Dienstag, 11. Oktober 2016

Tahar Ben Jelloun, Papa, was ist ein Terrorist?, München/Berlin 2016

(Berlin Verlag im Piper Verlag, gebunden, 128 Seiten, 14,-- €)

Tahar Ben Jellouns Buch „Papa, was ist ein Terrorist?“ (2016) ist ein sehr persönliches Buch über ein einschneidendes, traumatisches Erlebnis in der Familie des Autors. Am 15. Januar 2016 ist eine nahe Angehörige bei einem Terroranschlag in einem italienischen Restaurant in der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou ums Leben gekommen. Gemeinsam mit seiner Tochter diskutiert Ben Jelloun die Hintergründe des Dschihadismus und versucht das Phänomen des Terrorismus zu verstehen.

Dabei hat Ben Jelloun aber zwei unglückliche Entscheidungen getroffen: Er hat einen für die Ernsthaftigkeit des Themas unpassenden Titel gewählt und ihn dann hinsichtlich der damit verbundenen Dialogform, der Vater beantwortet die Fragen seiner Tochter, auf eine unpersönliche, arbiträre Weise umgesetzt.

Den Titel empfinde ich deshalb als unpassend, weil man sich sofort an die bekannte Radioserie „Papa, Charly hat gesagt …“ erinnert fühlt. Diese Radioserie gibt die launigen, unterhaltsamen Gespräche zwischen einem genervten Vater und seinem neunmalklugen Sohn wieder. Die Dialoge sind spritzig und wortgewandt. Das paßt irgendwie nicht zu „Papa, was ist ein Terrorist?“, schon gar nicht angesichts des ernsthaften Hintergrunds. Und die persönliche Betroffenheit der Tochter paßt nicht zum unpersönlich-sachlichen Stil des dozierenden Vaters, für den die Tochter hauptsächlich die Rolle der Stichwortgeberin spielt.

Gerade die Ausgangssituation, die die Tochter zu ihrer ersten Frage veranlaßt, ihre persönliche Angst, kommt in den Dialogen nicht rüber. Nur ganz am Anfang geht sie in wenigen Sätzen näher auf diese Angst ein. Danach spricht hauptsächlich der Vater, der über ein beeindruckendes Lexikonwissen verfügt, die Daten sämtlicher Terroranschläge der letzten Jahre und noch weiter zurück und deren Umstände aus dem Ärmel schütteln und Definitionen von Begriffen wie ‚Terror‘ und ‚Zivilisation‘ samt ihren lateinischen Wurzeln herunterbeten kann. Nirgends kommt es dabei zu einer wirklichen Aussprache zwischen den beiden über die Ängste der Tochter. Nur ein Mal gibt der Vater ihr einen seltsamen Rat:
„Doch wir müssen die Angst überwinden, nicht in erster Linie du, aber diejenigen, die über die Politik des Landes entscheiden.“ (Ben Jelloun 2016, S.35)
Anstatt seiner Tochter dabei zu helfen, sich mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen, rät er ihr, das doch besser der Politik zu überlassen.

Dabei wird die angesichts des Verlustes ihrer Cousine sehr nachvollziehbare Angst der Tochter von Anfang an auf eine allgemein gesellschaftliche Ebene gehoben, indem Ben Jelloun den Eltern und Pädagogen ans Herz legt, sich um die Ängste der „junge(n) Generation“ zu kümmern:
„Denn sie wollen von uns wissen, was uns da bedroht, und brauchen eine Antwort auf die Frage, wie man es trotz der schrecklichen Ereignisse schafft, mutig, friedlich und frei weiterzuleben.“ (Ben Jelloun 2016, S.15)
Die Angst vor dem Terrorismus wird also zu einem verbreiteten Problem von Kindern und Jugendlichen stilisiert.

Ben Jellouns Buch richtet sich nicht nur an Betroffene, also an die Opfer von Terrorattentaten und deren Familienangehörige, sondern an uns alle; denn alle haben Angst bzw. sollten Angst haben, weil jede und jeder „zur Zielscheibe eines Massenmörders“ werden kann, „der in den Haufen schießt und Unschuldige umbringen will“. (Vgl. Ben Jelloun 2016, S.35)

Ich habe ein Problem mit dieser angeblich alle Menschen umfassenden Gefährdungslage und den entsprechenden Aufrufen in den Medien und in der Politik, wachsam und vorsichtig zu sein. Ich habe täglich mit Kindern und Jugendlichen zu tun, und ich kann nicht sagen, daß sie irgendwie beunruhigt sind, geschweige denn voller Angst, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Und ich selbst habe ebenfalls keine Angst vor dem Terrorismus, so wenig, wie ich Angst vor einem Verkehrsunfall habe, wenn ich jeden Tag aufs Rad steige und zur Arbeit fahre, obwohl es auch hier täglich jeden erwischen kann. Ich habe vor allem Angst vor denen, die Angst vor dem Terrorismus haben, und noch mehr Angst vor denen, die mit dieser Angst ihr politisches Geschäft betreiben.

Diese Angst schimmert auch bei Ben Jelloun durch, wenn er zum Schluß einen Aufruf an die muslimische Gemeinschaft richtet:
„... heute geht es darum zu beweisen, dass es etwas bedeutet, zum selben Haus, zur selben Nation zu gehören; wir müssen reagieren, sonst bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Koffer zu packen und in die alte Heimat zurückzukehren.“ (Ben Jelloun 2016, S.117)
Diese Sorge Ben Jellouns teile ich, obwohl ich kein Moslem bin. Wenn es dazu kommt, daß diejenigen die Politik bestimmen, die von der Angst vorm Terrorismus profitieren, werden alle anderen, die bislang an den Rechtsstaat geglaubt hatten, ihre Koffer packen müssen, weil sie in diesem ‚Haus‘ nichts mehr zu suchen haben. Denn am Ende werden es immer die sein, die sich noch ein eigenes Urteil erlauben, die am meisten unter der gesellschaftlichen Angst vorm Terrorismus Schaden nehmen werden.

Über lange Strecken des Buches hinweg ist es ermüdend, wie der sein lexikalisches Wissen ausbreitende Vater sich immer wieder im Kreise dreht, wenn er versucht, den Terrorismus zu beschreiben und zu definieren:
„Der Terrorismus ist eine Handlungsweise, kein Denksystem; es ist der Rückgriff auf Terror mit politischen, ideologischen oder religiösen Zielen. Manchmal geht es einfach nur um Diebstahl und Lösegeld nach einer Geiselnahme, um Drogenhandel oder sexuelle Sklaverei. Da gibt es keine Ideologie, keine Politik, nur eine Weltanschauung; das Resultat ist aber immer das gleiche. Es kann auch alles zusammen sein.“ (Ben Jelloun 2016, S.32)
In diesem Versuch einer Definition geht einiges ganz schön durcheinander. Der Terrorismus soll kein Denksystem sein, aber eine Handlungsweise. Dann ist aber gleichzeitig von politischen, ideologischen oder religiösen Zielen die Rede. Dazu braucht es doch wohl so etwas wie ein Denksystem? Dann aber sollen Ideologie und Politik wiederum beim Terrorismus überhaupt keine Rolle spielen. Und zum Schluß soll er dann doch wieder alles zusammen sein: politisch und kriminell, ideologisch und nicht-ideologisch.

In dieser Weise geht es in einem fort weiter. Immer wieder versucht Ben Jelloun den Terrorismus von anderen terroristischen Aktivitäten wie den Attentaten von Anarchisten (vgl. Ben Jelloun 2016, S.28 und S.39) und von Nihilisten (vgl. Ben Jelloun 2016, S.42, 61 und 63) und nicht zuletzt auch von Freiheitskämpfern (vgl. Ben Jelloun 2016, S.42f.) zu unterscheiden, ohne daß es ihm dabei gelingt, eine einigermaßen brauchbare Definition für den Terrorismus zu finden. Aber eins ist ihm dabei besonders wichtig, und Ben Jelloun kommt immer wieder darauf zurück: Terroristen sind keine Verrückten! (Vgl. Ben Jelloun 2016, S.61, 82 u.ö.)

Warum eigentlich? Alles was Ben Jelloun über diese Terroristen zu sagen weiß, klingt sehr nach einer gewissen Verrücktheit, wenn vielleicht auch nicht gerade im medizinischen Sinne. So verweist Ben Jelloun beispielsweise auf das „Gehirn“ der Terroristen, das nicht „normal“ funktioniert. (Vgl. Ben Jelloun 2016, S.81) Und dann heißt es:
„Es sind keine Verrückten, es sind Menschen, die glauben, endlich das Licht gefunden zu haben, auf das sie so lange warteten.“ (Ben Jelloun 2016, S.82)
Ich kann mir nicht helfen: irgendwie scheinen mir Menschen, die glauben „endlich das Licht gefunden zu haben“, schon ein bißchen verrückt zu sein.

Letztlich bleibt von allen klugen Analysen, die der Vater seiner Tochter präsentiert, nur eine übrig, mit der wir wohl alle mehr oder weniger übereinstimmen können: „Man ist also immer Terrorist in den Augen von jemand anderem.“ (Ben Jelloun 2016, S.47)

Erst gegen Ende des Buches läßt sich Ben Jelloun auf seine persönliche Situation ein, und an dieser Stelle merkt man, daß er wirklich etwas zu sagen hat; etwas, von dem man hoffen kann, daß es auch Jugendliche erreichen könnte, die ansonsten von Eltern und Pädagogen nicht mehr erreichbar sind. Mit einem Textauszug von der betreffenden Stelle möchte ich meine Besprechung beenden:
„Sobald ich sechs Jahre alt war, musste auch ich beten. Dazu musste ich die Waschungen vollziehen. Wir lebten in Fes, einer sehr alten und im Winter ziemlich kalten Stadt. Das Wasser war vereist. Jeden Morgen graute mir vor der Prüfung, die dünne Eisschicht zu durchbrechen, um das Wasser zu nehmen und mich zu waschen. Mein Vater hatte bemerkt, dass ich vor Kälte zitterte. Eines Tages nahm er mich zur Seite und sagte mir folgende Sätze, an die ich mich bis heute erinnere: ‚Es ist hart, mit so kaltem Wasser die Waschungen zu vollziehen, ich verstehe dich. Doch es ist einfach, Muslim zu sein, es genügt, sich im Leben gut zu benehmen und die Regeln zu beachten: nicht lügen, nicht stehlen, die Schwachen nicht verachten, nichts Böses tun, seine Eltern und Lehrer respektieren. Das ist es, wenn du diese Regeln befolgst, bist du ein guter Muslim. Bis zum Sommer wirst du das Gebet im Kopf verrichten ...‘ Mein Vater hat mich befreit. In wenigen Minuten hat er mir die Werte der Religion beigebracht, und zu keinem Zeitpunkt habe ich mich als vom Islam abtrünnig empfunden.“ (Ben Jelloun 2016, S.95f.)
Ben Jelloun beschreibt aus eigener Anschauung, was es bedeutet, ein Moslem zu sein; und siehe da: es bedeutet nichts anderes, als menschlich zu sein! Von dieser Art Text wünsche ich mir mehr.
PS (11.10.2016): Jetzt endlich verstehe ich den Satz: „Der Terrorismus ist eine Handlungsweise, kein Denksystem; es ist der Rückgriff auf Terror mit politischen, ideologischen oder religiösen Zielen.“ (Siehe weiter oben im Post) Ich hatte mich gewundert, wie sich ein weithin geachteter Autor wie Tahar Ben Jelloun so in ein und demselben Satz widersprechen kann. Aber möglicherweise meint er gar nicht, daß der Terrorismus gleichzeitig kein Denksystem sei und ideologische Ziele verfolgt. Tatsächlich könnte es sein, daß er meint, daß der heutige Terrorismus auf die Mittel des Terrors früherer Zeiten zurückgreift, als man mit dem Terror noch ideologische Ziele verfolgte. – Diese Textstelle ist ganz schön knifflig. Oder auch einfach nur verkorkst.
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Kommentare:

  1. Eigentlich schreibt er hier, was es heißt ein Vater zu sein - also sein Vater hat sich seinem Sohn als Befreier von Ängsten gezeigt. Das kann er anscheinend nicht in gleicher Weise hinsichtlich seiner Tochter leisten. Und es sind ja seine Ängste und nicht ihre. Und wie kann man sich von Angst selbst befreien?
    Für mich ist Terror das letzte Mittel gegen Autorität - diktiert von der Verzweiflung bzw. Ausweglosigkeit. Hier liegt m.A. das Problem des Islam - Gott als Autorität macht sich ziemlich rar.
    Übrigens hat Ben Jelloun schon mal ein ähnliches Buch über den 11. September geschrieben. Die Tochter müsste jetzt 17 Jahre alt sein - Zeit sich von dem Vater und seiner Autorität zu lösen.
    Gruß Aiko

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  2. Ich muss mich korrigieren - die Tochter müsste 27 Jahre alt sein.

    Gruß Aiko

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    1. Irgendwie logisch.
      Danke für Gruß und Kommentar,
      Detlef

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