen – denn sie befreien uns, in: Mathias Greffrath (Hg.), Re: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert, München 2017, S.155-167

(Antje Kunstmann, gebunden, 240 S., 22,-- € )

Auf der Grundlage der Marxschen These „vom tendenziellen Fall der Profitrate“ (vgl. Masion 2017, S.156) entwickelt Paul Mason in seinem Beitrag „Befreit die Maschinen – denn sie befreien uns“ (2017) eine an die Star-Trek-Serie erinnernde Maschinenutopie:
„Das Wachstum eines kooperativen Sektors inmitten der kapitalistischen Wirtschaft – und eine Informationstechnik, die den Wertanteil von Kapital und Arbeit in vielen Produkten exponentiell sinken lässt: beide verweisen auf einen Weg, der aus einem Marktsystem, das auf künstlichem Mangel beruht, in eine Gesellschaft des Überflusses führen kann – Überfluss an Information, freier Zeit und an physischen Gütern, die von Computern und Robotern hergestellt werden. Technologisch sind wir auf dem Weg zu kostenlosen Gütern, nichtmessbarer Arbeit, exponentiellen Produktivitätszuwächsen und der umfassenden Automatisierung physikalischer Prozesse.“ (Masion 2017, S.165)
Es sind zwei problematische Momente, die sich gegen die von Mason beschriebene Utopie einwenden lassen: Das von ihm gepriesene Produktivitätswachstum führt zunächstmal nicht zu einer nachhaltigen, die Ressourcen schonenden Wirtschaftsform, sondern im Gegenteil zu vermehrtem Raubbau an den Ressourcen; und die viel gelobten Netzwerke – Mason spricht vom „Krieg zwischen Netzwerk und Hierarchie“, wobei er ‚Netzwerk‘ mit ‚Allmende‘ parallelisiert (vgl. Mason 2017, S.166) – bilden oft genug nur ‚Blasen‘ bzw. ‚Echoräume‘, in denen sich diejenigen versammeln, die ihre Meinung nur vor der Kritik der anderen schützen wollen.

Es ist eine Mär, daß die Informationstechnologie als solche ökologisch sei und ein ökologisches Potential entfalte, wie Mason zu meinen scheint, wenn er von ihrem „Gebrauchswert“ schwärmt, als Grundlage einer Produktionsweise „mit winzigsten Mengen von Energie und Material und ohne dass zusätzliche Arbeit anfällt“. (Vgl. Mason 2017, S.160) Wenn mein diesbezügliches Wissen nicht schon wieder veraltet sein sollte, produziert jeder Mausklick im Internet einen Energieverbrauch, wie er beim Kochen einer Tasse Tee anfällt. Am Internet hängt eine gigantische Infrastruktur, die wiederum riesige Mengen an Energie und Material verbraucht. Und bei den von der Informationstechnologie ermöglichten „exponentiellen Produktivitätszuwächsen“, von denen Mason spricht, müßte allererst geklärt werden, wie man verhindern kann, daß diese angeblich ressourcenschonenden Produktionszuwächse nicht sofort wieder über gesteigerten Konsum in vermehrten Raubbau an Ressourcen mündet.

Solche technologiekritischen Fragen interessieren Mason in seinem Beitrag nicht, obwohl Ansätze zur Kritik an einer dem Kapital hörigen Wissenschaftsorganisation und Technologieinnovation durchaus vorhanden sind. (Vgl. Masion 2017, S.162f.) Stattdessen schwärmt Mason vom „Zeitalter der befreiten Maschinen“ und von „perfekten Maschinen“. (Vgl. Mason 2017, S.166f.) Der Mensch kommt als Gegenstand der Befreiung nur noch im Titel seines Beitrags vor, als Objekt eines Maschinensubjekts, das ihn befreit. Eine Anthropologie hinsichtlich der Bedürfnisorganisation dieses Menschen – und die damit verbundene Frage, was dieser mit seiner Freiheit anzufangen weiß – fehlt völlig.

Damit fällt Mason weit hinter den Erkenntnisstand eines Günther Anders und seines Buchs „Die Antiquiertheit des Menschen“ (Bd.I, 1956) zurück.

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