Montag, 2. Januar 2017

Joachim Boldt, Vulnerabilität, Existenz und Ethik (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015S.324-337)

Immer wenn es in dem von Oliver Müller und Giovanni Maio herausgegebenen Buch „Orientierung am Menschen“ (2015) um die Sterblichkeit des Menschen geht, haben wir es mit ernsthafter philosophischer Anthropologie zu tun. Die Sterblichkeit des Menschen verweist auf die generelle Begrenztheit der menschlichen Existenz, und die damit verbundenen Momente der körperlichen und seelischen Verfaßtheit werden zumeist unter dem Stichwort ‚Endlichkeit‘ subsumiert. In diesem Sinne spricht Joachim Boldt, Mitarbeiter am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg, in seinem Beitrag „Vulnerabilität, Existenz und Ethik“ (2015) von der Vulnerabilität als einer generellen „Ausgesetztheit“ des Menschen (vgl. Boldt 2015, S.331) in „reflexiver, emotionaler und physischer“ Hinsicht (vgl. Boldt 2015, S.333f.), also im umfassenden Sinne seines Selbst- und Weltverhältnisses.

Dabei hebt Boldt hervor, daß wir es bei der Vulnerabilität zwar mit einem ‚Faktum‘ zu tun haben, insofern „Krankheit, Sterblichkeit und emotionale Verletzlichkeit zur menschlichen Natur gehören“. (Vgl. Boldt 2015, S.328) Aber eben deshalb dürfen wir dieses ‚Faktum‘ nicht als ein „Fatum“ mißverstehen. (Vgl. Boldt 2015, S.336) Vielmehr geht es darum, zu prüfen, ob diese Vulnerabilität nicht eine besondere, nämlich positive „Rolle“ in der „Reflexion und Willensbildung“ des Menschen spielt. (Vgl. Boldt 2015, S.330) Damit und mit seinem Begriff einer „reflexiven Vulnerabilität“ (vgl. Boldt 2015, S.332ff.) bewegt sich Boldt auf dem Niveau der Plessnerschen Anthropologie. Boldts Begriff der reflexiven Vulnerabilität erinnert an Plessners gebrochene Intentionalität.

Nebenbei zeigt sich an dieser Stelle auch, daß es nicht nur theologische Gründe gibt, das Faktum der Sterblichkeit des Menschen normativ zu reflektieren, wie es Markus Höfner in seinem Beitrag macht. (Vgl. Müller/Maio, S.304-323) Man muß sich nicht im theologischen Rahmen einer göttlichen Schöpfungsordnung bewegen, um nach dem Sinn der menschlichen Sterblichkeit fragen zu können. Es reicht die einfache Einsicht in die existentielle Bedeutung dieses Faktums.

Dennoch sehe ich bei Boldts Vorgehen ein erhebliches Ableitungsproblem. Verletzlichkeit, Sterblichkeit etc. bilden letztlich nur Aspekte der menschlichen Existenz. Wir haben es hier nicht mit einer Wesensbestimmung zu tun. Boldt stellt mit der Vulnerabilität nur ein Merkmal des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses ins Zentrum seiner anthropologischen Überlegungen und versäumt es dabei, dieses Selbst- und Weltverhältnis selbst zu thematisieren. Der Ableitungszusammenhang von menschlicher Existenz und Vulnerabilität gerät insgesamt zu kurz und wird schließlich sogar auf den Kopf gestellt.

Das zeigt sich insbesondere an Boldts ambivalenter Einstellung zur physisch-körperlichen Seite der Vulnerabilität. Zwar hebt Boldt gleich im ersten Satz seines Beitrags hervor, daß es bei der Verletzlichkeit des Menschen „ganz augenfällig“ vor allem „um den menschlichen Körper geht“. (Vgl. Boldt 2015, S.324) Aber wenn Boldt dann tatsächlich zum physischen Aspekt der menschlichen Existenz kommt, argumentiert er insgesamt sehr zurückhaltend und in lauter Konjunktiven. Mit Bezug auf Karl Jaspers hält Boldt fest, daß es durchaus denkbar wäre, „auch die physische Vulnerabilität, die diese Situation kennzeichnet, als ethisch bedeutsam und wertvoll einzuschätzen, weil sie strukturell identisch wäre mit der reflexiven Suche nach dem Guten“. (Vgl. Boldt 2015, S.334)

Boldt berücksichtigt also die physische Dimension des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses in seinen Begriff der Vulnerabilität nur unter Vorbehalt. Die anderen beiden Dimensionen hingegen, die (kognitive) Reflexivität und die Emotionalität des Menschen, sind Boldt zufolge notwendige Bestandteile der menschlichen Vulnerabilität, so sehr, daß sie sogar „zwei Seiten“ derselben „Dialektik“ bilden, in der die Reflexivität für die individuelle „Selbstbehauptung“ des Menschen steht und die Emotionalität für den Gemeinschaftsbezug. (Vgl. Boldt 2015, S.333f.)

Emotionalität ist für Boldt generell immer auf das Soziale bzw. Lebensweltliche gerichtet. Sie bildet die wirksame Basis der Gemeinschaftsbildung. (Vgl. Boldt 2015, S.332) Ein körperleiblicher Bezug der Emotionalität wird überhaupt nicht diskutiert. Es gibt allenfalls eine Erwähnung am Rande, wo Boldt auf „Phänomene wie beschleunigter Herzschlag, Schwitzen oder Erröten“ zu sprechen kommt. (Vgl. Boldt 2015, S.333) Aber der hierbei aufgezeigte wechselseitige Bezug „von emotionalem Erleben und körperlicher Reaktion“ wird unter Vorbehalt gestellt. Man hat den Eindruck, daß sich Boldt, wenn er von „physischen Reaktionen“ spricht (vgl. ebenda), von neurophysiologischen Ansätzen, das Bewußtsein auf Gehirnfunktionen zurückzuführen, distanzieren will. So verweist Boldt an anderer Stelle auf die Gefahr „philosophischer Spekulation“, da man beim Versuch, „physische Phänomene“ auf den Menschen zu beziehen, nicht darum herumkomme, eine „teleologische Struktur“ in diese Phänomene ‚hineinzulesen‘. (Vgl. Boldt 2015, S.334) Dieses Argument kennt man normalerweise nur von Vertretern des Naturalismusses.

Boldt thematisiert also die ‚Physik‘ bzw. die Physiologie des menschlichen Körpers aus der Perspektive des Naturalismusses und der Neurophysiologie. Damit tappt er aber in die Falle einer disziplinären Sichtweise, die sich selbst als einzig wissenschaftliche deklariert. Die Vulnerabilität wird so zu einer seltsam freischwebenden Eigenschaft von etwas, dessen Wurzeln im blinden Fleck der naturalistischen Perspektive liegen und das deshalb nicht benannt werden kann: also eben der lebendige menschliche Körper bzw. mit Plessner der Körperleib.

Von diesem Körperleib bzw. von der „physischen Vulnerabilität“ kann Boldt jetzt nur noch im Konjunktiv sprechen, als einer Denkmöglichkeit, aber nicht im Sinne eines anthropologischen Faktums, wie er es beispielsweise hinsichtlich der reflexiven und emotionalen (sozialen) Vulnerabilität tut. Damit entgeht ihm der Ableitungszusammenhang von Vulnerabilität und Körperleiblichkeit. Der Mensch existiert in erster Linie körperleiblich, und nur deshalb ist er vulnerabel.

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