Sonntag, 8. Mai 2016

Ulrich Schmid, Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur, Berlin 2015

(edition suhrkamp 2702, Broschur, 386 Seiten, 18,-- €)

1. Zusammenfassung
2. Methode
3. russische Postmoderne
4. Refugien des Widerstands und der Kritik

Auch wenn Symbole, wie ich im letzten Post festgestellt habe, weder wahr noch falsch sind, bedeutet das noch lange nicht, daß sie nicht kritisierbar seien. Es gibt viele Gründe, bestimmte Symbole für untauglich zu halten, klar definierten gesellschaftlichen und individuellen Bedürfnissen zu genügen. Solche Gründe können historischer, ökonomischer, psychologischer und anthropologischer Art sein. So sind etwa Symbole, die aus längst vergangenen Epochen stammen und die mit großen Menschheitskatastrophen verbunden sind – etwa dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg – nicht einfach reanimierbar, so als wäre nichts geschehen. Diese menschengemachten Katastrophen haben unsere Sichtweise auf das Menschliche, auf das Humanum, radikal verändert. In Deutschland sollten das Kaiserreich und der Faschismus, in Rußland sollten Zarismus und Stalinismus eigentlich ihre symbolische Funktionalität endgültig verloren haben.

Dazu gehört allerdings eine historische, politische und eben auch anthropologische Selbstvergewisserung, in derem Zentrum die individuelle Urteilskraft steht, nicht als Instanz einer wie auch immer begründeten Wahrheit, sondern als einzige verbliebene Autorität im Kantischen Sinne: sapere aude.

Wer dennoch wieder auf Zarismus und Stalinismus zurückgreift, wie Ulrich Schmid es Putin und seinem Umfeld vorwirft, tut dies nicht mehr im guten Glauben, sondern aus ideologischem Kalkül. Mir fallen vor allem zwei historische Reminiszenzen auf: zum einen die Remystifizierung des Raums. In Deutschland hatte die Parole vom „Volk ohne Raum“ zum Zweiten Weltkrieg geführt. Auch Putins Eurasismus – eine geopolitische Denkweise, die sich Ulrich Schmid zufolge erstmals in einer Programmschrift von 1926 zu Wort gemeldet hatte (vgl. Schmid 2015, 2015) – hält den Krieg wieder für ein notwendiges Mittel der räumlichen Expansion. (Vgl. Schmid 2015, S.215 und S.158f.)

Die andere historische Reminiszenz besteht in der Wiederbelebung reformpädagogischen Gedankenguts. Die Reformpädagogik vom Anfang des 20. Jhdts. hatte auch in Deutschland eine starke völkische bzw. kollektivistische Komponente gehabt. Sowohl der Nationalsozialismus als auch der Sozialismus hatten ihre marschierende Jugend, und man phantasierte vom Übermenschen bzw. von der Schaffung eines neuen Menschen. Das findet sich auch im von Ulrich Schmid beschriebenen Putinismus wieder: „Kurz nach Putins Amtsantritt als Präsident im Jahr 2000 begann der Kreml mit der Gründung von regierungstreuen Jugendorganisationen.() 2005 wurden die ‚Unsrigen‘ aus der Taufe gehoben.“ (Vgl. Schmid 2015, S.84)

Das ganze Vokabular zur „geistig-moralischen Entwicklung und Erziehung des russischen Bürgers“, vom „nationale(n) Erziehungsideal“ eines „hochmoralische(n), kreative(n), kompetente(n) Bürger(s) Russlands“ (vgl. Schmid 2015, S.11), von der „großen Rolle der Persönlichkeitsbildung“ und der „Entwicklung des schöpferischen Potenzials der Menschen“ (vgl. Schmid 2015, S.38), von der „Bildung einer harmonisch entwickelten Persönlichkeit“ (Schmid 2015, S.46) entstammt dem reformpädagogischen Dunst. Ich habe mich jahrelang als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem historischen Forschungsprojekt damit befaßt, und die Hohlheit dieser Formeln, wie wir sie auch in Deutschland mit jeder neuen Schul- und Bildungsreform immer wieder aufgewärmt auf den Tisch serviert bekommen, ist für mich kaum noch erträglich. Ich empfinde mittlerweile einen regelrecht ästhetischen Widerwillen gegen diese Art pädagogischer Polemik. Aber oft genug ist es gerade das ästhetische Empfinden, das zur Kritik an verbrauchten Symbolen befähigt, wie übrigens auch Ulrich Schmid feststellt, wenn er meint, daß Lyriker aus ästhetischen Gründen zur Lüge nicht fähig seien. (Vgl. Schmid 2015, S.370) – Da bin ich mir dann allerdings doch wieder nicht so sicher. Das hört sich so nach „böse Menschen haben keine Lieder“ an.

Wenn Ulrich Schmid das heutige Russland als eine „postmoderne Diktatur“ bezeichnet (vgl. Schmid 2015, S.10), dann liegt dies an der historisch erwiesenen Hohlheit der ideologischen Floskeln, mit denen der Putinismus sein Regime zu rechtfertigen versucht. Ich glaube schon, daß ästhetisch sensible Menschen ein Sensorium dafür haben. Die Hohlheit dieser Floskeln zeigt sich übrigens auch am Schicksal der erwähnten Jugendorganisation, die vor allem Putins Regierung stützen sollte und unter seinem Nachfolger Medwedew schnell an Einfluß verlor. (Vgl. Schmid 2015, S.86) Sie hatte ihre Funktion erfüllt und war nun nicht mehr von Interesse.

Der Nationalsozialismus war einst, unter anderem, aus der Jugendbewegung hervorgegangen. In der russischen Postmoderne ist es andersrum: Jugendbewegungen werden nach Bedarf geschaffen, wofür es im Internetzeitalter sogar einen Begriff gibt: „Astrosurfing wird unter Medienprofis als Bezeichnung für die Simulation einer Grassroot-Bewegung verwendet – die reale Unterstützung eines Themas im Web durch engagierte User wird durch automatisierte Verfahren oder durch Manipulation ersetzt.“ (Schmid 2015, S.87)

Gibt es eine Kritik jenseits von Wahrheitsansprüchen oder ästhetischen Empfindlichkeiten? Im nächsten Post werde ich versuchen, eine Antwort darauf zu geben.

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