Freitag, 5. Februar 2016

Henning Mankell, Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein, Wien 2015 (2014)

1. Treibsand im Stundenglas
2. Testamente
3. Kinder
4. Frauen
5. Wahlfreiheit
6. Technik

Im Alter von sechzehn Jahren trifft Mankell eine schwerwiegende Entscheidung: er will nicht mehr zur Schule gehen, und er will Schriftsteller werden. Zu diesem Zweck geht er für einige Zeit nach Paris, um dort zu leben und zu lernen. (Vgl. Mankell 2015, S.124ff.) Er hat dort keine leichte Zeit. Er lebt am Rande des Existenzminimums, arbeitet in der Werkstatt eines Klarinettenreinigers und klaubt Zigaretten aus dem Rinnstein auf: „Ich lernte das Wichtigste, das man können muss: sein Leben in die Hand nehmen. Zu seinen Entscheidungen stehen. Schriftsteller wurde ich nicht in der Zeit, die ich in Paris verbrachte. Das war auch nicht so wichtig. Ich tat den ersten Schritt auf dem Weg, ein Mensch mit einem Bewusstsein zu werden.“ (Mankell 2015, S.128)

Diese Entscheidungsfreiheit ist für Mankell essentiell. Jeder Mensch sollte in seinem Leben wählen können, welchen Weg er gehen will. Mankell weiß aber sehr wohl, daß die allermeisten Menschen diese Wahl nicht haben. Bei den meisten Menschen geht es schlicht und einfach ums Überleben. Der Luxus, zwischen zwei verschiedenen Alternativen wählen zu können, steht ihnen nicht zur Verfügung.

Aber es gibt auch die anderen, die die Möglichkeit der Wahl durchaus haben, aber es dennoch vorziehen, auf der vermeintlich sicheren Seite zu bleiben und den breitgetretenen, bequemen Weg zu gehen, den schon so viele andere vor ihnen gegangen sind: „Auch wenn ich später im Leben dann und wann eine falsche Wahl getroffen habe, ist das nichts gegen die Niederlage, überhaupt nicht zu wählen. Ich wundere mich oft über Menschen, die sich widerstandslos mit dem Strom treiben lassen, ihr Dasein nie in Frage stellen oder nie einen notwendigen Aufbruch wagen. Gut, die Menschen lassen sich scheiden. Das ist natürlich eine Form von Aufbruch. Aber jene Entscheidungen, die tiefer reichen, die sich darum drehen, was du mit deinem Leben anfangen willst, sind die wichtigsten, vor die man gestellt wird, und die man treffen muss.“ (Mankell 2015, S.129)

Die Zeit der Wahl ist die Jugend. Je älter man wird, umso weniger ist man fähig oder bereit, sein Leben zu ändern: „Natürlich gibt es keinen Zweifel daran, dass ich mehr als mein halbes Leben hinter mir habe. Auch nicht daran, dass die wichtigsten Entscheidungen meines Lebens gefallen sind. Ich werde keinen neuen Lebensweg mehr einschlagen.“ (Mankell 2015, S.240) – Außerdem hat man Verantwortung. Auch Mankell hat schließlich einen eigenen Sohn, um den er sich kümmern muß.
Zwischenbemerkung: Das sagt übrigens viel über unser Bildungssystem. Wir fangen möglichst früh an, unseren Kindern Wissen und Bildung zu vermitteln, um sie später einen aussichtsreichen Beruf ergreifen zu lassen und zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft zu machen. In diesem Sinne wäre es geradezu eine Katastrophe, wenn ein Jugendlicher wie Mankell mit sechzehn Jahren die Schule verlassen würde, einfach weil er ‚keine Lust‘ mehr hat oder weil er eine Entscheidung getroffen hat. Das Jugendamt würde eingreifen. Sozialpädagogen würden den Jugendlichen beraten und drängen, wenigstens einen Schulabschluß, welchen auch immer, zu machen. In unserem Bildungssystem ist keine Bildung vorstellbar, die außerhalb des Bildungssystems stattfindet.
Zurück zu Mankell: Die Wahlfreiheit ist ein Privileg von Individuen. Individuen nehmen ihr Schicksal in die eigene Hand und entscheiden sich, ihr Leben zu führen. Es gibt hier keine guten Entscheidungen und keine bösen Entscheidungen. Es gibt nur gute und schlechte, nur richtig und falsch. Mankell weigert sich, „den Begriff ‚das Böse‘ in den Mund zu nehmen“: „Daran glaube ich nicht.“ (Mankell 2015, S.186)

Sicher, es gibt sinnlose Brutalität, die Menschen anderen Menschen gegenüber an den Tag legen. Mankell erlebt in seinem Leben mehrmals solche Situationen. (Vgl. Mankell 2015, S.293ff.) Die „Barbarei“, so Mankell, „hat immer menschliche Züge. Das macht die Barbarei so unmenschlich.“ (Vgl. Mankell 2015, S.187) – Dennoch hält Mankell daran fest, „dass das Böse stets eine Folge von Umständen ist, nie etwas Angeborenes“. (Vgl. Mankell 2015, S.342)

Ich verstehe Mankell so, daß, egal was die Menschen machen, ihre Wahlfreiheit immer bestehen bleibt. Gleichgültig wie abgrundtief schlecht bzw. ‚böse‘ ihr bisheriges Handeln gewesen sein mag, haben diese Menschen doch die Möglichkeit, einen einmal eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen; wenn auch mit zunehmendem Alter immer weniger. Wäre es nicht so, wären sie auch gar nicht mehr straffähig. Straffähigkeit setzt voraus, daß sich Menschen ändern können. Das wäre nicht so, wenn diese Menschen tatsächlich böse wären.

Genauso wenig gibt es das ‚Gute‘ bzw. den durch und durch guten Menschen. Wir mögen ein noch so bewundernswertes und vorbildlichen Leben geführt haben. Das ist keine Garantie, daß wir nicht in Situationen geraten können, in denen wir uns falsch verhalten und Unheil anrichten. Auch der beste Mensch kann durch und durch boshaft handeln, wenn er mal – aus mangelnder Achtsamkeit – einen Moment lang nicht aufpaßt. Um Unachtsamkeit zu vermeiden, sind im Laufe der Jahrtausende Rituale entwickelt worden, Meditationstechniken, Mantras und tägliche Übungen.

Allerdings bringt Mankell ein Beispiel, das einen Hinweis auf ein Gutes bzw. auf ein Gut enthält, das nicht mehr durch nachfolgende Taten korrumpierbar ist. Es ist ein Beispiel für ein schlechthin Gutes. Mankell beschreibt eine Exekutionsszene aus dem zweiten Weltkrieg. Eine polnische Partisanengruppe soll von deutschen Wehrmachtsoldaten erschossen werden: „Da geschieht etwas Merkwürdiges. Einer der deutschen Soldaten lässt seine Waffe fallen, reißt seine Uniformjacke auf und stellt sich zu denen, die erschossen werden sollen. Er hat nur das Erschießungskommando verlassen und die Seite gewechselt. Statt zu schießen, entscheidet er sich dafür, erschossen zu werden.“ (Mankell 2015, S.170)

Ein Mensch entscheidet sich gegen das Töten und damit zwangsläufig für das Getötetwerden. Er entscheidet sich für eine letzte Wahl, unter Umständen, wo die allermeisten anderen Menschen keine Wahl gesehen hätten. Sich gegen den Schießbefehl zu stellen, bedeutete für den Befehlsverweigerer den Tod.

Dieser Soldat entscheidet sich aber, trotzdem eine Wahl zu haben und diese Wahl zu ergreifen. Er wählt den Tod. Er wählt das Ende aller Wahlfreiheit, und damit tut er etwas endgültig Gutes. So schlicht und einfach sein Handeln auch ist, bekommt es doch etwas Übermenschliches.

Solche Situationen beinhalten eine ultima ratio, eine letzte Tat, die durch nichts mehr gerechtfertigt, aber auch durch nichts mehr relativiert werden kann. Für Dietrich Bonhoeffer bestand diese ultima ratio darin, Hitler zu töten, um Schlimmeres zu verhüten, dabei aber selber unvermeidlich schuldig zu werden. Der „Mann des Gewissens“ muß hier, so Bonhoeffer, zwangsläufig scheitern. Das Verhalten des Wehrmachtsoldaten aber zeigt, daß es noch eine andere ultima ratio gibt, in der es der „Mann des Gewissens“ vorzieht, sich töten zu lassen, um nicht selber töten zu müssen.

Solange aber Menschen leben, gibt es nichts endgültig Gutes und auch nichts endgültig Böses.

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