Donnerstag, 17. November 2016

Bettina Stangneth, Böses Denken, Reinbek bei Hamburg 2/2016

(rowohlt, Hardcover, 254 Seiten, 19,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Unterscheidung von gut und böse
3. Formen des bösen Denkens
4. Grenzen des Denkens
5. Empathie als Kognition
6. Handlungssubjekte
7. Schlichtes Handeln

Bettina Stangneth liefert im dritten Abschnitt ihres Buches zum akademischen Bösen eine Phänomenologie des bösen Denkens. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.123-240) Zwar gesteht sie Kant und Arendt zu, daß auch sie trotz ihres aufklärerischen Optimismusses, daß das Denken immer „ausschließlich moralisierend“ wirke (vgl. Stangneth 2/2016, S.117), nicht frei von dem Verdacht gewesen seien, „dass mit dem gesellschaftspolitischen Projekt fortschreitender Mündigkeit und der offenen Gesellschaft auch Risiken verbunden sein“ könnten (vgl. Stangneth 2016, S.121). Kant befürchtete, daß mit dem eigentlichen Denken ‚Denkungsarten‘ verbunden sein könnten, die den positiven Effekten des Denkens entgegenwirken. (Vgl. ebenda) Und Hannah Arendt betonte, daß es vor allem auf die „Tiefe“ des Denkens ankomme, weil mit dem Denken auch immer eine Abwendung von der Welt und eine gewisse Selbstbezogenheit einhergehe. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.93f. und S.118)

Jedenfalls befaßten sich Kant und Arendt weniger mit den negativen als mit den positiven Folgen des Denkens. Stangneth zufolge gibt es aber ein böses Denken, womit sie neben dem eigentlichen bösartigen, bewußt die Mittel des Denkens mißbrauchenden Denken vor allem bestimmte Deformationen des Denkens meint, und sie liefert in dem genannten dritten Abschnitt eine entsprechende Phänomenologie dieser Denkungsarten. Dabei bezeichnet Stangneth als ‚Denkungsart‘ die menschliche Neigung, die verschiedenen Denkvermögen, den Verstand, die Vernunft und die Urteilskraft, nur als eine Art „mentalen Werkzeugkasten“ zu verstehen, mit dem man verschiedene, auch amoralische Zwecke verfolgen kann. (Vgl. Stangneth 2016, S.144) Natürlich ist so eine instrumentelle Einstellung zum Denken zunächstmal nicht grundsätzlich schlecht. Schlecht bzw. ‚böse‘ wird diese instrumentelle Einstellung aber in dem Moment, wo sie sich „wider die Vernunft“ selbst richtet. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.141)

Bettina Stangneth bezeichnet den Mißbrauch eines sich gegen das Denken richtenden Denkens als „akademisches Böses“. Dieses akademisch Böse kennzeichnete auch schon den Nationalsozialismus und Denker wie Martin Heidegger, der dazu aufgerufen hatte, sich „von der Vergötzung des boden- und machtlosen Denkens“ loszusagen. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.133) Man kennt dieses akademisch Böse auch als allgemeine Intellektuellenfeindlichkeit, die oft mit einer generellen Abneigung gegenüber demokratischen Formen der Öffentlichkeit und einer kritischen Presse verbunden ist. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.136ff.) Stangneth zufolge reicht dieser Antiintellektualismus weit in die Geschichte zurück, bis in die Reformation:
So „kam auch der deutsche Theologe Martin Luther auf die Möglichkeit, seinen Gegnern vom kleinen Dorfpfarrer bis zum Papst mit einem Streich die Waffe aus der Hand zu schlagen. Er erklärte Vernunft zur ‚Hure des Teufels‘ und empfahl, dass jeder, der nach dem richtigen, dem gottgefälligen Leben suche, ‚seiner Vernunft die Augen ausstechen‘ muss, weil sie ihn sonst unvermeidlich von Gott wegführen wird“. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.140)
Insgesamt zählt die Autorin drei verschiedene Denkungsarten auf: die „Ästhetisierung des Denkens“, die vor allem in einer unernsten Spielerei mit Worten und Begriffen besteht (vgl. Stangneth 2/2016, S.156 und S.224); die „Ablenkung des moralischen Anspruchs auf einen nicht-moralischen Zweck“ und die Vernachlässigung „des Verstandes zugunsten des Selberdenkens“. Alle diese Denkungsarten bezeichnet Stangneth als „eine Art des verschobenen, aber immer noch unter dem moralischen Interesse stehenden Denkens“. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.205)

Die letzteren zwei Formen des bösen Denkens haben etwas mit einer gewissen Mißverständlichkeit oder vielleicht auch mit einer Schwäche der Kantischen Moralphilosophie zu tun. Der Formalismus dieser Philosophie soll es Menschen ermöglichen, ihr Leben nach den unterschiedlichsten Wertkonzepten auszurichten und trotzdem friedlich zusammenzuleben, ohne daß es zu einem Bürgerkrieg kommt. Bildung und Kultur sollen keinen Einfluß auf die Moralität des Menschen haben. Zugleich aber erhoffen sich Kant und Arendt, daß das Denken zu einer gewissen Übung und Sensibilisierung des Menschen für Widersprüchlichkeiten in seiner Lebenspraxis beiträgt; daß es also dazu beiträgt, „das moralische Interesse zu kultivieren“. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.116)

Diese wertmateriale Leerstelle der Kantischen Moralphilosophie und die damit verbundene paradoxe Hoffnung auf eine gewisse Gewöhnbarkeit des Menschen an eine denkerische Grundhaltung (vgl. Stangneth 2/2016, S.116) führte im 19. Jhdt. dazu, daß Moralität und Charakterbildung als eine Einheit mißverstanden wurden:
„Der wesentliche Schritt dieser Denkbewegung ist die erkenntnistheoretisch nicht statthafte Erweiterung des formalen Selbstbewusstseins als faktischer Einheit meines Erkenntnisvermögens zum materiellen und damit auch individuellen Selbstbewusstsein als gesuchter Einheit eines konkreten Lebens.“ (Stangneth 2/2016, S.164)
Aufgrund dieses Mißverständnisses trat schließlich die Identität an die Stelle der Moral: der moralische Anspruch wurde also auf einen „nicht-moralischen Zweck“ abgelenkt. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.205) In Verbindung mit einem anderen Aspekt der Kantischen Moralphilosophie – der herausragenden Funktion, die der Pflichtbegriff in ihr hat, der wiederum mit ‚Konsequenz‘ verwechselt wurde: pflichtgemäßes Handeln gleich konsequentes Handeln –, uferte das Streben nach Identität zu einem „Totalitarismus im Selbstverhältnis“ aus. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.166)

Der Rigorismus der Kantischen Moralphilosophie wurde also auf die Charakterbildung des Menschen übertragen und gipfelte in dem neuen höchsten Gut einer konsequenten, sprich: rücksichtslosen Selbstverwirklichung, nämlich gleichermaßen rücksichtslos gegenüber sich selbst wie gegenüber Anderen zu sein. Die Gleichsetzung von Selbstverwirklichung und Selberdenken bildet die dritte der von Stangneth aufgezählten Denkungsarten. Keinem anderen Verstand zu folgen als dem eigenen bedeutete nun zugleich die Gleichsetzung des Verstandes der Anderen mit „Fremdbestimmung“. Den Verstand der Anderen aber nur noch als eine Art von Fremdbestimmung wahrzunehmen, gegen die man sich zugunsten der eigenen Autonomie zur Wehr zu setzen hat, geht wiederum auf Kosten des eigenen Verstandes und führt letztlich zur „Selbstentmachtung des Denkens“. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.239)

Das alles hat selbstverständlich nichts mehr mit Kant zu tun. Aber für Demagogen ergibt sich hier ein reichhaltiges Betätigungsfeld, indem sie gerade diejenigen, die als vermeintliche Kinder der Aufklärung so sehr an ihrem eigenen Verstandesgebrauch festhalten wollen, besonders leicht manipulieren können:
„Schon vor hundert Jahren konnte man den Bürger nur faktisch entmachten, wenn der bei seiner eigenen Entmündigung mithalf.“ (Stangneth 2/2016, S.182)
Wer seinen eigenen Verstand zum einzigen, durch niemand Anderes begrenzbaren und korrigierbaren Maßstab macht, verliert die Möglichkeit, im Gespräch mit diesem Anderen herauszufinden, welche seiner Urteile nur Meinungen sind und welche sich auf intersubjektiv beglaubigte Fakten zurückführen lassen. So verliert er sogar das Unterscheidungsvermögen zwischen Subjektivität und Objektivität. Informationen, die von anderen kommen, werden als Bevormundung wahrgenommen (vgl. Stangneth 2/2016, S.182), alle potentiellen Informationsquellen erscheinen als fragwürdig und sogar als manipulativ:
„Es gibt keine freie Presse, keine erhellende Forschung und keine Autoritäten, sondern nur Lügenpresse, heillose Zergliederung und Fachidiotentum.“ (Stangneth 2/2016, S.183)
Wenn Menschen nicht mehr zwischen Meinungen, Urteilen und Fakten unterscheiden können, weil sie keine Gespräche mehr führen können und weil sie verlernt haben, zuzuhören, wird der eigene Verstand zu einem bloßen Organ der persönlichen Meinungsbildung herabgestuft, und der eigene Anspruch auf subjektive Meinung wird gegen das Recht der Anderen gerichtet, ebenfalls eine eigene Meinung haben zu dürfen. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.183) Niemand ist manipulierbarer als Menschen, die sich so in ihre vermeintliche Autonomie einigeln. Demagogen haben mit ihnen ein leichtes Spiel.

Stangneth gelingt es, die verschiedenen historischen und aktuellen Deformationen des Denkens, wie es die Aufklärer ursprünglich verstanden hatten, auf nachvollziehbare und anregende Weise zu beschreiben und auch die damit verbundenen Fallstricke, in die diejenigen geraten, die ihrem Denken allzusehr vertrauen, offenzulegen. Dabei faßt sie das Denken als ein umfassendes Selbst- und Weltverhältnis, für das der Bezug auf den anderen Menschen und auf die Welt wesentlich ist. Zur Selbstbestimmung gehört die Fremdbestimmung, also das Weltverhältnis, unverzichtbar dazu. Dazu im nächsten Post mehr.

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