Donnerstag, 2. Juni 2016

Adam Czirak/Gerko Egert (Hg.), Dramaturgien des Anfangens, Berlin 2016

(Neofelis Verlag, 26.00 €, Softcover, 276 S.)

(Adam Czirak / Gerko Egert, Dramaturgien des Anfangens. Einleitung, S.7-22; Gerald Raunig, Aller Anfang ist dividuell, S.23-33; Jörn Etzold, Rousseau und der Anfang des Theaters, S.35; Karin Harrasser, Fall in den Zeitkristall. Choreographien des Anfangens und Weitermachens, S.59; Julia Bee, Dramatisierungen des Anfangens. Die Intros von Homeland, True Blood und True Detective, S.75; Christoph Brunner, Relationaler Realismus? Zur politischen Ästhetik der Dramatisierung, S.107; Heike Winkel Jenseits von Tragödie und Farce. Neues politisches Kino in Russland und seine Popularisierung: Chto delat und Svetlana Baskova, S.131; Leena Crasemann, Leere Leinwand, weißes Blatt. Der Anfangsmoment künstlerischen Schaffens als topisches Bildmotiv, S.161; Matthias Warstat, Wie man Revolutionen anfängt. Lenin und das Agitproptheater, S.185; Krassimira Kruschkova Performance für Anfänger. Nicht(s)tun, S.203; José Gil Tanz – Prolog, S.219; Erin Manning, Den nächsten Schritt beginnen, S.235; Sibylle Peters, Starting over. Der Unwahrscheinlichkeitsdrive. Ein Forschungsbericht, S.253)

Gerald Raunig führt in seinem Beitrag „Aller Anfang ist dividuell“ (Raunig 2016, S.23-33), der schon einmal 2015 in „Transversal Texts“ unter dem Titel „Maschinischer Kapitalismus und molekulare Revolution“ erschienen ist, vor, wie die Anthropologie durch Digitalisierung des Individuums vollständig dehumanisiert werden kann. Der Mensch soll Raunig zufolge kein Individuum mehr sein, sondern „dividuell“ (Raunig 2016, S.23 u.ö.), also aus Teilen zusammengesetzt und „verkettet“ (Raunig 2016, S.32), weshalb das Individuum in Wahrheit schon immer ein ‚Condividuum‘ (vgl. Raunig 2016, S.32) sei.

Auf den ca. 11 Seiten seines Beitrags entfaltet Raunig diese Digitalisierung des Individuums bis ins Detail. Schon der Begriff der ‚Verkettung‘ erinnert nicht von ungefähr an die Perspektive der Molekulargenetik, wo Chromosomen Gene miteinander verketten, aus denen sich der individuelle bzw. dividuelle Phänotyp zusammensetzt. Gleich zu Beginn macht Raunig klar, daß die Riesen, auf deren sprichwörtliche Schultern sich Zwerge zu stellen pflegen, selbst aus Zwergen zusammengesetzt sind. (Vgl. Raunig 2016, S.23) Das Bewußtsein bzw. der „Intellekt“ bildet keine individuelle Einheit, sondern wird „von vielen Geistern bewohnt“. (Vgl. ebenda) Überhaupt setzt Raunig jede Form von Einheit dem Verdacht des Kollektivismusses aus (gl. Raunig 2016, S.27), so daß so etwas wie eine individuelle Wahrnehmung bzw. – da Raunig seinen Digitalisierungsfuror anhand von vier Typen des Schreibens entwickelt – der „kollektiv-kommunitäre Typus des Schreibens“ immer nur ungenau, verallgemeinernd und vereinheitlichend sein kann (vgl. ebenda).

Obwohl bei Raunig die Technik bzw. die ‚Maschinisierung‘ der „Mannigfaltigkeit“ – Raunigs Wort für die unendliche Teilung der Teile – von ihm „affirmiert“ wird (vgl. Raunig 2016, S.32), will er sich doch nicht dem Vorwurf der Affirmation ausgesetzt sehen und unterscheidet zwischen einer dunklen und einer hellen Seite der Macht. Die dunkle Seite setzt Raunig mit der Schwarmintelligenz gleich (vgl. Raunig 2016, S.29), in der Produzenten und Konsumenten des digitalen Prozesses nicht mehr unterschieden werden können (vgl. Raunig 2016, S.28): „Im maschinellen Kapitalismus betrifft die Indienstnahme und Inwertsetzung der Vielen nicht nur das Schreiben, sondern alle Bereiche des Lebens.“ (Raunig 2016, S.29) – Mit „Indienstnahme und Inwertsetzung der Vielen“ ist die (chromosomale) Verkettung von Textbausteinen zu einem Text-‚Ganzen‘ gemeint, das aber nur den Charakter eines „Schwarms“ hat und eben nicht nur einzelne ‚Texte‘, sondern „alle Bereiche des Lebens“ umfaßt. (Vgl. ebenda)

Von dieser Schwarmintelligenz will Raunig eine revolutionäre Komponente (hier ist ‚Komponente‘ als Bestandteil einer Maschinerie zu verstehen) unterschieden wissen: „Text und Revolution, kritische Diskursivität und soziale Kämpfe, die revolutionären Maschinen müssen nicht als einander äußerlich und ausschließend verstanden werden. Im Kampf gegen ihre Indienstnahme sind die Vielen Komponenten zugleich der Textmaschinen und der revolutionären Maschinen.“ (Raunig 2016, S.29)

Da aber jeder Intellekt Raunig zufolge aus „Zwergen“ zusammengesetzt ist, wird nicht klar, inwiefern die Vielen, nur weil sie unter anderem auch Komponenten von revolutionären Maschinen bilden, eigentlich keine in Dienst genommene Schwarmintelligenz bilden. Raunig argumentiert mit einer ominösen „Mitte“, die den Anfangspunkt einer widerständigen Selbstbehauptung bilden soll, so daß aus ‚Teilen‘ „Singularitäten“ werden, ein Wort, das irgendwie an die Stelle des von Raunig verabschiedeten au(c)toritären Individuums tritt. (Vgl. Raunig 2016, S27, 31)

Mit Raunigs Verabschiedung des „Autor-Individuum(s)“ ist jede mit dem Anfang beginnende und auf ein Ende ausgerichtete Genealogie, die Raunig auch als „Filiation“ bezeichnet, zweifelhaft geworden. (Zur „Filiation“ vgl. meinen Post vom 26.08. und vom 28.08.2014) Raunig zufolge fängt das Condividuum immer irgendwo in der Mitte an, wie bei einem Grashalm, den wir bei seinem Stengel anfassen und so dessen Anfang und Mitte zugleich ergreifen: „Dort in der reißenden Mitte des Dividuellen, braucht es keinen Grund, keine Wurzel, keine Wände, die Leitern halten, dort verketten sich die Körpermaschinen, die sozialen Maschinen, die revolutionären Maschinen, die abstrakten Maschinen mit den Textmaschinen.“ (Raunig 2016, S.32)

Man könnte sich bei dieser Formulierung an Helmuth Plessners Wort von der vermittelten Unmittelbarkeit erinnert fühlen, wäre da nicht von einer „reißenden Mitte des Dividuellen“ die Rede, was keineswegs nur harmlos auf das Herausreißen des Grashalms gerichtet ist und dem Ganzen des in der Erde verwurzelten, Wasser und Licht trinkenden Halms irreparablen Schaden zufügen würde. Vielmehr bildet jede Mitte im Raunigschen Sinne einen „Strudel“, in dem „Linearität und Ursprungsmythen ins Stocken (geraten)“. (Vgl. Raunig 2016, S.23) Die Digitalisierung alles dessen, was einmal individuell als Ganzes wahrgenommen und als solches auch erlebt und gelebt worden war, läßt die ‚Punkte‘ bzw. ‚Zwerge‘ bzw. ‚Teile‘ in einer strudelnden Mitte verschwinden, die an einen Abfluß erinnert oder an ein schwarzes Loch.

Die Reminiszenz an ein schwarzen Loch liegt hier umso näher, als Raunig darauf hinweist, daß diese anfängliche (und alles beendende) Mitte Singularitäten sammelt: „Dies ist keine Leere, keine leere Mitte, kein neutrales Gefäß, sondern eine Mitte, in der zugleich herrschaftliche Hierarchisierungen ebenso stattfinden wie horizontale Ermächtigungen, eine Mitte, in der die verstreuten Singularitäten ihre Verkettung suchen.“ (Vgl. Raunig 2016, S.31) – Raunigs Mitte bildet also wohl eher selbst eine nicht nur verstreute singuläre Teile in sich versammelnde ‚Singularität‘.

Raunigs Versuch, uns seine Verabschiedung des (Autor-)Individuums durch eine revolutionäre Form des dividuellen ‚Schreibens‘ bzw. der dividuellen Lebensführung schmackhaft zu machen, muß also als gescheitert bezeichnet werden. Jenseits der „natürliche(n) Autorität“ (Raunig 2016, S.25) des (Autor-)Individuums gibt es keine helle Seite der Maschinisierung, die der dunklen eines „maschinellen Kapitalismus“ die Stirn bieten könnte.

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