„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 28. Dezember 2015

Alexander Krützfeldt, Wir sind Cyborgs. Wie uns die Technik unter die Haut geht, Berlin 2015

(Blumenbar (Aufbau Verlag), 191 S., Broschur, 15.-- €)

In Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“ (1979) ist der Weg der Wünsche gefährlich. Mit jedem Wunsch, der in Erfüllung geht, geht etwas verloren, und schließlich landet man in der „Alten Kaiser Stadt“, der Endstation all jener, die am Ende aller Wunscherfüllung den Verstand verloren haben. Ob Michael Ende damals wohl geahnt hatte, daß dieser Weg der Wünsche identisch ist mit dem Weg der Technik? – Ich glaube schon. Schon in seinem „Jim Knopf“ (1962) hatte sich Michael Ende gründlich mit dem Verhältnis von Mensch und Technik auseinandergesetzt. Technik und Magie hatten schon immer eine hohe Affinität zueinander.

Es gibt eine Passage in Alexander Krützfeldts Buch „Wir sind Cyborgs“ (2015), in der unsere Neigung angesprochen wird, uns mit Hilfe der Technik von Fähigkeiten zu befreien, die wir als stumpfsinnig und mühsam einordnen; Fähigkeiten also, von denen wir annehmen, daß wir, wenn wir sie an andere delegieren könnten, mit der gewonnenen Zeit etwas Besseres anfangen könnten. Im antiken Griechenland wurden mit diesen Fähigkeiten verbundene Tätigkeiten an Sklaven delegiert, damit die freien Bürger sich mit den wirklich wichtigen Dingen, nämlich mit der Politik befassen konnten. Schon Rousseau wußte, daß diese Sklaven stärker waren als ihre Herren, die tatsächlich auf diese Weise von ihren Sklaven abhängig geworden waren, weil sie sich nicht mehr selbst am Leben erhalten konnten. Hegel bezeichnete das als Herr-Knecht-Dialektik.

In der erwähnten Passage unterhält sich der Autor mit dem Sozialpsychologen Sascha Topolinski. (Vgl. Krützfeld 2015, S.143ff.) Topolinski hebt in diesem Gespräch hervor, wie sehr Werkzeuge schon immer in der Menschheitsgeschichte als Verlängerungen unserer körperlichen Organe wahrgenommen worden waren. (Vgl. Krützfeld 2015, S.146) Darin steckt ein Gutteil Körperdisziplin. Man denke nur an Eugen Herrigels „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ (1948): es bedarf eines jahrelangen Trainings, der Meditation und der Übung, um mit den verschiedenen Phasen des Bogenschießens so vertraut zu werden, daß sie zu einem Teil der eigenen Körperfunktionen werden.

Topolinski weist darauf hin, daß wir inzwischen ‚Werkzeuge‘ entwickelt haben, die uns nicht mehr nur motorische, sondern auch „primär psychologische Funktionen“ abnehmen. (Vgl. Krützfeld 2015, S.147) Insbesondere lagern wir an „Internet und Smartphone“ immer mehr „spezifische Funktionen“ aus: „Ich: Aber wenn ich immer mehr outsource, dann verliere ich doch irgendwann – mangels Training – die Fähigkeit, das selbst zu tun? Zum Beispiel, den richtigen Weg zu finden? Topolinski: Vollkommen richtig! Das dauert zwar alles recht lang, aber (S)ie verlieren durch fehlendes Training grundsätzlich Fähigkeiten – beziehungsweise: Sie können es nur nicht mehr so gut wie früher.“ (Krützfeld 2015, S.148)

Die Thematik erinnert an Leroi-Gourhans Warnung, daß das ‚Auslagern‘ bzw. ‚Exteriorisieren‘ kognitiver Fähigkeiten auf Computer zu einer generellen Verkümmerung unserer Kognition führe. (Vgl. meinen Post vom 08.03.2013) Leroi-Gourhan stellt die Technik unter Generalverdacht: eine technische Umwelt hindert den Menschen daran, seinen Verstand zu gebrauchen. Die Differenzierung zwischen stumpfsinnigen und sinnvollen Kognitionen ist bloß Augenwischerei, weil diese Grenze fließend und letztlich eine Sache der Interpretation ist. Was ist am Umgang mit Pfeil und Bogen stumpfsinnig, was notwendig und was von hoher geistiger Qualität? – Nicht alle Praktiken, die der Meister von Herrigel abverlangte, erschienen ihm auch als sinnvoll.

Es gibt Fähigkeiten, so Topolinski, die prinzipiell nicht auslagerbar sind: „Ich brauche Allgemeinwissen, um kreativ zu sein. Wenn ich kreativ nach der Lösung eines Problems suche, verbinde ich Fragmente verschiedenen Wissens – zum Beispiel aus unterschiedlichen Fachbereichen – miteinander. ... Dieser Prozess lässt sich nicht outsourcen.“ (Krützfeld 2015, S.149)

Mit dieser Bemerkung trifft Topolinski den Kern des Problems. Wenn ich über ein Allgemeinwissen verfüge, verfüge ich nicht einfach nur über eine bestimmte Menge von Informationen, die ich genausogut von meinem Smartphone abrufen könnte. Das Allgemeinwissen ist in mir aktiv, es arbeitet in mir, in meinem Unterbewußten. Wenn ich ein Problem zu lösen versuche und mir dazu Informationen aneigne, z.B. beim Lesen von Fachbüchern, dann bin ich wochenlang damit beschäftigt, unabhängig davon, was ich gerade sonst so mache. Während ich schlafe, einkaufen gehe oder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, wird auf einer tiefen Ebene in mir ununterbrochen an diesem Problem gearbeitet, und irgendwann habe ich eine Idee, wie ich das Problem lösen kann, ohne wirklich zu wissen, wo diese Idee jetzt plötzlich hergekommen ist.

Die ganze mühsame Informationensammelei auf dem Weg zur Problemlösung mag ich vielleicht als stumpfsinnig wahrgenommen haben. Dennoch hätte sie mir kein Computer, keine Suchmaschine abnehmen können. Auch irgendein verborgener Winkel des scheinbar nebensächlichen Allgemeinwissens, das nicht direkt mit meinem aktuellen Problem zu tun zu haben scheint, hat dazu etwas beigetragen. Das alles ist nicht auslagerbar. Da hat Topolinski völlig recht.

Allerdings wirkt sich diese Debatte zwischen dem Autor und dem Sozialpsychologen nicht auf das eigentliche Thema aus, nämlich auf die Frage nach der technologischen Verbesserbarkeit und Erweiterbarkeit menschlicher Fähigkeiten. Am Ende einigen sich die beiden darauf, daß Cyborgs Pioniere sind, die die Grenzen der menschlichen Begrenztheit überwinden helfen, ohne dabei noch einmal auf Topolinskis Grundsatzkritik zurückzukommen. (Vgl. Krützfeld 2015, S.155)

An dieser Stelle wird das große Defizit dieses Buches deutlich: Es werden alle möglichen Probleme und Themen angesprochen, aber nichts wird wirklich vertieft. Die verschiedenen Standpunkte stehen unvermittelt nebeneinander, ohne daß der Autor im Einzelnen versucht, diese Standpunkte zu klären und auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Er bleibt überall nur an der Oberfläche. Dazu paßt, daß es kein Inhaltverzeichnis und kein Literaturverzeichnis gibt. Zum großen Teil besteht der Text nur aus Gesprächen, die der Autor mit den verschiedenen Protagonisten der Cyborg-Szene und mit dem einen und anderen Wissenschaftler führt. Ein anderer, nicht minder großer Teil des Textes besteht aus im Reportagestil berichteten Reiseerlebnissen und den damit verbundenen subjektiven Empfindungen und gedanklichen Assoziationen, die dem Autor beim Aufsuchen des nächsten Gesprächspartners durch den Kopf gehen. Für wirklich interessante und tiefergehende Analysen bleibt da nicht mehr viel Platz.

Was letztlich von diesem wirklich wichtigen und hochbrisanten Thema bleibt, ist der Eindruck einer unter Cyborgs verbreiteten Körperfeindlichkeit. So ist der im Buch prominenteste und am meisten zitierte selbsternannte ‚Cyborg‘, ein gewisser Tim Cannon, ein Ex-Alkoholiker, der den Umstand, daß er seine Sucht so lange nicht in den Griff bekommen und überwinden konnte, nicht auf seine mangelnde geistige Selbstdisziplin zurückführt, sondern auf die Schwäche seines Körpers: „‚Als ich trocken war‘, sagt Tim und spielt an seinem Piercing, ‚habe ich durch diese ganze Willenssache verstanden, dass der Körper schwach ist und willenlos. Dass seine Chemie anfällig ist für Sucht, Glücksspiel, Endorphine beim Sex, Reize. Es ist und bleibt eine Frage des Geistes, ob du ihr nachgibst. Aber das Fleisch bleibt in jedem Fall schwach.‘“ (Krützfeld 2015, S.98)

Die Geisteshaltung des typischen Cyborgs – und Cyborg-sein ist vor allem, wie Krützfeld hervorhebt, eine Geisteshaltung (vgl. Krützfeld 2015, S.32) – ist also ein aggressiver Körper-Geist-Dualismus. Der eigene Körper wird als unzulänglich und schwach empfunden, und die jahrtausendealte Tradition der körperlichen Selbstertüchtigung und geistigen Disziplin, wie sie etwa im Zen zum Ausdruck kommt, soll durch Technologie kurzgeschlossen und überflüssig gemacht werden. Mit dem Argument, das alles sei ‚stumpfsinnig‘. – „Sie träumen davon“, so Krützfeld, „die biologische Hülle, die Last der Körperlichkeit zu überwinden. Sie träumen von neuen Menschen, die mit Technik gekoppelt sind und aufregende Fähigkeiten besitzen.“ (Krützfeld 2015, S.10)

Cyborgs sind die Praktiker einer transhumanistischen Philosophie, deren Programm in der „vollständige(n) Überwindung des menschlichen Körpers“ und in der „endgültigen Überwindung des Menschen“ besteht. (Vgl. Krützfeld 2015, S.34) Als der bereits erwähnte Sozialpsychologe Topolinski im Gespräch mit Krützfeld erfährt, daß Tim Cannon monatelang ein Gerät von der Größe eines Smartphones im Unterarm mit sich herum getragen habe und davon eine riesige Narbe zurückgeblieben sei, die wohl nie wieder vollständig verheilen werde, ist seine spontane Diagnose absolut fachgerecht: „Puh – also ich bin kein Therapeut, aber da können Sie gern meinen Namen nennen – psychologisch gesehen grenzt das, wenn das aus Lustigkeit passiert, meiner Meinung nach schon sehr an so körperdysmorphe Störungen.“ (Krützfeld 2015, S.152)

Unabhängig von all den anderen Themen, die mit Cyborg-Technologie zusammenhängen – vom Herzschrittmacher bis hin zum Cochlea-Implantat, deren medizinische Notwendigkeit ich überhaupt nicht bestreiten will –, ist es insbesondere diese Körperfeindlichkeit, diese verweigerte Selbstdisziplin, die mir die eigentliche Triebfeder der technologischen Innovationen zu sein scheint. Der Weg der Wünsche muß bis zur restlosen Wunscherfüllung ausgeschritten und in diesem Sinne alles Menschliche überwunden werden.

Mit dieser Form des Fortschritts nichts zu tun haben zu wollen, hat nichts mit der „Angst vor Technik“ zu tun, die gelegentlich auch als „German Angst“ verunglimpft wird. Sie ist nicht einfach teilweise „irrational“, wie Krützfeld meint, wieder einmal ohne tiefer auf diese Thematik einzugehen. (Vgl. Krützfeld 2015, S.52) Evolution ist nicht einfach nur Evolution, an ihrer Spitze die ferne, gleichermaßen gefürchtete wie herbeigesehnte „Singularität“, wo eine „künstliche computergestützte Intelligenz“ den Menschen übertrifft. (Vgl. Krützfeld 2015, S.46) Die Kehrseite dieser Evolution ist vielmehr die Degeneration des Menschen, und nicht zu Unrecht droht ihm die Einstufung durch die neue künstliche Intelligenz als „parasitäres und begrenztes Wesen“. (Vgl. Krützfeld 2015, S.47) Denn dazu hat er sich längst schon selbst gemacht.

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Kommentare:

  1. Das erinnert mich an "Wir sind die Borg" - und daran lassen sich auch die grundsätzlichen Denkfehler erkennen. Ich bin z.B. weder Borg noch Cyborg und kann zwischen Humanität,Transhumanität und Inhumanität unterscheiden.
    Technik ist was humanes, denn Mensch und Technik sind schon immer, also von Anfang an, miteinander verbunden. Das macht überhaupt den Menschen aus, dass er sich jahrtausendelang mit der Technik des Faustkeils befasste um so als Mensch zu überleben.
    Ein "Cyborg" hat auch keine aggressive Haltung gegenüber dem Körper, sondern eine Mittel-Zweck-Beziehung und so ist auch sein Geist. Alles dient seinem Überleben. Langsam sollte man doch verstehen, dass Körper und Geist eine Einheit sind und ein Geist ohne Körper nicht existieren kann. Weder gibt es also geistlose Körper noch körperlosen Geist.
    Noch eine Frage: sind das Auftragsbesprechungen?

    Ich wünsche einen guten Rutsch.
    Aiko

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    1. Vorweg: Das ist mein Blog, und da mache ich alles aus eigenem Antrieb. Von Auftragsbesprechung kann da nicht die Rede sein. Allerdings lasse ich mir immer mal wieder Rezensionsexemplare zuschicken, weil ich so Geld sparen kann. Bei diesen Rezensionsexemplaren gebe ich dann immer den Verlag an, mit Link zum selbigen.

      Ansonsten bin ich ganz Deiner Meinung. Auch Cyborgs leben eine Einheit von Körper und Geist, unabhängig von der Technik, die sie darin eingebaut haben. Aber bei den Cyborgs aus dem Buch von Krützfeldt ist mir dieser aggressive Dualismus aufgefallen.

      Ich bin übrigens auch Trekkie und ziehe mir gerade wieder die Voyager-Staffeln rein. Leider wurde ich letzte Woche in den neuen Star Wars verschleppt. Und das auch noch in 3D! Das hat meiner Technikphobie wieder neue Nahrung gegeben.

      Danke für den Gruß – Detlef

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  2. Dieser aggressive Dualismus fällt mir bereits bei der Medizin auf und ich las kürzlich von einer neuen Methode aus Bochum, da sind den Medizinern neue Formen der Fettabsaugung eingefallen, die sie in meiner Tageszeitung dann propagierten. Weil man ja über die Feiertage Fett ansammelt. Da geht es los - das besonders instrumentelle Verhältnis meines Geschlechts zum Körper. Da sagt aber niemand "Cyborg", sondern man redet von Models.

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    1. Bei Günther Anders sind Models auch nichts anderes als Cyborgs, weil sie ihren Körper den technologischen Normen einer Mediengesellschaft anzugleichen versuchen. In seiner Sprache werden sie zu ‚Phantomen‘. In unserer Zeit sprechen wir eher von ‚Zombies‘.

      Das ist aber sicher nicht geschlechtsabhängig. Obwohl es vielleicht bei Männern nicht so ausgeprägt ist.

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    2. Danke für den Hinweis auf Günther Anders. https://www.uni-due.de/~bj0063/doc/anders.pdf

      Und Männer holen mächtig auf - wie man an dem Buch ja sieht - "Wir sind Cyborgs", da geht's ja um Männer.

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  3. Nicht nur um Männer. Tatsächlich ist ein besonders prominenter Cyborg eine Frau: Lepht Anonym (was immer das heißen mag). Was den PDF-Text betrifft: Anders at it’s best!

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    1. Lepht Anonym ist kein Cyborg, sondern ein Mensch. Jeder Mensch hat so was wie eine Persönlichkeitsstörung und sucht dafür eine Lösung. Im gewissen Sinn ist die Lösung hier eine Kunstform, wobei ich mittlerweile bei allen Menschen diese Kreativität entdecke, wie sie Lösungen für ihre Störungen (er)finden.

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    2. Wieso trennst Du zwischen Cyborg und Mensch?

      In gewisser Weise ist wohl jede exzentrische Positionierung eine Persönlichkeitsstörung.

      Insofern ist auch die Einheit von Körper und Geist immer problematisch.

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  4. Naja - der Mensch kann lieben. Die Maschine nicht.
    Oder anders gesagt: die Empfindungen kommen nicht vom kybernetischen System, sondern vom lebendigen Wesen.

    Die exzentrische Positionierung ist sicherlich der Grund für das Grundgefühl des Menschen, auf unsicherem Boden zu gehen.

    Körper und Geist sind identisch. Das ist was anderes als Einheit. Der Leib-Seele-Dualismus existiert ja nur in der Vorstellung. Ansonsten ist jedes Erleben identisch mit irgendeinem physischen Zustand. Es ist nur dem Bewusstsein möglich hier zu unterscheiden, weil es eine Differenz gibt, zwischen den zeitlich-räumlichen Ereignissen.

    Da könnte ich jetzt lange drüber diskutieren und das führt mal wieder weit ab ins Blaue.
    Ich wünsch dir ein schönes Sylvester.

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    1. Wiedermal d'accord und ebenfalls Sylvestergrüße.

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