Donnerstag, 19. Januar 2017

Matthew B. Crawford, Die Wiedergewinnung des Wirklichen. Eine Philosophie des Ich im Zeitalter der Zerstreuung, Berlin 2016

(ullsteinbuchverlage, Hardcover, 429 Seiten, 24.00 €)

1. Zusammenfassung
2. Bewußtsein als geistige Repräsentation
3. Bewußtsein als Autonomie
4. Bewußtsein als Wahrnehmung
5. Bewußtsein als Wachsamkeit
6. Vortrefflichkeit: Das situierte Selbst
7. Vortrefflichkeit: Das situierte Ding

Gegen eine Idealisierung der menschlichen Autonomie wendet Crawford ein, daß sie nicht zu einer Autonomie, sondern zu einer „Fragilität“ des Selbst beiträgt:
„Damit einher geht die Fragilität eines Selbst, das Konflikte und Frustration nicht ertragen kann. Und dieses fragile Selbst kann jeder formen, der fesselnde Repräsentationen anzubieten hat, um uns vor einer direkten Konfrontation mit der Welt zu bewahren.“ (Crawford 2016, S.122)
Die scheinbare Autonomie des Selbst beruht Crawford zufolge „darauf, dass es sich mit mehreren Repräsentationsschichten von den Kontingenzen der Welt abschottet“. (Vgl. Crawford 2016, S.111) An die Stelle der wirklichen Realität setzt man eine virtuelle Realität, also eine von „mehreren Repräsentationsschichten“ abgeschottete Realität:
„In diesem Sinn steht die virtuelle Realität in einem besonders deutlichen Gegensatz zum von mir verfochtenen Konzept des situierten Selbst.“ (Crawford 2016, S.109)
Crawford beschreibt sein Konzept eines situierten Selbst mit folgenden Worten: „Wir sind in einer Welt verankert, die wir nicht gemacht haben – und diese ‚Situiertheit‘ ist grundlegend für das menschliche Wesen.“ (Crawford 2016, S.48)

Die „Situiertheit“ besteht aus drei Elementen: „Verkörpertheit“, „soziale Natur“ und aus der „Begegnung mit den Dingen“. (Vgl. ebenda) Diese drei Elemente des situierten Selbst entsprechen den drei Lehrmeistern aus Rousseaus „Emile“ (1762): der biologischen Natur des Kindes, den Dingen und den Menschen. Mit Situiertheit meint Crawford die Eingebettetheit der menschlichen Intelligenz bzw. des menschlichen Bewußtseins: das „embodiment“. (Vgl. Crawford 2016, S.81) Crawford verweist auf das „Krabbelkind“, das erst lernen muß, seinen Körper zu benutzen, bis es dahin gelangt, daß ihm sein Körper „transparent“ geworden ist und es nicht mehr mühsam ausprobieren muß, wie es etwas tun soll, wenn es etwas Bestimmtes tun will:
„Wenn wir uns Können aneignen, verwandeln sich genau jene Elemente der Welt, die ursprünglich Frustration hervorriefen, in Bestandteile eines Selbst, das sich entfaltet, so wie das Krabbelkind sich in seinem Körper entfaltet und sich darin wohl zu fühlen lernt.“ (Crawford 2016, S.86)
Es macht Crawford zufolge keinen Sinn, unsere Autonomie dadurch zu behaupten, daß wir unsere Abhängigkeit von unserer körperleiblichen Bedingtheit zur bloßen Heteronomie herabwürdigen. Unser Körper ist kein Hindernis, sondern im Gegenteil die Voraussetzung der eigentlichen Autonomie, die Crawford als „Vortrefflichkeit“ bezeichnet. Dabei geht es Crawford nicht einfach um solche alltäglichen Banalitäten wie das Zuschnüren eines Schuhs, das wir irgendwann so perfekt beherrschen, daß wir es gleichsam im Schlaf ausführen können:
„Die Fähigkeit, sich die Schuhe zuzubinden, ist eine stabile Leistung, ein Zustand des Stillstands. Aber in Aktivitäten, die wir ernst nehmen, etwa beim Musizieren, im Sport oder beim Rennfahren, streben wir nach Vervollkommnung.“ (Crawford 2016, S.107)
Das Streben nach Vervollkommnung unterscheidet die menschliche Intentionalität von der Notdurft des Tieres, dem es in erster Linie immer nur um die Befriedigung seiner unmittelbar körperlichen Bedürfnisse geht. Das Streben nach Vervollkommnung ist deshalb nicht physiologisch, sondern erotisch:
„Erotisch zu sein bedeutet, dass wir nie vollkommen in der Welt zu Hause sind; wir sind immer ‚unterwegs‘. Oder vielleicht sollten wir sagen: Dieser Zustand des Unterwegsseins ist unsere eigentümlich menschliche Art, in der Welt zu sein.“ (Crawford 2016, S.107f.)
Auch der Begriff der Vervollkommnung bildet ein wesentliches Moment in Rousseaus Erziehungsprogramm.

Nachdem wir uns also in den ersten Lebensjahren unseren Körper angeeignet haben, nehmen zunehmend die anderen beiden Lehrmeister unsere Aufmerksamkeit in Anspruch: die Dinge und die Menschen. Ich möchte in diesem Blogpost zunächst auf die Menschen eingehen und mir die Dinge für den nächsten und letzten Post aufheben.

Der Umgang mit den Menschen ist vor allem durch die Sprache gekennzeichnet. Die Dinge bzw. die Natur ist stumm bzw. „stumpfsinnig()“, wie Crawford schreibt. (Vgl. Crawford 2016, S.115) Sie ist „einfach nur da“ und gibt uns keine Hinweise, wie wir mit ihr richtig umgehen sollen. (Vgl. Crawford 2016, S.111) Die Menschen hingegen reden mit uns und wir mit ihnen. Wir können unsere Aufmerksamkeit gemeinsam auf einen Gegenstand richten und auf diese Weise ‚triangulieren‘:
„Denn durch die Auseinandersetzung mit anderen werden wir aus unserem Kopf herausgeholt und gezwungen, uns zu rechtfertigen. Indem wir das tun, werden wir möglicherweise unser Verständnis der Welt korrigieren. Um unser Weltverständnis und unsere Zuneigung zur Welt vertiefen zu können, brauchen wir Triangulationspartner: andere Menschen als andere Menschen, mit denen wir uns im Wechselspiel eine individuelle Grundhaltung verdienen können.“ (Crawford 2016, S.265)
Was Crawford als „Triangulation“ bezeichnet, kennen wir bereits von Michael Tomasello als „Rekursivität“. Diese Rekursivität besteht darin, die verschiedenen Perspektiven von zwei oder mehr Menschen auf eine gemeinsame Absicht (geteilte Intentionalität) zu beziehen. Indem sich so verschiedene Menschen gegenseitig ergänzen und unterstützen, erweitern sie den beschränkten rekursiven Raum eines einzelnen Menschen. Wir versuchen Crawford zufolge normalerweise ein Problem zu lösen, indem wir es „in einfachere Bestandteile“ zerlegen, „die wir am Ende wieder zusammensetzen“. (Vgl. Crawford 2016, S.59) Aber in unserem neuronalen „Arbeitsspeicher“ ist nur „Platz für drei bis fünf Positionen“. (Vgl. ebenda; vgl. auch meinen Post vom 25.07.2011) Unser persönliches Analysepotential ist also begrenzt. Das Gespräch mit anderen Menschen erweitert unseren „Arbeitsspeicher“ bzw. unsere Aufmerksamkeit und damit auch die Tiefenschärfe unserer Analysen.

Dazu trägt so ein Gespräch aber nur bei, wenn die Gesprächspartner in der Lage sind, von sich abzusehen. Das ist keineswegs selbstverständlich, sondern es bedarf dazu einer besonderen Selbstdisziplin. So beschreibt Crawford, wie die Gespräche unter den Mitarbeitern in der Werkstatt eines Orgelbauers geführt werden:
„Um daran teilzunehmen, muss man gute Umgangsformen haben: Man muss gut zuhören, seine Argumente taktvoll vorbringen und jenes Schamgefühl zeigen, das einem verrät, dass man widerlegt wurde.“ (Crawford 2016, S.353)
Man muß also, ob nun als ‚Meister‘ in einer Orgelbauwerkstatt oder als Teil einer Feuerwehrmannschaft, in der Lage sein, sich der Sache zu unterwerfen, wenn die Gespräche produktiv sein sollen:
„Ob diese Gespräche geeignet sind, die Erfahrung zu klären, anstatt für zusätzliche Verwirrung zu sorgen, hängt teilweise von den dialektischen Fähigkeiten der Kollegen eines Feuerwehrmanns ab. Sie müssen imstande sein, ihre eigene Erfahrung bei dem Brand kritisch zu hinterfragen und so ins Gespräch einzubringen, dass ihre ursprüngliche Interpretation der Geschehnisse in Zweifel gezogen wird. Sie müssen in der Lage sein, ihre Erfahrung ohne unangemessene Voreingenommenheit in den Dienst des gemeinsamen Bemühens zu stellen, Gebäudebrände besser zu verstehen. Mit anderen Worten, sie müssen die Kunst des philosophischen Gesprächs praktizieren (das eine Art moralische Leistung ist).“ (Crawford 2016, S.101f.)
Es ist also die gemeinsame Auseinandersetzung mit komplexen Situationen, die moralische Fähigkeiten gleichermaßen erfordern wie ermöglichen, und nicht ein abstraktes, von der materialen Wirklichkeit losgelöstes Moralgesetz. Darüberhinaus tragen diese Gespräche zur weiteren Vervollkommnung der Beteiligten bei, wie Crawford nochmal am Beispiel der Orgelbauwerkstatt hervorhebt:
„Die Mitglieder dieser Gilde teilen ihr Wissen miteinander; sie nehmen alle ausdrücklich oder schweigend an einem Gespräch mit ihren Kollegen und mit den Meistern der Vergangenheit teil. Aber das Wissen muss in die Tat umgesetzt werden, und in der Anwendung bieten sich Gelegenheiten, zu experimentieren und Entdeckungen zu machen, auf die man stolz sein kann.“ (Crawford 2016, S.344f.)
Die gemeinsame Kommunikation ermöglicht also Experimente und Entdeckungen, auf die der einzelne, auf sich selbst verwiesene Mensch nicht kommen würde. Crawford verweist in seinem Buch mehrfach auf solche Improvisationsgemeinschaften in der Küche eines Restaurants (vgl. Crawford 2016, S.53ff.), beim Jazz (vgl. Crawford 2016, S.194f.) und in der Glasbläserei (vgl. Crawford 2016, S.197ff.). Die Orgelbauwerkstatt habe ich gerade schon erwähnt und im nächsten Blogpost werde ich nochmal darauf zurückkommen.

Diese Gemeinschaften haben sich Crawford zufolge der Vortrefflichkeit verschrieben. Die Musiker einer Jazzband und die Handwerker in der Orgelbauwerkstatt wollen ihre ‚Arbeit‘ möglichst gut machen. Zu weniger sind sie nicht bereit:
„Man glaubt, die schwierigste Aufgabe bei einem solchen Projekt sei es, die Leute() dazu zu bringen, sich zu engagieren und der Ästhetik Wert beizumessen. Aber genau das tun sie von selbst, und man kann sie nicht dazu bewegen, weniger zu tun.“ (Crawford 2016, S.350)
Diese Einstellung zu einer Sache, einem Gegenstand, findet man vor allem in kleinen Gemeinschaften:
„Es gibt zahlreiche solcher Gemeinschaften, die vielfältigen ökologischen Nischen menschlicher Vortrefflichkeit entsprechen, während die Öffentlichkeit ein undifferenzierter Klumpen ist. Wenn wir uns derart auf kleinere Gemeinschaften konzentrieren, finden wir zwar noch keinen sicheren Raum für den echten Nonkonformisten, aber ich hoffe, dass wir auf diese Art eine Grundlage finden können, auf der Menschen, die gemeinsam einer bestimmten Praxis nachgehen – einer, die sie geprägt hat und ihnen vielleicht das Gefühl vermittelt, unzeitgemäß oder nicht im Einklang mit der umgebenden Gesellschaft zu sein –, normative Nischen für sich erobern könnten, in denen sie nicht dem Vorwurf der Verrücktheit ausgesetzt sind und sich gegen die Funktionäre der psychologischen Angleichung zur Wehr setzen können. Die Praktiken, die ich im Sinn habe, weil sie besonders gegenkulturell sind und verteidigt werden müssen, sind die Philosophie und das Handwerk.“ (Crawford 2016, S.232f.)
Man könnte denken, daß Crawford mit diesem Lob der kleinen ‚Gemeinschaft‘ einen Gegenentwurf zu Helmuth Plessners Kritik zu den „Grenzen der Gemeinschaft“ (2001/1924) liefert. Tatsächlich aber entsprechen diese von Crawford beschriebenen Gemeinschaften den auch von Plessner beschriebenen „Sachgemeinschaften“, und nicht den „Blutsgemeinschaften“ (vgl. meinen Post vom 15.11.2010): Es geht hier immer allererst um eine Sache und nicht um die bedingungslose Inklusion von Individuen.

Vielleicht erinnern Crawfords Handwerkergilden ein wenig an die verschiedenen Mönchsorden überall auf der Welt in den unterschiedlichsten Religionsgemeinschaften. Man könnte also einwenden, daß wir es hier mit einer weiteren Form der Weltfeindlichkeit zu tun haben, der Abwendung von der Wirklichkeit. Aber Crawford zufolge ist das Gegenteil der Fall:
„Ich rechne mit dem Einwand, diese Handwerker hätten sich ‚aus der modernen Welt zurückgezogen‘. Ich glaube jedoch, genau das Gegenteil ist der Fall. Wir nehmen mittlerweile einen Rückzug aus der Welt als normal hin. Das Beispiel der Orgelwerkstatt zeigt uns, wie es ist, in einem Aufmerksamkeitsökosystem zu leben, das einen Menschen mitten in eine Welt setzt.“ (Crawford 2016, S.358)
Crawford zufolge ist es ein fataler Fehler, der „Weisheit der vielen“ zu vertrauen (vgl. Crawford 2016, S.293), denn hier haben wir es nicht etwa mit gemeinsamer Aufmerksamkeit, mit einer Triangulation zu tun, sondern mit Statistik. Die Menschen treten hier nicht als Teil einer „gekonnten Praxis“ (Crawford 2016, S.49, 108, 234) auf. Crawford bezweifelt, daß das Internet „eine überlegene globale Intelligenz“ hervorbringen kann. (Vgl. ebenda) Das Ergebnis kann hier nur ein zweifelhafter „Online-Kollektivismus“ sein. (Vgl. Crawford 2016, S.295)

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

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