Samstag, 6. Februar 2016

Henning Mankell, Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein, Wien 2015 (2014)

1. Treibsand im Stundenglas
2. Testamente
3. Kinder
4. Frauen
5. Wahlfreiheit
6. Technik

Mankell hebt die Ambivalenzen einer technologischen Entwicklung hervor, die sich um die Nebenfolgen ihrer Innovationen nicht kümmert: „Es geschieht immer wieder, und es wird weiter geschehen. Der Mensch setzt neue Projekte in Gang, ohne zuerst zu prüfen, ob vielleicht verborgene Schattenseiten existieren. Die Gefahr besteht immer. Und wenn es passiert, kann es zu einer grenzenlosen Katastrophe führen. Die jungen Fabrikarbeiterinnen, die sich Zähne und Fingernägel mit phosphoreszierender Farbe bemalten und miteinander lachten, wurden auf dem Altar unseres stets gegenwärtigen Mangels an Geduld geopfert. Es ist so unendlich einfach, Risiken zulasten des Lebens anderer Menschen einzugehen.“ (Mankell 2015, S.166)

Neben dem Hinweis auf die jungen Mädchen, die in einem 1915 gegründeten Unternehmen mit Pinseln eine radioaktive, im Dunkeln leuchtende Farbe auf „Uhren oder Kruzifixe“ auftrugen und sich nebenbei damit amüsierten, ihre Fingernägel und Zähne mit dieser Farbe zum Leuchten zu bringen (vgl. Mankell 2015, S.162), verweist Mankell auf die aktuelle Problematik des Frackings, als einem „besonders deutliche(n) Beispiel“ dafür, „wie wir es unterlassen, auf die Konsequenzen unserer Handlungen zu achten, bevor wir Projekte in Gang setzen, von denen wir behaupten, sie dienten dem Nutzen der Menschheit“. (Vgl. Mankell 2015, S.182) – Von den unabsehbaren Folgen der Atomkraft, auf die Mankell in seinem Buch an verschiedenen Stellen immer wieder zurückkommt, ist schon die Rede gewesen. (Vgl. meinen Post vom 02.02.2016)

International ist das bis lang noch nicht zum Unwort des Jahres gewählte „German Angst“ bzw. „German Vorsicht“ gebräuchlich, mit dem eine zutiefst rationale Verhaltensweise als irrational verunglimpft wird, als eine spezifisch deutsche Pathologie. Ohne direkt auf diese Sprachverwirrung einzugehen, läßt Mankell keinen Zweifel daran, daß die Vorsicht ein unverzichtbares Moment der menschlichen Innovationsbereitschaft bilden muß: „Der Mensch nimmt Risiken in Kauf. Risikofreude gepaart mit nie erlahmender Neugier hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen. Aber wenn ein drittes Moment, die Vorsicht, fehlt, kann es gefährlich werden.“ (Mankell 2015, S.180)

Mankell ist, wie wir noch sehen werden, keineswegs ein prinzipieller Technik-Gegner. Aber er hat lange genug gelebt und seine Erinnerung reicht weit genug zurück, um sich daran zu erinnern, wann der erste Plastikmüll an die schwedischen Strände spülte. Als Kind hatte er die Korkschwimmer von verlorengegangenen Netzen eingesammelt. Verpackungen bestanden aus Papier und Karton, „Materialien, die schnell abgebaut wurden“. (Vgl. Mankell 2015, S.89) Mankell schreibt, er sei im „Kartonzeitalter“ aufgewachsen. (Vgl. Mankell 2015, S.90) In Afrika hatte er beobachtet, wie Straßenkinder in großen Kartons unterschlüpften, um darin die Nacht zu verbringen, so lange bis Plastikfolien an die Stelle der Kartonverpackungen traten und die Straßenkinder ihrer notdürftigen Behausungen beraubt wurden. (Vgl. Mankell 2015, S.215) Und die Korkschwimmer wurden durch Plastikschwimmer ersetzt: „Von da an gab es nur noch Plastik. Danach kamen die Milchkartons und die Plastikflaschen. Aber die sammelte weder ich noch sonst jemand ein. Das Plastik fühlte sich tot an, wenn man es in die Hand nahm, während Kork sich immer lebendig anfühlte.“ (Mankell 2015, S.90)

Auch ich kann mich erinnern, wie wir in den 1960ern während einer Urlaubsfahrt Rast machten und meine Mutter erstmals Plastikmesser und Plastikgabeln auspackte, statt des bislang gewohnten Metallbestecks. Ich hantierte äußerst mißtrauisch mit diesem neuartigen Material. Es funktionierte lange nicht so gut wie das bewährte Metallbesteck, und das Essen schmeckte auch irgendwie anders. Wer nie den Widerwillen gespürt hat, Plastik in die Hand zu nehmen oder eine Plastikflasche an die Lippen zu setzen, um Wasser zu trinken, wird auch nicht wirklich nachvollziehen können, wie beunruhigend der Gedanke ist, daß wir die Meere mit an der Oberfläche schwimmenden Plastikinseln und mit bis in die Sedimente hinabsinkendem Mikroplastik verseuchen.

Dennoch ist Mankell kein prinzipieller Gegner technologischer Innovation. Er selbst ist in gewisser Weise von der Technikfaszination des 20. Jhdts. ‚infiziert‘, was gelegentlich in eine naive Wissenschaftsgläubigkeit übergeht. So übernimmt er unkritisch die neurophysiologische Sprachregelung, die beobachtbare Gehirnprozesse mit Denkprozessen nicht einfach nur korreliert, sondern gleichsetzt: „Letztlich handelt es sich dabei um chemische Prozesse. Ob wir es wollen oder nicht, geht es auch bei unseren geistigen Erlebnissen um verschiedene messbare physiologische Abläufe.“ (Mankell 2015, S.211)

Mankell zufolge sind es die „Abläufe in Zellen und chemische Prozesse, die darüber entscheiden, wie wir uns fühlen und wie wir denken, wie wir lieben und wie wir unter der Erniedrigung der Eifersucht leiden“. (Vgl. Mankell 2015, S.212) Dabei handelt es sich nicht einfach nur um eine schlichte Feststellung der Tatsache, daß es ohne diese chemischen Prozesse keine Gefühle und kein Denken gäbe, was unbestreitbar ist und auch ohne weiteres mit Plessners Definition des Körperleibs zu vereinbaren ist. Mankell zufolge besteht vielmehr in diesen „chemischen Prozesse(n) im Gehirn“ das „Wesen des Denkens“. (Vgl. Mankell 2015, S.251) Damit aber stellt sich Mankell in die Reihe der neurophysiologischen Reduktionisten.

Was bei dieser Sichtweise alles verlorengeht, wird an der Stelle deutlich, wo er auf die kulturellen Leistungen von Michelangelo verweist: „Michelangelo hätte nicht schlechter gemalt, wenn er gewusst hätte, was wir heute über die wunderbaren, unsichtbaren Vorgänge wissen, die die wichtigsten Ereignisse und Entschlüsse in unserem Leben steuern.“ (Mankell 2015, S.212) – Demnach wären es also ausschließlich die als „wunderbare(), unsichtbare() Vorgänge“ gefeierten chemischen Prozesse, denen wir die ganze Fülle eines menschlichen Lebens auf der Höhe der kulturellen Errungenschaften einer Epoche zu verdanken hätten. So komplex die ‚chemischen Prozesse‘ für sich selbst auch sein mögen: es macht einfach keinen Sinn die eine Komplexität eines Individuums und seiner Epoche durch die andere Komplexität der Biochemie zu ersetzen.

Positive Bezüge auf das technologische Innovationspotential des Menschen finden sich bei Mankell vor allem in den Passagen, wo er auf die Raumsonden Voyager 1 und 2 verweist. Diese Raumsonden bilden das positive Pendant zum strahlenden Atommüll, ein Zeugnis unserer Kultur, das wir auf eine unendliche Reise in den Weltraum geschickt haben: „Wenn alles Übrige von unserer Zivilisation vergangen sein wird, werden zwei Dinge zurückbleiben: das Raumschiff Voyager auf seiner ewigen Reise in den äußeren Weltraum und der nukleare Abfall in den unterirdischen Schächten.“ (Mankell 2015, S.44) – Witzigerweise spricht Mankell hier vom „Raumschiff“ und nicht von einer „Raumsonde“. Wenn es sich nicht um einen Übersetzungsfehler handelt, haben wir hier einen Hinweis darauf, daß Mankell wohl ein Trekki gewesen ist.

Die mit den Raumsonden Voyager 1 und 2 verbundenen technologischen Glanzleistungen machen Mankell Hoffnung, daß es der Wissenschaft eines Tages auch gelingen wird, nicht nur den Krebs zu besiegen, sondern auch mit dem Atommüll fertig zu werden: „Wenn ich all die wissenschaftlichen und ingenieurstechnischen Triumphe bedenke, die mit dieser Reise (der Raumsonden – DZ) einhergehen, kann ich nur darüber staunen, dass wir diese Aufgabe zu bewältigen vermochten, trotz aller Hindernisse, die überwunden werden mussten, bevor die Sonden auf den Weg geschickt wurden. Das lässt mich daran glauben, dass auch der Krebs eines Tages ganz besiegt sein wird. Und dass wir fähig sind, auch den nuklearen Abfall, den wir ansammeln, auf vernünftige Weise zu entsorgen.“ (Mankell 2015, S.183)

Ich kann mich an eine Raumschiff-Voyager-Episode erinnern, in der die Raumschiff-Crew auf eine zerstörte Zivilisation trifft. Grund der Zerstörung: die Raumsonde Friendship One (alias Raumsonde Voyager1/2?), die technische Details einer Anti-Materie-Technologie in diesen entlegenen Teil der Galaxie getragen hat. Ein Schelm, der dabei an Atomkraftwerke und Atombomben denkt! – Star Trek ist jedenfalls insgesamt sehr viel technologiekritischer, als es vielen seiner Fans bewußt ist.

Aber trotz dieser gelegentlichen Naivitäten ist Mankell doch sehr sensibel für die Verluste, die mit dem technischen Fortschritt einhergehen. Das zeigt sich auch wieder bei einem jährlichen Highlight seiner Kindheit: dem Zirkus, der sein Heimatdorf regelmäßig im Frühjahr besuchte. Der Zirkus wird für Mankell zum Inbegriff der körperlichen Präsenz und Selbstbeherrschung, die nicht nur die volle Konzentration der Akrobaten erfordert, sondern auch die körperliche Anwesenheit der Zuschauer, die mit den Schaustellern mitfiebern. Die gemeinsame Anwesenheit im Raum ist Mankell zufolge auf kein mediales Format übertragbar:
„Ich weiß nicht, ob es noch Zirkusse gibt, die herumreisen und einmal im Frühling oder im Sommer diese kleinen Ortschaften besuchen und die öden Gesetze der Schwerkraft und der Normalität außer Kraft setzen. Wenn nicht, ist es der Beweis dafür, dass inmitten all des Wohlstands und der wirbelnden, ständig überraschenden technologischen Entwicklung eine schleichende Verarmung voranschreitet. Auch wenn man das Beste vom Besten der Zirkuskunst im Internet oder im Fernsehen betrachten kann, wird es stets nur eine blasse Kopie sein. Zirkus setzt voraus, dass man anwesend ist und Zeuge der Verwandlung wird. Man muss im selben Raum sein wie die Akrobaten und Jongleure. ... Zirkus ist nichts anderes als die Zurschaustellung menschlicher Fähigkeiten, die durch strenge Disziplin und Training eingeübt und beibehalten werden.“ (Mankell 2015, S.290)
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