Samstag, 2. Juli 2016

Gunter Gebauer, Wittgensteins anthropologisches Denken, München 2009

1. Zusammenfassung
2. Positionalitäten
3. Bilder und Folien
4. Sprachspiel und Expressivität
5. Pädagogik und Kybernetik

In diesem Post geht es mir zentral um die Frage der Verhältnisbestimmung von Mensch und Welt. Von Helmuth Plessner kennen wir bereits in diesem Blog den Begriff der exzentrischen Positionalität. Sie beinhaltet einen aller menschlichen Bewußtwerdung vorausgehenden Bruch im menschlichen Welt- und Selbstverhältnis, den Plessner auch als „Hiatus“ bezeichnet. (Vgl. „Stufen des Organischen“ (1875/1928), S.245) Der Mensch erlebt diesen Hiatus am eigenen Körper, als „Körperleib“: so wie wir gleichzeitig Teil dieses Körpers sind und über ihn verfügen, sind wir auch Teil der Welt und stehen ihr gleichzeitig gegenüber. Von diesem Bruch ist auch die spezifisch menschliche Sprachlichkeit geprägt, die von einer fundamentalen „Zersplitterung in verschiedene Idiome“ gekennzeichnet ist. (Vgl. „Stufen des Organischen“ (1875/1928), S.240) Ein Kennzeichen dieser Zersplitterung ist die Differenz zwischen Meinen und Sagen. Das Meinen kommt in allem Sagen immer nur unvollständig zum Ausdruck. (Vgl. meinen Post vom 26.10.2010)

Ganz anders bei Wittgenstein: Gebauer zufolge bestehen die fundamentalen Grundbestimmungen der menschlichen Sprachlichkeit in der Regelmäßigkeit (vgl. Gebauer 2009, S.97) und in der Übereinstimmung. Der Körper hat als „Körperleib“ nicht etwa den entscheidenden Anteil am gebrochenen Selbst- und Weltverhältnis des Menschen, sondern trägt als „Umgangskörper“ zur Stabilisierung der Übereinstimmung zwischen Mensch und Welt bei:
„Zusammen mit seinem regelhaften Verhalten und seinen Sprachgebräuchen formt das Kind in seiner Auseinandersetzung mit den anderen Menschen und der Welt einen Umgangskörper. Ebenso wie die Umgangssprache entsteht dieser in gemeinsamen Handlungen mit der Umgebung des Subjekts und ermöglicht eine grundlegende Übereinstimmung mit der Sprachgemeinschaft. Er bildet die Basis gegenseitiger Verständlichkeit; er ist geregelt, berechenbar und vernünftig im Sinne der Gesellschaft.“ (Gebauer 2009, S.96f.)
Da Plessner zufolge für die Entstehung des menschlichen Bewußtseins die Erfahrung des Bruchs grundlegend ist, ist es also kein Wunder, daß in Wittgensteins Sprachphilosophie das Bewußtsein keine Rolle spielt. Alles was das Bewußtsein betrifft, fällt bei ihm unter ‚Mentalismus‘ (vgl.u.a. Gebauer 2009, S.84f.), und darüber muß geschwiegen werden. Das einzige Kriterium für die Beschreibung des menschlichen Verhaltens ist dessen Orientierung am gemeinsamen Regelgebrauch:
„Die Welt und der Körper sind von der Ordnung der gegebenen Praxis vorstrukturiert. Noch bevor Menschen die Umgangssprache erlernen, bilden sie unter Einfluß der Gesellschaft einen regulierten Körpergebrauch aus. ... er (Wittgenstein – DZ) beginnt den Gedanken einer kulturellen Ganzheit, die er ‚Lebensform‘ nennt, in sein Denken zu integrieren ... .“ (Gebauer 2009, S.22)
Die kulturelle Ganzheit, in die der Mensch hineingeboren wird (vgl. Gebauer 2009, S.31), kann auf subjektives Bewußtsein verzichten: „Einer Sprachgemeinschaft, die von ihren Mitgliedern ein bestimmtes Handeln verlangt, kann dieser Unterschied egal sein, wenn dieses tatsächlich hervorgebracht wird.“ (Gebauer 2009, S.149)

Ganz anders wiederum Plessner. Bei ihm beruht die Kultur nicht etwa auf einer grundlegenden Übereinstimmung, sondern auf einer dem Hiatus geschuldeten konstitutiven Gleichgewichtslosigkeit: „Die konstitutive Gleichgewichtslosigkeit seiner besonderen Positionalitätsart – und nicht erst die Störung eines ursprünglich normal, harmonistisch gewesenen und wieder harmonisch werden könnenden Lebenssystems ist der ‚Anlaß‘ zur Kultur.“ („Stufen des Organischen“ (1875/1928), S.316)

Die exzentrische Positionalität des Menschen geht mit einem unaufhebbaren Doppelaspekt einher. Am Rand der Welt befindet er sich weder innerhalb noch außerhalb dieser Welt und seines Körperleibs, sondern auf einer ortlosen Grenze (vgl. „Stufen des Organischen“ (1875/1928), S.316), die ihm beide Perspektiven, nach innen und nach außen, zugleich ermöglicht. (Vgl. meinen Post vom 22.10.2010) Die Differenz zwischen Innen und Außen wird also durch eine exzentrische Perspektive gestiftet. Diese Differenz ist fundamental für das menschliche Bewußtsein.

Auch bei Wittgenstein gibt es eine Doppelaspektivität, die Gebauer an zwei Bewegungsrichtungen zwischen dem Menschen bzw. ‚Sprecher‘ und der Welt bzw. dem Sprachspiel festmacht. Allerdings verweist Gebauer an dieser Stelle nicht auf Wittgenstein, sondern auf Pierre Bourdieu, den er immer dort zu Wort kommen läßt, wo er das von Wittgenstein vernachlässigte subjektive Moment einzuholen und mit Wittgensteins Sprachspielkonzept kompatibel zu machen versucht:
„In Bourdieus Interpretation kommt der doppelte Sinn von comprendre als Enthalten-Sein und verstehendes Erfassen dadurch zustande, daß Menschen nicht nur denkende Wesen, sondern auch Dinge in der Welt sind. ... Als in der Welt enthaltenes Ding enthalte auch ich die Welt, aber dieses Enthalten-Sein ... ist nicht mehr materieller Art, sondern ein praktisches Verstehen. Bourdieu entwirft das Verhältnis von Subjekt und Welt in Form einer Doppelstruktur, die in der einen Richtung von der Welt zum Subjekt läuft und in der anderen vom Subjekt zur Welt zurück. Bei diesem zweiseitigen Durchlauf entsteht aus dem materiellen Umgreifen ein verstehendes Erfassen.“ (Gebauer 2009, S.167f.)
Auch hier ist es wieder der „Umgangskörper“, der diese Doppelaspektivität von in-derWelt-Enthalten und die-Welt-Erfassen ermöglicht: „Die entscheidende Instanz, die diese Doppelbewegung zustande bringt, ist der Umgangskörper.“ (Gebauer 2009, S.169) – Der Umgangskörper, so Gebauer, verfügt über eine „Zweiseitigkeit“ in Form einer „Ausrichtung sowohl nach außen als auch nach innen“. Gebauer vergleicht diese Zweiseitigkeit auch mit Merleau-Pontys ‚Zwischenleiblichkeit‘ („inter-corporité“). (Vgl. Gebauer 2009, S.167; vgl. auch meinen Post vom 21.11.2011)

Gebauer kann allerdings nicht erklären, worin die Möglichkeit dieser „Doppelbewegung“ besteht. Die Grundlage jeder Verhältnisbestimmung zwischen Mensch und Welt müßte in einer Differenz bestehen. Der bloße Hinweis auf die Übereinstimmung von Mensch und Welt reicht nicht aus. Da „alles, was der Innensicht von Subjekten zugeschrieben wird“, immer zugleich auch „zu einer sozialen Praxis gehört und damit einen objektiven Aspekt hat“ (vgl. Gebauer 2009, S.138), bedarf es allererst einer Klärung, was denn das Eigene des Subjekts ist, das der sozialen Praxis widersteht bzw. sich ihr entzieht. Ohne Differenz keine Beziehung bzw. kein Verhältnis.

Tatsächlich befindet sich das Wittgensteinsche ‚Subjekt‘ niemals außerhalb des Sozialen bzw. der Sprachspiele, durch die es ja auch allererst konstituiert wird: „Das Ich des Sprechers ist eine Position im Spiel, es gibt kein Ich außerhalb des Sprachspiels.“ (Gebauer 2009, S.120) – Wenn Wittgenstein sein Sprecher-Ich „am äußersten Rand der Welt“ positioniert (vgl. Geebauer 2009, S.57), so befindet es sich nicht, wie bei Plessner, an einem ortlosen Ort jenseits des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses, sondern immer noch innerhalb der Welt. Es preßt sich gewissermaßen an eine dünne Membran, von der her „eine Art Außendruck spürbar wird“. (Vgl. ebenda)

Die Befindlichkeit dieses Sprecher-Ichs in seiner Sprachspielbefangenheit ist nicht anders als die der berühmten Fliege im Fliegenglas. (Vgl. Gebauer 2009, S.219) Das scheint mir ein treffendes Bild für eine Philosophie zu sein, die das subjektive Bewußtsein aus ihrer Beschreibung des Menschen konsequent ausklammert. Auch Blumenbergs Höhlenbewohner finden keinen Weg aus ihrer Höhle heraus. Aber sie können trotzdem ihre Position von außen betrachten, weil sie sich Geschichten erzählen können. (Vgl. meinen Post vom 13.07.2012) Die Fliege aber unterliegt dem Wittgensteinschen Schweigegebot. Und als Fliege hat sie auch keine andere Wahl.

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