Freitag, 10. Juni 2016

Adam Czirak/Gerko Egert (Hg.), Dramaturgien des Anfangens, Berlin 2016

(Neofelis Verlag, 26.00 €, Softcover, 276 S.)

(Adam Czirak / Gerko Egert, Dramaturgien des Anfangens. Einleitung, S.7-22; Gerald Raunig, Aller Anfang ist dividuell, S.23; Jörn Etzold, Rousseau und der Anfang des Theaters, S.35; Karin Harrasser, Fall in den Zeitkristall. Choreographien des Anfangens und Weitermachens, S.59; Julia Bee, Dramatisierungen des Anfangens. Die Intros von Homeland, True Blood und True Detective, S.75; Christoph Brunner, Relationaler Realismus? Zur politischen Ästhetik der Dramatisierung, S.107; Heike Winkel Jenseits von Tragödie und Farce. Neues politisches Kino in Russland und seine Popularisierung: Chto delat und Svetlana Baskova, S.131; Leena Crasemann, Leere Leinwand, weißes Blatt. Der Anfangsmoment künstlerischen Schaffens als topisches Bildmotiv, S.161; Matthias Warstat, Wie man Revolutionen anfängt. Lenin und das Agitproptheater, S.185; Krassimira Kruschkova, Performance für Anfänger. Nicht(s)tun, S.203-218; José Gil Tanz – Prolog, S.219; Erin Manning, Den nächsten Schritt beginnen, S.235; Sibylle Peters, Starting over. Der Unwahrscheinlichkeitsdrive. Ein Forschungsbericht, S.253)

War es im vorangegangenen Beitrag von Matthias Warstat (S.185-201) noch darum gegangen, dem agitatorischen Imperativ eines revolutionären Parteikaders unverzüglich Folge zu leisten, so geht es in Krassimira Kruschkovas Beitrag „Performance für Anfänger“ (S.203-218) um eine gezielte Verweigerung gegenüber derartigen Zumutungen.

Das Zögern und Zaudern, Bartlebys ‚lieber nicht‘ (I would not prefer to), stehen im Zentrum einer ‚afformativen‘ Ethik, die Meisterschaft (Kompetenz) in einer Potenzialität sucht, die nicht zur Ausführung kommt. Eine Meisterschaft, die sich darin zeigt, daß sie innehält, bevor sie sich zeigt: „Stellen wir uns Bartleby ... als Tänzer vor, dann als einen, der die Kunst des Tanzes perfekt beherrscht in dem Moment, in dem er zugleich nicht tanzt ...“ (Kruschkova 2016, S.215)

Tatsächlich erinnert mich der Begriff des Afformativs bzw. der Afformanz (mit Bezug auf den Begriff der Performanz), wie Kruschkova ihn von Werner Harmacher übernimmt und entfaltet, an Helmuth Plessners exzentrische Positionalität. Bei beiden Begriffen geht es um eine ähnliche Haltung, die der Mensch sich selbst und der Welt gegenüber einnimmt. Es ist die ‚Haltung‘ des Zuschauers, der sich zurück-‚hält‘, seinen Affekten nicht nachgibt und die Ereignisse um ihn herum nicht einfach handelnd nachvollzieht. Kruschkova zufolge geht es um eine „ästhetische Einstellung“, um eine „Positionierung“ und um eine „Kritik“. (Vgl. Kruschkova 2016, S.218) Eine solche Afformanz an der Grenze zur Performanz, hält Kruschkova fest, beinhaltet eine „unerbittliche Positionierung zwischen Versenkung und Versäumnis“: „Um nicht ohne weiteres weiterzumachen, weiter zu tun.“ (Kruschkova 2016, S.217)

Diese Haltung als ‚Innehalten‘ erinnert an Plessners Seele, an ihr noli me tangere, an ihr zögerndes und zauderndes Verhalten auf der Grenze zur Mitteilung, zur Expression. Denn expressiv ist unser Sprechen, weil wir nicht sagen (können oder wollen), was wir meinen, sondern immer etwas anderes, etwas durch den Sprechakt Verwandeltes. Immer geht es im Sprechen um das, was sich entzieht. Und das ist Plessners Seele.

So bildet auch bei Kruschkova das ‚Versprechen‘ ein Afformativ, und zwar aufgrund seiner Doppeldeutigkeit. Das ‚Versprechen‘ bildet gleichermaßen die Basis des Gesellschaftsvertrags, wie es auf das Versagen der Sprache in der Kommunikation hindeutet: „Sprache wird durch diejenigen Aporien zerrissen, die sie konstituieren: ‚Die Sprache verspricht (sich)‘, schreibt de Man (im Original deutsch).() Die Sprache macht nicht mit, könnte man sagen, dies ist ihr Nicht(mit)tun.“ (Kruschkova 2016, S.208)

Kruschkovas „Ethik der Performanz“ (Kruschkova 2016, S.213), die Afformanz, besteht in einer Haltung, einer „Zurückhaltung, um Handlungsvermögen erst recht zu verantworten“ (vgl. Kruschkova 2016, S.216). Sie besteht in einer Einstellung, die „das Nützlichkeitsparadigma außer Kraft“ setzt (vgl. Kruschkova 2016, S.218). Denn getan wird überall schon genug.

Gerade in unserer innovationssüchtigen Zeit mit den sich überstürzenden technologischen Revolutionen klingt folgender Satz in den Ohren des Rezensenten wie eine Verheißung: „Menschen vermögen es, den Duft des Entzugs zu riechen, sie haben das Potenzial, nicht zu tun.“ (Kruschkova 2016, S.216)

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