Montag, 3. April 2017

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Broschur, 227 S., 16,-- € )

1. Vorab: Kritik
2. Zusammenfassung
3. Methode
4. Begriffe und Logik
5. Gruppen
6. Exzentrizität

Immer wieder stößt man bei der Lektüre von Fritz Breithaupts Buch auf sachliche Ungenauigkeiten bei zentralen Begriffsbestimmungen, auf logische Widersprüche und auf etwas, das ich als ‚Begründungsunterstellung‘ oder als ‚Begründungserschleichung‘ bezeichnen möchte: nämlich in Form von Zitaten oder von Verweisen auf Autoritäten, die für das Gegenteil dessen stehen, für das Breithaupt glaubt, sie in Anspruch nehmen zu können. Eine zentrale Autorität für Breithaupts Empathiebegriff ist z.B. Frans de Waal. Breithaupt faßt eine Publikation von de Waal und seiner Co-Autorin Stephanie Preston mit folgenden Worten zusammen:
„Stephanie Preston und Frans de Waal haben vorgeschlagen, dass Menschen und manche andere Tierarten lernen können, zwischen sich und anderen zu unterscheiden, und dadurch die Emotionen der anderen ausblenden können.“ (Breithaupt 2017, S.90)
Diese Zusammenfassung entspricht dem, was ich von Frans de Waal erwarten würde, dessen Buch „Das Prinzip Empathie“ (2011) ich vor einigen Jahren in diesem Blog besprochen habe. (Vgl. meine Posts vom 15.05. bis 21.05.2011) Um Empathie zu kontrollieren und zu steuern, bedarf es bestimmter kognitiver Techniken, und die kann man lernen. Empathie und Kognition sind also nicht dasselbe. Breithaupt schlußfolgert aber etwas ganz anderes:
„So betrachtet besteht die Funktion des Ich oder Selbst darin, das Individuum von den Gefühlen und Emotionen der anderen abzuschirmen. Empathie besteht entsprechend im Verstehen und Mitfühlen bei gleichzeitigem Bewusstsein der Differenz zwischen Ich und anderem.“ (Breithaupt 2017, S.90)
Anstatt also Kognition und Empathie als zwei verschiedenartige Bewußtseinsprozesse zu fassen, wie es Breithaupts eigene – und korrekte! – Zusammenfassung nahelegt, nimmt er die mit seiner Zusammenfassung verbundene Berufung auf die Autorität von Frans de Waal als Argument, das angeblich das genaue Gegenteil belegt: daß nämlich Kognition (Differenzbewußtsein) einen immanenten Bestandteil von Empathie bildet.

An anderer Stelle zitiert Breithaupt aus Edmund Burkes „A Philosophical Enquiry into the Origins of our Ideas of the Sublime and Beautiful“ (1757):
„Ich bin davon überzeugt, dass wir einen Grad an Vergnügen, und keines kleinen, an dem wirklichen Unglück und dem Schmerz von anderen haben. Wenn diese Leidenschaft schlicht schmerzhaft wäre, würden wir mit der größten Umsicht alle Personen und Orte vermeiden, die sie erregen könnten ... . Und wie unser SCHÖPFER es besorgt hat, sollten wir durch die Bande der Sympathie vereint sein ... . ... es ist absolut notwendig, dass mein Leben außerhalb von jeder konkreten Gefahr ist, bevor ich das Vergnügen an dem Leiden von realen oder imaginären anderen empfinden kann. ...()“ (Zitiert nach Breithaupt 2017, S.152)
Wenn dieses Zitat etwas klar und deutlich zum Ausdruck bringt, dann daß man nur dann ein Vergnügen am Schmerz von anderen haben kann, wenn man diesen Schmerz nicht am eigenen Leib verspürt und wenn man sich selbst „außerhalb von jeder konkreten Gefahr“ befindet. Schmerz verbindet die Menschen also nicht miteinander. Und sie teilen ihn auch nicht. Denn dann könnten die einen kein Vergnügen am Schmerz der anderen mehr empfinden. Breithaupt macht auch hier das genaue Gegenteil daraus:
„Burkes Logik an dieser Stelle lautet, dass Schmerz Menschen aneinander bindet, weil wir den Schmerz alle teilen. Die Sym-Pathie ist ein gemeinsames Leiden. Wenn wir also das Leiden eines anderen wahrnehmen, freuen wir uns, weil dieses Teilen des Leidens eine Gemeinsamkeit und Verbindung evoziert.“ (Breithaupt 2017, S.152)
Das ist das, was ich eine Begründungserschleichung nennen möchte.

Das führt uns noch einmal zum Empathiebegriff selbst, denn hier leistet sich Breithaupt Verkürzungen und Bewertungen, die eher suggestiv sind als analytisch. Zunächst heißt es, daß „emotionale Ansteckung“ als „nicht willentliche Reaktion“ „eher problematisch“ sei, und Breithaupt rückt sie in die Nähe von Schwarmverhalten. (Vgl. Breithaupt 2017, S.35) In der Folge spricht Breithaupt dann nicht von emotionaler Ansteckung, sondern von „Über-Empahtisierung“ (Breithaupt 2017, S.83), die er zur ersten Stufe seiner dreistufigen Empathie-Architektur macht. Breithaupt stellt nun fest, daß Menschen ständig „hyperempathisch“ (Breithaupt 2017, S.85, 92) seien und schlußfolgert, daß es eines effektiven Blockademechanismusses bedarf, der die problematische Über-Empathisierung unter Kontrolle hält (vgl. Breithaupt 2017, S.85). Dieser Blockademechanismus soll die zweite Stufe seines Empathie-Modells bilden. Dabei bleibt gleichermaßen unerörtert, inwiefern emotionale Ansteckung, Schwarmverhalten und Über-Empathisierung sich unterscheiden und ob wir es bei den verschiedenen Ebenen der emotionalen Beteiligung und der reflexiven Distanz überhaupt mit ‚Stufen‘ innerhalb ein und desselben psychischen Mechanismusses zu tun haben, statt mit zwei völlig verschiedenartigen antagonistischen Prozessen.

Die ersten beiden Stufen der dreistufigen Architektur des Empathiebegriffs beruhen also auf lauter ungeklärten Begriffen und suggestiven Bewertungen.

Auch Breithaupts Begriff der „falschen Empathie“ krankt an diesen sprachlichen Ungenauigkeiten. So legte seiner Ansicht nach Angela Merkel falsche Empathie an den Tag, als sie ein weinendes Syrermädchen mit der Bemerkung zu trösten versuchte, daß sie ihre Sache „doch prima gemacht“ habe, so als ginge es dem Mädchen, das mit einer drohenden Abschiebung konfrontiert war, nur um seine mediale Darstellung. (Vgl. Breithaupt 2017, S.142) Breithaupt berücksichtigt nicht, daß Merkel vielleicht die falschen Worte gewählt hat, aber deshalb noch lange nicht falsche Empathie gezeigt hat. Sie hat zunächst mal nur auf der kognitiven Ebene versagt, aber nicht unbedingt wegen falscher Empathie. Da Breithaupt aber zwischen Empathie und Kognition nicht trennt, betrifft aus seiner Sicht Merkels Versagen auch die Empathie. Es mutet auch leicht absurd an, wenn Breithaupt bei Angela Merkel einen angeblichen Mangel an Empathie diskutiert und gleichzeitig Donald Trump bescheinigt, ein „Meister der Empathie“ zu sein. (Vgl. Breithaupt 2017, S.211)

Solche sachlichen Ungenauigkeiten bei Definitionen finden sich immer wieder. Zum Begriff der Strafe schreibt Breithaupt:
„Die Leistung des Strafens besteht in der Unterbrechung einer der Gemeinschaft schadenden Tat.“ (Breithaupt 2017, S.163)
Es ist eigentlich so offensichtlich, daß Strafe keine „Unterbrechung“ einer „schadenden Tat“ bildet, daß es hier fast schon überflüssig ist, das noch einmal eigens hervorzuheben: Strafe ist keine Intervention! Bestrafung erfolgt, wenn die ‚schadende‘ Tat längst vollzogen ist, also im nachhinein, und ‚gemeinschaftlich‘ bzw. gesellschaftlich dient sie vor allem zur Prävention, also zur Verhütung künftiger Straftaten durch Abschreckung.

Seltsam mutet es auch an, wenn Breithaupt auf die methodischen Unzulänglichkeiten einer Meta-Studie zu den Veränderung von Einstellungen zur Empathie zwischen 1979 und 2009 eingeht (vgl. Breithaupts 2017, S.67ff.), und dann im nächsten Kapitel – in völliger Ignoranz gegenüber seiner eigenen Kritik – genau diese Studie als Beleg dafür nimmt, daß „bei der heutigen Jugend zumindest in Amerika eine rapide Abnahme von Empathie zu verzeichnen ist“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.79)

Alle diese Fahrlässigkeiten, Verdrehungen und Inkonsequenzen im Umgang mit Zitaten, Begriffen und Schlußfolgerungen schaden dem berechtigten Anliegen des Autors, den dunklen Seiten der Empathie auf die Spur zu kommen.

Download

Kommentare:

  1. Wenn Breithaupt Empathie und Kognition zusammenlegt, vielleicht auch nur deswegen, weil er beides nicht sinnvoll trennen kann, dann folgt daraus, dass die menschliche Kognition auf der Empathie aufbaut.

    Während die Empathie als Gegebenes von Beginn an vorliegt, ist das Kognitive eine je spezifische Entwicklung der Empathie und gelegentlich auch antagonistisch ausfallen kann, was bedeuten würde, dass die je spezifische kognitive Entwicklung auf die Empathie zurückwirkt. Die kognitive Entwicklung kann sich auch gegen die Empathie wenden.

    Wie sieht die Empathie beim Kind aus, wenn es von seinem Vater geprügelt wird und welcher Schritt in der kognitiven Entwicklung findet da statt?

    Vieles in der Kognition wird vom Empathischen "gefüttert". Ich dachte kurzfristig mal, dass die Sprache das Empathische ausformuliert.

    Das Empathische erreicht primär das Gefühl (spontanes Mitgefühl) und das ist erst einmal nicht die Kognition. Doch man kann sich fragen, welchen Sinn die Gefühle haben, wenn man sich das Empathische wegdenkt und wer denkt völlig emotionslos?

    Ich kann das Empathische und das Kognitive nicht sauber trennen. Nur in der Kognition stellt sich die empathische Situation entsprechend anders da. Empathie hat viel mit Instinkt zu tun, welche in der Kognition aufgelöst wird, aber dann doch nicht von jedem.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wenn Breithaupt den Zusammenhang zwischen Empathie und Kognition so dargestellt hätte. wie Du das in Deinem Kommentar machst, wäre ich freundlicher mit ihm umgegangen. Eine solche Verhältnisbestimmung und auch nur der Versuch dazu fehlt aber bei ihm völlig.

      Dein Hinweis auf die Sprache ist sehr richtig: ich selbst gehe immer von Rekursivität aus, wie Du weißt, und die Empathie ist der instinktive Vollzug von Rekursivität, von ich wie du und von du wie ich. Und das ist natürlich wiederum die Grundlage unserer Sprachlichkeit. Ohne Empathie keine Sprache. Allerdings sehr wohl Empathie ohne Sprache, im Sinne verschiedener Vorformen von Sprache auf der Ebene des Animalischen bzw. Körperlichen.

      Löschen