Montag, 4. Juli 2016

Gunter Gebauer, Wittgensteins anthropologisches Denken, München 2009

1. Zusammenfassung
2. Positionalitäten
3. Bilder und Folien
4. Sprachspiel und Expressivität
5. Pädagogik und Kybernetik

Das Sprachspiel ist bei Wittgenstein so umfassend wie sonst nur der Begriff der Welt. Sein berühmtes Schweigegebot aus dem „Tractatus“ bezieht sich auf alles, was sich außerhalb des Sprachspiels befindet. Bedeutungen können nur innerhalb eines Sprachspiels generiert weden. Das gilt auch für die „Philosophischen Untersuchungen“: „Auch in den Philosophischen Untersuchungen sind die Bedeutungen der Sprache unerschöpflich, allerdings nicht deshalb, weil das Ich sie nicht ausschöpfen könnte, sondern weil die generative Kraft der Sprachspiele unbegrenzt ist.“ (Gebauer 2009, S.37)

Das Ich selbst, das Wittgenstein immer als Sprecher-Ich thematisiert, kommt außerhalb des Sprachspiels nicht vor: „Das Ich des Sprechers ist eine Position im Spiel, es gibt kein Ich außerhalb des Sprachspiels. ... Wesentliche Eigenschaften, die die Subjektivität des Ichs ausmachen – Gefühle, Absichten, Wünsche, Bewußtsein, Identität, Kenntnisse, Wissen –, werden innerhalb von Sprachspielen erzeugt. Als Subjekt gilt jede Instanz, die im Sprachspiel die Position des Ichs einnehmen kann.()“ (Gebauer 2009, S.120)

Das Wittgensteinsche Sprecher-Ich ist keine Instanz, die von sich aus dazu in der Lage wäre, Bedeutungen zu generieren. Damit ist klar, daß Wittgensteins Sprachphilosophie ein rigider Strukturalismus zugrundeliegt, in dem alle Beziehungen zwischen den verschiedenen Mitspielern ein „Kraftfeld“ bilden, „in dem die unterschiedlichen Positionen durch ein Netz von Relationen miteinander verbunden sind. Innerhalb dieses Beziehungsnetzes entstehen die relationalen Bedeutungen, die den Positionen im Spiel zukommen“. (Vgl. Gebauer 2009, S.166)

Gebauer spricht von einer dual strukturierten  komplementären Mehrperspektivität, in der jeder Sprecher durch einen Hörer, jeder Befehlender durch einen Gehorchenden und jeder Käufer durch einen Verkäufer (und das alles natürlich auch umgekehrt) ergänzt werden muß, um sich als Sprecher-Ich konstituieren zu können. (Vgl. Gebauer 2009, S.117) Ohne ein Hörer-, Gehorchenden- und Verkäufer-Du kein Sprecher-, Befehlender- und Käufer-Ich. Eine andere Form der Subjektbildung ist in Wittgensteins Sprachspielkonzept ausgeschlossen.

Um so erstaunlicher ist es, daß Wittgenstein – in einem gewissen Widerspruch zu seinen sonstigen Äußerungen zum Sprecher-Ich – dieses Sprecher-Ich dann doch in eine besondere Position zum Sprachspiel versetzt. Wittgenstein gesteht dem Sprecher-Ich die Möglichkeit zu, neue Themen in das Sprachspiel einzubringen und damit auch eigene Bedeutungen zu stiften: „In Äußerungen der ersten Person kann etwas auftauchen, was noch nicht Sprache, aber dennoch bedeutungsvoll ist.“ (Gebauer 2009, S.180)

Dabei handelt es sich um die privaten Empfindungen des Sprecher-Ichs, die der vorsprachlichen Sphäre angehören und selbst niemals Teil eines Sprachspiels sein können, weil Sprache Wittgensteins Privatsprachen-Argument zufolge eine prinzipiell „öffentliche Zirkulation der Wörter, Regeln, Wortgebräuche und Bedeutungen bildet“. (Vgl. Gebauer 2009, S.132) – Da das Sprecher-Ich aber – so Wittgensteins Privatsprachen-Argument gleichermaßen ergänzendes wie außer  Kraft setzendes Argument – eine solche prinzipiell öffentliche Position innerhalb eines Sprachspiels innehat, kann es natürlich auch seine privaten Empfindungen öffentlich thematisieren. Und dafür gibt es sogar ein eigenes Sprachspiel: die Empfindungssprache! (Vgl. Gebauer 2009, S.191ff.)

An dieser Stelle wird die Sprache bei Wittgenstein erstmals expressiv, und – was nicht minder bemerkenswert ist – das Vokabular dieser Empfindungssprache besteht aus Metaphern, die sich auf besondere Weise dazu eignen, „körperliche() Resonanzen“ (Gebauer 2009, S.194)  aufzunehmen und wiederzugeben: „Es gibt in der Empfindungssprache der Moderne eine unübersehbare Menge von standardisierten bildlichen Ausdrücken, auf die beim Sprechen über Empfindungen zurückgegriffen werden kann.“ (Gebauer 2009, S.194)

Allerdings wird auch hier wiederum gleich wieder deutlich, daß Wittgenstein die expressive Natur der menschlichen Sprache nicht wirklich versteht. Expressivität und Kybernetik sind zwei grundverschiedene Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Expressivität läßt sich nicht steuern, wie an Plessners Seelenbegriff mit seinem „noli me tangere“ deutlich wird. (Vgl. „Grenzen der Gemeinschaft“ (2001/1924), S.65; vgl. auch meinen Post vom 14.11.2010) Und genau das ist es, was Wittgenstein beklagt, der „die ihm für seine Gefühlsausdrücke zur Verfügung stehenden sprachlichen Ausdrücke oftmals als ungenügend ansieht“. (Vgl. Gebauer 2009, S.194) – Gebauer ergänzt: „Daß die Ausdruckformen der Empfindungssprache untauglich werden, bemerken wir daran, daß wir mit unserer Könnensstruktur nicht mehr auf sie zu reagieren vermögen.“ (Gebauer 2009, S.195)

Die beklagte ‚Untauglichkeit‘ von Metaphern für die Steuerung von Empfindungen wird verständlich, wenn man berücksichtigt, daß Wittgenstein und Gebauer vor allem Schmerzempfindungen thematisieren. Daß Metaphern wenig geeignet sind, Schmerzempfindungen zu lindern, dürfte jedem unmittelbar einsichtig sein. Daß sie aber durchaus dazu geeignet sind, humanere Bewußtseinzustände wie Liebe, Trauer etc. auszudrücken, sollte eigentlich ebenfalls allgemein nachvollziehbar sein. Dennoch stellen Wittgenstein/Gebauer beides auf eine Stufe: „Schmerzen bemächtigen sich der Person, die von ihnen heimgesucht wird. Mit anderen Empfindungen verhält es sich analog, mit der Freude, der Melancholie, der Niedergeschlagenheit.“ (Gebauer 2009, S.192)

In Wittgensteins Seelenbegriff dominiert wie bei seinem Sprachspielkonzept das kybernetische Interesse. Die Seele wird von ihm primär als eine „Erfahrungs- und Könnensstruktur“ verstanden (vgl. Gebaeur 2009, S.197), für die besondere ‚Ingenieure‘ zuständig sind. Das „sprachliche Erfassen von Empfindungen“ ist eine „Domäne der Dichtung“, und Dichter sind mit einem besonderen „Können“ und einer besonderen „Erfahrung“ ausgestattete „Sprecher“. (Vgl. Gebauer 2009, S.195) Wenn wir es aber bei Dichtern mit Experten zu tun haben, dann weniger im Sinne einer Einübung von ‚Technik‘ – wenngleich die dichterische Sprache durchaus ihre Techniken hat – als vielmehr im Sinne einer Einübung von Achtsamkeit!

Die Empfindungs-‚Experten‘ unterscheiden sich von anderen Sprecher-Ichs durch „eine gewisse Widerspenstigkeit gegenüber eingeübter Praxis“. (Vgl. Gebauer 2009, S.196) Ihre „Einbindung in die soziale Praxis“ ist Wittgenstein/Gebauer zufolge weniger ausgeprägt. (Vgl. Gebauer 2009, S.195) Daß die Nicht-Steuerbarkeit (Widerspenstigkeit) von Dichtern möglicherweise etwas mit der Nicht-Steuerbarkeit von Empfindungszuständen zu tun hat, wird an dieser Stelle aber nicht weiter thematisiert. Diese ‚Blindheit‘ für die Spezifität von inneren (privaten) Zuständen – die ja auch im Schweigegebot des Tractatus eigens auf Dauer gestellt wird – hat sich auch auf Wittgensteins Pädagogik ausgewirkt. Dazu mehr im nächsten und letzten Post.

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