Freitag, 1. April 2016

Graham Harman, Vierfaches Objekt, Berlin 2015

(Merve Verlag, 17,00 €, 176 Seiten)

1. Naivität und Kritik
2. Vervierfachung der Objekte
3. Gestalt
4. Autonomie (oder auch nicht)
5. Lebenswelt und Seele
6. Karikaturen statt Expressionen

Graham Harman geht es in seinem Buch „Vierfaches Objekt“ (2015) um eine „neue Metaphysik“. (Vgl. Harman 2015, S.12) Diese Metaphysik ist spekulativ und ontologisch, was sich auch in seinen Selbstcharakterisierungen als ‚Spekulativer Realist‘ (vgl. Harman 2015, S.167ff.) bzw. als ‚objektorientierter Ontologe‘ (vgl. Harman 2015, S.147f.) wiederfindet. ‚Spekulativ‘ meint, daß Harman nichts Belegbares hinsichtlich der ‚Realität‘ bzw. hinsichtlich des Seins der Objekte zu sagen weiß. Seine ‚Argumentation‘ besteht hauptsächlich aus Behauptungen, deren Wahrheitsgehalt sich darauf beschränkt, „überzeugend“ und „nutzbringend“ zu sein: „Wenn es nicht überzeugend ist, wird es nur auf ein weiteres amateurhaftes oder irrsinniges System der Welt hinauslaufen. Wenn es nicht nutzbringend ist, wird es nichts weiter als ein steriles Experiment mit strukturellen Abstraktionen bleiben.“ (Harman 2015, S.153)

Harman setzt also nicht auf Sachhaltigkeit, sondern auf Rhetorik und darauf, daß sein Denkansatz die philosophischen Einsichten in die Strukturen der Realität bereichert, was seiner Definition von ‚nutzbringend‘ entspricht: „Kant zerlegte nicht bloß die Welt in Kategorien, sondern versuchte zu zeigen, wie man diese auf Themen anwenden könnte, die die Menschen seit jeher beschäftigen. Freud stellte nicht bloß fest, dass Träume Wunscherfüllungen sind, und beließ es bei dieser Einsicht, sondern entwickelte aus ihr eine umfassende Theorie des Seelenlebens und schließlich der menschlichen Kultur im Allgemeinen. Jede Philosophie, die ihren Namen verdient, sollte nach ähnlichen Resultaten streben.“ (Harman 2015, S.153)

Auf den objektiven Gehalt seines Denkansatzes kommt es Harman also nicht so sehr an, und er selbst gibt immer wieder zu, daß seine Einsichten in die Strukturen des realen Objekts insgesamt eher seltsam anmuten: „Der Leser braucht nicht zu befürchten, dass das Resultat (von Harmans philosophischen Überlegungen – DZ) in einem langweiligen traditionellen Realismus von Atomen und Billardkugeln bestehen wird. Stattdessen werden die Objekte in diesem Buch so seltsam erscheinen wie Geister in einem japanischen Tempel oder Signale, die ohne erklärbaren Grund vom Mond ausgesandt werden.“ (Harman 2015, S.12)

In gewisser Weise ist es sogar genau diese Phantastik seiner Überlegungen, von der Harman glaubt, daß sie für deren Richtigkeit spricht: „Obwohl dieses Modell (des vierfachen Objekts – DZ) zahlreiche Rätsel und Paradoxa aufgibt, ist gerade sein paradoxer Charakter der stichhaltigste Beleg für seine Relevanz.“ (Harman 2015, S.152) – Seine metaphysischen Spekulationen sind also nicht etwa trotz, sondern gerade wegen ihrer Paradoxalität und Widersprüchlichkeit wahr!

Das ist eine verwegene Behauptung, umso mehr als Harman nicht zögert, genau diesen Wahrheitsanspruch anderen Philosophen zu verweigern. So wirft er z.B. Husserl vor, daß seine Phänomenologie paradox sei: „Obwohl die Phänomenologie zu einer Rückkehr zu den Sachen selbst aufruft, zieht sie letztere paradoxerweise nur insofern in Betracht, als sie erscheinen.“ (Harman 2015, S.30) – Demnach ist es also nicht in Ordnung, daß sich Husserl für eine neue Sachlichkeit einsetzt und sich dennoch nur für den Schein, und nicht für das Sein der Phänomene interessiert.

Paradoxalität mag also zwar für Harmans eigenes Denken eine Auszeichnung sein. Aber was für ihn gilt, gilt für andere noch lange nicht.

Dabei ist Harman durchaus nicht bescheiden, was den Wahrheitsgehalt seiner Spekulationen betrifft. Sein in zehn Kapitel aufgeteiltes Buch enthält insgesamt zehn Graphiken zum vierfachen Objekt, mit denen er seine Überlegungen veranschaulicht. (Vgl. Harman 2015, S.45, 63, 65, 99, 112, 113,134, 140, 141, 142) Allerdings ‚veranschaulichen‘ sie nicht nur seine Überlegungen, sondern Harman verleiht ihnen den Status von mathematischen Gleichungen. Die „Symmetrie“ seiner „Diagramme“ habe eine ähnliche Vorhersagekraft hinsichtlich der uns unbekannten Realitätshaltigkeit des vierfachen Objekts wie die „Modelle() der Physik“ für „gewisse neue Teilchen“. (Vgl. Harman 2015, S.133)

Zusammengefaßt sind es also vor allem vier Merkmale, die Harman für die Sachhaltigkeit seiner Überlegungen in Anspruch nimmt: offensichtliche Widersprüchlichkeit, Subjektivität (Überzeugungskraft), Nützlichkeit und graphische Symmetrien. Nicht zu vergessen und damit ein fünftes Merkmal wäre da vielleicht noch der Unterhaltungswert; denn langweilig wollen Harmans Überlegungen ja auch nicht sein. Das ist tatsächlich mal eine gleichermaßen selbstbewußte wie originelle wissenschaftliche Position! Sie könnte einem in ihrer Eigenwilligkeit fast sympathisch sein, wenn sie nur den eigenen Verstand nicht so sehr überfordern würde.

Dabei leitet Harman seine Überlegungen mit einem bemerkenswerten Hinweis auf die wichtige Funktion ein, die die Naivität für seinen Denkansatz hat. In guter phänomenologischer Tradition hält Harman fest, daß man als Philosoph irgendwie und irgendwo anfangen muß. Philosophen sind Anfänger, und in dieser Hinsicht haben sie etwas mit Kindern gemeinsam. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, mit dem Denken anzufangen: wie Descartes mit dem Zweifel oder eben wie ein Kind mit dem Hinschauen und dem Ernstnehmen dessen, was man zu sehen bekommt. Harman plädiert für letzteres: „Wir beginnen, statt mit einem radikalen Zweifel einzusetzen, im Zustand der Naivität.“ (Harman 2015, S.11)

Letztlich beginnen wir nie mit dem Zweifel. Nicht einmal Descartes. Selbst dort, wo wir den Zweifel an den Anfang setzen, tun wir dies aus einer Bewegung heraus, die mit einer Naivität beginnt, und sei es auch nur die, die im Vertrauen auf den Denkakt besteht. Naivität ist immer weltzugewandt und auf Objekte gerichtet: „Sobald wir eine naive statt skeptische Ausgangsposition einnehmen, rücken Objekte augenblicklich in den Vordergrund.“ (Harman 2015, S.13)

Das ist auch Harmans Anfang. Ihn interessieren die Objekte und ihre Realität, und da hat er meine ganze Sympathie, auch und gerade dort, wo er sich gegen den kritischen Intellekt wendet, der im Namen des Zweifels seine ganze Energie darauf ausrichtet, die Objekte als bloßen Schein zu entlarven und ihnen ihre Autonomie abzusprechen, wie es insbesondere die Naturalisten gerne tun: „Statt diese übertriebene Parade von Entitäten“ – gemeint sind die Objekte – „zu akzeptieren, entlarvt das kritische Denken Objekte und spricht ihnen ihre Autonomie ab. Sie werden verworfen als Einbildungen des Geistes oder als bloße Aggregate, die aus kleineren physischen Teilen zusammengesetzt sind. Der Standpunkt dieses Buchs ist kein kritischer, sondern ein unvoreingenommener.“ (Harman 2015, S.13f.) – ‚Unvoreingenommen‘ meint hier eben auch: ‚naiv‘.

Die anfängliche Naivität Harmans besteht vor allem darin, die Objekte als solche ernstnehmen zu wollen und sie weder zu „unterlaufen“ noch zu „übergehen“. (Vgl. Harman 2015, S.14ff.) Mit ‚Unterlaufen‘ meint Harman den herkömmlichen wissenschaftlichen Naturalismus bzw. Materialismus, der die Objekte nicht als solche ernstnimmt, sondern auf zugrundeliegende Atome und Elemente zurückzuführen versucht. Prominentestes Beispiel sind die Neurowissenschaften, die es darauf anlegen, „die Subjekt-Objekt-Relation auf die Objekt-Objekt-Relation des Gehirns und sogar auf die noch kleinerer Entitäten zu reduzieren, statt zuzulassen, dass Neuronen auf einer Ebene der Realität wirksam sind und das Bewusstsein als Ganzes auf einer anderen Ebene operiert.“ (Vgl. Harman 2015, S.172)

Für das ‚Übergehen‘ stehen Harman zufolge die „Korrelationisten“, die die Objekte nur im Rahmen eines einzigen Korrelationsverhältnisses zulassen wollen: dem zwischen Mensch und Welt. (Vgl.u.a. Harman 2015, S.58f.) Als Beispiel dient ihm Kants „Mensch-Welt-Relation“. Harman wirft Kant vor, daß er zwar ein Ding-an-sich außerhalb dieser Relation anerkennt, sich aber letztlich nicht dafür interessiert. Dabei übersieht Harman, daß die Mensch-Welt-Relation die Grundlage der Kantischen Verstandesautonomie bildet. Kant zufolge gibt es außerhalb dieser Relation keine Verstandesautonomie. Dieses kritische Moment der Kantischen Philosophie wird von Harman als Intellektualismus denunziert. (Vgl. Harman 2015, S.38f.)

Mit dieser Kritik am Korrelationismus des menschlichen Weltzugangs verstößt Harman aber nicht nur gegen den aufklärerischen Impetus der Kantischen Philosophie, sondern auch gegen seine eigene anfängliche Intuition, mit der er gerade den ‚mittleren‘ Bereich der Objekte ernstzunehmen beansprucht, womit genau jene Objekte gemeint sind, die im Bereich dieses Zugangs liegen. (Vgl. Harman 2015, S.23, 41f.u.ö.) Anstatt sie als Phänomene ernstzunehmen, leugnet Harman ihre eigenständige Realität und erklärt ihre Präsenz zum bloßen Schein, unterhalb dessen es eine tiefere, verborgene Schicht von realen Objekten gibt, die sich, ähnlich dem Kantischen Ding-an-sich, grundsätzlich jedem menschlichen Zugang entziehen: „Man kann Objekten nur dadurch gerecht werden, dass man ihre Realität als unabhängig von jeglicher Relation und tiefer als jegliche Reziprozität denkt. Das Objekt ist ein dunkler Kristall, den ein eigentümliches Vakuum umgibt; irreduzibel auf seine eigenen Bestandteile genauso wie auf seine Relationen zu anderen Dingen.“ (Harman 2015, S.61)

Insofern sich also die realen Objekte „außerhalb jeder Erfahrung“ (Harman 2015, S.95) befinden, entwickelt Harman hier seinen eigenen Kritizismus, der sich gegen die naive, lebensweltliche Erfahrung und ihre direkten Begegnungen mit Pferden, Diamanten und Maibäumen richtet (vgl. Harman 2015, S.96). Indem er für die Autonomie der realen Objekte eintritt und gleichzeitig den sinnlichen Objekten bzw. den Phänomenen eine eigene Autonomie abspricht – wobei er hier schwankend ist: manchmal spricht er ihnen eine eigene Autonomie zu, manchmal spricht er sie ihnen ab (vgl. Harman 2015, S.23 und S.156) –, enteignet er den menschlichen Verstand und zwingt seinen Leser, zu glauben, was er nicht begreifen kann. Damit macht er die Aufklärung rückgängig. Zwischen den ontologischen Einsichten Graham Harmans in die vierfache Struktur des Objekts und den theologischen Einsichten Edith Steins in die trinitarische Struktur der Gottheit (vgl. meinen Post vom 26.07.2013) besteht kein qualitativer Unterschied.

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