Dienstag, 2. Februar 2016

Henning Mankell, Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein, Wien 2015 (2014)

1. Treibsand im Stundenglas
2. Testamente
3. Kinder
4. Frauen
5. Wahlfreiheit
6. Technik

Testamente regeln Hinterlassenschaften. Es handelt sich dabei um bewußte, individuelle Akte. Die Verfasser sind sich der Endlichkeit ihres Lebens bewußt und wollen ihrer Verantwortung für die nachfolgende Generation gerecht werden. Daraus ergibt sich mit logischer Folgerichtigkeit, daß nur Individuen dazu in der Lage sind, Testamente zu hinterlassen: „Zivilisationen hinterlassen keine Testamente. Das tun nur Individuen.“ (Mankell 2015, S.40)

Sicher gibt es historische Dokumente und Relikte, die vom Leben und Schaffen untergegangener Kulturen und Zivilisationen zeugen. Aber dabei handelt es sich nicht um Testamente. So wenig wie bei den Fossilien von Dinosauriern und Trilobiten. Kulturen ordnen ihre Hinterlassenschaft nicht, bevor sie sie ihren Nachfolgern übergeben. Sie vergehen einfach. So wie die Menschen auf der Osterinsel: „Natürlich hinterließ niemand ein Testament. Es gibt auch sonst keine Quelle, die zum Verständnis dessen beitragen könnte, was in der letzten Zeit geschah, bevor die Insel wieder so menschenleer wurde, wie sie es einmal gewesen war. Die Hinterlassenschaft der letzten Menschen, die wir deuten, ist eine stumme Warnung. Die verlassene Insel, die umgestürzten oder unfertigen Statuen waren an sich ein Testament. Und obendrein eine Bestätigung dafür, dass auch die höchstentwickelten Kulturen eines Tages untergehen.“ (Mankell 2015, S.43)

So wenig also Kulturen Testamente hinterlassen, so sehr bilden sie doch den notwendigen institutionellen Rahmen dafür, daß Individuen den Stab an ihre Kinder und Enkel weitergeben können. Damit die Generationen in ununterbrochener Folge ihr Erbe antreten können, muß es ein grundlegendes Vertrauen in den Fortbestand der Gesellschaft geben: „Alle großen und klassischen Zivilisationen und Kulturen haben einen gemeinsamen Nenner: Sie erscheinen den Menschen, die in ihnen leben, unsterblich.“ (Mankell 2015, S.41)

Der Fortbestand der Zivilisation garantiert die Folge der Generationen. Da aber Zivilisationen nicht ewig fortbestehen, haben wir überall da ein Problem, wo wir kulturelle Relikte einer untergegangenen Zivilisation zu deuten versuchen. Schon wenn wir ‚nur‘ sechstausend Jahre zurückgehen und ein Bauwerk wie Hagar Qin zu verstehen versuchen, so müssen wir feststellen, daß die zweihundert Generationen, die Mankell für diesen Zeitraum veranschlagt, keine ununterbrochene Folge von Eltern auf ihre Kinder und Kindeskinder bilden, sondern daß vielmehr viele verschiedene Kulturen einander auf Malta abgewechselt haben. Die Überlieferung ist unwiederbringlich abgebrochen: „Wen oder was sie in ihrem Tempel anbeteten, wissen wir nicht. Es existieren keine Inschriften oder Legenden darüber, wer ihre Götter waren. Knochenreste lassen den Schluss zu, dass Tiere geopfert wurden. Aber die Religion, zu der sie sich bekannten, schweigt. Ihre Götter sind für immer verstummt.“ (Mankell 2015, S.53)

Noch weiter liegen die Höhlenmalereien in Südfrankreich zurück: 40.000 Jahre. (Vgl. Mankell 2015, S.55) So sehr die Bilder an den Höhlenwänden von einer Gemeinsamkeit des Erlebens und Wahrnehmens zeugen, so daß wir davon ausgehen können, daß die damaligen Künstler und wir zur selben Familie gehören, so fremd bleiben sie uns doch, wenn wir die konkrete Bedeutung der Bilder für ihr damaliges Leben zu erraten versuchen.

Zum Gelingen einer kulturellen Botschaft, im Sinne eines Testamentes, gehört also ein gemeinsamer Überlieferungszusammenhang. Da aber dieser Überlieferungszusammenhang im Wechsel der Kulturen unweigerlich abbricht, sind alle Versuche, eine solche Überlieferungsgeschichte für die Zukunft zu konstruieren, mit Skepsis zu betrachten.

Nun befinden wir uns aber Mankell zufolge in dem einzigartigen Fall, daß unsere eigene Zivilisation sich der Notwendigkeit ausgesetzt sieht, ihren möglichen Nachfolgern eine dringende Botschaft zu übermitteln, die deren künftiges Überleben betrifft. Und das bis zu hunderttausend Jahre in der Zukunft! Der Grund für diese Notwendigkeit liegt im strahlenden Atommüll, den zwei bis drei Generationen seit der Mitte des 20. Jhdts. angehäuft haben. Dieser Müll muß endgelagert werden, und über hunderttausend Jahre lang darf diesem Müll kein Mensch zu nahe kommen.

Wie warnt man künftige Menschen in zehntausenden von Jahren vor der Gefährlichkeit dieses Atomabfalls? – „Wie soll man einen Abkömmling in einer dreitausendsten Generation, von mir aus gerechnet, vor sich sehen können? Die Zeit vor uns verliert sich in dem gleichen Nebel, wie wenn man rückwärts blickt. Wohin wir uns auch wenden, sind wir von dem gleichen Nebel oder vielleicht eher einem kompakten Dunkel umgeben.“ (Mankell 2015, S.36)

Ob wir nun in die Vergangenheit zurück- oder in die Zukunft vorausschauen: wir können nicht sinnvoll über viele tausend Generationen hinweg kommunizieren. Die ‚Höhlenmaler‘ haben heute keine Botschaft mehr für uns, die wir entziffern könnten, so wenig wie wir eine Botschaft an einen Menschen richten können, der sie noch hunderttausend Jahre nach uns verstehen könnte: „Aber wie sprechen wir zu Menschen, die in hunderttausend Jahren leben? Nach einer Eiszeit? Zu Menschen, die nichts von unserer Geschichte wissen? Wie soll der Text einer solchen Warnung aussehen?“ (Mankell 2015, S.87)

Das Beste wäre, es gar nicht erst zu versuchen. Stattdessen sollten wir den Atommüll so tief unter der Erde vergraben und wegsperren, daß künftige Generationen vergessen, daß es so etwas wie Atomkraftwerke überhaupt jemals gegeben hat. So tief unter der Erde, daß auch keine künftige Eiszeit, die das Unterste nach oben kehrt und die Gestalt von Kontinenten verändert, an den Atommüll herankommt. Wir sind somit die erste Generation in der Menschheitsgeschichte, die ihre Hinterlassenschaft vor den nachfolgenden Generationen verbergen muß: „Vielleicht sind die Kernkraft und ihr Abfall etwas, das in jeder Hinsicht von grundlegenden Mustern abweicht? Dass Gesellschaften und Zivilisationen nicht aufräumen, bevor sie verschwinden, wissen wir. Aber noch hat keine von ihnen Abfall hinterlassen, der heimlich für Tausende von Jahren seine Gefährlichkeit beibehält. Wir sind die Einzigen. Ganz allein in der Geschichte.“ (Mankell 2015, S.110f.)

Damit schließt Mankell an einen Gedanken an, den schon Günther Anders in „Die Antiquiertheit des Menschen“ (1956) ausformuliert hatte: die Atommüll-Generation befindet sich in einer einzigartigen Situation in der Menschheitsgeschichte. Mit ihr ist die Generationenfolge erstmals und irreversibel unterbrochen. (Vgl. meinen Post vom 26.01.2011)

Mit einem Verweis auf den IS-Staat und auf die Taliban deutet Mankell hier einen bedenkenswerten Zusammenhang mit unserer Zivilisation an. Auch die islamistischen Fundamentalisten verweigern sich der Generationenfolge, indem sie die geschichtlichen Zeugnisse der menschlichen Vergangenheit mutwillig zerstören: „Was ich von den Menschen halte, die im Namen ihres Gottes die Erträge menschlicher Gelehrsamkeit vernichten, muss ich wohl kaum erwähnen. Sie vergreifen sich an denen, die gelebt haben, die leben und die noch nicht geboren sind. Und sie tun es im Namen Gottes.“ (Mankell 2015, S.114)

Könnte man nicht mit gutem Grund behaupten, daß IS-Staat und Taliban Sprößlinge unserer eigenen ‚Kultur‘ sind, indem sie bewußt und aus eigenem Antrieb vollziehen, wozu wir uns als Gefangene und Erben einer verhängnisvollen Technologie gezwungen sehen? Treten diese Wahnsinnigen in ihrem verblendeten Haß nicht genauso aus der Generationenfolge heraus und positionieren sich exzentrisch zu ihr, wie wir es schon längst seit dem Bau der Atombombe und ihrer zivilen Nutzung getan haben?

Mankell formuliert diese provokanten Fragen nicht aus; er deutet sie nur an. Das Ergebnis, allumfassendes Vergessen, wäre jedenfalls dasselbe: „... im Moment hat es den Anschein, als würde man am Ende alle Versuche, ein sinnvolles Warnsignal zu schaffen, aufgeben und darauf setzen, dass künftige Menschen und kommende Generationen einfach vergessen. Moos wird auf dem Fels wachsen, unter dem wir den Troll eingesperrt haben. Niemand soll sich mehr daran erinnern, was einst dort unten in verschlossenen Kupferbehältern versteckt wurde. ... Plötzlich leben wir in einer Zivilisation, in der wir keine Erinnerungen schaffen. Wir leben, um Vergessen zu hinterlassen.“ (Mankell 2015, S.374)
PS (5. Juli 2016): Zur Zeit liegt der Abschlußbericht der Endlager-Kommission der deutschen Bundesregierung vor. Da wird noch von ganz anderen Zeiträumen ausgegangen als die von Mankell genannten 100.000 Jahre: eine Million Jahre soll der Atommüll endgelagert werden!
Kaum liegt der Abschlußbericht vor, ist auch schon von Sondervoten der Länder Sachsen und Bayern die Rede, die von der ‚ergebnisoffenen‘ Suche nach einem Endlager ausgenommen sein wollen. Ausgerechnet Bayern: jahrzehntelang hat die CSU Atomkraftwerke gefördert! Jetzt will sie mit dem Müll nichts mehr zu tun haben. Irgendwo muß in dem Kürzel ‚CSU‘ der Buchstabe für ‚organisierte Verantwortungslosigkeit‘ verborgen sein. Denn eins ist diese Partei gewiß nicht: christlich und sozial.
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