Dienstag, 15. März 2016

Graham Harman, Die Rache der Oberfläche. Heidegger, McLuhan, Greenberg. Mit dem Essay ‚Rückschlag der Werkzeuge auf das Bewusstsein‘ (1989) von Vilém Flusser, Köln 2015

1. Kritik der Ontologie
2. Medien und Phänomene
3. Vilém Flusser: Rechnen contra Schauen

Graham Harman zählt zusammen mit Markus Gabriel und Quentin Meillassoux zu den Vertretern einer neuen philosophischen Denkrichtung: dem Spekulativen Realismus. (Vgl. DLF: „Spekulativer Realismus. Über eine neue Art, auf der Erde zu leben“) Die Nähe der spekulativen Realisten zur Phänomenologie und ihre Kritik einer analytisch vorgehenden (Natur-)Wissenschaft, die sich im Namen eines naiven Naturalismusses von den Phänomenen abwendet, um nur noch das als Realität anzuerkennen, was sich rechnen läßt, hat mich neugierig gemacht. In den folgenden Posts will ich mich anhand eines im Rahmen der International Flusser Lectures in Berlin gehaltenen Vortrags von Graham Harman mit dem Phänomenbegriff des Spekulativen Realismus auseinandersetzen. Später sollen weitere Lektüren zu Graham Harmans Buch „Vierfaches Objekt“ (2015) folgen.

In Graham Harmans Vortrag „Die Rache der Oberfläche“ (2015) geht es um eine Verteidigung der Phänomenologie, die zugleich eine Kritik der Ontologie beinhaltet. Damit wendet sich Harman insbesondere gegen Heideggers „Kritik der Phänomenologie“ (vgl. Harman 2015, S.5 und 7), zu der sich Heidegger im Namen der „Tiefe“ berechtigt glaubt, weil uns die Phänomenologie angeblich zu dem „Missverständnis“ verleitet, „die Welt als bloße Oberfläche anzusehen“ (vgl. Harman 2015, S.6).

Heideggers Geringschätzung der Oberfläche zeigt, wie wenig er von dem phänomenologischen Anspruch hält, daß die Realität für das menschliche Bewußtsein grundsätzlich immer zugänglich sein muß:
„Der Philosoph“ – bzw. der Phänomenologe – „interessiert sich“ – seit Husserl – „nicht mehr für irgendetwas Unerkennbares und interessiert sich kaum für die Gegenstände der Naturwissenschaftler, außer sie sind uns irgendwie direkt gegeben.“ (Harman 2015, S.8)
Diese naturwissenschaftskritische, zutiefst aufklärerische, weil an der Autonomie des menschlichen Verstandes interessierte Grundhaltung wird von Heidegger, dem „Denker der Tiefe“ (Harman 2015, S.5), regelrecht verachtet. Das Wesentliche zeigt sich nicht, sondern es „versteckt“ sich „in den Tiefen“ unterhalb der Oberfläche. (Vgl. Harman 2015, S.6)

Als Beispiel für diese ‚Tiefe‘ des Seins verweist Harman auf Heideggers „Zeuganalyse“:
„Die Grundeinsicht dieser Analyse spiegelt sich in Heideggers Bemerkung, dass uns die Dinge der Welt nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt durch unsere geistigen Fähigkeiten repräsentiert werden. Meistens bemerken wir nicht, dass der Boden unter unseren Füßen stabil ist; dass die Herzschläge ohne Unterbrechung fortdauern; dass atmosphärischer Sauerstoff die Weiterführung unseres Lebens ermöglicht; und dass die Abwesenheit von politischem Aufruhr in den Straßen unser ruhiges Betrachten der phänomenologischen Ontologie ermöglicht. Üblicherweise ist uns das Wesen der Dinge nicht zugänglich, sondern vielmehr versteckt, verborgen, zurückgezogen.“ (Harman 2015, S.9)
Die Verborgenheit des Wesens der Dinge (Phänomene) bezeichnet Heidegger auch als „ontologische Differenz“, die allerdings bezeichnenderweise zugleich auch und vielleicht sogar primär eine phänomenologische Differenz beinhaltet, nämlich die zwischen „abwesend und anwesend“ und zwischen „verhüllt und unverhüllt“. (Vgl. Harman 2015, S.12) Denn die Abwesenheit des Seins ist auf die Präsenz der Wahrnehmung bezogen: das Sein ist in den Phänomenen, die wir sehen, nicht präsent bzw. es ist ‚verhüllt‘. Es geht also auch hier wieder um Sehen und um Nicht-Sehen, also genau genommen nur um Vorderseiten und um Rückseiten. Heideggers ontologische Differenz besteht lediglich in der Aufwertung der Rückseiten zum eigentlichen Sein des Seienden, als dem, was sich prinzipiell nicht zeigt.

Husserl wird später diese phänomenologische Differenz von Heideggers Zeuganalyse zurückfordern und dafür den Begriff der „Lebenswelt“ verwenden. Wo Heidegger vom ‚Sein‘ spricht, spricht Husserl von der ‚Lebenswelt‘. Das zeigt sich schon am ‚Zeug‘ selbst, wie es Heidegger versteht. Denn was ist das Zeug, um das es ihm geht, anderes als die Lebenswelt? Wie schon Harman schreibt (siehe oben), ist das ‚Zeug‘ der „Boden unter unseren Füßen“, es ist der „Aufruhr in den Straßen“, der nicht stattfindet. Die Welt als ‚Zeug‘ ist die Welt, die wir nicht „bemerken“, es sei denn, es ereignet sich eine „Störung“: „Nur selten, meistens im Falle der Störung oder des vollständigen Zusammenbruchs, werden die Dinge explizit im Bewusstsein präsent.“ (Harman 2015, S.10)

Das ist nichts anderes als eine Beschreibung der Lebenswelt, aus der wir nur herausfallen, wenn eine Krise eintritt, weil sie nicht mehr funktioniert bzw. wie Husserl es ausdrückt: weil sie nicht mehr ‚fungiert‘. Tatsächlich aber kommt Harman in seiner Kritik der Heideggerschen Ontologie kein einziges Mal auf diese Lebenswelt zu sprechen, obwohl er an einer Stelle Heideggers ‚Zeug‘ mit der Lebenspraxis parallelisiert: „Doch Praxis ist auch eine Art Oberfläche.“ (Harman 2015, S.10) – Das ‚Zeug‘ beinhaltet immer schon eine ‚Praxis‘, nämlich seinen alltäglichen Gebrauch. Zeug und Lebenswelt laufen auf dasselbe Problem hinaus: auf die Unmerklichkeit unserer Lebensführung. Also letztlich: auf unsere Selbstverborgenheit.

Indem Harman aber diese Lebensweltproblematik entgeht, mißlingt auch seine Kritik der Heideggerschen Ontologie. Tatsächlich sympathisiert er mit der Heideggerschen Tiefe. Er hält ausdrücklich fest, daß „(d)ieser Unterschied“, also die ontologische Differenz, „philosophisch mächtig“ ist und „die Wirklichkeit nach meiner Ansicht zutreffend (beschreibt)“. (Vgl. Harman 2015, S.12)

Indem Harman die Differenz zwischen Sein und Seiendem, zwischen Wesen und Oberfläche als ontologisches Problem akzeptiert und die damit verbundene phänomenologische Differenz nicht erkennt, werden die Phänomene von ihm nicht wirklich gerettet bzw. ‚gerächt‘. Stattdessen ordnet auch er den Phänomenen eine „Realität“ zu, z.B. von „Bäumen und Schlangen“, die ‚tiefer‘ liegt als unsere Wahrnehmung von ihnen. (Vgl. Harman 2015, S.11) Daß die Realität reichhaltiger ist als unsere Wahrnehmung von ihr, sehe ich genauso. Harman geht aber davon aus, daß die Wahrnehmungen selbst überhaupt nicht zur Realität gehören. Sie sind vielmehr völlig von ihr getrennt. Damit ist diese ‚Realität‘ aber nicht weniger wesenhaft als Heideggers Sein. Die phänomenologische Differenz wird ontologisch.

Harmans Kritik an Heidegger beschränkt sich darauf, zwischen einem ‚guten‘ und einem ‚schlechten‘ Heidegger zu unterscheiden. Die ontologische Differenz gehört zum guten Heidegger. Schlecht wird Heidegger hingegen dort, wo dieser „alle spezifischen Dinge als unterhalb des Philosophischen angesiedelt betrachtet und deshalb verachtet.“ (Vgl. Harman 2015, S.12)

Heidegger, so Harman, begeht den Fehler, das unter der Oberfläche verborgene Sein als eine „holistische Ganzheit“ zu beschreiben (vgl. Harman 2015, S.11) und Mannigfaltigkeit nur den von ihm verachteten Dingen zuzusprechen. Die „Rache“ der Dinge bzw. der Oberfläche besteht Harman zufolge nun genau darin, daß dieses verborgene Ganze der Mannigfaltigkeit der Dinge bedarf, um etwas bewirken zu können: „Das Sein bleibt immer nur das Sein, und deshalb zeigt Heidegger, dass das Sein das menschliche Dasein braucht, um zu erscheinen. Deshalb kann alles, was passiert, nur auf der Oberfläche der Welt vorgefunden werden.“ (Vgl. Harman 2015, S.24f.)

Da Harman aber die phänomenologische Differenz, also die Differenz der Rückseite, mit Heidegger als eine ontologische Differenz mißversteht, entgeht ihm, daß die von ihm als Holismus verworfene Ganzheit des Seins nicht etwa irgendeine zweifelhafte, von den spezifischen Dingen getrennte Eigenschaft darstellt, sondern ganz wesentlich zur „Mannigfaltigkeit der Welt“ gehört (vgl. Harman 2015, S.24), nämlich als ein Moment unserer Gestaltwahrnehmung. Dazu aber im nächsten Post mehr.

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