Donnerstag, 4. Februar 2016

Henning Mankell, Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein, Wien 2015 (2014)

1. Treibsand im Stundenglas
2. Testamente
3. Kinder
4. Frauen (und Männer)
5. Wahlfreiheit
6. Technik

Mankell berichtet, wie er zweimal Freundinnen dazu drängt, das gemeinsame Kind abzutreiben. (Vgl. Mankell 2015, S.130) Zugleich gesteht er, daß er kein Recht dazu hatte, in das körperliche Selbstbestimmungsrecht dieser Frauen einzugreifen. Die Frauenkörper werden von der Gesellschaft anders in Anspruch genommen als Männerkörper, und auch anders von den Männern selbst als deren Körper von den Frauen. Frauen stehen auf eine Weise für die Möglichkeit der Fortpflanzung, wie es kein Mann seiner Biologie nach vermag. Was die Männer dann auch gerne auszunutzen pflegen: „Alle meine frühesten erotischen Erlebnisse waren davon geprägt, dass die Frau sich um die eventuellen Risiken einer Schwangerschaft zu kümmern hatte. Mich ging das nichts an.“ (Mankell 2015, S.307)

Es ist deshalb wohl nicht verwunderlich, wenn sich dieser biologische Unterschied auch auf das Denken und Fühlen von Frauen und Männern auswirkt, insbesondere was ihr wechselseitiges Verhältnis zueinander betrifft: „Dass sich die Eifersucht bei Männern und Frauen unterscheidet, ist nicht verwunderlich in einer Welt, in der die Männer Macht und die Frauen Verantwortung haben.“ (Mankell 2015, S.329)

Mankell ist also kein Genderist. Dennoch distanziert er sich von der Vorstellung, daß sich Frauen und Männer prinzipiell in ihrem Denken unterscheiden: „Ich glaube nicht, dass Männer und Frauen besonders unterschiedlich denken. Von ‚männlichem und weiblichem Denken‘ zu sprechen ist nur ein Aberglaube.“ (Mankell 2015, S.308) – Wenn Frauen und Männer sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Biologie in ihrem Welt- und Selbstverhältnis unterscheiden, Mankell aber dennoch von einer fundamentalen Gleichartigkeit ihres Denkens ausgeht, kann das nur eines heißen: Frauen sind wie Männer zu ihrem Körper exzentrisch positioniert. Sie haben die Möglichkeit, sich über ihre körperlichen Funktionen hinwegzusetzen.

Als Beispiel bringt Mankell seine eigene Mutter: „Meiner Mutter begegnete ich erst, als ich fünfzehn Jahre alt war. Sie hatte getan, was oft Männer tun; sie war weggegangen. Was in den fünfziger Jahren sehr ungewöhnlich war.“ (Mankell 2015, S.304)

Mankells Mutter wollte keine Mutter sein. Womit Mankell als Kind auch kein besonderes Problem gehabt hatte: „Ich war vor allem verwundert. Aus irgendeinem Grund stelle ich mir diese Verwunderung immer vor wie jene, die ein Kind empfindet, wenn ein Luftballon plötzlich mit einem Knall zerplatzt und sich in einen armseligen Gummifetzen verwandelt. Es ist eine Art Verblüffung darüber, dass eine Mutter beliebt, nicht da zu sein, wenn man morgens aufwacht oder abends einschläft.“ (Mankell 2015, S.305)

Der Anspruch der Gesellschaft (und der Männer) auf den Körper der Frauen ist lediglich durch dessen biologische Funktion begründet. Das hat aber weitreichende Konsequenzen, was die gesamte Existenz einer Frau betrifft. Mankell bringt als Beispiel eine Beobachtung, die er in Afrika gemacht hat:
„Wenn ich an sie (die eigene Mutter – DZ) denke, kommt mir gleichzeitig das Bild von einer afrikanischen Frau und einem Zementsack in den Sinn, das sich von dem meiner Mutter vollkommen unterscheidet, zeitlich wie räumlich. Dennoch können sie beide auf je ihrer Seite des Lebens- und Todesstroms stehen und einander zuwinken. Ich sah die Szene aus einem Autofenster heraus in der Nähe von Lusaka in Sambia. Am Straßenrand kniete eine afrikanische Frau. Neben ihr hoben zwei Männer mit vereinten Kräften einen Zementsack vom Boden auf und legten ihn der Frau auf den Kopf. Der Sack wog fünfzig Kilo. Dann halfen sie ihr aufzustehen. Ich sah sie mit der riesigen Last davonschwanken. Es schien, als ginge sie geradewegs in die Sonne hinein, während der Straßenstaub um sie aufwirbelte.“ (Mankell 2015, S.306)
Mankells Mutter hat sich also geweigert, ihren Zementsack zu tragen. Und ihr Sohn hat Verständnis dafür.

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