Sonntag, 12. Juni 2016

Adam Czirak/Gerko Egert (Hg.), Dramaturgien des Anfangens, Berlin 2016

(Neofelis Verlag, 26.00 €, Softcover, 276 S.)

(Adam Czirak / Gerko Egert, Dramaturgien des Anfangens. Einleitung, S.7-22; Gerald Raunig, Aller Anfang ist dividuell, S.23; Jörn Etzold, Rousseau und der Anfang des Theaters, S.35; Karin Harrasser, Fall in den Zeitkristall. Choreographien des Anfangens und Weitermachens, S.59; Julia Bee, Dramatisierungen des Anfangens. Die Intros von Homeland, True Blood und True Detective, S.75; Christoph Brunner, Relationaler Realismus? Zur politischen Ästhetik der Dramatisierung, S.107; Heike Winkel, Jenseits von Tragödie und Farce. Neues politisches Kino in Russland und seine Popularisierung: Chto delat und Svetlana Baskova, S.131; Leena Crasemann, Leere Leinwand, weißes Blatt. Der Anfangsmoment künstlerischen Schaffens als topisches Bildmotiv, S.161; Matthias Warstat, Wie man Revolutionen anfängt. Lenin und das Agitproptheater, S.185; Krassimira Kruschkova, Performance für Anfänger. Nicht(s)tun, S.203; José Gil Tanz – Prolog, S.219; Erin Manning, Den nächsten Schritt beginnen, S.235-251; Sibylle Peters, Starting over. Der Unwahrscheinlichkeitsdrive. Ein Forschungsbericht, S.253)

Fast könnte man meinen, Erin Manning setzt mit seinem von Gerko Egert aus dem kanadischen Englisch übersetzten Beitrag „Den nächsten Schritt beginnen“ (S.235-251) das Thema des Beitrags von José Gil (S.219-234) fort, zumal auch bei ihm von einem „Nullpunkt der Bewegung“ (Manning 2016, S.237) die Rede ist. Tatsächlich ist damit aber nicht ein an Kruschkovas „Afformance“ (Kruschkova 2016, S.217) erinnernder ‚zweiter‘ Zustand gemeint, sondern eine mit einer neuronalen Erkrankung, der „encephalitis lethargica“ einhergehende „Trägheit“ (vgl. Manning2016, S.236f.), die in der Unfähigkeit besteht, aus einer aktuellen Erstarrung (Katatonie) heraus den nächsten Schritt zu tun.

Erin Manning befaßt sich ausführlich und detailliert mit dem Bewußtseinszustand der an dieser Krankheit leidenden Personen. Er entwickelt gewissermaßen eine ‚Phänomenologie‘ der Bewegungslosigkeit. Dabei verwendet er eine mir unbekannte Begrifflichkeit, die mich entfernt an einige Husserlsche Begriffe erinnert. So scheinen die „Falten“ und der Vorgang der Einfaltung, von denen und von dem Manning spricht (vgl. Manning 2016, S.37, Anm.3 und S.241), den Wahrnehmungshorizonten und ihrer unendlichen Verschachtelung bei Husserl zu entsprechen. Mannings Begriff der „präsentativen Unmittelbarkeit“ (Manning 2016, S.243) erinnert mich an Husserls primordiale Wahrnehmung.

Aber inwieweit sich diese Begriffe tatsächlich decken, bin ich mir nicht sicher. Zu diesen Verständnisschwierigkeiten tragen auch wenig eingängige Begriffe wie „Vorbeschleunigung (preacceleration)“ oder „symbolische Referenz“ bei. (Vgl. Manning 2016, S.235 und S.249) Es sind vor allem die von Alfred North Whitehead (1861-1947) übernommenen Begriffe, wie die gerade erwähnte „symbolische Referenz“, mit denen ich im Rahmen des Beitrags von Manning wenig anzufangen weiß.

Auch eine sprachanalytische Untersuchung ihrer Verwendungsweise hilft mir hier nicht weiter, weil mir der ganze Bewußtseinszustand von an encephalitis lethargica erkrankten Patienten als allzu fremd erscheint, auch wenn Manning immer wieder Parallelen zu unserer alltäglichen Erfahrung zieht, etwa der Erfahrung der Trägheit beim allmorgendlichen Aufstehen:
„Was treibt uns vom Quasi-Wachzustand aus dem Bett heraus? Wahrscheinlich ist es der Gedanke an Kaffee, der einen in Bewegung setzt. Kaffee treibt einen von der Bewegungslosigkeit in die Selbstaktivierung und stimuliert etwas Ähnliches wie den Geschmack des Wachseins. Man bewegt sich, ohne dabei einen weiteren Gedanken an die Herausforderung des Wachseins zu verlieren. Kaffee ist in unseren Gedanken.“ (Manning 2016, S.239)
Was mich morgens aus dem Bett treibt, ist nicht der Kaffee, sondern die alltägliche Überlebensnot, die mir die Sorge um meine Existenz aufzwingt.

Das Falten, also das Auseinanderfalten (bei gesunden Menschen) bzw. das Ineinanderfalten (bei an encephalitis lethargica Erkrankten) von verschachtelten Horizonten, bezeichnet Manning auch als ‚welten‘ („worlding“). (Vgl. Manning 2016, S.237) Beim Auseinanderfalten werden Bewegungsräume erschaffen, und beim Ineinanderfalten werden Bewegungsräume ver- bzw. genichtet.

Das erklärt die zu Beginn zunächst ebenfalls etwas rätselhafte Behauptung, daß das Gehen eine „gemeinsame Bewegung“ sei. (Vgl. Manning 2016, S.235) Als unbedarfter Leser denkt man da zunächst an ein soziales Miteinander gemeinsamen Flanierens, Wanderns oder Marschierens. Tatsächlich ist aber eine viel fundamentalere Gemeinsamkeit gemeint: die Gemeinsamkeit mit einer Welt! Die Welt ist immer eine Mit-Welt, und zwar nicht einfach mit anderen Menschen, sondern mit anderen – raumschaffenden – Körpern bzw.Dingen: „Wir fühlen uns mit den Formveränderungen der eindringenden Gerüche, wir hören gemeinsam mit der sich annähernden Wand.“ (Manning 2016, S.235)

Es ist vor allem die „Berührung“ – durchkreuzt von „Sicht und Gehör“ – die den nächsten Schritt ermöglicht. (Vgl. Manning 2016, S.235) Ein Mensch ohne Welt, ohne die Fähigkeit zu welten – und zwar mit Hilfe von Dingen, die den allzuglatten Raum ‚kerben‘ (vgl. Manning 2016, S.247f.) – und so allererst „Räume herzustellen“ (Manning 2016, S.235), ist ein einsamer Mensch. Er fühlt sich nicht mehr und verfällt in eine Katatonie.

So schwer es mir zwar fällt, mit Mannings ungewöhnlicher Begrifflichkeit zurechtzukommen, ist die Thematik dennoch ungeheuer faszinierend. Die in mir am Rande des Verstehens erweckten Ahnungen hinsichtlich des fraglichen Bewußtseinszustands sind anregend genug, um die Lektüre dieses Essays als Gewinn zu verbuchen.

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