Dienstag, 9. Mai 2017

Étienne Balibar, Die drei Endspiele des Kapitalismus, in: Mathias Greffrath (Hg.), Re: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert, München 2017, S.213-235

(Antje Kunstmann, gebunden, 240 S., 22,-- € )

Der Titel des Beitrags von Étienne Balibar, „Die drei Endspiele des Kapitalismus“ (2017), ist, was das Thema betrifft, gleichermaßen redundant wie unvollständig. Daß es sich bei den drei Endspielen um Endspiele des Kapitalismus handelt, ist klar und muß nicht eigens erwähnt werden. Tatsächlich geht es in Balibars Beitrag aber nicht einfach nur um drei ‚Endspiele‘, sondern auch um eine vierte Version der Entwicklung kapitalistischer Gesellschaftsformationen, ähnlich wie bei den drei Musketieren, bei denen es vor allem um den vierten geht. Deshalb mein alternativer Vorschlag für den Titel: „Drei Endspiele und eine Apokalypse“.

Balibar macht in dankenswerter Weise die Problematik des geschichtsphilosophischen Denkens in der theoretischen und in der politischen Auseinandersetzung um die Realisierung des Sozialismus deutlich. Bei aller geschichtsphilosophischen Entschlossenheit, die Karl Marx selbst, geschult in Hegelscher Dialektik, an den Tag legt, kann Balibar zeigen, daß die Konzeption des ersten Bandes des „Kapitals“ – der einzige unten den drei Bänden, den Marx selbst verfaßt und veröffentlicht hat – mehrere Alternativen hinsichtlich einer Überwindung des Kapitalismus, also verschiedene Versionen des ‚Endspiels‘, offen läßt. Das liegt Balibar zufolge weder an den schriftstellerischen Grenzen von Karl Marx, dem Balibar hier im Gegenteil volle schriftstellerische Kompetenz zuspricht (vgl. Balibar 2017, S.221), noch an den kontingenten Bedingungen seiner Zeit, wie etwa der Zensur (vgl. Balibar 2017, S.219). Vielmehr ließ Marx, wie Balibar betont, „bestimmte Alternativen, auf welche sein eigenes Denken hinauslief“, mit voller Absicht „offen als solche hervortreten“. (Vgl. Balibar 2017, S.220)

Der letzte Abschnitt des vorletzten Kapitels über das Ende des Kapitalismus – Balibar weist ausdrücklich auf den seltsamen Umstand hin, daß sich diese ‚Schlußworte‘ nicht am Ende des ersten Bandes befinden, wo sie eigentlich hingehören (vgl. Balibar 2017, S.218) –, enthält nach Balibars Auffassung drei verschiedene Schichten, die auf drei verschiedene Formen des ‚Endspiels‘, also der Überwindung des Kapitalismus hindeuten. Die erste Schicht dieses Textes bezieht sich auf die französischen Sozialisten, was sich auch schon an der auffälligen Häufung von französischen Wörtern wie „Expropriation der Expropriateure“ zeigt. Hier haben wir es Balibar zufolge gleichermaßen mit einer „Kontinuität“ zur wie mit einem „Fortschritt“ hinsichtlich der französischen Revolution zu tun. Die Kontinuität besteht in der Gewaltförmigkeit der Überwindung des Kapitalismus; der  Fortschritt besteht darin, daß diese revolutionäre Gewaltförmigkeit zu einer höheren Entwicklungsstufe als die der französischen Revolution gehört, die, also die Entwicklungsstufe, die „Vergesellschaftung“ der im Kapitalismus „konzentrierten und zentralisierten Produktionsmittel“ (vgl. Balibar 2017, S.221f.) in einen Kommunismus transformiert.

Diese Version der Überwindung ist – wie auch das zweite ,Endspiel‘ – aus zwei Gründen geschichtsphilosophisch: zum einen wegen der dialektischen Struktur von Gewalt – beginnend mit der ursprünglichen Akkumulation (vgl. Balibar 2017, S.223) – und revolutionärer Gegengewalt, zum anderen wegen der Gleichartigkeit des vom Kapitalismus ausgehenden und in den Kommunismus übergehenden Vergesellschaftungsprozesses.

Auch die zweite Version einer Überwindung des Kapitalismus, die Balibar anspricht, ist extrem gewaltförmig und mit ihrem „Messianismus“ – also dem quasireligiösen Versprechen einer Erlösung – geschichtsphilosophisch. Balibar verweist auf die Gleichartigkeit von Marxens „Expropriation der Expropriateure“ mit einem Vers aus Jesaja: „Eure Unterdrücker werden ihrerseits (von Euch) unterdrückt werden“. (Balibar 2017, S.222)

Auch hier wird die messianische Gewalt wieder durch die Gewalt der Unterdrücker gerechtfertigt. Auch Marxens Darstellung der ursprünglichen Akkumulation folgt Balibar zufolge dem messianischen Muster:
„In dieser Erzählung findet sich noch eine andere Formulierung des messianischen Typus, die nämlich, dass die ‚Gewalt ... der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft ist, die mit einer neuen schwanger geht‘ (23:779).“ (Balibar 2017, S.223)
Jede Behauptung, daß es schon Gründe gab für eine neue Gesellschaftsordnung, bevor es diese Gesellschaftsordnung gibt (‚Schwangerschaft‘), ist geschichtsphilosophisch und konstruiert diese Gründe. Dieses vergangenheitsbezogene Vorgehen unterscheidet sich nicht von der auf die Zukunft gerichteten Vorstellung, daß die Entwicklungstendenz einer Gesellschaft strukturell festgelegt ist! Viel plausibler als solche Geschichtsphilosophie ist es aber, daß gerade die Gewaltförmigkeit des Übergangs von der einen Gesellschaftsordnung zur anderen den hauptsächlichen Grund für einen solchen Übergang bildet.

Die dritte Version einer Überwindung des Kapitalismus ist ebenfalls geschichtsphilosophisch begründet, aber nicht gewaltförmig, sondern evolutionär bzw. reformistisch:
„In dieser erscheinen die Formen der Expropriation im Kapitalismus geradezu als Vorwegnahme oder sogar als mögliche Instrumente einer kollektiven Aneignung oder auch der Formen jener Assoziation, welche den Kommunismus auszeichnen wird.“ (Balibar 2017, S.223)
In dieser evolutionären Variante entspricht die „Vergesellschaftung durch das Geld“ der „Vergesellschaftung durch die Arbeit“ (vgl. Balibar 2017, S.226), weshalb es zu keinem Gewaltübergang zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu kommen braucht, sondern die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse die fortgeschrittenen Produktionsmittel der alten einfach friedlich übernehmen. Dabei bilden vor allem die sich im Kapitalismus herausbildenden Monopole und die Finanzwirtschaft Vorformen der neuen kommunistischen Vergesellschaftung. (Vgl. ebenda)

Ehrlich gesagt habe ich das nicht verstanden. Es ist mir unerfindlich, wie ausgerechnet der Finanzkapitalismus eine Vorform von „Genossenschaft (oder der ‚neuen Commons‘)“ bilden kann. (Vgl. Balibar 2017, S.226) Wichtig ist mir an dieser Stelle aber etwas anderes: Gerade in der evolutionären Variante wird die Technologiegläubigkeit Marxens besonders deutlich. Technologie ist immer etwas Gutes, egal vor welchem Hintergrund sie entwickelt und eingesetzt wird. Ohne Technologie kann sich Marx die Zukunft der Menschheit nicht vorstellen. Die Technik ist niemals ein Problem, nur die jeweilige Gesellschaft, in der sie zum Einsatz kommt. Marxens Denken ist durch und durch technologiekonform: Er setzt Technologie mit Rationalität gleich! Und deshalb auch immer diese unvermeidliche Geschichtsphilosophie, denn auch sie basiert auf diesem Glauben an Technologie.

Dann gibt es aber noch diese vierte Version, die in eine ganz andere Richtung deutet. Balibar verweist auf ein Kapitel, das ursprünglich zum ersten Band des „Kapitals“ gehörte, das Marx dann aber doch nicht veröffentlicht hatte, obwohl es „ursprünglich dessen letzten Abschnitt hatte bilden sollen“:
„Aus der Behandlung der Widersprüche und Konflikte der Formveränderungen des Kapitalismus und den Möglichkeiten des Klassenkampfes in diesem Kapit(e)l geht hervor, dass die Entwicklungstendenz des Kapitalismus als solche nihilistisch ist.“ (Balibar 2017, S.230)
Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: der Kapitalismus ist nicht produktiv, so daß die nachfolgenden Gesellschaftsformen auf ihm positiv aufbauen können, sondern nihilistisch. Es gibt also weder einen gewaltförmigen noch einen friedlichen Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus, in dem letzterer sich der Technologie des ersteren einfach so – nur unter anderen Vorzeichen – bedienen könnte!

Balibar zeichnet anhand dieses unveröffentlichten Kapitels die Auseinandersetzung um die Länge des Arbeitstags nach, die Karl Marx als „Bürgerkrieg“ beschrieben hatte. Die Arbeiter wollen weniger arbeiten, der Kapitalist will, daß sie mehr arbeiten, möglichst 24 Stunden am Tag. Die Tendenz dieses Bürgerkriegs geht Balibar zufolge in Richtung auf einen „absolute(n) Kapitalismus“, wie wir ihn heute auch als „Neoliberalismus“ kennen. (Vgl. Balibar 2017, S.213) Sie führt zu einer „totalen Subsumtion“ des Arbeiters unter die kapitalistischen Produktionsbedingungen, die „auch noch die Reproduktion des Lebens und des Alltags den Gesetzen der Warenform und des Profits unterwirft und sie zu einer ergänzenden ‚Industriebranche‘ ausgestaltet“. (Vgl. Balibar 2017, S.231)

In dieser apokalyptischen Version eines absoluten Kapitalismus merken die Arbeiter gar nicht mehr, daß sie völlig versklavt worden sind, weil „jede Regung schon vorab vom Kapitalismus instrumentalisiert oder unter Kontrolle gehalten wird“. (Vgl. Balibar 2017, S.231) Die Vorstellung in dem Beitrag von Robert Misik, die einfache Fortschreibung der kapitalistischen Produktionsmittel (Technologie) unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen ginge mit einer Entwicklung unserer individuellen Talente und Kreativität einher (vgl. Greffrath (Hg.) 2017, S.171-183 und meinen Post vom 07.05.2017), ist deshalb nur Ausdruck einer solchen Sklavenmentalität. Tatsächlich muß jede Kritik des Kapitalismus auch eine Kritik der Technologie beinhalten, wenn sie vollständig sein soll. Und eine solche Kritik deutet sich in dem von Balibar diskutierten Kapitel an.

Schade daß es unveröffentlicht geblieben ist.

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