Montag, 9. Mai 2016

Ulrich Schmid, Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur, Berlin 2015

(edition suhrkamp 2702, Broschur, 386 Seiten, 18,-- €)

1. Zusammenfassung
2. Methode
3. russische Postmoderne
4. Refugien des Widerstands und der Kritik

Helmuth Plessner zufolge geht das menschliche Bewußtsein aus Mißerfolgserfahrungen hervor. Weil unsere Handlungen nicht einfach und direkt zum Ziel führen, sondern nur über Umwege, werden wir uns der Welt und unserer selbst bewußt. (Vgl.u.a. meinen Post vom 24.10.2010) Das ist eine zutiefst persönliche und individuelle Erfahrung, die noch gar nicht sozial vermittelt ist. Im Gegenteil scheint es geradezu einer der Zwecke der Gruppe bzw. der Gemeinschaft zu sein, solche individuellen Mißerfolge aufzufangen und sozial abzumildern. Die Gemeinschaft gleicht individuelle Unzulänglichkeiten aus, indem andere unterstützend an unsere Seite treten und uns ihre besonderen Fähigkeiten arbeitsteilig zur Verfügung stellen.

Das bedeutet aber zugleich auch, daß uns die Gruppe ein Gefühl der Macht vermittelt und uns so potentiell an unserer Bewußtwerdung hindert. Die Welterschließung und Weltaneignung verläuft nur noch über die Gruppe und nicht mehr über das Individuum selbst. Der Bruch bzw. der Hiatus zwischen dem Individuum und seinem Körper und der Welt, von dem Plessner spricht, entzieht sich so weitgehend unserer Aufmerksamkeit.

Weitgehend, aber nicht vollständig: eine fundamentale Befindlichkeit, daß irgendetwas mit unserem Weltverhältnis nicht stimmt, ist die Angst. Sie bestimmt auch dann und gerade dann noch unser Leben, wenn wir uns gemeinschaftlich einer Auseinandersetzung mit ihr verweigern. Der Soziologe Lew Gudkow hält die Angst für eine Konstituente der russischen Identität nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (vgl. Schmid 2015, S.317f.), und Maria Stepanowa, Chefredakteurin von colta.ru, führt das verbreitete „ängstliche() Festklammern am prekären Status quo“ auf das „allgemeine Gefühl einer brüchigen Wirklichkeitserfahrung“ zurück (vgl. Schmid 2015, S.319).

Auch hier haben wir es also mit einem Bruch in der Welterfahrung zu tun, der aber kollektiv vermittelt ist und deshalb eine individuelle Selbsterfahrung genauso verhindert wie eine positive Gruppenidentität. Für Demagogen aller Art bildet diese Befindlichkeit, also die Angst, eine dankbare Ressource, da sie die Bereitschaft erhöht, auf deren „Homogenitätsrhetorik“ (Schmid 2015, S.165) hereinzufallen. So sieht es beispielsweise das Moskauer Museum, wie es in seinem Bericht zu seiner „kulturellen Mission“ heißt, als seine Aufgabe, die „Risse der historischen Zeit und des kulturellen Raums“ durch die „Schaffung eines nationalen Selbstbewusstseins“ zu überwinden und zur „Reintegration der großen, allgemein nationalen Traditionen“ beizutragen. (Vgl. Schmid 2015, S.164) – Das große Kontinuitätsangebot einer über alle heterogenen historischen Experimente hinweg reichenden spezifisch russischen „Symphonia“ (Schmid 2015, S.188) soll den Einzelnen davon entlasten, sich mit seiner eigenen existentiellen Misere auseinandersetzen zu müssen.

Dennoch gibt es einzelne Stimmen, die sich einer solchen kollektiven Bewußtseinstrübung entgegenstellen. Ulrich Schmid zitiert den Schriftsteller Andrej Bitow: „Doch für Bitow ist nicht die Affirmation der eigenen Kultur, sondern die Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen, produktiv: ‚Wenn ein Mensch an irgendetwas zweifelt, dann kann man mit ihm sprechen, weil er die Existenz von etwas Anderem anerkennt.‘“ (Schmid 2015, S.124)

Wer sich der eigenen existentiellen Misere stellt und sich den allseitigen medialen Beruhigungsmitteln verweigert, vermag sich im Plessnerschen Sinne exzentrisch zu positionieren. Sein Blick öffnet sich für das Andere und für den Anderen. Das bedeutet gerade nicht, daß er einen besonderen Wahrheitsanspruch erhebt und so in Konkurrenz zu den medial vermittelten Wahrheitsansprüchen tritt, so wie es Ulrich Schmid in folgendem Zitat andeutet: „Auch heute bewegen sich Oppositionelle und Nonkonformisten in ganz anderen Begründungszusammenhängen als die Regierung, wenn sie ihre Kritik an den herrschenden Zuständen formulieren. Dabei sind sie jedoch gegenüber der staatlichen Herrschaft immer in der schwächeren Position, weil sie ihre Wahrheit nicht mit der gleichen Effizienz in den Massenmedien verbreiten können.“ (Schmid 2015, S.54)

Kritische Intellektuelle befinden sich eben nicht einfach in einer „schwächeren Position“ der staatlichen Herrschaft gegenüber, wie Schmid meint, so daß sie, wenn sie an die Macht kämen, nun die ‚Stärkeren‘ wären und einen Wahrheitsanspruch nur durch den anderen, nämlich „ihre“ eigene „Wahrheit“, ersetzen würden. Widerstand und Kritik der Dissidenten erwachsen aus einer ganz anderen Quelle als die ‚Wahrheit‘ der Ideologen. Wenn Ulrich Schmid auf die verschiedenen Bereiche zu sprechen kommt, in denen in Rußland noch Kritik möglich ist, dann handelt es sich bezeichnenderweise u.a. um die Gefängnis- und Kriegsliteratur, um Bereiche also, in denen das Individuum aus behüteten sozialen Kontexten herausgefallen ist und auf sich selbst zurückgeworfen wird. (Vgl. Schmid 2015, S.75ff. und S.78ff.)

So beobachtet z.B. der Kriegsautor Arkadi Babtschenko die am eigenen Leib erfahrene schleichende Bewußtseinsveränderung, wenn er die „leeren Worthülsen“ von „Heldentum und Aufopferung“ mit seiner eigenen Aufrechnung von militärischen Erfolgen und dafür entrichtetem „Blutzoll“ vergleicht und entdeckt, wie er an der allgemeinen „Korruption des Bewusstseins“ teilzuhaben beginnt. (Vgl. Schmid 2015, S.282f.) Hier führt der Bruch zwischen dem „politisch fabrizierten Kriegsdiskurs“ und der „krude(n) Wirklichkeitserfahrung“ des Soldaten zu einer exzentrischen Positionierung. (Vgl. ebenda)

Auch die Gefängnisse und Lager führen bei den Betroffenen zur „Entlarvung der falschen Realität“. (Vgl. Schmid 2015, S.75) Auch sie ergreifen das Wort aus einer Erfahrung heraus, die weniger in der Parteinahme für einen bestimmten Wahrheitsentwurf begründet ist, als vielmehr, wie Schmid es treffend beschreibt, als „beherzte(s) Sprechen eines Einzelnen angesichts eines übermächtigen Staatsapparats“ zu verstehen ist. (Vgl. Schmid 2015, S.76) Foucault bezeichnet dieses „beherzte Sprechen“ als „Parrhesie“, und es hat in Rußland eine lange Tradition: „Die Schilderungen der Gefängnisse und Lager, die von Dostojewski, Tschechow, Solschenizyn und Schalamow vorgelegt wurden, zeigten die entwürdigenden Haftbedingungen der Sträflinge auf. Heute gibt es bereits eine ganze Reihe von Texten, die an diese Tradition anknüpfen.“ (Schmid 2015, S.76)

Auch hier schwenkt Schmid wieder in den Wahrheitsdiskurs ein: diese „kritisch denkenden Bürger(), die ins Räderwerk der russischen Willkürjustiz geraten sind“, vertreten „eine eigene Wahrheit“. (Vgl. Schmid 2015, S.15) Tatsächlich geht es um die individuelle Würde einer subjektiven Perspektive, die aus dem kollektiven Verblendungszusammenhang herausgefallen ist und dafür Zeugnis ablegt.

Die Differenz zum Wahrheitsdiskurs, um die es mir hier geht, wird vielleicht an einem anderen Beispiel noch deutlicher. So spricht Schmid zum Beispiel von der politischen Lyrik in Rußland als einer besonderen literarischen Widerstandsform gegen den vorherrschenden Kollektivismus. (Vgl. Schmid 2015, S.269ff.) Schmid hält die Lyriker aus ästhetischen Gründen für besonders immun gegenüber den Verführungen des Putinismus: „Die lyrische Wahrheit spricht die Seele direkt an. Es gibt keine Polittechnologie, die das poetische Sprechen zu einem Zweck auf einer verborgenen Agenda herabwürdigen kann.“ (Schmid 2015, S.369f.)

Eine Lüge, so Schmid, würde sich in einem Gedicht sofort ästhetisch rächen und wäre deshalb wirkungslos. Wäre das tatsächlich so, dann gäbe es keine Nationalhymnen und keine Kriegslieder. Es sei denn, Schmid ginge davon es, daß Lieder sowieso nicht zur Lyrik gehören. Es gibt aber auch hier keine gattungsspezifische lyrische Wahrheit, der die Lüge gewissermaßen ‚wesensfremd‘ wäre.

Tatsächlich liegt das Widerstandspotenzial der Lyrik ganz woanders. So hält z.B. der Petersburger Lyriker Alexander Skidan fest: „Das Gedicht ist schon an sich eine Vertreibung aus der Welt, und wer sich dem gleichsam harmlosen Spiel der Poesie widmet, legt allein schon dadurch Zeugnis ab von seinem Willen, außerhalb des Gesetzes zu existieren, außerhalb der Wahrheitsordnung und der dazu gehörenden Kommunikation. Er ist nach draußen geworfen, auch aus sich selbst.“ (Zitiert nach Schmid 2015, S.273)

Skidan spricht also ausdrücklich die exzentrische Positionierung des Lyrikers an, dessen Gedichten eine literarische Randständigkeit zur Welt zueigen ist. Sie befinden sich explizit „außerhalb der Wahrheitsordnung“! Nur als solche können sie Zeugnis für eine individuelle Perspektive ablegen und deren Würde beglaubigen. Lyrik ist nicht per se, qua literarischer Gattung, exzentrisch positioniert. Sie kann wie jede Kunstform polittechnologisch mißbraucht werden. Wo sie aber im Dienst individuellen Sprechens steht, da befähigt sie zur Kritik an den herrschenden Verhältnissen, ohne irgendeine metaphysische Legitimität für sich in Anspruch nehmen zu müssen.

Es gibt noch eine andere Kunstform in Rußland, der Ulrich Schmid bescheinigt, sich in besonderer Weise den medialen Polittechnologien des herrschenden Regimes zu widersetzen: das Theater. (Vgl. Schmid 2015, S.345f.) Diesmal weist Schmid selbst ausdrücklich darauf hin, daß die Theatermacher auf alternative Wahrheitskonzeptionen verzichten. Theaterprojekte wie „Teatr.doc“ haben sich darauf spezialisiert, Interviews mit Obdachlosen, Drogensüchtigen und sexuellen Mißbrauchsopfern auf die Bühne zu bringen. Teatr.doc verzichtet auf die übliche Inszenierung und beschränkt sich auf die Dokumentation: „Die ästhetische und ethische Bewertung des Gesehenen sollte idealerweise dem Zuschauer überlassen werden.“ (Schmid 2015, S.345)

Der Zuschauer ist also gezwungen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Billige Fluchten in eine schöngefärbte Phantasiewelt werden nicht zugelassen. Kritik ist also möglich, auch jenseits von Wahrheit und Ästhetik.

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