Donnerstag, 18. August 2016

Franziska Krause, Die Sorge des Menschen (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015S.241-255)

Wie Franziska Krause in ihrem Beitrag „Die Sorge des Menschen“ (2015) schreibt, besteht die eigentliche Aufgabe der „philosophische(n) Anthropologie als Disziplin“ in der „begriffliche(n) Bestimmung des sorgenden Sich-zu-sich-Verhaltens und damit zusammenhängend (des) Verhältnis(ses) des Menschen zur Umwelt“. (Vgl. Krause 2015, S.241) Für diese Orientierung am sich sorgenden Menschen greift Krause auf Martin Heidegger zurück, demzufolge sich der Mensch sorgt, weil er Angst hat, und die Angst unter den verschiedenen Befindlichkeiten des Menschen durch das Potential hervorsticht, den Menschen dazu zu befähigen, sich selbst zu finden:
„In der Angst findet das Selbst zu sich, es wird durch die Angst geradezu erst dazu befähigt, Orientierung und Antworten auf das Leben zu suchen.“ (Krause 2015, S.242; vgl. auch S.243)
Es überzeugt mich seit längerem immer weniger, warum gerade die Angst, insbesondere die Angst vor dem Tod, eine solche Bedeutung für den Menschen haben soll. Plessner ist da betont nüchterner, wenn auch nicht weniger existentialistisch: bei ihm ist es die Enttäuschung, das Zerbrechen der narzißtischen Illusion jederzeitiger Bedürfnisbefriedigung, die bzw. das den Menschen mit sich selbst konfrontiert. Die Angst scheint mir weniger eine Befähigung zur Selbstfindung als zum Wegrennen zu sein, also eher Reflexe (und Neurosen) auszulösen als Reflexionen.

Dennoch bildet die Sorge unbestreitbar ein zentrales Thema jeder philosophischen Anthropologie. Franziska Krause geht es dabei insbesondere und im Unterschied zu Heidegger um die Differenzierung zwischen einer ethisch gehaltvollen Sorge wie etwa der „Achtsamkeit“ (Krause 2015, S.246) und einer ethisch fehlgeleiteten Sorge wie dem „Paternalismus“ (Krause 2015, S.249). Sie geht auf drei verschiedene Sorge-Konzepte ein, von denen zwei, die philosophischen Konzepte von Martin Heidegger (1889-1976) und Emmanuel Levinas (1906–1995), einseitig fundierte Relationsbestimmungen des Mensch-Weltverhältnisses beinhalten, während das dritte Konzept, die Care-Ethik, die Sorge als einen Relationsbegriff versteht, in dem nicht die Angst im Mittelpunkt steht, sondern „die Achtsamkeit für den Anderen“ (vgl. Krause 2015, S.247):
„Der Mensch wird immer schon als In-Beziehung-Lebend verstanden und die Abhängigkeit von Anderen als eine Bedingung des Lebens an sich gewertet.“ (Krause 2015, S.248)
Bei dieser Verhältnisbestimmung scheint es mir insbesondere der Gedanke der „Interaktion“ (Krause 2015, S.248) zu sein, der die Care-Ethik von dem Existentialismus Heideggers und von der Ethik Levinassens unterscheidet. Zwar hebt Franziska Krause vor allem die Nähe zwischen der unter anderem von Feministinnen wie Carol Gilligan vertretenen Care-Ethik und der von Levinas vertretenen Ethik hervor, aber der Begriff der Interaktion setzt einen möglichen Wechsel von Sozialperspektiven voraus: das ‚Du‘ des hilfsbedürftigen Menschen kann zum ‚Ich‘ einer Bedürfnisartikulation werden, die weder bei Heidegger noch bei Levinas vorgesehen ist. Diese Rückmeldung und die damit verbundene „Achtsamkeit“ des Sorge-Subjekts ist für die Care-Ethik zentral:
„Ein Mensch, der sich der Rückmeldung über seine Fürsorge verschließen würde, bleibt selbst in einem defizitären Seinsmodus, da er die Angemessenheit seines Handelns nicht reflektiert.“ (Krause 2015, S.249)
Eine solche Interaktion ist, wie gerade schon erwähnt, weder bei Heidegger noch bei Levinas vorgesehen. Bei Heidegger weist Franziska Krause explizit auf dieses Defizit hin. Heidegger bestimmt, so Krause, die Sorge „ontologisch statt anthropologisch“, was dazu führt, daß bei ihm die Sorge „unterbestimmt“ bleibt. (Vgl. Krause 2015, S.246) Heidegger konzentriert sich Krause zufolge auf eine „ontologische Beschreibung des Menschen“ und versteht deshalb die Sorge „nicht als eine Beziehung, in der man sich mit dem Anderen austauscht und das eigene Handeln folglich korrigieren und überdenken kann“. (Vgl. Krause 2015, S.247) – Mit anderen Worten: Heideggers Sorgebegriff läßt keinen Wechsel der Sozialperspektiven zu.

Genau das ist aber auch in Emmanuel Levinassens Ethik des Antlitzes der Fall; nur daß er hier nicht ontologisch, sondern phänomenologisch vorgeht. Das Antlitz des Anderen läßt sich so wenig ‚tauschen‘ wie bei Heidegger der Tod und die Angst davor. Krause weist ausdrücklich darauf hin, wenn sie schreibt, daß Levinassens Selbst seine Verantwortung nicht „delegieren“ (Krause 2015, 252) kann:
„In seinem Anspruch, die Ethik als ein Für-den-Anderen zu bestimmen, das ein Mit-dem-Anderen zur Folge hat, zeigt Lévinas die Unmöglichkeit auf, die Sorge um den Anderen anders als In-Beziehung-Stehend zum Anderen zu denken. Im Gegensatz zu Heidegger, bei dem der Andere als ein Objekt des Sorgens erscheint, ist bei Lévinas der Andere resp. das Antlitz der Ursprung der Sorge.“ (Krause 2015, S.252f.)
Auch Levinas denkt die Sorge für den Anderen, mit dem das Sorge-Subjekt ‚in Beziehung steht‘, nicht als Wechselbeziehung. Der Fürsorger ist immer der Fürsorger, der Andere ist immer der Andere. Franziska Krause weist ausdrücklich auf die spezifische Unterbestimmtheit der Ethik von Levinas hin: „So wird zwar einerseits innerhalb des Ethikverständnisses Lévinas’ nicht geklärt, wie konkrete Verantwortungsübernahme und das Sorgen um den Anderen zu verstehen ist.“ (Krause 2015, S.253) – „In vielerlei Hinsicht“, so Krause, sei Levinassens Ethik „unbefriedigend“. (Vgl. Krause 2015, S.254)

Dennoch wirft Krause Levinas, anders als bei Heidegger, nicht ausdrücklich vor, daß seine Ethik ‚unterbestimmt‘ sei; im Gegenteil hebt sie positiv hervor:
„Andererseits aber wird die Unabdingbarkeit der Verantwortung für den Anderen deutlich gemacht, die nicht abgelehnt werden kann, da sie immer vorhanden ist. Erst in der Akzeptanz der eigenen unabweisbaren und unbedingten Verantwortung für den Anderen erhält das Sorgen einen ethischen Gehalt.“ (Krause 2015, S.253)
Franziska Krause übersieht hier den Umstand, daß es gerade diese „Unabdingbarkeit der Verantwortung für den Anderen“ ist, die Levinas daran hindert, detaillierter auf die „konkrete Verantwortungsübernahme“ einzugehen; denn aus einer entsprechenden Analyse ergäbe sich, daß wir es in unserer Beziehung zum Anderen nicht mit einer Einbahnstraße zu tun haben, sondern mit einem Wechsel von Sozialperspektiven.

Die Ethik von Levinas bewegt sich auf dem schmalen Grat einer ultima ratio: jeder Fehltritt mündet in eine Katastrophe. Es handelt sich um eine Ausnahme-Ethik, nicht um eine Alltagsethik. Es ist Levinassen Phänomenologie des Antlitzes, die einen Wechsel der Perspektiven nicht zuläßt. Das Problem mit dem Begriff des Antlitzes besteht darin, daß es unmöglich ist, vom Antlitz her auf sich selbst zurückzudenken, denn für sich selbst hat man ja kein Antlitz. Wir blicken uns nicht selbst entgegen, wie es die Etymologie des Wortes nahelegt. Es gibt nur einen Entgegenblickenden: den Anderen.

Bei Helmuth Plessner (1892-1985) sieht das ganz anders aus. In seinen Anthropologien der Nachahmung und des Schauspielers beschreibt er detailliert, wie wir von der Mimik des sichtbaren ‚Antlitzes‘ uns gegenüber auf unsere eigene Mimik zurückschließen: wie wir also auf diese Weise uns unser eigenes unsichtbares Antlitz erschließen, indem wir begreifen, daß wir dem Anderen so entgegenblicken wie er uns. (Vgl. meine Posts vom 29.05. und vom 01.06.2013) Der Andere ist nicht einfach der Andere. Er ist immer schon zugleich wir selbst. Sein Gesicht ist unser Gesicht. In diesem ‚Antlitz‘ wird ein fundamentaler Wechsel der Sozialperspektiven angebahnt: ‚Du‘ ist nur insofern ‚du‘, als es immer auch zugleich ein ‚Ich‘ ist, und zwar ein ‚Ich‘ für sich, so wie auch ich ein ‚Ich‘ für mich bin.

Würde ich den Anderen nur als Sorge-Objekt wahrnehmen und nicht zugleich auch als Subjekt, für das ich zum Sorge-Objekt werden kann, hätte ich den Anderen als Menschen entwürdigt. Gerade der Begriff der „Elternschaft“, der für Levinassens Ethik so zentral ist (vgl. Krause 2015, S.252), weist auf einen solchen künftigen Wechsel der Perspektiven hin; denn irgendwann sind es nicht mehr die Eltern, die für ihre Kinder sorgen müssen, sondern die Kinder, die für ihre Eltern sorgen müssen.

Heidegger und Levinas stehen also zwar für zwei konträre Positionen zum Selbst und zum Anderen; aber beide Positionen gleichen sich darin, daß sie zwischen dem Selbst und dem Anderen kein Wechselverhältnis kennen, keinen Wechsel der Sozialperspektiven. Beide verstehen weder das Selbst noch den Anderen als ‚Rolle‘. Aber gerade dadurch, daß beide das Selbst bzw. den Anderen auf die immer gleiche Perspektive festlegen, legen sie sie auch auf Rollen fest. Wir haben nur Sorge-Subjekte, die niemals Sorge-Objekte sein können, und wir haben nur noch Sorge-Objekte, die niemals Sorge-Subjekte sein können.

Die einzige Ethik in Franziska Krauses Beitrag, die einen solchen Perspektivenwechsel und damit eine Bereicherung der „In-Beziehung-Lebenden“ zuläßt, ist die Care-Ethik.

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