Donnerstag, 1. September 2016

Werner Stegmaier, Orientierung an Menschen. Zur Kritik der Anthropologie (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015S.163-181)

Wenn Werner Stegmaier in seinem Beitrag „Orientierung an Menschen“ (2015) von der Anthropologie spricht, hat man den Eindruck, er spricht von einer Krankheit, für die er wenn schon nicht ein Heilmittel, so doch Linderung verspricht: die „Orientierung“ nicht am Menschen, sondern an Menschen, so Stegmaier, vermag das „Bedürfnis nach Anthropologie“ zugleich zu erklären und zu verringern. (Vgl. Stegmaier 2015, S.167) Diese Behauptung ist insofern irritierend, als Stegmaier selbst zu Beginn seines Beitrags darauf hinweist, daß unter Anthropologie immer zweierlei verstanden werden könne, nämlich das zentrale Thema der Philosophie schlechthin, in der es immer irgendwie um Menschen geht (Orientierung an Menschen), oder eine philosophische Spezialdisziplin, die sich einen Begriff vom Menschen zu machen versucht (Orientierung am Menschen). (Vgl. Stegmaier 2015, S.163) Inwiefern bildet also die „Orientierung an Menschen“ nicht wiederum selbst bloß eine Anthropologie, sondern deren Kritik?

Die Antwort auf diese Frage beantwortet zugleich ein anderes Rätsel, mit dem ich mich seit meiner Habilitation, „Lernen und Leistung“ (2006), herumschlage. Ich hatte mich damals mit der Habermas-Luhmann-Debatte auseinandergesetzt und glaubte verstanden zu haben, daß Niklas Luhmann (1927-1998) mit seiner Systemtheorie den Anspruch erhob, Subjekt, Sinn und Bewußtsein und ineins damit den Humanismus abgeschafft zu haben. An deren Stelle hatte er den Begriff der Beobachtung und die Differenz von System und Umwelt gesetzt. Dennoch war in seinen späteren Schriften immer wieder vom Menschen und vom Bewußtsein die Rede. Das irritierte mich enorm, und ich hielt Luhmanns Systemtheorie deshalb nicht für konsistent; abgesehen davon daß ich den von Luhmann vertretenen Antihumanismus ablehnte.

Dank Stegmaier weiß ich jetzt, daß ich ‚den Menschen‘ (Singular) mit ‚den Menschen‘ (Plural) verwechselt hatte. Dabei ist der Mensch als Singular allgemein, weil er als Einzelner für die Gattung steht, während die Menschen als Plural „singulär“ bzw. „solitär“ sind. (Vgl. Stegmaier 2015, S.177) Mit den pluralen und deshalb singulären Menschen hat die Luhmannsche Systemtheorie keine Probleme, während sie die Vorstellung von einem singularen und deshalb verallgemeinerbaren Menschen – und mit ihm die Anthropologie – ablehnt. (Zum Paradox von Allgemeinem und Besonderem in der Anthropologie vergleiche auch Charlotte Bretschneiders Beitrag „Zum Beispiel Michel de Montaigne“ (2015), S.241-255, und meinen Post vom 17.08.2016)

Das mag jetzt wieder etwas verwirrend klingen. Tatsächlich ist es aber ganz einfach: Die Systemtheorie erklärt den Menschen als Einheit für abgeschafft. Er ist vielmehr aus verschiedenen interagierenden Systemen zusammengesetzt: dem physischen, dem psychischen und dem sozialen System. Diese verschiedenen Systeme entsprechen den drei Entwicklungsebenen, von denen ich in diesem Blog ausgehe: der Biologie (physisch), der Kultur (sozial) und dem Individuum (psychisch). (Vgl.u.a. meinen Post vom 21.04.2010) Luhmann zufolge sind diese Systeme „autonom“ zueinander, werden also nicht mehr durch eine übergreifende Systemperspektive, welch dem Menschen entspräche, integriert. Es kommt zu keiner „Einheit ‚des Menschen‘“. (Vgl. Stegmaier 2015, S.174)

Das physische System, die Biologie, bildet für das psychische System, das individuelle Bewußtsein bzw. die Seele, eine Umwelt wie auch umgekehrt das psychische System für das physische System eine Umwelt bildet. Und das soziale System, die Gesellschaft bzw. Kultur, bildet für das psychische System, das individuelle Bewußtsein, eine Umwelt, wie auch das psychische System für das soziale System eine Umwelt bildet. Als Umwelten sind die Systeme für die jeweils anderen Systeme überkomplex und müssen, um ‚Kommunikation‘ zu ermöglichen, reduziert werden. Das geschieht, indem sich alle drei Systeme gegenseitig beobachten und aufeinander reagieren. (Vgl. Stegmaier 2015, S.171f.)

Neben dem psychischen System bildet natürlich auch die physische Außenwelt eine Umwelt für das physische System. Stegmaier erwähnt die Außenwelt nicht explizit, geht aber indirekt darauf ein, wenn er darauf hinweist, daß der Leib bzw. das physische System alles für seinen Fortbestand Relevante beobachtet: Außentemperatur, Nahrungsangebote, Bedrohungsszenarien etc., und entsprechend reagiert. Die Seele bzw. das Bewußtsein, also das psychische System, beobachtet wiederum die leiblichen Prozesse, soweit sie ihm bewußt werden, und reagiert ebenfalls mit Befindlichkeiten, Stimmungen, Gedanken und Entscheidungen. Und es interagiert mit anderen psychischen Systemen, sprich ‚Menschen‘, indem sie sich „in einem dritten Systemtypus, dem System der Kommunikation der Gesellschaft mit seinen vielfältigen Subsystemen,“ aufeinander abstimmen:
„Man handelt aus physischen und psychischen Motiven und rechtfertigt sein Handeln bei Bedarf nach Gründen, die das soziale System anbietet und zulässt; denn das physische und das psychische System haben keine Gründe.“ (Stegmaier 2015, S.172)
Mir ist anhand der Darstellung von Stegmaier klar geworden, daß wir es bei der Luhmannschen Systemtheorie mit einer Weiterentwicklung der Wittgensteinschen Sprachspiele zu tun haben. (Vgl. meine Posts vom 01.07.-05.07.2016) Bei den ‚Menschen‘ handelt es sich im Wittgensteinschen Sinne um Akteure in Sprachspielen. Während Luhmann ihre Funktionen in sozialen und biologischen Systemen beschreibt, besteht der Mensch bei Wittgenstein im Gebrauch, den wir von dem Wort ‚Mensch‘ in den verschiedenen Sprachspielen machen. Bei beiden geht es also immer um die Beobachtbarkeit von Verhalten und Sprache, weshalb Luhmann auch die paradigmatische Bedeutung von „Sprache und Schrift“ für die Systemtheorie hervorhebt. (Vgl. Stegmaier 2015, S.173)

Aber „Sprache und Schrift“ ermöglichen deshalb noch lange nicht so etwas wie Bewußtsein oder ‚Selbstbewußtsein‘. Hier wird die Luhmann-Stegmaiersche Argumentation quantitativ. Das Unbewußte der Kommunikationsprozesse, also die physischen und sozialen Systemprozesse, ist dem Bewußtsein, also dem psychischen System gegenüber, so viel größer und effektiver, daß dieses psychische System aus systemtheoretischer  Perspektive keine Rolle spielt. (Vgl. Stegmaier 2015, S.177) Das ‚Bewußtsein‘ ist eigentlich nur als Medium relevant, als nötiger „Freiraum“ bzw. – siehe ‚Sprachspiel‘ – als „Spielraum“ für die eigentlich relevanten sozialen Prozesse:
„Das Bewusstsein wird“, so Luhmann, „von der Kommunikation ‚penetriert‘, nimmt deren Strukturen in die eigenen auf, stellt ihr dafür einen ‚Freiraum‘ zur Verfügung, in dem das soziale System operieren und eigene Komplexität aufbauen kann.()“ (Stegmaier 2015, S.173)
An dieser Stelle konvergieren Sprachspiel-Analytik und Behaviorismus, denn für beide ist nur das ‚strikt‘ Beobachtbare (vgl. Stegmaier 2015, S.172) relevant; das, was „psychische Systeme oder Bewusstsein“ dazu beitragen, „kann man vorerst ... offen lassen“ (vgl. Stegmaier 2015, S.173). Es ist das „körperliche() Verhalten“, auf das es ankommt, nicht das Subjekt und sein Wille. (Vgl. ebenda) Über das Bewußtsein schweigt also auch die Systemtheorie. Es zählt nur das Beobachtbare.

Im Falle der Systemtheorie vervielfältigen sich die Beobachtungen. So fällt der Mensch, wie schon erwähnt, in drei Beobachtungssysteme auseinander, die sich gegenseitig beobachten, ohne sich zu verstehen. Für den ‚Menschen‘, den Luhmann vor allem mit dem psychischen System gleichsetzt, bilden die anderen beiden Systeme, der Leib und die Gesellschaft, lediglich Umwelten. So entstehen Beobachtungen „zweiter Ordnung“ (Stegmaier 2015, S.171), mit denen Luhmann dem Wittgensteinschen Sprachspielkonzept eine weitere Ebene hinzufügt. Bei Wittgenstein sind es vor allem einzelne Sprecher, die zwischen den verschiedenen Sprachspielen wechseln und dabei die entsprechenden Rollen des jeweiligen Sprachspiels übernehmen, indem sie sich wechselseitig beobachten (Beobachtungen erster Ordnung) und aneinander anpassen. Bei Luhmann beobachten sich auch noch die Sprachspiele, indem sie sich wechselseitig als Umwelten wahrnehmen. Da aber auch die ‚Menschen‘ selbst in verschiedene Beobachtungssysteme auseinanderfallen, die sich wechselseitig beobachten, haben wir es eigentlich nur noch mit Beobachtungen zweiter Ordnung zu tun. Und wo wir es nur noch mit Beobachtungssystemen zu tun haben, ist es auch kein Wunder, daß es nirgendwo mehr ein Subjekt gibt, das etwas beobachtet, also ausnahmslos alle Beobachtungen ‚unbewußt‘ bzw. ‚autonom‘ stattfinden. Das Unbewußte ist also nicht nur quantitativ größer als das Bewußte. Das Bewußte gibt es vielmehr überhaupt nicht bzw. nur als „flüssiges ‚Medium‘“, das den Beobachtungen, die es ‚penetrieren‘, Raum gibt. (Vgl. Stegmaier 2015, S.173)

Mit den „Beobachtungen zweiter Ordnung“ erreicht Luhmanns Systemtheorie das zweifelhafte Niveau der Fritz Mauthnerschen Sprachkritik, derzufolge es nur Privatsprachen gibt, weil niemand die Sprache des jeweils anderen versteht. (Vgl. meinen Post vom 15.10.2013) Stegmaier hält fest, daß aufgrund der mit den Beobachtungen einhergehenden Komplexitätsreduktionen Beobachtungssysteme niemals die Komplexität anderer Beobachtungssysteme „völlig erfassen“ können, weil „andere Beobachtungssysteme anders beobachten“:
„Man kann nicht nur nicht in ‚das Innere‘ anderer schauen, nicht wissen, was sie bei dem, was sie tun oder sagen, denken, sondern, selbst wenn man glaubt, einander gut zu verstehen, dies nicht überprüfen, es sei denn in Worten und Zeichen, die andere wieder anders verstehen können ...“ (Stegmaier 2015, S. 177)
Wir haben es hier mit einem paradoxen Ineinander von unüberschreitbarer Privatheit des psychischen Lebens und unvermeidbarer Allgemeinheit der sprachlichen Zeichen zu tun, wie wir es schon von Fritz Mauthner (1849-1923) kennen. Gerade die Allgemeinheit der Zeichen verhindert demnach das Verstehen individueller Befindlichkeiten. Individuelles Sprechen wird so zu einem Paradox, weil das Individuelle des psychischen Systems niemals in das Allgemeine der Sprache einzugehen vermag:
„Darum kann ein Individuum (ein individuelles psychisches System), was es von sich sagen kann, nur in Strukturen des sozialen Systems der Kommunikation sagen, also gerade nicht individuell.“ (Stegmaier 2015, S.173)
Stegmaier schließt nun an Luhmanns Systemtheorie mit seinem eigenen Konzept der „Orientierung an Menschen“ an (vgl. Stegmaier 2015, S.175ff.), mit dem er meint, das verbreitete, irgendwie pathologische Bedürfnis nach Anthropologie lindern zu können, weil es weiter reiche als jede Anthropologie (vgl. Stegmaier 2015, S.181). Dieses ‚Weiter-Reichen‘ seines Konzepts betrifft offensichtlich jene unbewußten Dimensionen, die das Bewußtsein des psychischen Teilsystems ‚Mensch‘ überwölben. Zu Beginn seines Beitrags hatte Stegmaier noch auf Immanuel Kants Schrift „Was heißt: Sich im Denken orientieren?“ (1786) verwiesen. (Vgl. Stegmaier2015, S.163f.) – Aber um Denken geht es in Stegmaiers Orientierungskonzept am allerwenigsten. Stattdessen ‚orientiert‘ er sich mehr an der Kybernetik.

Entsprechend der Luhmannschen Systemtheorie bilden die ‚Menschen‘ zusammengesetzte Beobachtungssysteme, von denen sich insbesondere das psychische System vor allem für wiederum andere ‚Menschen‘ interessiert, und zwar, da sie als psychische Systeme nicht beobachtbar sind, insbesondere in ihrer körperlichen Präsenz: „(v)on-Angesicht-zu-Angesicht“. (Vgl. Stegmaier 2015, S.178)

Die anderen ‚Menschen‘ bilden geradezu das herausragende Paradigma für das der Orientierung bedürftige Teilsystem ‚Mensch‘. (Vgl. ebenda) An dieser Stelle erinnern Stegmaiers Beschreibungen des menschlichen Orientierungsverhaltens teilweise an das Verhalten einer Schwarmintelligenz. Die menschlichen Teilsysteme interagieren nicht sprachlich miteinander – wie auch? –, sondern sie befinden sich in einer Art Resonanz zueinander. ‚Menschen‘, so Stegmaier, reagieren auf nichts stärker als auf andere Menschen: „Da wird blitzschnell und kaum bewusst ... entschieden, ob man ... ‚miteinander kann‘ und ob und wie man sich darum ‚aufeinander einlassen‘ wird ...“ (Stegmaier 2015, S.178)

Die ‚Kommunikation‘ der menschlichen Teilsysteme läuft also ohne Beteiligung des Bewußtseins ab. Der Titel von Stegmaiers Beitrag formuliert deshalb zu Recht dezidiert anders als der Gesamttitel des Herausgeberbandes: nicht Orientierung am Menschen, sondern Orientierung an Menschen, nämlich an ihrem ‚umweltlichen‘ Verhalten als einzig beobachtbarem ‚Anhaltspunkt‘, während ihre innenweltlichen Befindlichkeiten völlig unbeobachtbar bleiben.

Stegmaiers Konzept der Orientierung ‚an‘ Menschen ist deshalb auch explizit ein Konzept der „Orientierung an Anhaltspunkten“ (Stegmaier 2015, S.179), nämlich von Anhaltspunkten in Gestalt von körperlich präsenten ‚Menschen‘. Dabei ‚irrt‘ das orientierungslose Teilsystem ‚Mensch‘ durch eine nebelhafte Umwelt und sucht verzweifelt nach einzelnen vertrauten, aus den dichten Nebelschwaden undeutlich hervortretenden Anhaltspunkten, die ihm den Weg weisen. Irgendwie erinnert das an herumtorkelnde kybernetische Systeme mit ihren Kameraaugen, die in Form lernender Algorithmen mühsam ausprobieren, was geht und was nicht.

Die vertraute Lebenswelt des Menschen zerfließt also zu einem dichten Nebel, in dem das Teilsystem ‚Mensch‘ umherirrt und nach anderen menschlichen Teilsystemen Ausschau hält:
„So kommt auch in getrennten Orientierungen über sehr weite Strecken gemeinsames Verhalten und Konsens zustande, ohne dass es dazu besonderer begrifflicher Anstrengungen bedürfte.“ (Stegmaier 2015, S.180)
Das ist in der Tat eine ‚Anthropologie‘, nämlich eine Kybernetik, die weiterreicht als die Anthropologie, weil sie alles Menschliche konsequent ignoriert. Damit hat Stegmaier die Anthropologie allerdings nicht überflüssig gemacht, wie er meint. Vielmehr hinterläßt er nur ein umso größeres Bedürfnis nach dem, was hier fehlt: nach einer Erklärung, inwiefern Menschen anders sind als „Pflanzen und Tiere“ (Stegmaier 2015, S.177) oder auch Roboter.
PS: Ein Teil des Beitrags von Stegmaier befaßt sich mit Friedrich Nietzsche (1844-1900). (Vgl. Stegmaier 2015, S.167ff.) Da ich den Zusammenhang mit dem Rest des Beitrags nicht sehe, bin ich in meiner Besprechung nicht weiter darauf eingegangen. In Stegmaiers Exkurs fallen vor allem die Unterschiede zu Luhmann auf, wohingegen Stegmaier selbst behauptet, bei Luhmanns Systemtheorie handele es sich um eine Fortentwicklung der Nietzscheschen „Frage nach ‚dem Menschen‘“. (Vgl. Stegmaier 2015, S.170) Tatsächlich wird Nietzsche von so vielen konträren Theoriekonzepten in Anspruch genommen, daß Stegmaier sich hier in guter schlechter Gesellschaft befindet. Allerdings finde ich es schon ärgerlich, wenn er Luhmann noch am Außenseiterstatus Nietzsches partizipieren läßt, wenn er behauptet, daß die „Kühle, ja Kälte“ von Luhmanns „Beobachtungen und theoretischen Konzeptionen ... für die meisten noch schwerer zu ertragen (ist) als Nietzsches ‚fröhliche Wissenschaft‘“. (Vgl. Stegmaier 2015, S.170)
Das ist absurd: keine wissenschaftliche Theorie – nicht einmal Habermas mit seiner Kommunikationstheorie – war seit der Habermas-Luhmann-Debatte erfolgreicher als die Systemtheorie! Die Systemtheorie ist kein Skandal, es sei denn für die wenigen, die noch am Humanismus festhalten. Für die große Mehrheit des Wissenschaftsbetriebs bildet er den Mainstream.
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