Sonntag, 1. Mai 2016

Kontextualisierungen: Sätze contra Algorithmen

(empfohlene Zitierweise: Detlef Zöllner, Kontextualisierungen: Sätze contra Algorithmen, 01.05.2016, in: http://erkenntnisethik.blogspot.de/)

(Dieser Post wurde als Beitrag für das Franz-Fischer-Jahrbuch 2015 verfaßt, das bislang nicht erschienen ist.)

Im ersten Band seines Buches „Die Antiquiertheit des Menschen“ (7/1988 (1956)) führt Günther Anders die manipulative Macht des Fernsehens darauf zurück, daß es nicht nur über das gesprochene Wort, sondern auch über inszenierte Bilder verfügt. (Vgl. meinen Post vom 23.01.2011) Nachrichten erscheinen nur noch als Kommentare zu Bildern, die den Eindruck erwecken, das eigentliche Geschehen abzubilden. Dabei geht das Bewußtsein dafür verloren, daß auch diese Bilder nur eine bestimmte Perspektive auf die tatsächlichen Ereignisse liefern und daß sie überdies retuschiert, geschnitten und neu zusammengefügt wurden, um sie für das jeweilige Senderformat, in dem sie gesendet werden, passend zu machen.

Gesprochene und geschriebene Sätze haben Anders zufolge den Vorteil, daß sie von vornherein ihren Informationscharakter offenlegen. (Vgl. Anders 7/1988, S.157) Ihre Subjekt-Prädikat-Struktur ist offensichtlich. Der gemeinte Gegenstand bzw. das gemeinte Ereignis, über das gesprochen wird, wird durch die Sprache in seine Prädikate zerlegt, und kein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, wird eine in Worten mitgeteilte Information für bare Münze nehmen. Wenn mir jemand mitteilt, mein Keller stände unter Wasser, werde ich erstmal nach Hause laufen, um meinen Keller persönlich in Augenschein zu nehmen, bevor ich die Feuerwehr rufe, um das Wasser abzupumpen. Vielleicht fällt mir ja unterwegs sogar ein, daß wir gerade den 1. April haben und ich nur einem Aprilscherz aufgesessen bin.

Bilder hingegen verbergen ihre S-P-Struktur. Bilder werden, so Anders, einfach geglaubt. Sie haben aber durchaus eine S-P-Struktur, insofern auch sie nur Prädikate in bezug auf ein Subjekt bilden, das ihnen äußerlich bleibt und das sie deshalb nur meinen können. Auch Bilder geben nur einzelne Aspekte der Wirklichkeit wieder.

Schon Fritz Mauthner hatte in seinem dritten Band zur „Kritik der Sprache“ (2/1913) die S-P-Struktur der Sprache an ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit festgemacht. (Vgl. Mauthner 2/1913, S.185-223; vgl. auch meine Posts vom 19.10. und vom 23.10.2013) Unabhängig vom grammatischen Subjekt eines Satzes bildet jedes Wort ein Prädikat eines dem Satz äußerlich bleibenden Subjektes, und dieses ‚Subjekt‘ besteht wiederum in den konkreten Situationen, in denen sich die miteinander sprechenden Menschen befinden. Deshalb können unsere Sprechakte grammatisch gesehen auch unvollständig sein und lediglich aus Ein-Wort-Sätzen bestehen oder es braucht sogar überhaupt nicht gesprochen zu werden und es reicht eine Geste wie ein Wink mit den Augen oder ein kurzes Nicken, um jemandem eine Information mitzuteilen. Der Gesprächspartner kann die nötigen ergänzenden Informationen, die er braucht, um die Absicht des ‚Sprechers‘ zu verstehen, dem Kontext entnehmen.

Mauthner läßt allerdings nur Außenweltsituationen gelten, weil seiner Ansicht nach die gesprochene Sprache – als Außenweltereignis – sich nur auf Außenweltereignisse beziehen kann. Dabei verwickelt er sich aber immer wieder in Widersprüche, und er kommt letztlich nicht umhin, sich auch auf Innenweltereignisse zu beziehen. Es ist offensichtlich, daß wir es bei der von Anders und Mauthner beschriebenen Subjekt-Prädikat-Struktur der Sprache mit der Differenz zwischen Innen und Außen, zwischen Meinen und Sagen zu tun haben. Das Gemeinte ist das, um mit Michael Tomasello zu sprechen, „extravagante“ Subjekt, das die prädikative Syntax der Sprache vervollständigt. (Zur extravaganten Syntax vgl. Tomasello, „Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation“ (2009), S.286 u.ö.; vgl. auch meinen Post vom 27.04.2010) Als ‚extravagant‘ bezeichnet Tomasello die Einbettung von einfachen Sätzen in einen narrativen Kontext, der es ermöglicht, auch kompliziertere Sinnzusammenhänge über verschiedene Erzählebenen hinweg zu ‚verfolgen‘.

Wie sehr Sprachen auf Kontexte angewiesen sind, beschreibt der Sprachwissenschaftler Nicholas Evans (2014) am Beispiel der Aborigines in Arnhem Land im Norden von Australien. (Vgl. Evans, „Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren“ (2014), S.24ff.; vgl. auch meinen Post vom 01.12.2014) Wer in diesem Land unterwegs ist, überschreitet alle paar Kilometer eine Sprachgrenze. Wandernde Aborigines pflegen beim Wandern Lieder (Songlines) zu singen, die eng mit der Landschaft, durch die sie wandern, verbunden sind. Wechseln die Aborigines beim Wandern in den Landstrich eines anderssprachigen Clans über, singen sie ihr Lied in dessen Sprache weiter. Da das sehr oft passiert, müssen sie also sehr viele Sprachen beherrschen. Auch die Geschichten, die sie einander erzählen, werden bei den einzelnen Handlungsabschnitten in der Sprache des Landes erzählt, in dem sie sich abspielen. Die Sprache gehört also weniger zu einem Volk, das sie spricht, als vielmehr zum Land, in dem sie gesprochen wird: „Es heißt, dass viele natürliche Ressourcen, wie etwa Quellen, nur dem zugänglich sind, der sie in der jeweiligen Lokalsprache aussprechen kann. Aus diesen Gründen bestehen enge emotionale und spirituelle Verbindungen zwischen einer Sprache und dem Land, in dem sie gesprochen wird.“ (Evans 2014, S.27)

Wenn man also ein Volk aus seinem angestammten Land aussiedelt und in ein Reservat verlegt, wie das im 19. Jhdt. den nordamerikanischen Indianern widerfahren ist, wird nicht nur das Volk entwurzelt, sondern auch seine Sprache, weil im Reservat das in der Sprache aufbewahrte ökologische Wissen nicht mehr angewendet werden kann. (Vgl. Evans 2014, S.44)

Das gibt dem Wort ‚Landessprache‘ einen neuen Sinn. Es verweist direkt auf eine tiefer liegende Schicht des Sprechens: nämlich auf dessen Verwiesenheit auf Kontexte, die dem Sprechen allererst Bedeutung verleihen. Deshalb sind Sätze niemals so etwas wie Formeln. Formeln sind niemals auf Kontexte bezogen, sondern basieren auf ebenfalls kontextlosen Axiomen, die drei Bedingungen erfüllen müssen: sie müssen vollständig, widerspruchsfrei und unabhängig sein. (Vgl. Klaus Mainzer, „Die Berechnung der Welt“ (2014), S.60f.; vgl. auch meinen Post vom 29.07.2014) ‚Unabhängig‘ bedeutet, daß die zum selben mathematischen System gehörenden Axiome nicht voneinander abgeleitet werden können. Sie dürfen einander nicht widersprechen (Widerspruchsfreiheit), und sie müssen ‚vollständig‘ sein, d.h. alle möglichen Aussagen, die sich im Rahmen eines mathematischen Systems machen lassen, müssen sich aus den Axiomen ableiten lassen können.

Werden Formeln zu einer Wenn-Dann-Struktur erweitert, haben wir es mit Algorithmen zu tun. Algorithmen geben die Ausführungsbedingungen an, unter denen eine Maschine ein Programm abarbeiten kann. Auch dieses Programm muß vollständig sein. Nur wenn ein Programm mögliche Situationen, in denen eine Maschine bestimmte Aufgaben erfüllen soll, vollständig erfaßt, kann die Maschine funktionieren. Mit unvollständigen Situationsbeschreibungen kann eine Maschine nichts anfangen. Auch sie arbeitet ‚kontextblind‘, also letztlich ohne Bezug auf Kontexte.

Nun könnte man hier auf ‚lernende‘ Algorithmen hinweisen, die durch das Vergleichen von Daten aus unterschiedlichsten Kontexten lernen, bestimmte Figurationen wie z.B. Gesichter oder Wörter wiederzuerkennen. Diese Art des statistischen Lernens hat aber nichts mit der konkreten sinnstiftenden Potenz von Kontexten zu tun. Sinn und Bedeutung werden im Rahmen dieses statistischen Lernens nicht durch die Kontexte variiert und transponiert. Die betreffenden Konfigurationen werden nur auf bestimmte 1:1-Zuweisungen hin trainiert. Es geht also um das Dingfestmachen von Signalen. (Vgl. meinen Post vom 23.08.2011)

Alle diese Bedingungen, die für Formeln und Algorithmen gelten, werden von der Subjekt-Prädikat-Struktur der menschlichen Sprache nicht erfüllt. Die menschliche Sprache ist in einem fundamentalen Sinne ungenau. Sie funktioniert nicht logisch, sondern analogisch. Die fundamentale Ebene des Sprachverstehens bilden nicht Begriffe, sondern Metaphern. Hans Blumenberg hat eine „Theorie der Unbegrifflichkeit“ (2007) entwickelt, die genau diesen Aspekt von Sprache thematisiert. (Vgl. hierzu meinen Aufsatz „Räumliche Strukturen des Sinnbegriffs“ (Franz-Fischer-Jahrbuch 2012 , S.15-36; vgl. auch meine Posts vom 06.09. bis 10.09.2011) Metaphern entziehen sich prinzipiell den hierarchischen Wenn-Dann-Strukturen von Algorithmen, deren ‚Semantik‘ auf 1:1-Zuordnungen von Funktionen beruht, wie etwa den Zuordnungen des ASCII-Zifferncodes auf die Tastatur eines Keyboards: „Eine Bedeutung erhält der Term einer formalen Sprache dadurch, dass er einem Term in einer anderen Sprache zugeordnet wird. So steht z.B. eine bestimmte Folge von 0 und 1 im ASCII-Code eines Computers für ein Symbol, das auf dem Keyboard des Computers abgebildet ist.“ (Mainzer 2014, S.154)

Der Schriftsteller Raoul Schrott und der Psychologe Arthur Jacobs beschreiben in ihrem Buch „Gehirn und Gedicht“ (2011) sehr schön, wie Metaphern funktionieren. Metaphern sind ‚Bilder‘, die verschiedene Kontexte zueinander in Beziehung setzen und so einen Spielraum des Denkens eröffnen, der eine definite Festlegung auf einzelne Informationen offen läßt. (Vgl. meine Posts vom 20.07. und vom 24.07.2011) Wenn Romeo Julia als seine Sonne bezeichnet, werden wir in diesen Spielraum des Denkens und Verstehens hineinversetzt, denn anders als bei einem Simile – „Julia ist wie die Sonne!“ – werden Julia und die Sonne nicht äußerlich miteinander verglichen: „Statt A und B (wie beim Simile – DZ) perspektivische Linien zu verleihen, an denen gemeinsame Ähnlichkeiten augenfällig werden, vereinnahmt das absolut gesetzte Ist-Gleich der Metapher den Betrachter: statt von außen, besieht er sie gleichsam von innen; und um ihren Sinn zu erkennen, muss er sich in die durch sie geschaffene Welt stellen.“ (Schrott/Jacobs 2011, S.203)

Metaphern bilden also Überlagerungen von Kontexten und ermöglichen es – wie beim Betrachten eines Bildes –, innerhalb dieser Kontextüberlagerung verschiedene Vordergründe zu fokussieren. Wer einmal versucht hat, ein Photo, das er in nur drei Sekunden angesehen und erfaßt hat, nachträglich in Worten zu beschreiben, weiß, wie langsam das lineare Erfassen von Wörtern im Vergleich zum Betrachten eines Bildes ist. Metaphern funktionieren ähnlich wie Bilder. Sie umfassen in wenigen Worten eine Vielzahl von Informationen, die wir auf einen ‚Blick‘ verstehen, bei denen wir aber beim Versuch, sie in lineare Wortfolgen zu übersetzen, viel Zeit brauchen.

Bei Tomasello (2014) findet man dafür wiederum eine schöne Metapher; sozusagen eine Metapher für das Funktionieren von Metaphern. Er beschreibt das Wahrnehmen von Situationen mit einem „Stapel von Folien“. (Tomasello, „Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ (2014), S.28; vgl. auch meinen Post vom 30.10.2014) Jede Situation, die wir erleben, liefert den Hintergrund zu einer Vielzahl von möglichen Vordergründen. Ein Schimpanse, der in einem Bananenbaum eine Staude reifer Bananen entdeckt, kann diese Situation auf die unterschiedlichsten Aspekte hin prüfen, bevor er sich entscheidet, dem Impuls nachzugeben und in den Bananenbaum zu klettern: befindet sich im Baum schon ein anderer Schimpanse; hat sich in der Nähe vielleicht ein Leopard versteckt; werde ich von irgendeinem ranghöheren Schimpansen beobachtet? Alle diese möglichen Situationen vor dem Hintergrund des Bananenbaums überlagern sich Tomasello zufolge wie Folien, die aufeinander transparent sind und den Blick auf verschiedene Spielräume des Handelns freigeben.

Die wahrgenommene Situation bildet also ein Ganzes aus Vordergründen und aus Hintergründen. Jede Situation bildet den gegebenen Hintergrund für verschiedene Perspektiven, die unterschiedliche Akteure fokussieren können. Dabei beziehen soziale Lebewesen wie Schimpansen und Menschen die Perspektiven möglicher anderer Akteure mit ein, was Tomasello als Rekursivität bezeichnet. Wenn sich der Schimpanse schließlich auf den Weg zu ‚seinem‘ Bananenbaum macht, wird er sich dabei möglichst unauffällig verhalten, um keinen anderen Schimpansen aufmerksam zu machen und die Bananen in aller Ruhe allein verspeisen zu können.

Es ist letztlich also wohl doch nicht so einfach, wie Günther Anders dachte. Es ist nicht nur so, wie auch schon Anders festgestellt hatte, daß Bilder und Sätze beide eine S-P-Struktur haben. Darüberhinaus wirken  auch Sätze wie Bilder, weil wir in den seltensten Fällen wohldefinierte Begriffe verwenden oder einfach nur Informationen austauschen, wenn wir miteinander sprechen. Dennoch ist nicht zu leugnen, daß die manipulative Macht von echten Bildern enorm ist. Und dafür gibt es sogar ein Sprichwort: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ – Und wieder ein anderes Sprichwort lautet: „Sehen heißt glauben!“

Letztlich ist all unser Denken nichts anderes als das sich Abarbeiten an Bildern, der Versuch, sie in Worte zu fassen. Bilder und Situationen liefern den Kontext, in dem wir Sätze denken. Sie bilden das extravagante Subjekt in der von Anders und Mauthner beschriebenen S-P-Struktur von Sätzen. Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, daß alles Denken kontextuell ist. Die Vorstellung, diese Kontexte restlos formalisieren und auf Algorithmen zurückführen zu können, ist irrig und der Verführung durch das technologische Potential der Algorithmen geschuldet.

Literatur:
  • Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)
  • Hans Blumenberg, Theorie der Unbegrifflichkeit, Frankfurt a.M. 2007
  • Nicholas Evans, Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren, München 2014
  • Klaus Mainzer, Die Berechnung der Welt. Von der Weltformel zu Big Data, München 2014
  • Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd.III: Zur Grammatik und Logik, Stuttgart/Berlin 2/1913
  • Raoul Schrott/Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeit konstruieren, München 2011
  • Michael Tomasello, Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, Frankfurt a.M. 2009
  • Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, Berlin 2014
  • Detlef Zöllner, Räumliche Strukturen des Sinnbegriffs, in: Franz Fischer Jahrbuch 2012, S.15-36

Kommentare:

  1. Der Kontext des Denkens ist ja das Leiblich-Seelische und davon kann sich menschliches Denken nicht lösen. Denkprozesse als Algorithmen auf Systeme bzw. Maschinen zu übertragen ist nur da möglich, wo es zu abgeschlossenen Denkprozessen gekommen ist und es nun um Routinen geht. Ich meine, das Denken ist bereits ein Algorithmus, der das Fühlen organisiert bzw. ordnet.

    LG Aiko

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  2. Ich denke auch, daß Denken als regelgeleiteter Prozeß in gewisser Weise einen Algorithmus bildet. Und als regelgeleiteter Prozeß ist das Ergebnis des Denkens auch in gewisser Weise schon vorweggenommen. Aber ich mache immer wieder die Erfahrung, daß Denken auch eine menschliche Praxisform bildet, in der wir uns selbst immer wieder überraschen. Dazu gehört allerdings der ständige Kontakt mit dem Leiblich-Seelischen, die Aufmerksamkeit auf unsere Intuitionen.
    LG

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