Montag, 14. Dezember 2015

Karl-Heinz Dammer, Vermessene Bildungsforschung. Wissenschaftsgeschichtliche Hintergründe zu einem neoliberalen Herrschaftsinstrument, Hohengehren 2015

(Schneider Verlag Hohengehren, 203 S., kt., 19.80 €)

1. Zusammenfassung
2. „Mathematisierung der Wirklichkeit“
3. Gouvernementalität und Kybernetik
4. „Spirale der Bedeutungslosigkeit“
5. Geisteswissenschaftliche Empirieverweigerung?
6. Gesellschaft und Vernunft

Die Mathematisierung der Wirklichkeit ist für das neoliberale Projekt einer Umwandlung der menschlichen Gesellschaft in eine „‚wissenschaftliche Menschenwirtschaft“ (Dammer 2015, S.147) deshalb so nützlich, weil sie den „menschlichen Faktor“ (Dammer 2015, S.52) vergessen macht. Indem die wissenschaftliche Forschung ausschließlich an die Möglichkeit mathematischer Modellierung geknüpft wird, müssen auch die sozial- und humanwissenschaftlichen Forschungsbereiche ihren Gegenstand entsprechend präparieren und dessen Berechenbarkeit voraussetzen. Aber noch der Kritische Rationalismus von Karl Popper (1902-1994) hatte um die Unberechenbarkeit des menschlichen Faktors gewußt: er, so zitiert Dammer Popper, „sei ‚das letztlich ungewisse und unberechenbare Element im gesellschaftlichen Leben‘, weswegen ‚jeder Versuch, es vollständig zu beherrschen, zur Tyrannei führen (muß)‘ ... .“ (Vgl. Dammer 2015, S.52)

Worin besteht diese Unberechenbarkeit? – Dammer verweist als Beispiel auf die Geschichtswissenschaft:
„Man wird zwar aus der Beobachtung der Geschichte unter bestimmten Bedingungen analoge Abläufe beobachten, ihnen aber nicht eine identische Kausalität unterstellen können. Der angestrebte Fortschritt kann nur auf Handeln von Menschen beruhen, es gibt aber kein a priori zu behauptendes kausales Kontinuum zwischen dem Handeln einzelner Individuen, ihrer Interaktion und dem gesamtgesellschaftlich postulierten Vernunftzweck, denn selbst vernünftige Handlungen einzelner können, abhängig vom Kontext, in dem sie stattfinden, irrationale Folgen haben, die nicht im Vorhinein kalkulierbar, sondern bestenfalls post festum aus ihrem jeweils spezifischen Zusammenhang heraus rekonstruierbar sind.“ (Dammer 2015, S.34)
Dammer verweist also auf die Unberechenbarkeit des menschlichen Handelns, das durch Interaktion gekennzeichnet und in Kontexte eingebunden ist. Ich selbst spreche in diesem Zusammenhang in meinem Blog immer von der Rekursivität des Menschen. Damit sind keine rekursiven Algorithmen gemeint, sondern die Wirkungsweise der menschlichen Intentionalität, wie sie Michael Tomasello beschreibt. Wir denken nicht einfach nur von uns selbst her, also reflexiv, sondern wir beziehen in unserem Denken und Handeln das Denken und Handeln unserer Mitmenschen mit ein. Wir handeln kommunikativ. Der ‚Kontext‘ des Menschen ist nicht die ‚Umwelt‘, sondern die gemeinsame Welt, die er mit den anderen Menschen teilt. Diese Welt beruht auf Kommunikation und diese wiederum, wie Tomasello gezeigt hat, auf gemeinsamer Intentionalität. Wir denken also immer mit und reagieren niemals reflexhaft oder auch nur monadisch auf die Signale unserer Umwelt.

Durch die Annahme, daß das Handeln des Menschen mathematisierbaren Gesetzen unterliegt – womit Gesetzmäßigkeiten genuin sozialer Art von vornherein ausgeblendet werden (vgl. Dammer 2015, S.69) –, wird suggeriert, dieses Handeln ließe sich prognostizieren und steuern, als hätten wir es mit einem physikalischen Objekt oder Prozeß zu tun. Das autonome, seinen eigenen Verstand gebrauchende Individuum wird zum Objekt technologischer Manipulation. Es ist genau dieser naturalistische Effekt des positivistischen Weltbildes, der dem Neoliberalismus in die Hände spielt. Durch den Neoliberalismus wird der Begriff der Freiheit auf das System, dem das Individuum angeblich funktional zugehört, also auf den Markt, verlagert:
„Unter dieser Voraussetzung wird die Freiheit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch pervertiert, denn die vermeintliche Freiheit des ökonomischen Systems lebt von der Unfreiheit der Individuen, die außer als homunculus oeconomicus – dem positivistischen Gesellschaftsmodell Comtes folgend – keine Entscheidungen mehr sollen treffen können, damit die vermeintliche Rationalität des Marktes nicht gestört wird.“ (Dammer 2015, S.67)
Die ‚Freiheit‘ der Individuen reduziert sich darauf, sich mit ihrem „Humankapital“ als Unternehmer ihrer selbst zu ‚verwirklichen‘ bzw. sich „optimal zu vermarkten“. (Dammer 2015, S.151) Dazu befähigt sie der „Rational-Choice-Theorie“ zufolge die Fähigkeit, immer „rational motiviert“ zu handeln und dabei „über sämtliche Informationen (zu) verfügen, die sie für eine rationale Entscheidung brauchen“. (Vgl. Dammer 2015, S.65) Diese vermeintliche Entscheidungsfreiheit fügt sich reibungslos und störungsfrei in das Markgeschehen, dessen Komplexität also als ein überschaubares, nach einfachen Gesetzen funktionierendes System imaginiert wird, das grundsätzlich für alle offen und einsichtig ist.

Dammer verweist in diesem Zusammenhang auf Wittgensteins gescheiterten Versuch, eine „vollkommen logifizierte() Sprache“ zu schaffen und dabei jedes Wort auf eine eindeutige Bedeutung festzulegen. (Vgl. Dammer 2015, S.43f.) In seinem posthum veröffentlichten Spätwerk hatte Wittgenstein stattdessen die Bedeutung eines Wortes mit seinem Gebrauch verbunden, und dieser besteht in dem Kontext, in dem die Worte verwendet werden. Mit den Kontexten ändert sich der Gebrauch und damit die Bedeutung eines Wortes. „(U)nter praktischen Gesichtspunkten“, so Dammer, ist aber „eine vollkommene Bestimmung aller denkbaren Kontexte unmöglich“. (Vgl. Dammer 2015, S.46) Und deshalb ist auch die Entwicklung eines Eindeutigkeit gewährleistenden, vollkommenen Begriffssystems unmöglich.

Genau davon geht aber die Rational-Choice-Theorie aus: alle Marktteilnehmer verfügen jederzeit über alle Informationen, um rationale unternehmerische Entscheidungen treffen zu können. Es wird so getan, als seien Informationen von der menschlichen Sprache und von Handlungskontexten losgelöste, unabhängige Wissensatome und der gut vernetzte Unternehmer könne jederzeit über sie verfügen.

Seit der ersten PISA-Studie ergänzt und bestätigt die empirische Bildungsforschung dieses Menschenbild, indem sie den klassischen, von der Unberechenbarkeit des menschlichen Welt- und Selbstverhältnisses ausgehenden Bildungsbegriff (vgl. Dammer 2015, S.68f.) durch den Kompetenzbegriff ersetzt. (Vgl. Dammer 2015, S.114f.) Die empirische Bildungsforschung trägt so dazu bei, das Individuum in eine zentrale „regulierende und zugleich regulierte Instanz“ der Marktgesellschaft zu verwandeln. (Vgl. Dammer 2015, S.14) Mit dem Kompetenzbegriff werden die von gesellschaftlichen Institutionen ausgehenden Steuerungsprozesse „so weit wie möglich in das Innere des Individuums verlegt, das sich mittels seiner Kompetenzen selbst steuern soll und durch Messung erfährt, wie weit es sich noch zu optimieren hat, um konkurrenzfähig zu bleiben“. (Vgl. Dammer 2015, S.124)

Das vor allem durch ökonomische Notwendigkeiten bestimmte „lebenslange Lernen“ beschreibt in diesem Zusammenhang nichts anderes als den kybernetisch-gouvernementalen Mechanismus der „‚Selbststeuerung‘ der Lernenden“, was, so Dammer, „entwicklungspsychologisch gesehen, auf eine lebenslange Infantilisierung hinausläuft“. (Vgl. Dammer 2015, S.15f.)

So sehr also das Individuum als Steuerungs- und Regelungsinstanz im Zentrum des Marktgeschehens steht, geht es doch dabei nie um dieses Individuum selbst. Dazu wären die Large-Scale-Studien der empirischen Bildungsforschung (vgl. Dammer 2015, S.100) auch gar nicht geeignet. Dammer spricht vom „Dilemma der Gouvernance-Strategie“, die zum Zweck der globalen Steuerung „eine überschaubare Zahl möglichst allgemeingültiger Parameter benötigt“, daß aber die so gewonnenen Daten „mit dem Grad ihrer Allgemeinheit auch an Informationsgehalt verlieren“. (Vgl. Dammer 2015, S.150)

Die Daten, so Dammer, sagen deshalb „tendenziell nichts über die Realität“ – nämlich über die realen Lern- und Bildungsprozesse der Individuen – „die sie zu objektivieren beanspruchen, aus“. (Vgl. Dammer 2015, S.151) Die empirische Bildungsforschung, die die pädagogisch wertlosen Daten für diesen leerlaufenden Regelkreis liefert, kann aus diesem Grund Dammer zufolge nicht als Wissenschaft bezeichnet werden. (Vgl. Dammer 2015, S.6)

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(Dammers Entgegnung auf meine Kommentare)

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