Freitag, 9. Oktober 2015

Frans de Waal, Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote, Stuttgart 2015 (2013)

(Klett-Cotta, 365 S., gebunden, 24,95 €)

1. Methode I
2. Methode II
3. Monopole
4. Emotion und Kognition
5. Empathie und Altruismus
6. Gut, Böse und die Natur des Menschen
7. Moralität
8. Sex

Für den notwendigen Zusammenhang von Emotion und Kognition hat de Waal in seinem Buch „Das Prinzip Empathie“ (2011/2009) ein berührendes Beispiel: Eine Orang-Utan-Mutter versucht, ihre Tochter verzweifelt aus einer Seilschlinge zu befreien, ist dabei emotional aber so beteiligt, daß sie die Sache verschlimmert und ihre Tochter erdrosselt. In einem ähnlichen Fall gelingt es einem erfahrenen Schimpansen, einen jüngeren Artgenossen durch bedachtes und sachgerechtes Handeln aus der Seilschlinge zu befreien. (Vgl. meine Posts vom 16.05. und vom 19.05.2011)

De Waal schlußfolgert daraus, daß Empathie und Kognition zusammengehören. Ohne Empathie würden wir nicht helfen und ohne Kognition könnten wir nicht helfen. So auch in seinem aktuellen Buch: „Die Hilfsbereitschaft des Menschen hängt von einer Mischung aus emotionalen Antrieben und kognitiven Filtern ab.“ (De Waal 2015, S.198)

Allerdings kommen jetzt noch zwei weitere Aspekte zum Verhältnis von Emotion und Kognition hinzu. Zum einen ist die Emotion in unserer Entscheidungsfindung immer früher als die bewußte Kognition. Die Kognition kommt immer erst später zur emotional schon getroffenen Entscheidung hinzu, meist in Form einer rationalen Rechtfertigung: „Der menschliche Geist ist gespalten und hat sofort intuitive Lösungen parat, noch bevor wir ein Problem richtig durchdacht haben. Erst dann setzt ein zweiter, langsamerer Prozess ein, der diese Lösungen auf ihre Qualität und Durchführbarkeit hin prüft. Dieser zweite Prozess hilft und zwar, unsere Entscheidungen zu rechtfertigen, aber er ist auch sehr geschickt darin, uns vorzugaukeln, dass diese Rechtfertigungen die tatsächlichen Gründe für unsere Entscheidung sind.“ (De Waal 2015, S.232)

Die Nachträglichkeit solcher Rechtfertigungen zeigt sich daran, daß wir für ein Verhalten, das unseren ersten Impulsen entspricht, meist keine eigene Begründung brauchen. Und unser erster Impuls ist immer, mit anderen Menschen zu kooperieren. Es fällt uns schwer, jemanden, der unsere Hilfe braucht, abzuweisen. Erst wenn wir diesen positiven Impuls unterdrücken und uns vom anderen Menschen abwenden, suchen wir für uns selbst und für andere nach einer brauchbaren Begründung für dieses asoziale Verhalten: „Das bedeutet, dass unser erster Impuls der ist, einander zu vertrauen und zu helfen. Erst dann ziehen wir die Möglichkeit in Betracht, es nicht zu tun, aber dafür brauchen wir Gründe.“ (De Waal 2015, S.72)

Deshalb sind Fragebogenaktionen, in denen die Menschen nach den Motiven für bestimmte Handlungen befragt werden, oft einfach nur irreführend. Wir geben mehr oder weniger gutwillig alle möglichen Gründe dafür an, was wir tun wollen bzw. getan haben, ohne unsere eigenen Motive tatsächlich zu kennen, geschweige denn sie zu verstehen: „Tatsächlich machen mich die Erklärungen der Leute für ihr Verhalten so skeptisch, dass ich ungeheuer froh darüber bin, mit Wesen zu arbeiten, die nicht in der Lage sind, Fragebogen auszufüllen. Und doch herrscht nach wie vor die Überzeugung, das Denken käme vor dem Handeln.“ (De Waal 2015, S.232f.)

Aber Emotionen sind nicht nur schneller als rationale Erwägungen, sie sind auch selber kognitiv, und das ist der zweite Aspekt zum Verhältnis von Emotion und Kognition, auf den de Waal zu sprechen kommt. Beide Aspekte, Schnelligkeit und Rationalität, hat übrigens schon Antonio Damasio im Begriff der „raschen Kognition“ zusammengefaßt. (Vgl. meinen Post vom 31.12.2010) Es kommt immer wieder vor, daß Emotionen mit Instinkten gleichgesetzt werden, im Sinne von irrationalen ‚Bauchentscheidungen‘. Aber de Waal stellt klar, daß Emotionen keine Instinkte sind: „Der Begriff ‚Instinkt‘ bezeichnet ein genetisches Programm, das Tieren beziehungsweise Menschen vorgibt, wie sie sich unter bestimmten Bedingungen verhalten sollen. Dagegen lösen Emotionen innerliche Veränderungen aus, die dafür sorgen, dass wir eine Situation beurteilen und die Handlungsoptionen abwägen, die uns zur Verfügung stehen.“ (De Waal 2015, S.207f.)

Darin liegt also das kognitive Moment von Emotionen: anstatt uns auf bestimmte Handlungen festzulegen, wie es Instinkte tun, können Emotionen eine Situation öffnen. Sie ermöglichen es uns geradezu, aus eingefahrenen Verhaltensroutinen auszubrechen und die Dinge neu zu bewerten. Darin liegt natürlich ein gewisser Widerspruch zu jenen raschen ‚Kognitionen‘, in denen die Entscheidungen schon vorweggenommen und getroffen worden sind, bevor wir uns ihrer bewußt werden konnten. Aber das zeigt auch, daß Emotionen vielfältiger sind, als wir gemeinhin denken. Zu Emotionen gehören auch positive wie negative Reaktionen, freudige Überraschungen wie beunruhigende Verunsicherungen, die uns anzeigen, daß etwas mit unserer bisherigen Erwartungshaltung nicht stimmt. Mit ihrer Hilfe fokussieren wir die Welt in jedem Augenblick unseres Lebens aufs Neue, und sie geben uns etwas zu denken.

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