Freitag, 4. November 2016

K.F. Martin Baesler, Das Problem der menschlichen Erfüllung in Kants Moralphilosophie und Anthropologie (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015S.216-227)

Schon in meinem letzten Post zu Sebastian Schwenzfeuer (in: Oliver/Maio 2015, S.299-215) mußte ich zur Kenntnis nehmen, daß Immanuel Kant dem Moralgesetz einen „heiligen Willen“ zugrundelegt und es damit außerhalb der conditio humana begründet. Der „gute Wille“ des Menschen ist Kant zufolge mit dem Makel belastet, daß er auch anders wollen kann; eine Alternative, die der heilige Wille nicht hat.

Es ist mir nicht leicht gefallen, mich dieser Erkenntnis zu stellen, da ich mich bislang immer als Kantianer betrachtet hatte. Auch K.F. Baesler, der Autor des nächsten Beitrags in Oliver Müllers und Giovanni Maios Herausgeberbuch, „Das Problem der menschlichen Erfüllung in Kants Moralphilosophie und Anthropologie“ (2015), hält mehrmals in aller wünschenswerten Klarheit fest, daß Kant den Willen vom menschlichen Streben trennt. (Vgl. Baesler 2015, S.216 und 217) Kant, so Baesler, „setzt voraus, dass die reine Vernunft von sich aus wirksam sein kann“. (Vgl. Baesler 2015, S.217)

Kant trennt also Wille und Intentionalität, denn vom ursprünglichen Wortsinn her bezeichnet ‚intentio‘ ein Streben nach etwas. Dieses Gerichtetsein auf ein Objekt bildet das zentrale Moment jeder Intentionalität. Da aber das jeweilige Objekt, auf das wir uns intendierend richten bzw. nach dem wir ‚streben‘, beliebig ist, ist es Kant zufolge nur ‚empirisch‘ und nicht notwendig; und weil es nicht notwendig ist, ist es auch nicht vernünftig. Auch wenn wir dabei einer Regel folgen, handeln wir nicht vernünftig, sondern nur praktisch:
„Wenn die Begierde nach diesem vorgestellten Gegenstand die praktische Regel bestimmt, dann ist dies nach Kant immer empirisch, denn der Bestimmungsgrund der Willkür ist dann das Verhältnis der Vorstellung des Objekts zum Subjekt. Dieses Verhältnis zum Subjekt bezeichnet Kant als Lust.“ (Baesler 2015, S.218)
Wenn wir also erfolgreich etwas intendieren bzw. nach etwas streben, so ‚erfüllt‘ sich unser Streben. Und dann empfinden wir Lust. Ständige, ununterbrochene Lusterfüllung wiederum bezeichnet Kant als „Glückseligkeit“:
„Kant schreibt: ‚Nun ist aber das Bewußtsein eines vernünftigen Wesens von der Annehmlichkeit des Lebens, die ununterbrochen sein Dasein begleitet, die Glückseligkeit, und das Prinzip, diese sich zum höchsten Bestimmungsgrunde der Willkür zu machen, das Prinzip der Selbstliebe.‘()“ (Baesler 2015, S.219f.)
Indem Kant also den Willen vom Streben bzw. von der Intentionalität trennt, kann sich dieser Wille auch nicht ‚erfüllen‘. Es gibt schlichtweg kein Objekt, in dem sich dieser Wille erfüllen könnte. Wir wollen niemals etwas, wie bei einer Intention, sondern einfach nur so. Und wenn wir einfach nur so wollen, ohne etwas Bestimmtes zu wollen, und dabei einer Regel folgen, dann ist das vernünftig. Baesler hält fest, daß Kant ein Problem mit der Erfüllung hat:
„Die anthropologische Wissenschaft Kants als Untersuchung des Menschen hinsichtlich seiner Erfüllung ist mit dem Problem behaftet, dass das Glück nur äußerlich verstanden ... wird. Daraus folgt, dass das Wesen des Menschen hinsichtlich seiner Erfüllung als Gegenstand der Anthropologie von Kant in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht nicht untersucht wird.“ (Baesler 2015, S.217)
Das Konzept einer ununterbrochenen Glückseligkeit ist auf empirischer Ebene äußerst problematisch. Auf moralphilosophischer Ebene ist sie sogar völlig unmöglich, denn Erfüllung gibt es ja nur mit Bezug auf Objekte, und diese Objekte gehen der reinen Vernunft völlig ab; sonst wäre sie ja nicht ‚rein‘. Kant hat Baesler zufolge „die reine Vernunft unwiderruflich vom gegebenen Einzelobjekt als Objekt des Begehrens und somit vom Einzelobjekt als Einzelnes getrennt.“ (Vgl. Baesler 2015, S.219)

Das Leben des individuellen Menschen ist aber unweigerlich von den Objekten, nach denen es ‚strebt‘, völlig abhängig. Da aber diese Objekte ständig wechseln, befindet sich sein „Instinkt“, wie Baesler Kant zitiert, in einem beständig „schwankenden Zustande“, und er empfindet dabei „Überdruß“. (Vgl. Baesler 2015, S.217) Wir haben es also auf der empirischen Ebene des menschlichen Strebens mit einer gebrochenen Intentionalität zu tun, wie sie Helmuth Plessner beschrieben hat. Eine ununterbrochene Glückseligkeit ist empirisch unmöglich. Bei Plessner führt diese Erfahrung zur Selbsterkenntnis und zu einem neuen Selbst- und Weltverhältnis, in dem sich der Mensch exzentrisch positioniert.

Bei Kant hingegen veranlaßt diese Erfahrung den Menschen dazu, sich von den empirischen Objekten abzuwenden und nach „wahrer Glückseligkeit“ zu streben, die Kant zufolge in der „Verwirklichung eines freiheitlich-sittlichen Lebens“ besteht. (Vgl. Baesler 2015, S.216) Dieses freiheitlich-sittliche Leben übersteigt aber die Möglichkeiten eines einzelnen Menschen. Dazu bedarf es eines „größeren Zeitrahmen(s)“. (Vgl. ebenda) An die Stelle des Individuums tritt deshalb die Gattung. Es ist die Aufgabe der Menschheit, die Gebote der reinen Vernunft, also die „wahre Glückseligkeit“, zu erfüllen.

Hans Blumenberg hatte in „Höhlenausgänge“ (1989) auf die Zweifelhaftigkeit der Legitimität von Wesensbestimmungen des Menschen hingewiesen, die die Begrenztheit der menschlichen Lebensspanne ignorieren. (Vgl. meinen Post vom 11.07.2012) Genau das macht Kant: er bezeichnet den Menschen als „Vernunftwesen“ (vgl. Baesler 2015, S.221) und trennt gleichzeitig den Willen von der Intentionalität. So trennt er zugleich dessen empirisch beschränkte Existenz von seiner Vernunftnatur ab. Seine Bestimmung bzw. ‚Erfüllung‘ liegt nicht mehr in ihm selbst und seiner Lebensführung, sondern in der Bestimmung der Gattung, d.h. als ‚Menschheit‘ und als ‚Vernunft‘.

Der ideale ‚Mensch‘ im Kantischen Sinne ist also ein Individuum, das für sich selbst möglichst wenig ‚will‘ bzw. möglichst wenige Objekte intendiert:
„Der wahrhaft weise Mensch ist nach Kant affektlos. Affektlos ist, wer phlegmatisch ist. Er sagt, dass beim phlegmatischen Menschen die Triebfedern zum Guten nicht vermindert werden, womit er auf die Pflicht zielt, die also im Zustande des Phlegmas immer noch bestehen.“ (Baesler 2015, S.227)
Kant denkt den Menschen also nicht wie Plessner von der empirischen Gebrochenheit seiner Intentionalität her, sondern er denkt ihn auf die Kontinuität einer sich in der wahren Glückseligkeit erfüllenden Intentionalität der menschlichen Gattung hin. Er nimmt den ganzen Menschen in all seiner biologischen, kulturellen und biographischen Bedingtheit nur ‚pragmatisch‘ zur Kenntnis. In der Anthropologie geht es Kant zufolge nur um „die subjective, hindernde sowohl als begünstigende Bedingung der Ausführung der Gesetze ... in der menschlichen Natur“. (Vgl. Baesler 2015, S.216)

Der empirische Mensch für sich selbst in seiner Körperleiblichkeit ist uninteressant.

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Kommentare:

  1. Kant erkennt den ständig versuchten Ausbruch aus der Conditio humana. Und er registriert, dass diese Ausbruchsversuche nicht auf einer vernunftbedingten Basis stattfinden, sonder mehr einem Amoklauf gleichen. Beim Lesen des Post dachte ich an Autismus (affektlos, phlegmatisch) und an Midlifecrisis. Kant lag da nicht so falsch. Man kann die menschliche Geschichte durchaus unter dem Oberbegriff Amok stellen.

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    1. Das ist was dran. Auch meine gegenwärtige Lektüre von Stagnets "Böses Denken" (2016) deutet in diese Richtung.

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