„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Dienstag, 26. Juli 2016

Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015

In „Orientierung am Menschen“ (2015) versammeln die beiden Herausgeber Oliver Müller und Giovanni Maio 27 Aufsätze zu einer aktuellen, aus einer kritischen Reflexion des technologischen Potentials der „Neuro- und Biotechnologien“ (Müller/Maio 2015, S.10) hervorgehenden Anthropologie. Dabei geben sich die beiden Herausgeber betont bescheiden, insofern sie als Kriterium für die Auswahl der Autorinnen und Autoren auf ihre „herausgeberische(n) Vorlieben“ verweisen. (Vgl. Müller/Maio 2015, S.9) Zu „unübersichtlich und hoffnungslos heterogen“ sei die „anthropologische() Reflexionstradition“, als daß es möglich sei, von nur „eine(m) Begriff vom Menschen“ auszugehen. (Vgl. ebenda)

Diese Unübersichtlichkeit ist dem Gegenstand aber auch durchaus angemessen, und es befremdet mich immer wieder, wenn der Anthropologie andernorts in der Wissenschaft daraus ein Vorwurf gemacht wird. Jede Äußerung des Menschen über den Menschen (und damit über sich selbst) ist anthropologisch, und darüberhinaus ist jede seiner Äußerungen über die Welt anthropologisch gefärbt; Naturwissenschaftler nennen das gerne verächtlich ‚anthropomorph‘. Anthropologie ist deshalb, um es mit Fontane und Grass zu sagen, ein ‚weites Feld‘. Und wollten wir versuchen, das Unkraut aus diesem Feld auszujäten, bliebe am Ende nicht mehr viel vom Menschen übrig.

Es ist absurd hoch drei, der Anthropologie vorzuwerfen, daß sie anthropomorph sei. Genauso gut könnte man der Physik vorwerfen, daß sie physikalisch sei, und der Mathematik, daß sie mathematisch sei.

Genau deshalb geht auch der von Müller/Maio zitierte Vorwurf fehl, die Anthropologie sei „normativ zu aufgeladen oder sogar ideologisch vorbelastet“. (Vgl. Müller/Maio 2015, S.9) Über den Menschen läßt sich überhaupt nur normativ reden, wie es völlig zu Recht im Untertitel des Buches „Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven“ zum Ausdruck kommt. Wie übrigens Normativität auch in den angeblich so objektiven Naturwissenschaften gang und gäbe ist. Kaum eine andere Disziplin ist so normativ wie die Neurowissenschaften, allein schon aus dem Grunde, als die Neurowissenschaftler dazu neigen, den Menschen auf das Gehirn zu reduzieren. Eine Verengung des Blicks geht mit jeder Disziplin einher. Normativ wird diese Blickverengung immer dann, wenn sie kritiklos erfolgt.

Bei der Besprechung des Buches von Müller und Maio werde ich mir wieder jeden einzelnen Beitrag einzeln vornehmen. Dabei werde ich diesmal aber nicht streng der Reihe nach vorgehen, sondern meinen Augenblickslaunen folgen und zwischen den Autorinnen und Autoren hin und her springen. Ich werde auch nicht alle Rezensionen auf einen ‚Schlag‘ hintereinander posten, sondern mich zwischendurch mit dem einen oder anderen anderen Buch befassen. Diese Besprechung wird sich also ein Weilchen hinziehen.

Beginnen werde ich mit zwei Beiträgen von Giovanni Maio, Philosoph und Medizinethiker an der Universität Freiburg und Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin, die er selbst zu dem Herausgeberbuch beigesteuert hat. (Vgl. Müller/Maio 2015, S.381-394 und S.470-482) Von dem anderen Herausgeber Oliver Müller, Principal ‚Investigator‘ (was immer Investigator heißen mag: PD = Privatdetektiv?) und Projektleiter am Philosophischen Seminar und am Exzellenzcluster BrainLinks-BrainTools, gibt es keinen eigenen Beitrag zum Buch.
PS (08.10.2016): Nachdem ich heute den letzten Beitrag besprochen habe – das Posten habe ich über die folgenden Monate bis Anfang Januar 2017 geplant –, möchte ich mich jetzt noch einmal dem ganzen Vorhaben des Herausgeberbandes von Oliver Müller und Giovanni Maio zuwenden. Herausgeberbände gelten als vollgültige wissenschaftliche Publikationen, und die Herausgeber werden den Autoren von Monographien gleichgestellt. Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum sich im Wissenschaftsbetrieb überhaupt jemand die Mühe macht, die Texte anderer Autoren herauszugeben. Dennoch haben Herausgeberbände immer einen zweifelhaften Status. Sie sind nicht von einem einzelnen Autoren verantwortet, der das Buch selbst geschrieben hat, sondern von einem oder mehreren Herausgebern, die möglicherweise selbst Beiträge beigesteuert haben, ansonsten aber vor allem die Beiträge von anderen Autoren herausgeben. Wo liegt da die Verantwortung für das Buch?

Diese Frage ist kniffliger, als es zunächst vielleicht den Eindruck hat. Denn für die einzelnen Textbeiträge sind selbstverständlich vor allem die Autoren verantwortlich. Aber indirekt, nämlich in seiner Funktion als Herausgeber, ist auch der Herausgeber für die Textbeiträge verantwortlich. Er ist es, der das Thema vorgibt und dann die passenden Autoren dazu aussucht. Der Theorie nach dürfte er, wenn er seiner Verantwortung gerecht werden will, nur die Autoren aussuchen, die dem Thema seiner Ansicht nach gewachsen sind. Und liefern die Autoren keine Beiträge, die seinen Qualitätsanforderungen entsprechen, müßte der Herausgeber sie eigentlich zurückweisen und sich andere Autoren suchen.
Einer solchen Vorgehensweise stehen aber oft zwei Umstände entgegen. Zum einen bedeutet es einen erheblichen Zeitaufwand, genügend Autoren zu versammeln, die sowohl den Qualitätsansprüchen genügen als auch genügend Beiträge liefern, um einen Herausgeberband zu füllen. Außerdem beruht das wissenschaftliche Geschäft des Publizierens und Zitierens auf Gegenseitigkeit: Wenn ich Deine Texte herausgebe, gibst Du mir Gelegenheit, auch mal in einem Deiner Herausgeberbände einen meiner Texte zu publizieren. – Vor allem sollte man sich nicht gegenseitig wehtun, indem man z.B. den Text von jemandem ablehnt. Das ist für einen Autor immer kränkend und könnte Vergeltungsaktionen nach sich ziehen. Man sollte sowieso auch schon bei der Vorauswahl vor allem jene Autoren berücksichtigen, die zur selben Seilschaft, neudeutsch ‚Netzwerk‘, gehören.
Für die Autoren ist es immer ganz angenehm, einen kurzen Beitrag von zwanzig bis höchsten dreißig Seiten in einem Herausgeberband unterzubringen. Das Schreiben des Textes macht nicht so viel Arbeit wie bei einer Monographie, und die Lektorierung übernehmen die Herausgeber.
Bei dem vorliegenden Herausgeberband von Müller/Maio hatte ich tatsächlich den Eindruck, daß sich einige der Autoren untereinander gut kennen, teilweise von derselben Universität stammen etc. Hier hätte ich mir von Seiten der Herausgeber ein paar kurze biographische Informationen über die Autoren gewünscht, die aber leider fehlen. So mußte ich sie mir mühsam aus dem Internet zusammensuchen.
Den einen oder anderen Beitrag hätten die Herausgeber eigentlich ablehnen müssen, weil sie thematisch und qualitativ in dem Buch nichts zu suchen haben. Es wäre schön gewesen, wenn die Herausgeber in einer Einleitung einen inhaltlichen Überblick über die Zusammenstellung der Autoren und ihrer Beiträge gegeben hätten. Das wäre dem Leser und Rezensenten eine Hilfe dabei gewesen, die Gründe zu beurteilen, warum diese zweifelhaften Beiträge überhaupt in das Herausgeberbuch aufgenommen wurden.
Ein ideales Herausgeberbuch besteht nach meiner Auffassung in einer umfassenden Einleitung zum Thema des Buches, verbunden mit einem Überblick über die Beiträge der Autoren. Im Vorfeld wäre es auch schön, wenn den Autoren ein Einblick in die Beiträge der anderen Autoren gewährt werden könnte. Dann stehen die Beiträge nicht so unverbunden nebeneinander. Die Autoren könnten aufeinander reagieren und inhaltlich aufeinander eingehen. Aber ich gebe zu, daß das so viel Zeit und Arbeit kosten würde, daß es wohl mehr als ein oder zwei Jahre dauern würde, bis so ein Herausgeberband endlich fertig wäre und erscheinen könnte. Damit wären wohl alle Beteiligten, Herausgeber, Autoren und Verlag, überfordert. Schade.
Inhalt:
Friedo Ricken, Sterblichkeit – Gerechtigkeit – Freundschaft. Zum Menschenbild der Antike, S.13-30; Markus Enders, Die biblischen Grundlagen des christlichen Menschenbildes, S.31-63; Charlotte Bretschneider, Zum Beispiel Michel de Montaigne, S.64-79; Günter Zöller, Die Bestimmung des Menschen. Ein Diskurs in der deutschen Spätaufklärung, S.80-91; Andreas Urs Sommer, Der Mensch, das Tier und die Geschichte. Zur anthropologischen Desillusionierung im 19. Jahrhundert, S.92-109; Jan-Christoph Heilinger, Was heißt es, sich im Menschen zu orientieren? Die Bewertung biotechnologischer Veränderungen des Menschen, S.113-121; Claus Langbehn, Begriffe in der Sprache des Sichverstehens, S.122-143; Michael Hampe, Wir Menschen, S.144-162; Werner Stegmaier, Orientierung an Menschen. Zur Kritik der Anthropologie, S.163-181; Käte Meyer-Drawe, Träumend auf dem Rücken eines Tigers. Der Mensch im Modus der Verschwindens, S.182-195; Sebastian Schwenzfeuer, Kants Begründung der Ethik im Verhältnis zur Anthropologie, S.199-215; K.F. Martin Baesler, Das Problem der menschlichen Erfüllung in Kants Moralphilosophie und Anthropologie, S.216-227; Matthias Schlossberger, Anthropologie der Würde, S.228-240; Franziska Krause, Die Sorge des Menschen, S.241-255, Gernot Böhme, Gut Mensch sein. Eine Proto-Ethik, S.256-272; Thiemo Breyer, Der Mensch im Spiegel des Anderen, S.275-303; Markus Höfner, Defizit oder Auszeichnung? Menschliche Endlichkeit in theologischer Perspektive, S.304-323; Joachim Boldt, Vulnerabilität, Existenz und Ethik, S.324-337; Dieter Sturma, Der Mensch als Person. Zur dichten Beschreibung der humanen Lebensform, S.338-350; Claudia Bozzaro & Mark Schweda, Das Altern und die Zeit des Menschen, S.351-378; Giovanni Maio, Der herstellbare Mensch? Warum der Mensch auch im Zeitalter der Reproduktionsmedizin Anfang bleibt, S.381-394; Ludger Lütkehaus, Diktat der Geburt – Gentechnische Freiheit?, S.395-406; Tobias Eichinger, Der Wunsch nach Unsterblichkeit, S.407-422; Theda Rehbock, Krankheit als Grenzsituation und die Freiheit des Kranken, S.423-442; Martin Langanke & Micha H. Werner, Der kranke Mensch. Die Pathologisierung menschlicher Endlichkeit im Lichte medizinischer und medizintheoretischer Krankheitsbegriffe, S.443-469; Giovanno Maio, Demenz – oder die durch Beziehung gestiftete Identität, S.470-482; Andreas Brenner, Ich vegetiere, also bin ich. Zur Kritik des Hirntodkonzeptes, S.483-499

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