Samstag, 7. Mai 2016

Ulrich Schmid, Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur, Berlin 2015

(edition suhrkamp 2702, Broschur, 386 Seiten, 18,-- €)

1. Zusammenfassung
2. Methode
3. russische Postmoderne
4. Refugien des Widerstands und der Kritik

Im Titel des von Ulrich Schmid geschriebenen Buches ist vom „Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur“ die Rede. Deshalb sind einige kritische Bemerkungen zum Wahrheitsbegriff unvermeidlich. Ulrich Schmid selbst bezieht sich bei seinem Versuch einer näheren Bestimmung des Wahrheitsbegriffs zunächst nur auf einen Aufsatz von Niklas Luhmann: „Wahrheit und Ideologie“ (1962). Auf diese Weise erfährt der Leser, daß Ideologien eine „funktionalistische Sicht“ auf die Wahrheit haben, derzufolge „ideologische Großnarrative über keinen zwingenden Inhalt verfügen“. (Vgl. Schmid 2015, S.12) Für Ideologen sind also ‚Wahrheiten‘ jederzeit durch andere ‚Wahrheiten‘ austauschbar, solange sie nur für das jeweils herrschende Regime funktional sind.

Trotz dieser ‚veritablen‘ Beliebigkeit legen Ideologien aller Art aber großen Wert auf eine strikte Rangfolge von Werten bzw. genauer: von Wörtern. Eine penible Sprachregelung – Schmid spricht von einer „Idolatrie der Wörter“ (Schmid 2015, S.13) – legt fest, was in einem totalitären Regime kritisiert werden darf und was nicht. So darf der Faschismusvorwurf im gegenwärtigen Russland gegen alles und jeden, aber niemals gegen die russische Regierung bzw. gegen ihre Vorläufer gerichtet werden:
„Bereits im Mai 2013 war die Website der linientreuen Zeitung Konsomolskaja Prawda von ‚Roskomnadsor‘ (die staatliche Zensurbehörde – DZ) verwarnt worden, weil sie ein Interview mit dem liberalen Politiker Leonid Gosman veröffentlicht hatte. Gosman hatte die provokative Meinung geäußert, dass die ‚schöne Uniform‘ das Einzige sei, was die SS von der stalinistischen Spionageabwehr ‚Smersch‘ unterschieden habe.() Beim Faschismusvorwurf kennt der Kreml kein Pardon.“ (Schmid 2015, S.48f.)
Man erfährt also einiges darüber, was eine Ideologie ist und wie sie funktioniert. Aber man erfährt nichts über den Wahrheitsbegriff. Die Zusammenstellung „Wahrheit und Ideologie“, mit der Schmid auch den betreffenden Textabschnitt übertitelt, läßt vermuten – Schmid selbst äußert sich dazu nicht –, daß die Wahrheit einen Gegenbegriff zum Ideologiebegriff bildet. Auf allen folgenden Seiten des Buches werden immer wieder verschiedene „Wahrheitsentwürfe“ bzw. „Wahrheitskonzeptionen“ der Regierung und der Opposition einander gegenübergestellt. (Vgl. Schmid 2015, S.54, 68, 84, 241u.ö.) Mal ist von der ideologischen ‚Wahrheit‘ der Regierung die Rede, mal von der ‚eigenen‘ Wahrheit der Opposition. (Vgl. Schmid 2015, S.52) Gelegentlich spricht Schmid auch von der „autonome(n) Wahrheit“ einzelner Dissidenten. (Vgl. Schmid 2015, S.76)

Hin und wieder klingen bei Schmid auch leise Zweifel an, ob es denn überhaupt Sinn macht, noch von ‚Wahrheit‘ zu reden. Er spricht mit dem Kulturwissenschaftler Michail Jampolski vom Fehlen irgendeines „Wahrheitskritieriums“ in der „russische(n) Lebenswirklichkeit“. (Vgl. Schmid 2015, S.70) Er merkt kritisch an, daß die „russische Kultur“ dazu neige, ihre wichtigen Lebensfragen „Wer sind wir? Wohin gehen wir? Was tun? Wer ist schuld?“ allzu schnell auf die „Wahrheitsfrage“ zu verkürzen (vgl. Schmid 2015, S.54), was natürlich für diejenigen, die als schuldig identifiziert werden, unangenehm enden kann. Schmid spricht mit Foucault von einem „Wettbewerb der ‚Veridiktionen‘“, des „Wahr-Sagens“, der in einer „Arena“ der „politischen Ordnung“ ausgetragen werde. (Vgl. Schmid 2015, S.53)

Aber alle diese Problematisierungen des Wahrheitsbegriffs bleiben an der Oberfläche. Nirgendwo kommt es zu einer wirklichen Klärung. Dabei ist schon die Zusammenstellung „Wahrheit und Ideologie“ fragwürdig. Eine Entgegensetzung von Wahrheit und Ideologie, wie sie hier angedeutet wird, gibt es nicht. Der Gegenbegriff zur Ideologie ist nicht die Wahrheit, sondern die Kritik. Die Ideologie dient nicht dazu ‚Wahrheit‘, sondern Kritik zu verhindern. Tatsächlich ist der Begriff der Wahrheit selbst schon ideologisch. Hier zeigt sich wieder einmal, daß Luhmann, der Theoretiker der Komplexitätsreduktion, selbst unterkomplex ist, zumindestens was die menschliche Seele betrifft. Von ihr hat er keine Ahnung.

Das wird besonders an einer anderen Stelle deutlich, wo Schmid mit Hilfe von Luhmann den Begriff der Macht erläutert:
„Niklas Luhmann hat in einer kleinen Schrift von 1975 Macht im Wesentlichen als ein Kommunikationsphänomen definiert. Macht beruht nicht auf dem Einsatz von Gewalt, sondern auf der verhaltenssteuernden Erwartung der Menschen, dass nicht(-)herrschaftskonformes Handeln sanktioniert wird. Macht hat also bereits versagt, wenn sie eingesetzt werden muss. Sogar die explizite Androhung von Gewalt ist bereits eine Form der Gewaltausübung und damit ein Zeichen von Schwäche. Wirkliche Macht dringt direkt in die menschliche Seele ein und lässt in ihr nicht einmal den Gedanken an Widerstand aufkommen. Luhmann nennt diesen Effekt ‚Generalisierung von Einfluss‘.()“ (Schmid 2015, S.288)
Diese Definition von Macht verwischt die Grenze zum Vertrauen, von dem Michael Tomasello spricht. (Vgl. meinen Post vom 25.04.2010) Kommunikation basiert auf Vertrauen. Vertrauen aber hat mit Macht nichts zu tun, allenfalls vielleicht mit Autorität. Luhmanns Definition von Macht als einem Kommunikationsmedium, das „nicht einmal den Gedanken an Widerstand aufkommen“ läßt, deckt auch den Bereich des einfachen Vertrauens ab und macht dieses begrifflich überflüssig.

Überflüssig ist aber nicht der Begriff des Vertrauens, sondern der Wahrheitsbegriff. Nur Ideologen können nicht auf ihn verzichten. Tatsächlich müssen wir von zwei grundsätzlich verschiedenen Wahrheitsdimensionen ausgehen: der Welterkenntnis und der Symbolik. Auch Schmid spricht von zwei verschiedenen Wahrheitskonzeptionen in der russischen Sprache, die zwischen ‚Prawda‘ und ‚Istina‘ unterscheidet, zwischen einer gesetzten Wahrheit und einer Seinswahrheit. (Vgl. Schmid 2015, S.76) Ich meine hier aber eine andere Unterscheidung.

Im Bereich der Welterkenntnis haben wir es mit der – immer noch problematischen – Frage nach der Adäquatheit unserer Erkenntnis mit der Realität zu tun. ‚Wahrheit‘ ist hier vor allem eine Frage der Falsifikation. Was die Symbolik betrifft, hat Hans Blumenberg darauf hingewiesen, daß wir hier nicht mehr zwischen wahr und falsch unterscheiden können. In einer seiner Interpretationen zu Platons Höhlengleichnis schlägt er vor, daß wir es bei den Schatten an der Wand möglicherweise gar nicht mit der Frage nach ihrem Realitätsgehalt zu tun haben. (Vgl. meine Posts vom 15.06. und vom 13.07.2012) Stattdessen sind die Schatten für die Höhlenbewohner längst zu Symbolen geworden, und als solche bestimmen sie ihre Lebensführung.

Symbole sind nicht wahr oder falsch. Entweder funktionieren sie oder sie funktionieren nicht. Das ist alles, was man über sie sagen kann. Und genau das ist ja auch, wie wir von Luhmann wissen, der Bereich der Ideologie! Ideologen versuchen, die Symbole, an die wir glauben oder auch nicht, zu Wahrheiten hochzustilisieren (oder sie wahlweise als Lügen zu diffamieren), um uns so manipulieren zu können. Blumenberg wendet nun gegen die Ideologen aller Art ein, daß keiner das Recht hat, den Höhlenbewohnern – und Höhlenbewohner sind wir alle – einzureden, daß das, was sie glauben, eine Lüge sei, so wie jener ‚Pädagoge‘ (hier ist der Pädagoge zugleich auch der Demagoge), der einen der Höhlenbewohner gewaltsam entfesselt und ihn nach draußen ans Sonnenlicht zwingt.

Es gibt also keine symbolische Wahrheit bzw. wahren Symbole, an die man glauben muß, und auch keine falschen bzw. ‚bösen‘ Symbole, die zu glauben uns verboten wäre. Dennoch gibt es den Unterschied zwischen richtig und falsch, auf den Blumenberg an dieser Stelle nicht weiter eingeht. Über das ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ von Symbolen läßt sich nur individuell entscheiden. Dazu bedarf es einer Anthropologie, die den Bruch im Innern jedes Menschen thematisiert, wie es Helmuth Plessner tut. Dazu in den folgenden Posts mehr.

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