Sonntag, 1. Januar 2017

Markus Höfner, Defizit oder Auszeichnung? Menschliche Endlichkeit in theologischer Perspektive (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015S.304-323)

Aus dem Untertitel von Markus Höfners Beitrag „Defizit oder Auszeichnung?“ (2015) geht schon hervor, daß der Autor eine spezifisch theologische Perspektive auf den Menschen hat. Sein Beitrag ist nicht der einzige im Herausgeberband von Oliver Müller und Giovanni Maio, der diese Perspektive einnimmt. (Vgl. „Die biblischen Grundlagen des Menschenbildes“ von Markus Enders, in: Müller/Maio 2015, S.31-63) Allerdings verschiebt Höfner die Perspektive vom defizitären Charakter einer auf Gott ausgerichteten menschlichen Intentionalität (vgl. meinen Post vom 01.11.2016) mit Schleiermacher auf das „Bewusstseinsphänomen“ eines „schlechthinnige(n) Abhängigkeitsgefühl(s)“ (vgl. Höfner 2015, S.314). – Eine nicht unwesentliche Akzentverschiebung, auf die ich noch zurückkommen werde.

Höfners Fragestellung ist, wie er selbst hervorhebt, nur aus dieser spezifisch theologischen Perspektive heraus gerechtfertigt. Nur ein gläubiger Mensch kann die Frage nach dem anthropologischen Status der Sterblichkeit bzw. Endlichkeit des Menschen normativ wenden:
„Denn natürlich lässt sich die Endlichkeit menschlichen Lebens auch als bloßes Faktum verstehen, an dem es nichts zu beklagen und für das es nichts zu hoffen gibt.“ (Höfner 2015, S.305)
Diese Einstellung, den Tod als bloßes Faktum zu nehmen und ihn als solches Faktum auf seine anthropologische Qualität hin zu untersuchen, ist die ursprünglich wissenschaftliche, die von keinem vorgängigen Glauben an einen Gott getragen ist; einem Glauben nämlich, für den der Tod im „Spannungsfeld“ von „‚Schöpfung‘ und ‚Erlösung‘“ ein Problem darstellen würde (vgl. Höfner 2015, S.318). Insofern verweist Höfner auf die Aporie des Theologischen im universitären Kanon wissenschaftlicher Disziplinen. Höfner kann mit seinem Beitrag keine wissenschaftlich plausibilisierbaren Antworten auf die Problematik der menschlichen Sterblichkeit beisteuern.

Das zeigt sich nicht nur an den beiden exemplarischen Positionen von Augustin (354-430 n.Chr.) und Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834), mit deren Hilfe Höfner eine „Problemskizze“ zweier konträrer Paradigmen zum christlichen Begriff der „Erbsünde“ liefert (vgl. Höfner 2015, S.308 und S.314), sondern auch an seinem eigenen Vorschlag zur „Endlichkeit“ als einer „fragile(n) Auszeichnung menschlichen Lebens“ (vgl. Höfner 2015, S.306 und S.321).

Augustins Konzept ist vom bereits erwähnten Konzept einer defizitären, auf Gott ausgerichteten, umwegigen Intentionalität des Menschen geprägt. Die Umwegigkeit dieser nicht geradehin auf die Welt, sondern auf Gott gerichteten Intentionalität ist der Grund für die „Perversion des menschlichen Willens“ (Höfner 2015, S.308), also für dessen Anfälligkeit für die Sünde. Als „Erbsünde“ bezeichnet Augustin deshalb die generelle Neigung des Menschen, sich von Gott ab- und der Welt zuzuwenden, – also in sein eigentlich natürliches, biologisch vorgegebenes Weltverhältnis zurückzufallen. Für die ursprüngliche Güte von Gottes Schöpfung, zu der ja auch der Mensch gehört, bedeutet dieser Abfall des Menschen von Gott einen Skandal und zugleich eine Erklärung dafür, warum der Mensch dem Tod verfallen, also sterblich ist: „Tod und Sterblichkeit sind für Augustin“, so Höfner, „wider die Natur“. (Vgl. Höfner 2015, S.307) Von Natur aus wäre der Mensch unsterblich. Erst sein Abfall von Gott ließ ihn sterblich werden.

Schleiermacher verfolgt Höfner zufolge ein ganz anderes Konzept. Er will den christlichen Glauben mit den „Einsichten neuzeitlicher Wissenschaft in den Kausalzusammenhang naturaler Prozesse“ kompatibel machen (vgl. Höfner 2015, S.312) und versteht deshalb die Sterblichkeit bzw. Endlichkeit des Menschen nicht als eine in der Erbsünde begründete Bestrafung des Menschen, sondern als „eine Auszeichnung menschlichen Lebens“. (Vgl. Höfner 2015, S.313) Die Sünde ist für Schleiermacher auch nicht auf die defizitäre Intentionalität des Menschen zurückzuführen, sondern besteht lediglich in der „Gottvergessenheit“ des Menschen. (Vgl. ebenda) Das Gottesbewußtsein selbst besteht in dem bereits erwähnten Bewußtsein der schlechthinnigen Abhängigkeit des Menschen von Gott. (Vgl. Höfner 2015, S.314)

Im Rahmen dieses Abhängigkeitsverhältnisses ist der Mensch gut, und damit ist auch Gottes Schöpfungshandeln gerechtfertigt. Die menschliche Natur ist nicht defizitär. Sein Wille muß sich dem göttlichen Willen nicht unterwerfen, sondern wird vielmehr von ihm getragen. Er ist in die göttliche „(All-)Kausalität“ eingebettet. (Vgl. Höfner 2015, S.315f.) Die Erbsünde, also die Übertragung der „Gottesvergessenheit“ von einer Generation zur nächsten, ist weder dem ursprünglichen Abfall von Gott durch die Tat eines einzelnen Menschen noch der defizitären Natur des Menschen geschuldet, sondern sozial „tradiert“. Höfner spricht von einem „sozialphilosophische(n) Ersatz für das Augustinische Erbsünden-Theorem“. (Vgl. Höfner 2015, S.314)

So sehr Höfner Schleiermachers Bemühen, den christlichen Glauben „im Rahmen moderner Verstehensbedingungen“ neu zu erschließen, schätzt (vgl. Höfner 2015, S.312), kritisiert er doch den „theologische(n) Deutungszwang“, „alle ‚natürlichen Übel‘ auf die göttliche Allkausalität zurückzuführen und als integrale Momente einer guten Schöpfung zu verstehen“. (Vgl. Höfner 2015, S.317) Schleiermachers Deutungszwang geht so weit, daß er im Interesse einer Rechtfertigung von Gottes Schöpfungshandeln sogar die vor allem alttestamentarisch gebräuchliche „Sprachform der Klage“ nicht mehr für eine „legitime Gestalt christlichen Betens“ hält. (Vgl. Höfner 2015, S.317)

Höfner lehnt also letztlich beide Formen der christlich-anthropologischen Deutung der menschlichen Sterblichkeit ab, und er hat dafür gute, innertheologische Gründe. Allerdings hat man angesichts des Versuchs, den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen gerecht zu werden, auch den Eindruck, daß Höfner vor der mit dem Deutungszwang verbundenen Glaubenszumutung an heutige Christen zurückschreckt und daß er darüber hinaus befürchtet, diese Deutung könne auch deren Dialogfähigkeit nicht gläubigen Menschen gegenüber unnötig einschränken. Jedenfalls schlägt er eine alternative Deutung der menschlichen Sterblichkeit und Endlichkeit vor, die dem Schleiermacherschen Konzept weitgehend folgt, aber den damit verbundenen Deutungszwang zurückweist.

Höfners Alternative soll für eine differenzierte Betrachtung der menschlichen Sterblichkeit und Endlichkeit offen sein, die dieses Moment des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses weder nur als Gut (Schleiermacher) noch nur als Übel (Augustin) klassifiziert:
„Auf diese Weise kann Endlichkeit theologisch als eine fragile Auszeichnung menschlichen Lebens in den Blick kommen, der die vom christlichen Glauben erhoffte Erlösung zu Gute kommt: Nicht als Negation, aber auch nicht als unterschiedlose Affirmation endlichen Lebens, sondern als kritische Transformation seiner Brüche und Ambivalenzen.()“ (Höfner 2015, S.321)
Der Begriff einer ‚fragilen‘ Endlichkeit kann aber nicht so recht überzeugen. Er ist dem Dilemma zwischen einer guten Schöpfung und der Erlösungsbedürftigkeit einer irgendwie doch mißlungenen Schöpfung Gottes geschuldet und unterliegt also selbst einem innerchristlichen Deutungszwang. Was soll man sich unter einer ‚fragilen‘ Endlichkeit vorstellen? Ich kann mir eine fragile Leiblichkeit vorstellen, ein fragiles Leben, aber keine fragile Endlichkeit. Die Endlichkeit selbst ist nicht bedroht, es sei denn der Tod könnte sich selbst bedrohen.

‚Fragil‘ ist letztlich nur ein anderes Wort für die Unbestimmbarkeit der Grenze zwischen einem gelingenden und einem mißlingenden Leben. Der Begriff liefert keine Antwort auf die Frage, was ein Gut und was ein Übel ist. An die Stelle des Deutungszwangs tritt die Deutungsverweigerung. Einer anthropologischen Deutung der Natur des Menschen kommen wir dadurch keinen Schritt näher, weder in christlicher noch in wissenschaftlicher Hinsicht.

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